KAPITEL 69

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Ich spüre, wie jemand meine Haare aus meinem Gesicht streicht. Müde öffne ich meine Augen und sehe Carden, welcher sich auf die Ellenbogen abgestützt hat. Ein kleines Lächeln umspielt seine Lippen. „Guten Morgen, meine Königin."

„Morgen", sage ich gähnend. „Warum starrst du mich so an?" Ich sehe ihn mit zusammengekniffenen Augen an.

„Du bist so schön, wenn du schläfst. Ich finde dich immer schön, egal zu welcher Stunde des Tages."

„Mhm, wenn du meinst." Ich setzte mich auf und dehne mich ausgiebig. Dabei merke ich keinerlei Schmerzen an meinen Armen. Sofort schaue ich auf meine Arme. Der Verband ist ab. Keinerlei Narben sind zu sehen. Meine Haut wirkt beinahe rosig. 

„Wie geht das?" Verwirrt schaue ich zu Carden.

Sanft nimmt er meine Hände in seine. „Die Salbe hat alles geheilt, was verwundet war."

„Das ist Zauberei", sage ich und fahre vorsichtig über die Stellen an denen gestern noch Schnittwunden waren. „So etwas kann nicht möglich sein."

„Du bist schon lange Gast in unserem Reich. Ich bin davon überzeugt, dass du schon vieles gesehen hast, was dich in Staunen zurückgelassen hat."

„Es gab vieles. So viele Dinge und Wesen, die ich vorher noch nie gesehen habe", sage ich und stehe auf. „Einhörner, Meerjungfrauen, Bäume und Blumen die leuchten können."

„Ich möchte dir heute etwas Besonderes zeigen." Carden steht ebenfalls auf. „Doch dafür musst du dich wärmer anziehen. Ich möchte nicht, dass du dir den Tod holst."

„Wie kalt wird es werden?", frage ich nach.

„So kalt, dass Schnee und Eis die Landschaft prägen."

Er geht zu seinem Kleiderschrank und holt einen Stapel Kleidung heraus. Dazu einen fetten, weißen Mantel mit einem Saum aus weißem Fell. „Zieh das an, dann wirst du nicht frieren."

Ich nehme ihm die Kleidung ab und verschwinde damit im Badezimmer. Nachdem ich mich frisch gemacht habe, ziehe ich seine Auswahl an Sachen für mich an. Dicke Strumpfhosen, flauschiges Unterhemd und ein schwarzes Kleid. Nachdem ich das Kleid angezogen habe, spüre ich wie warm mir wird. Anscheinend wurden diese Kleider für solche Anlässe hergestellt. Zum Schluss ziehe ich mir den weißen Mantel über. Das weiche Fell am Rand des Kragens kitzelt mir im Gesicht. Ich fahre sanft über das weiche Fell. Es fühlt sich warm an. Ich könnte stundenlang dadurch fahren.

Ein Klopfen an der Tür lässt mich aus meiner Starre erwachen. Schnell richte ich den Mantel, ehe ich aus dem Badezimmer heraustrete. Carden steht fertig angezogen da. Er hat denselben Mantel an wie ich. Nur ist er schwarz. So schwarz wie seine Haare. Seine blauen Augen stechen förmlich heraus.

„Du siehst zauberhaft aus." Er nimmt meine Hand und küsst sie sanft. „Wie wäre es, wenn wir in die Küche gehen etwas zu uns nehmen und dann los reiten?"

„Das klingt nach einem Plan."

Carden führt mich aus dem Gemach und gemeinsam gehen wir den Weg bis zur Küche herunter. An diesen Weg kann ich mich genau erinnern. Schließlich war es mein Fluchtweg.

Als wir in die Küche eintreten, wird es mucksmäuschenstill. Jeder der Köche und deren Helfer starren uns an. Eher gesagt starren sie Carden an. Anscheinend ist er nicht häufig hier unten. Ich glaube auch nicht, dass er kochen kann. Ich kann mich auch irren.

„Gehen sie wieder an die Arbeit. Wir kommen zurecht", sagt er und die Bediensteten wenden sich wieder den Kochtöpfen und den Zutaten zu.

Er streift durch die Gänge und nimmt sich ein paar Eier. Anschließend zupft er ein paar Kräuter von einem Blumentopf. Beides trägt er zu den Feuerstellen und beginnt Rührei zu machen. Erstaunt darüber, dass er doch weiß, wie man ein einfaches Gericht herstellt, schaue ich zu.

Er schüttet das Ei in eine Pfanne, legt die Kräuter hinein und fügt ein paar Rosenblätter hinzu. Anschließend legt er zwei Brotscheibend in die noch flüssige Masse. Er wartet ein paar Minuten, ehe er einen Teller nimmt und ihn auf die Pfanne legt und in einem Ruck umdreht. Dann legt er es wieder in die Pfanne und lässt die andere Seite anbraten.

Kurze Zeit später stellt er mir einen dampfenden Teller vor die Nase. Dazu einen goldenen Kelch mit Saft.

„Ich wusste nicht, dass du koche kannst", sage ich verwundert und beginne zu essen. „Das schmeckt lecker!"

Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. „Es freut mich, dass es dir bekommt. Du musst wieder zu Kräften kommen."

Genüsslich esse ich die Portion auf und trinke in einem Schluck den Kelch aus. Carden nimmt meinen Teller und stellt ihn in die Spüle. Dann ergreift er meine Hand und führt mich zurück in die Halle.

Diesmal gehen wir durch die große Eingangstür. Wir schlagen einen kleinen Weg ein und kommen zu den Ställen. Dort stehen allerlei Pferde in ihren Pferchen. Zielbewusst geht er auf eines zu und führt es zu mir. Ein Recke kommt angelaufen und beginnt ohne Worte das Pferd zu satteln. Carden holt sein eigenes, schon gesatteltes Pferd. Bevor er auf seins aufsteigt, hilft er mir auf meines herauf.

„Folge mir", sagt er und reitet voran. Ich reite langsam nach.

„Worin reiten wir?", frage ich und hole mit ihm auf.

„In ein anderes Gebiet des Königreichs", sagt er.

Ich schaue mich um, da kommt mir eine Frage auf. „Warum blüht hier nichts?"

„Die Liebe zur Natur fehlt."

„Und wie kommt es, dass es Rosen gibt?"

„Wir züchten sie, um etwas Farbe ins Schloss zu bringen."

„Warum pflanzt du sie nicht drumherum oder in der Landschaft verteilt?"

„Du könntest dich darum kümmern etwas Farbe hierher zu bringen. So hättest du, neben der Kindererziehung, eine Beschäftigung."

Ich sage nichts dazu und schaue mich weiter um. Die Landschaft verändert sich langsam. Aus der grauen trostlosen Umgebung wird eine einfarbige. Die Wege werden nun von Schnee verziert und die Bäume sind in Frost gehüllt. Der Wind kommt auf und zieht an meinen Mantel. So als wolle er ihn mir ausziehen.

„Wie weit ist es noch?", frage ich und vergrabe mein Gesicht in dem Fell meines Mantels.

„Wir haben es bald geschafft, meine Liebe." Er schaut zu mir. „Haltet durch, meine Königin."

„Wie heißt dieser Teil des Landes?"

„Efror. Die Wüste aus Eis und Schnee."

„Klingt sehr einladend", sage ich und schaue durch die weiße Schneelandschaft.

„Hier leben keine Menschen. Es ist zu kalt und es gibt kaum Nahrungsquellen."

„Es wird nicht besser."

Carden lacht auf. „Du wolltest es wissen. Ich habe auf deine Frage geantwortet."

Ich wechsle das Thema. „Woher kannst du kochen?"

Er schaut in die Ferne. „Meine geliebte Mutter hat es mir beigebracht. Als sie noch lebte, hat sie mir spät am Abend immer noch eine Kleinigkeit zubereitet."

„Du hast zugeschaut und gelernt?"

„Sie hat mir alles gezeigt, was sie konnte. Doch mein Vater fand es immer für eine Zeitverschwendung. Er hat gemeint, dass Adelige nicht kochen. Dafür gibt es Angestellte. Doch sie ging darin auf wie eine Rose. Es war ihre Passion."

„Dein Vater hat nicht immer Recht."

„Manchmal stehe ich noch heute in der tiefsten Stunde der Nacht am Ofen und koche mir etwas."

„Kochen macht Spaß", sage ich.

„Eines Tages können wir zusammen kochen. Den Kindern würde es sicherlich Freude bereiten."

Da ist es schon wieder. Das Thema über das ich nicht reden will. Ich dachte ich könnte eine normale und anständige Unterhaltung mit ihm führen. Doch er muss es gleich wieder vermasseln.

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