KAPITEL 74

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„Nur zu, fragt, was ihr wissen wollt. Ich bin mir sicher, dass meine Kollegen und ich eine Lösung finden werden."

Kian tritt einen Schritt vor. „Das ist Thalia. Sie kommt aus der anderen Welt. Mein jüngerer Bruder hat... unwissentlich einen Liebestrank zu sich genommen."

Der Magier betrachtet mich aufmerksam, als würde er in mir lesen können. Dann verengt er die Augen. „Ich habe euch gesehen. Zusammen mit dem Prinzen." Sein Blick wandert zu Fynn. „Und auch dich. Ihr seid zusammen zum Schloss geritten. Und du, Mädchen..." Seine Lippen verziehen sich zu einem wissenden Lächeln. „Du trugst nur ein Hemd."

Hitze steigt mir ins Gesicht. Mir fällt es wieder ein – der Markt, die Flucht. Und dieser Mann war dort gewesen, verborgen unter einer Kapuze.

„Ja, ich erinnere mich an Euch", murmle ich.

Der Magier nickt. „An jenem Tag verkaufte ich Heiltränke an das Volk."

Ich fasse all meine Entschlossenheit zusammen. „Könnt ihr uns helfen? Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst noch wenden soll."

Der Magier tritt an den Kessel heran, murmelt leise vor sich hin und scheint nachzudenken. Ich werfe Kian einen Blick zu, doch er sieht genauso ratlos aus wie ich.

Nach einer Weile hebt der Magier den Kopf. „Es gibt einen Weg, den jungen Prinzen zu befreien."

Hoffnung flammt in mir auf. „Wirklich? Was muss ich tun?"

„Einen Gegentrank brauen. Allein. Niemand darf dir helfen." Er hebt warnend den Finger. „Du brauchst drei Zutaten. Erstens: magisches Quellwasser – es fließt nur an einem einzigen Ort im Königreich. Zweitens: den Blütenstaub der Anan-Blume. Diese Blume erblüht nur bei Vollmond und wächst dort, wo die reinsten Wesen leben."

„Und die dritte?" flüstere ich.

„Eine Träne. Doch nicht irgendeine. Sie muss aus Kummer und aus Liebe geweint sein."

Mein Herz zieht sich zusammen.

„Wenn ich diese Zutaten zusammenfüge, wird Aiden geheilt?"

„Ja", antwortet er. Doch dann wird seine Stimme eindringlich: „Doch sei gewarnt, Mädchen. Dein Schicksal könnte sich anders wenden, als du es erwartest. Denn am Ende kann ein Kuss über alles entscheiden."

Seine Worte jagen mir einen Schauer über den Rücken, doch ich verbeuge mich dankbar.

Auf dem Rückweg zum Schloss herrscht angespannte Stille. Der Vollmond steht bereits am Himmel, und jede Sekunde zählt.

„Thalia, du holst die Zutaten", sagt Kian bestimmt. „Fynn und ich werden dich schützen und ablenken. Niemand darf erfahren, dass du zurück bist."

„Und am Ende..." Ich stocke. „Am Ende muss ich ihn ansehen und küssen."

Meine Worte brennen in meiner eigenen Brust. Ich liebe Aiden... oder?

Ich spüre Kians Blick auf mir, warm und durchdringend. Doch er sagt nichts.

Ich schleiche durch die Schatten des Schlossgartens, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Der Bach, von Marmor gesäumt, schimmert im Mondlicht. Ich knie mich hin, schöpfe vorsichtig eine Ampulle des magischen Wassers und verstaue sie sicher.

Eine erledigt. Zwei noch.

Die Zeit drängt. Ich sattel mein Pferd und verlasse unbemerkt die Stadt. Der Wald liegt still vor mir, doch meine Gedanken sind laut. Ich reite, bis die Stadt hinter mir liegt. Mein Herz pocht, als ich mich dem Ort nähere, an dem ich die Einhörner gesehen hatte. Sie sind scheu, und vielleicht zeigen sie sich mir diesmal nicht.

Doch dann – eine Bewegung. Etwas Silbernes huscht durch die Schatten der Bäume. Große, blaue Augen leuchten in der Dunkelheit. Mein Atem stockt.

Langsam verbeuge ich mich. Ein leises Wiehern. Und dann treten sie ins Licht. Fünf anmutige Wesen mit glänzenden Mähnen und Hörnern, die in der Nacht schimmern.

Ich flüstere: „Die Anan-Blume..."

Natürlich erwarten sie nicht, dass sie mich verstehen. Doch eines der Einhörner senkt den Kopf, frisst Gras, trabt dann weiter. An genau dieser Stelle entdecke ich eine kleine, leuchtende Blume.

Mit zitternden Fingern tupfe ich vorsichtig den Blütenstaub in mein Taschentuch.

Zwei Zutaten. Nur noch eine fehlt.

Die Nacht ist fast vorbei, als ich das Schloss wieder erreiche. Ich schleiche in mein Zimmer, atme tief durch und lasse mich auf mein Bett sinken.

Jetzt fehlt nur noch eine Träne.

Doch nichts geschieht.

Ich schließe die Augen, denke an Aiden. An sein Lächeln, unsere gemeinsamen Momente. Doch das Ziehen in meiner Brust fühlt sich... anders an.

Ein leises Klopfen an meiner Tür. Ich zucke zusammen.

„Thalia?" Kians Stimme.

Zögernd öffne ich ihm.

Er mustert mich einen Moment. „Du bist sicher zurückgekommen?"

Ich nicke. „Ich habe die Zutaten... aber..."

Er tritt näher. „Aber was?"

Ich beiße mir auf die Lippe. „Die Träne. Ich kann nicht weinen. Ich dachte, wenn ich an Aiden denke, würde es geschehen... aber es fühlt sich nicht richtig an."

Kian sagt nichts. Dann, ganz leise: „Vielleicht, weil du ihn nicht mehr so liebst, wie du dachtest."

Ich schnappe nach Luft. Es ist wahr, dass habe ich selbst gesagt. 

Kian seufzt leise. „Thalia..."

Seine Fingerspitzen streifen meine Wange, sanft, als wolle er mich nicht erschrecken. „Darf ich dich etwas fragen?"

Mein Herz hämmert. „Ja."

„Der Kuss... vor einigen Tagen." Er hält inne. „Hatte er eine Bedeutung für dich?"

Mir wird heiß und kalt zugleich.

Natürlich hatte er das.

„Kian..." Meine Stimme zittert. „Ich weiß nicht, was das bedeutet."

Seine Augen bohren sich in meine. „Doch, das weißt du."

Er tritt noch näher, so nah, dass ich seinen Atem spüren kann.

„Sag es mir, Thalia."

Mein Herz rast. Und dann – endlich – flüstere ich die Wahrheit.

„Ich habe mich in dich verliebt, Kian."

Seine Lippen verziehen sich zu einem leichten Lächeln, bevor er sanft eine Strähne aus meinem Gesicht streicht.

„Ich liebe dich auch."

Und dann, endlich, spüre ich die Träne. Warm und salzig rollt sie über meine Wange.













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