KAPITEL 57

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Die salzige Meeresluft umhüllt mich, während ich mich an die Reling lehne und den Wellen zusehe, wie sie sanft gegen den Rumpf des Schiffes schlagen. Die Sonne steht hoch am Himmel, taucht das Wasser in ein glitzerndes Licht und verleiht dem Horizont eine fast surreale Schönheit. Ich schließe kurz die Augen und atme tief ein. Es fühlt sich so anders an als alles, was ich kenne – frei, ungebunden, voller Möglichkeiten.

"Du willst das Schiff steuern?", sage ich. "Das meinst du nicht ernst."

Er legt eine Hand auf sein Herz, als wäre er tief getroffen. "Natürlich meine ich das ernst. Ich bin der Kapitän. Jeder hier tanzt nach meiner Pfeife."

Ich lache leise und schüttle den Kopf. "Gott, wir werden untergehen."

"Ich habe das gehört", erwidert er und hebt eine Braue.

Ich zucke nur mit den Schultern. "Kannst du es mir verübeln?"

Kian grinst breit. "Du wirst noch staunen. Ich mache das schon seit mehreren Jahren. Ich würde sogar behaupten, dass ich ein Experte bin." Er zwinkert mir zu. "Wenn du dich gut anstellst, darfst du vielleicht in meiner Kajüte schlafen."

Ich verschränke die Arme vor der Brust. "Und wenn nicht?"

"Na ja, dann bleibt nur die Kombüse oder das Deck", sagt er gespielt nachdenklich.

"Also gut, Kapitän, was sind meine Aufgaben?" Ich verbeuge mich theatralisch.

Er lacht. "Du könntest mir assistieren. Eine gute Assistentin ist heutzutage schwer zu finden. Man weiß nie, wem man trauen kann."

Sein Tonfall verändert sich bei den letzten Worten, fast als hätte er sie mehr zu sich selbst gesagt als zu mir.

"Kannst du mir vertrauen?", frage ich leise.

Kian hält meinen Blick fest. "Dir würde ich mein Leben anvertrauen", sagt er ernst. "Und das meine ich wirklich."

"Wenn es hart auf hart kommt, dann kann ich dich nicht beschützen. Du kennst meinen Kampfstil, wenn ich es überhaupt so nennen kann."

"Du hast Potential. Mit dem richtigen Training und einem geübten Trainer, was ich bin, kannst du es weit bringen."

Etwas an seiner Stimme, an seiner Intensität, lässt mein Herz einen Moment schneller schlagen. Ich senke den Blick und versuche, meine Gedanken zu ordnen.

"Also", sage ich schließlich, um das seltsame Kribbeln in meiner Brust zu ignorieren. "Wobei brauchst du meine Hilfe?"

Kian greift hinter sich und hält mir ein Fernrohr hin. "Halt Ausschau nach ungewöhnlichen Dingen auf dem Wasser."

Ich nehme es entgegen und setze es an mein Auge. Die Welt verschwimmt kurz, bis ich es richtig fokussiere.

Minuten vergehen. Nichts als endloses Blau. Hin und wieder funkelt etwas im Wasser, doch es könnte einfach nur die Sonne sein. Ich will das Fernrohr schon senken, als ich eine Bewegung wahrnehme. Ein Schatten gleitet unter der Oberfläche entlang. Dann sehe ich eine Schwanzflosse – schimmernd, glitzernd, fast irreal.

"Kian?" Ich drehe mich langsam zu ihm um.

Er mustert mich aufmerksam. "Hast du etwas entdeckt?"

Ich nicke. "Ist es normal, dass Delfine glitzern?"

Kian lacht laut auf. "Glitzern? Nein. Das sind Meerjungfrauen."

Meine Augen weiten sich. "Meerjungfrauen?"

"Ja. Hast du noch nie eine gesehen?"

Ich schnaube. "Wann hätte ich das denn tun sollen? In meiner Welt sind das Fabelwesen."

"Hier sind sie real. Möchtest du sie kennenlernen?"

"Meinst du das wirklich?"

Er nickt. "Ja. Ich bin mit der Königin des Meervolkes befreundet."

Ich lache. "Natürlich bist du das. Wen kennst du eigentlich nicht?"

Sein Lächeln wird breiter. "Über die Jahre habe ich einige Verbindungen geknüpft."

Ich spüre einen leichten Stich in meiner Brust, als ich an Aiden denke. Er hatte mir einst versprochen, mich in diese Welt einzuführen. Doch jetzt verbringt er seine Zeit lieber mit jemand anderem. Vielleicht ist es gut so. Vielleicht sollte ich meine Aufmerksamkeit jemand anderem schenken.

"Wie können wir unter Wasser atmen?", frage ich.

Kian greift in seine Tasche und zieht eine Kette aus Seegras und Muscheln hervor. "Mit dieser."

Vorsichtig fahre ich mit den Fingern über den Anhänger. "Wie funktioniert sie?"

"Sie wurde mit Magie versehen", erklärt er. "Trägst du sie, kannst du unter Wasser atmen."

Ich sehe ihn an. "Und du hast nur eine?"

Er grinst und deutet auf seine Hosentasche. "Schau nach."

Ich erröte. "Sicher nicht."

Kian blinzelt. Dann wird ihm klar, wie seine Worte geklungen haben, und er räuspert sich verlegen. "Ich meinte... hier." Er zieht eine zweite Kette heraus und legt sie mir in die Hand. "Die Königin hat sie mir gegeben."

Ich bin sprachlos. "Jetzt gleich?"

"Ja. Wir stoppen das Schiff und tauchen hinab."

"Das ist das Abenteuer, das du für mich geplant hast?"

Er sieht mich an. "Eines von vielen."

Ich lache leise. "Worauf warten wir noch?"

Wenig später stehen wir an der Reling. Mein Herz schlägt heftig. Ich halte Kians Hand so fest, dass ich befürchte, sie zu brechen.

"Es wird alles gut", murmelt er.

Ich blicke in seine Augen. So tief, so sanft. Ein vertrautes Gefühl durchströmt mich. War er schon immer so nah? Habe ich ihn einfach nicht richtig gesehen?

"Bereit?", fragt er.

"Ja."

Er zieht mich mit sich, und wir tauchen in die Tiefe.

Das Wasser umhüllt mich wie ein kühler Mantel. Für einen Moment überkommt mich Panik, doch dann spüre ich, wie sich die Magie der Kette entfaltet. Ich kann atmen.

Kian hält meine Hand fest und deutet nach vorne.

Und dann sehe ich es.

Eine Stadt aus schimmerndem Korallengestein erstreckt sich unter uns. Lichter tanzen zwischen den Gebäuden, und Silhouetten von Meerwesen gleiten durch das Wasser.

"Unglaublich", flüstere ich.

"Willkommen in ihrem Reich", sagt Kian sanft.

Ich sehe ihn an. Er sieht so friedlich aus, so sehr in seinem Element. Etwas verändert sich in mir und ich bin mir meiner Gefühle gegenüber Aiden nicht mehr sicher. 












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