KAPITEL43

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Ich hebe meinen Blick und sehe Aiden vor mir stehen. Seine sonst perfekt sitzenden Haare sind etwas in Unordnung geraten, doch genau das macht ihn nur noch charismatischer.

„Nur zu", sagt Fynn mit einem leichten Schmunzeln und tritt einen Schritt zur Seite.

Aiden nimmt meine Hand. Seine Finger sind warm, fest, doch gleichzeitig sanft. Er zieht mich näher an sich heran, so nah, dass kaum Platz zwischen uns bleibt. Sein Blick ruht auf mir, ein sanftes Lächeln spielt auf seinen Lippen. Die Musik setzt ein. Ein langsamer, gefühlvoller Takt erfüllt den Saal, untermalt von den weichen Klängen der Violinen und Flöten.

Mit müheloser Eleganz führt Aiden mich über die Tanzfläche. Unsere Schritte sind im Einklang, als würden wir schwerelos über den Boden gleiten. Mein Kleid schwingt im Rhythmus der Melodie, wir drehen uns, bewegen uns wie in einem Traum. Ich bemerke kaum, dass sich die Tanzfläche langsam leert, dass die Blicke der Anwesenden sich auf uns richten – bis ich den stechenden Blick des Königs auf mir spüre.

Ich schlucke. Am liebsten würde ich all die neugierigen, neidischen und vielleicht sogar missbilligenden Blicke ignorieren. Doch es sind zu viele.

„Schau nur mich an", flüstert Aiden leise.

Ich zwinge mich, meinen Blick auf seine warmen, braunen Augen zu richten. Weg von den Schaulustigen, den Adligen, die ihre Töchter bereits als seine zukünftige Königin sehen. Dieser Moment gehört uns. Nur uns.

Es fühlt sich an wie eine Fortsetzung jenes Augenblicks in der Küche. Dort, wo für einen Herzschlag lang alles möglich schien.

Die Musik verklingt allmählich, und wir kommen zum Stillstand. Doch Aiden lässt mich nicht los. Er hält mich noch immer fest, als würde ich ihm entgleiten, wenn er nur für einen Moment nachgäbe. Doch ich werde nicht weichen. Nicht dieses Mal.

Ein Räuspern durchbricht die Stille zwischen uns. Wir reißen uns voneinander los und blicken auf. Der König sieht uns mit kühlem, beinahe missbilligendem Ausdruck an. Mein Herz zieht sich zusammen. Ich spüre es. Er ist unzufrieden. Und ich weiß, warum. In seinen Augen bin ich nicht gut genug für seinen Sohn. Keine Tochter eines Grafen, kein edles Blut. Nur ein gewöhnliches Mädchen.

Ich senke den Blick, verbeuge mich und tauche in die Menge ab. Mit brennenden Wangen bahne ich mir meinen Weg durch den Saal, vorbei an neugierigen Blicken und hochgezogenen Augenbrauen. Ich höre die leisen Stimmen der anderen Frauen, ihre abwertenden Bemerkungen, doch ich schenke ihnen keine Beachtung. Ich will nur weg.

Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. Ich verbringe meine Zeit damit, Aiden, Fynn und Kian beim Kampftraining zuzusehen, in der Bibliothek zu lesen oder mit Alenja und Kendra durch die Gärten zu schlendern. Manchmal pflücken wir Blumen und stellen sie in meine Vase, als könnten sie die düstere Realität vertreiben.

Heute jedoch herrscht eine besondere Aufregung im Schloss.

Das große Ritterturnier steht bevor. Ein Wettbewerb, in dem die männlichen Nachkommen der Adelsfamilien um Ruhm und Ehre kämpfen. Schwertkampf, Reiten mit der Lanze, Bogenschießen, Messerwerfen und Pferderennen – die Besten messen sich in diesen Disziplinen.

Und der Preis? Die Hand der Prinzessin.

Ich werfe Alenja einen Blick zu. Sie steht neben mir auf dem Balkon und beobachtet die Vorbereitungen im Hof. Arbeiter errichten Tribünen und Zelte, während Diener für das leibliche Wohl der Gäste sorgen.

„Aiden wird die Spiele repräsentieren", sagt sie leise und stützt ihren Kopf auf die Hände. „Und Fynn? Man musste ihn nicht zweimal fragen. Er hat sich sofort angemeldet."

Ich lache leise. „Na, das wird spannend. Die beiden wollen doch nur herausfinden, wer der Stärkere ist."

„Ich hoffe, sie blamieren uns nicht." Sie kichert, doch ihr Lächeln wirkt gezwungen.

Ich lehne mich an die Balustrade. „Und wir müssen uns das alles ansehen."

„Tja, königliche Pflichten", sagt sie gespielt dramatisch. Dann atmet sie tief durch und tritt vom Geländer zurück.

Ich spüre, dass sie sich nicht wohlfühlt. Ihre Schultern sind angespannt, ihre Augen leer.

„Geht es dir wirklich gut?", frage ich vorsichtig.

„Ja", sagt sie. Doch sie klingt nicht überzeugt.

Ich sehe sie prüfend an. „Wir hoffen auf das Beste", sage ich schließlich. „Am Ende wirst du glücklich sein."

Sie sieht mich an, und in ihren Augen liegt ein Hauch von Verzweiflung. „Danke, dass du versuchst, mich aufzumuntern."

Ich umarme sie. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie schwer das für dich sein muss."

Sie setzt sich aufs Bett und drückt ein Kissen an sich. „So ist das Leben einer Prinzessin. Ein goldener Käfig."

Ich setze mich neben sie und seufze. „Das Leben eines normalen Mädchens hat auch seine Höhen und Tiefen."

„Möchtest du mir davon erzählen?"

Und so tue ich es. Ich erzähle ihr von meiner Mutter, die sich in ihre Arbeit stürzt, um ihren Schmerz zu betäuben. Von Jack, von dem ich dachte, er sei meine große Liebe. Vom Streit mit meiner Mutter, weil ich mich gegen das College entschieden habe.

Alenja sieht mich mitfühlend an. „Ich hatte keine Ahnung, dass du mit so viel zu kämpfen hast."

„Jeder hat sein Päckchen zu tragen", sage ich. „Aber du brauchst etwas, für das du kämpfst. Einen Traum."

Sie zögert, dann flüstert sie: „Meine große Liebe finden und aus freien Stücken heiraten."

Ich lächle. „Das ist ein schöner Traum. Halte ihn fest."

Plötzlich leuchten ihre Augen auf. „Das werde ich! Ich werde nicht aufgeben!"

Ich lache. „Das nenne ich Teamgeist!"

In diesem Moment hallt lauter Lärm durch die Luft. Wir laufen zum Balkon und sehen, wie Dutzende Reiter auf den Hof zutraben. Begleitet von ihrem Gefolge, unter den tosenden Jubelrufen der Menschen. Fahnen in allen Farben wehen im Wind – Rot-Weiß, Lila-Blau, Blau-Weiß, Gelb-Rot, Grün-Gelb.

Ich blinzele. Ich dachte, beim Ball seien viele Adelige anwesend gewesen, doch das hier übertrifft alles.

„Das sind... eine Menge Bewerber", sagt Alenja mit schwacher Stimme.

Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Wie bei der Bachelorette."

Sie runzelt die Stirn. „Die was?"

Ich lache leise. „Ein Wettbewerb. Eine Frau sucht sich unter vielen Bewerbern einen Mann aus. Woche für Woche gibt sie Rosen an diejenigen, die bleiben dürfen. Am Ende bleibt nur einer übrig."

Ein Funkeln tritt in ihre Augen. „Ich verstehe... und irgendwie finde ich es spannend."

Ich grinse. „Du kannst dir gleich deine Bewerber aus nächster Nähe ansehen."

„Dann lass uns gehen!" Sie packt meine Hand und reißt mich mit sich.

Als wir durch die Gänge hetzen, tritt uns plötzlich Kendra in den Weg. Sie sieht uns mit einem schiefen Lächeln an.

„Wo wollt ihr denn so eilig hin?"




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