KAPITEL 55

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Die ganze Nacht liege ich wach. Die Ereignisse des Tages hallen noch in mir nach. Ich höre immer noch die fröhliche Musik, sehe die bunten Dekorationen vor meinem inneren Auge. Der Tanz mit Kian. Das gigantische Feuerwerk, das bestimmt jeder im Umkreis von fünf Kilometern gesehen hat.

Zum ersten Mal seit meiner Ankunft hier fühle ich mich frei. Keine Etikette, keine Förmlichkeiten. Niemand sieht mich merkwürdig an, niemand erwartet von mir, mich zu verbeugen oder mich in höfischen Gepflogenheiten zu verlieren. Stattdessen begegnen mir die Menschen mit ehrlicher Freude. Sie akzeptieren uns ohne Titel – selbst Kian, den Prinzen.

Ich wälze mich im Bett, versuche Schlaf zu finden, doch mein Kopf ist zu aufgewühlt. Was Kian morgen mit mir vorhat, bleibt ein Rätsel. Vielleicht bringt er mir eine neue Kampftechnik bei. Oder er zeigt mir Orte, an denen er sich als Kind versteckt hat.

Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster dringen, gebe ich auf. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. In spätestens zwei Stunden wird mich entweder eine Zofe oder Alenja wecken – wozu also noch warten?

Ich schlinge mir eine große Decke um die Schultern, trete auf den Balkon und beobachte, wie sich die Sonne langsam über den Horizont schiebt. Die kühle Morgenluft prickelt auf meiner Haut.

Ein leises Klopfen lässt mich herumfahren. Hastig ziehe ich die Decke fester um mich und eile zur Tür. Ich öffne sie nur einen Spalt breit – und blicke direkt in Kians Gesicht.

„Morgen", sagt er mit einem Grinsen und mustert mich von oben bis unten. „Gerade erst aufgestanden?"

„Ich bin schon fertig. Fast. Mir fehlt nur noch das richtige Outfit."

„Sehr schön." Er lehnt sich lässig gegen den Türrahmen. „Darf ich eintreten?"

Zögernd öffne ich die Tür ein Stück weiter und lasse ihn herein, halte die Decke aber weiterhin fest um mich geschlungen.

„Also?" Ich sehe ihn neugierig an. „Was machen wir heute?"

Sein Grinsen wird breiter. „Das bleibt eine Überraschung, meine Liebe."

„Toll", sage ich trocken und gehe zum Kleiderschrank. „Welches meiner Kleider wäre denn angemessen?"

Er schüttelt den Kopf. „Kein Kleid. Du brauchst Hosen."

Ich blinzele ihn überrascht an. „Habe ich so etwas überhaupt?"

„Wahrscheinlich in einer deiner Kommoden." Ohne zu zögern öffnet er eine der Schubladen – und wird fündig.

Er zieht eine braune Lederhose hervor und wirft sie mir zu. „Die sieht gut aus. Jetzt brauchst du noch ein Oberteil und Stiefel."

„Wie wäre es, wenn du mir den Rest überlässt und draußen wartest?" Ich deute auf die Tür.

„Gute Idee. Aber beeil dich, wir haben nicht viel Zeit."

Kaum ist er draußen, ziehe ich mir schnell die Hose an, schnappe mir ein lockeres, weißes Seidenhemd und einen warmen Mantel. Dann durchwühle ich meine Schuhsammlung und entscheide mich für feste Stiefel. Zuletzt bürste ich mir die Haare hastig durch und trete auf den Flur hinaus.

Kian mustert mich zufrieden. „Warum bist du aus der Puste?"

„Du hast gesagt, ich soll mich beeilen. Also habe ich mich beeilt."

„Wir haben noch genug Zeit, um in der Küche Halt zu machen und Proviant mitzunehmen."

Wir schlendern durch die Gänge des Schlosses und erreichen schließlich die geschäftige Küche. Der Duft von frischem Brot, Kräutern und geröstetem Fleisch erfüllt die Luft. Die Köche bereiten bereits das Frühstück für den König, Alenja und Aiden vor.

Ein stämmiger, gut gelaunter Mann kommt auf mich zu und verneigt sich tief. „Lady Thalia! Was für eine Freude, Sie zu sehen!" Er hebt meine Hand an seine Lippen und drückt einen angedeuteten Kuss darauf. Ich kichere.

Dann wandert sein Blick zu Kian. „Eure Hoheit! Was verschafft mir die Ehre?"

„Wir brauchen etwas Proviant für zwei Tage."

Ich fahre erschrocken zu ihm herum. „Zwei Tage? Heißt das, wir übernachten woanders?"

Kian grinst. „Ich habe schon zu viel verraten."

„Du bist gemein." Ich strecke ihm spielerisch die Zunge raus.

„So benimmt sich keine Lady", tadelt er mit gespieltem Ernst, doch seine Mundwinkel zucken verdächtig. Schließlich kann er sich nicht mehr halten und lacht.

Die Küchentür schwingt auf, und Aiden betritt den Raum. Seine Augen wandern zwischen uns hin und her.

„Was macht ihr hier?"

„Das könnte ich dich ebenfalls fragen", entgegnet Kian.

„Ich brauche nur ein paar Früchte." Aiden geht zu einem Korb und nimmt sich einige heraus.

„Für wen sind die?" Kian lehnt sich neugierig an den Tisch.

„Das ist meine Angelegenheit, Bruder."

Lady Arwen. Garantiert. Ist sie bei ihm? Oder will er sie mit einem Frühstück überraschen?

Aiden sieht mich an. „Wo warst du gestern Nachmittag?"

„Ich war in der Stadt, bei den Feierlichkeiten. Es war wunderschön."

Er nickt langsam. „Hat mein Bruder dich also um den kleinen Finger gewickelt."

„Was? Nein! Er hat mich gefragt, und ich habe zugestimmt. Ich will das Land und die Menschen kennenlernen."

Er mustert mich, dann sagt er leise: „Du warst in den letzten Tagen sehr beschäftigt."

„Du doch auch." Ich trete näher. „Oder etwa nicht?"

„Ich habe dir gesagt, das ist nur Show für meinen Vater."

Sein Blick verändert sich. Erst jetzt bemerke ich es – seine Pupillen sind geweitet, seine Augenfarbe wirkt anders. Ein Hauch von Blau durchzieht das sonst so dunkle Braun.

Ein seltsames Gefühl regt sich in meiner Brust. Liebestrank? Nein... Oder doch?

„Ihr zwei habt euch aber sehr vertraut benommen", sage ich langsam. „Ist sie gerade bei dir?"

Er antwortet nicht.

Ich lasse meinen Blick über ihn wandern – und dann entdecke ich es. Der Kragen seines Hemdes sitzt zu hoch, als würde er etwas verbergen.

Ich seufze. „Du musst mir nicht antworten. Der Knutschfleck, den du zu verstecken versuchst, ist Beweis genug."

Ich drehe mich um und gehe zu Kian. Mein Herz klopft schneller, als mir lieb ist.

„Ich dachte, ich würde dir etwas bedeuten." Meine Stimme ist leise, aber bestimmt. „Vielleicht brauchen wir eine Pause. Zeit, um unsere Gedanken zu sortieren und herauszufinden, ob wir stark genug sind, uns gegen alle Regeln zu stellen."



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