KAPITEL 50

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Ich kann meinen Blick nicht von ihr abwenden. Da steht sie – meine Konkurrenz. Und ich muss zugeben, sie ist attraktiv. Es ist leicht vorstellbar, dass unzählige Männer ihr verfallen.

Selbstbewusst gleitet ihr Blick durch den Raum, bis er Aiden findet. Mit anmutigem Schritt bewegt sie sich direkt auf ihn zu. Ihr Kleid ist aus schimmerndem, silbernem Stoff, der sich fließend um ihre Silhouette schmiegt. Der hohe Schlitz enthüllt ihre langen Beine bis knapp zur Hüfte – ein gewagtes Design, das ihr dennoch hervorragend steht. Ihre dunklen Locken fallen ihr in sanften Wellen über die Schultern, während ihre blauen Augen verführerisch auf Aiden gerichtet sind.

Sein Blick weitet sich. Einen Moment lang scheint er sprachlos, fast gebannt von ihr. Mein Herz verkrampft sich.

Die Eifersucht trifft mich mit voller Wucht. Sie ist hier wegen ihm, das ist offensichtlich. Sie will ihn – und sie geht davon aus, dass sie ihn mühelos für sich gewinnen kann. Doch das wird nicht geschehen. Nicht, solange ich an seiner Seite bin.

Mit einer geschmeidigen Bewegung verneigt sie sich vor ihm, und Aiden, ganz der Gentleman, nimmt ihre Hand und haucht einen Kuss darauf. Dabei verliert er sich kurz in ihrem Blick. Ohne zu zögern, führt er sie auf die Tanzfläche. Das Orchester scheint auf ihr Zeichen gewartet zu haben, denn sofort erklingt ein neues Lied. Die beiden gleiten über den Boden, als würden sie seit Jahren zusammen tanzen. Sie sind nicht nur elegant – sie wirken wie ein königliches Paar.

Ich spüre Cardens Blick auf mir.

„Wie fühlt es sich an, ersetzt zu werden?", fragt er leise, doch mit unüberhörbarer Belustigung in der Stimme.

Ich reiße meinen Blick von Aiden los und sehe Carden an. „Ich wurde nicht ersetzt. Sie tanzen nur. Weiter nichts."

Er lacht leise. „Wenn du das sagst, dann brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Aber falls er sich doch von dir abwendet, um seine Pflichten zu erfüllen – ich wäre da."

Ich verenge die Augen. „Er wird mich nicht verlassen. Er hat mir gesagt, dass er mich liebt."

Carden hebt eine Braue. „Worte und Taten sind zwei verschiedene Dinge." Er nimmt meine Hand, haucht einen Kuss darauf und dreht sich dann um, um den Saal zu verlassen.

Und ich bleibe allein zurück, während Aiden mit einer anderen tanzt.

Mit schweren Schritten begebe ich mich zu Kian und Fynn, die am Rande des Saals stehen. Sie mustern mich mitfühlend.

Fynn reicht mir ein Glas. „Ich glaube, das brauchst du jetzt."

Dankbar nehme ich es an, seufze jedoch. „Alkohol wird mich nicht aufmuntern." Trotzdem leere ich das Glas in einem Zug. Der bittere Wein hinterlässt einen unangenehmen Nachgeschmack.

„Ich kann nicht länger hier bleiben", sage ich abrupt und stelle das Glas auf ein vorbeikommendes Tablett. „Wenn ich sie noch eine Sekunde länger an seiner Seite sehe, werde ich die Kontrolle verlieren."

Kian grinst. „So schnell wirst du eifersüchtig?"

„Ich habe einfach Angst", gebe ich zu.

Fynn legt mir eine Hand auf die Schulter. „Ich kenne Aiden schon lange. Und ich bin mir sicher, Kian wird mir zustimmen – er würde niemanden außer dir als seine Königin wählen."

Ich zwinge mich zu einem Lächeln. „Danke. Aber ich brauche jetzt Zeit für mich."

Ohne eine weitere Erklärung verlasse ich den Ballsaal. Während ich mich durch die Menge schlängle, spüre ich Blicke in meinem Rücken, doch niemand spricht mich an.

Mit jedem Schritt wird das Stimmengewirr leiser, bis nur noch meine Gedanken mich begleiten.

In meinem Gemach angekommen, befreie ich mich von meinem Kleid, löse meine Haare und wasche mir die Schminke aus dem Gesicht. Die Nachtluft strömt durch die geöffneten Balkontüren, doch die frische Brise kann den Sturm in mir nicht beruhigen.

Ich lege mich ins Bett, doch der Schlaf bleibt mir fern. In meinem Kopf spielen sich Szenen ab, die mich quälen: Aiden, wie er mich verlässt. Die fremde Frau, die ihn küsst. Der König, der ihre Verlobung verkündet. Und schließlich sehe ich sie vor mir, wie sie mich mit kalten Augen vom Balkon stößt.

Schweißgebadet schlage ich die Augen auf. Mein Atem geht hektisch, mein Körper fühlt sich fiebrig an. Ich schleppe mich ins Badezimmer, erreiche gerade noch die Toilette, bevor mein Magen rebelliert.

Wackelig steige ich in die Badewanne und lasse mir kühles Wasser ein. Das Zittern meines Körpers will nicht aufhören. Vielleicht übertreibe ich. Vielleicht ist sie gar keine Bedrohung. Und doch verfolgt sie mich bereits in meinen Träumen.

Nach dem Bad ziehe ich mir ein frisches Nachthemd an und gehe zurück auf den Balkon. Die Nacht ist still. Der Ball ist längst vorüber, die Fackeln erloschen. Nur das sanfte Leuchten der Blumen erhellt den Garten.

Ein leises Klopfen reißt mich aus meinen Gedanken.

Zuerst denke ich, es sei eine Täuschung, doch das Klopfen wird lauter. Wer kann das um diese Uhrzeit sein? Ein Diener? Alenja? Oder doch Carden? Aber nein – er weiß nicht, in welchem Gemach ich bin.

Vorsichtig öffne ich die Tür einen Spalt breit – und sehe Aiden. Der warme Schein eines Kerzenleuchters wirft flackernde Schatten auf sein Gesicht.

„Darf ich eintreten?", fragt er leise und blickt sich kurz um.

Ich trete zur Seite, lasse ihn herein.

Er stellt den Kerzenleuchter ab und mustert mich. „Du hast den Ball früh verlassen. Ich hatte gehofft, dass wir noch einmal tanzen."

„Ich war müde", sage ich ausweichend und setze mich auf die Matratze.

Aiden sieht mich forschend an. „Ich glaube dir nicht. Was beschäftigt dich?"

Ich senke den Blick. „Es ist nichts."

„Es hat mit dem Tanz zu tun, nicht wahr?"

Ich zucke kaum merklich mit den Schultern. „Vielleicht."

Er setzt sich neben mich und nimmt meine Hand. „Es war nur ein Tanz, Thalia. Du musst nicht eifersüchtig sein."

Ich beiße mir auf die Lippe. „Du hast sie angesehen, als wärst du in sie verliebt."

Aiden seufzt leise. „Sie ist eine Prinzessin, und ja, sie ist hübsch. Aber das war reine Höflichkeit. Mein Vater wollte, dass ich mit ihr tanze. Es hat nichts zu bedeuten."

„Also war es keine Liebe auf den ersten Blick?"

Er schüttelt den Kopf. „Du bist meine einzige Liebe." Seine Daumen streichen sanft über meine Finger. Dann steht er auf, doch bevor er zur Tür gehen kann, halte ich ihn zurück.

„Bleib bei mir."

Er zögert. „Wenn ich am Morgen nicht in meinem Gemach bin, wird es auffallen."

„Geh vor Sonnenaufgang. Dann schlafen die meisten noch."

Ein Lächeln spielt um seine Lippen. „Für diese eine Nacht."

Ich krieche unter die Decke, spüre, wie Aiden sich neben mich legt, und kuschle mich an seine warme Brust. Seine Arme schließen sich schützend um mich.

„Könnte es nicht jede Nacht so sein?", flüstere ich, während sein Herzschlag mich beruhigt.

„Wenn wir verheiratet wären, könnten wir den ganzen Tag im Bett bleiben." Er drückt einen Kuss auf mein Haar.

„Eines Tages", hauche ich, bevor mich der Schlaf endlich einholt.





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