Die Tage vergehen und die Hoffnung, die ich einst hatte, schrumpft mit jedem Tag. Heute ist ein besonderer Tag. Mein Hochzeitstag.
Ich werde vermählt mit einem Mann, den ich nicht liebe. Ich hasse ihn auch nicht. In den letzten Tagen habe ich ihn kennen gelernt. Ich würde schon fast sagen, dass er mir leidtut, doch das wäre zu übertrieben. Immerhin hat er mich entführt und zwingt mich seine Frau zu werden. Da sollte ich keine Empathie für ihn empfinden.
Vor mir liegt mein Brautkleid. Es ist schwarz. Eigentlich trägt man weiß, um die Reinheit darzustellen. Schwarz trägt man nur, wenn die Braut bereits ein außereheliches Kind hat.
Ich fahre mit meinen Fingern über den feinen Stoff. Schwarze Spitze überzieht die obere Hälfte des Kleides bis hin zu den langen Ärmeln. Die Spitze verläuft sich im Rock, der aus zahlreichen Lagen Tüll und Glitzer besteht. Der Saum ist mit kleinen Federn ausgestattet.
Daneben liegen schwarze Schuhe und eine Krone. Ihre Spitzen verlaufen sich in kleine Federn, welche mit schwarzen Steinen ein Muster bilden. Sie hat etwas Besonderes an sich. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen.
Zwei Kammerzofen kommen herein und helfen mir das Kleid anzuziehen. Anschließend flechten sie meine Haare zu einem Zopf und setzten mir dann die Korne auf meinen Kopf. Zum Abschluss schminken sie mich passend zu meinem Kleid. Dann verlassen sie wieder das Zimmer, ohne in Wort zu sagen.
Ich betrachte mich im Spiegel. Ich sehe anders aus. Anders als bei den Bällen. In meinen Augen ist kein glitzern mehr zu sehen. Nur noch Leere. Meine Haut ist blass. Ich sehe nicht aus wie eine Braut. Ich sehe aus wie jemand, der zu einer Beerdigung geht. Zu meiner eigenen.
Nur mit Mühe schaffe ich es mich von meinem Spiegelbild und meinen Gedanken zu lösen. Ich gehe mit hocherhobenem Haupt aus dem Zimmer. Dort warten bereits zwei Soldaten, die mich bis zum Thronsaal begleiten. Die großen Türen gehen auf und ich sehe zum ersten Mal die Bewohner des Reiches. Sie alle tragen dunkle Kleidung. Auf ihren Lippen ziert ein kleines, falsches Lächeln.
Ein schwarzer Teppich führt bis hin zu zwei Thronen wo Carden und sein Vater bereits auf mich warten. Mir wird ein Bouquet aus weißen Rosen überreicht. Die Musik beginnt zu spielen. Mein Zeichen loszulaufen. Ich laufe langsam den Gang entlang. Meine Augen sind emotionslos auf meinen zukünftigen Bräutigam gerichtet, welcher mich mit einem strahlenden Lächeln begrüßt. Carden nimmt meine Hand und küsst diese.
Großherzog Hal räuspert sich. „Wir haben uns heute hier versammelt, um zwei liebenden in den Bund der Ehe zu bringen. Mein lieber Sohn Carden, mich erfüllt es mit Stolz, dass du eine Braut gefunden hast, die nicht nur dich bereichern wird, auch unser Land."
Er wendet sich zu mir. „Thalia, mit dieser Eheschließung wirst du Teil der Familie. Mit dir an unserer Seite können wir großes Erreichen."
Er wendet sich zum Volk. „Wenn jemand gegen diese Ehe sprechen will, so möge er jetzt das Wort erheben oder für immer schweigen."
Keiner sagt etwas. Alle sind mucksmäuschenstill. Jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, um mich zu retten. Doch niemand kommt, um mich zu retten.
Zufrieden fährt der Herzog fort. „Carden, nimmst du die hier anwesende Thalia zu deiner rechtmäßigen Frau? Wirst du sie ehren und lieben bis das der Tod euch scheidet?"
„Ja, mit dem größten Vergnügen." Er drückt sanft meine Hand.
„Thalia, nimmst du den hier anwesenden Carden zu deinem rechtmäßigen Mann? Wirst du ihn ehren und lieben bis das der Tod euch scheidet?"
Alle Augen sind jetzt auf mich gerichtet. Ich schlucke. Was soll ich sagen? Nützt es etwas, wenn ich mich weigere. Werde ich gehört und wird mein Wunsch erfüllt? Oder überhören sie es einfach und setzten die Zeremonie fort?
„Ich-", weiter komme ich nicht, da die großen Türen aufgerissen werden und zwei Personen den Raum betreten.
„Stoppt die Hochzeit!"
Ich schaue auf und entreiße meine Hände aus seinem Griff. Kian und Fynn stehen mit erhobenen Schwertern da. „Thalia! Schnell komm her!", ruft Kian mir zu.
„Schnappt sie euch!", schreit Hal und die Wachen stürzen sich auf meine Retter. Doch diese haben damit gerechnet und beginnen sich zu verteidigen. Metall trifft auf Metall. Die Menge ist außer sich und beginnt hastig aus dem Saal zu flüchten.
Carden versucht mich erneut festzuhalten und umschließt seine Finger um mein Handgelenk. Ängstlich schaue ich ihn an.
„Lass sie sofort los!" Kian kommt auf mich zu und richtet sein Schwert gegen Carden.
„Du kannst sie mir nicht wegnehmen!", zischt er und festigt seinen Griff so sehr, dass ich vor Schmerz aufschreie.
„Du tust ihr weh!"
„Sie gehört mir! Zusammen werden wir beide Welten regieren!", brüllt er und zieht mich mit sich mit.
„KIAN!", rufe ich und versuche mich von Cardens festen Griff zu lösen.
„THALIA!!" Kian versucht mit einer Hand mich von ihm zu lösen und mit der anderen Carden mit dem Schwert einzuschüchtern.
Mir bleibt nichts anderes übrig als ihn zu treten. Doch er verzieht keine Miene. Ich trete ihn mit Händen und Füßen, bis ich die Stelle treffe, an der die Sonne nicht scheint.
Carden schreit auf und lässt mich los. Ich nutzte die Chance und renne zu Kian, welcher mich sofort hinter sich schiebt. Fynn kommt zu uns. „Wir sollten schnell zurück", sagt er außer Atem.
„Das sollten wir" Kian nimmt meine Hand und gemeinsam rennen wir zum Ausgang. Carden dicht auf unserer Spur.
Ich versuche so schnell wie möglich zu laufen. Mit einem Hochzeitkleid welches gefühlt Tonnen wiegt, ist das ein Hindernis. Schnell komme ich außer Atem und keuche vor mich hin.
Draußen warten zwei Pferde auf und. Kian hilft mir auf eins drauf, während Fynn die Stellung hält. Dann steigt Kian hinter mich und nimmt die Zügel in die Hände. Sofort reiten wir los. Ich drehe mich um und sehe, dass Fynn auf uns zu geritten kommt.
Leider ist Carden hinter ihm her.
„Wir müssen schneller werden! Carden hat Fynn fast aufgeholt!", sage ich und merke, wie die Panik mich erneut packt.
„Keine Sorge! Er wird dich nicht noch einmal anfassen", knurrt Kian.
Wir reiten so schnell, dass der Wind meine Haare aus dem Zopf reißt. Fynn reitet mittlerweile neben uns her. Ich sehe den Steg und kann mein Glück nicht fassen. Meine Freiheit ist zum Greifen nah! Nur noch ein paar Meter und ich bin aus Cardens Gewalt.
Wir springen vom Pferd ab und ich renne auf das sichere Boot. Kian hinter mir. Fynn ist der letzte der an Board kommt. Carden kommt uns gefährlich nah. Bevor er einen Schritt auf das Boot macht, schnappe ich mir Kians Schwert und halte es beschützend vor mich.
„Keinen Schritt weiter", knurre ich. „Sonst wirst du es bereuen."
Er lacht auf. „Ich weiß, dass du nicht den Mumm dazu hast. Dafür habe ich einen zu großen Einfluss auf dich."
„Wie sehr du dich täuschst, mein Lieber." Ich hole aus und streife seinen Arm.
Er zischt auf und hält sich die Stelle, an dem ich ihn erwischt habe. „Wenn wir uns das nächste Mal sehen, wirst du dein Verhalten bereuen."
Immer noch unter Hochspannung halte ich das Schwert weiterhin mit festem Griff und lasse ihn nicht außer Augen. Selbst, als wir uns vom Ufer wegbewegen, starre ich auf Carden der in der Ferne immer kleiner wird.
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Enchanted by you
FantasyFictional Boyfriends can be real ... Ein Bücherwurm in Harvard entdeckt eine Welt voller Magie, als der Protagonist eines Fantasy-Romans plötzlich vor ihr steht und sie gemeinsam zwischen der modernen Welt und einem faszinierenden Königreich Gefahre...
