KAPITEL 18

151 9 2
                                        

Ich stehe immer noch da, die Augen aufgerissen, während Aiden mich mit einem gelassenen Lächeln ansieht. Mein Verstand rattert. Das hier kann nur ein Traum sein – muss ein Traum sein! Und doch... ich konnte seinen Namen auf der Buchseite lesen. In einem Traum wäre das unmöglich.

Wie erkläre ich mir das? Oder schlimmer noch – wie erkläre ich es meiner Mutter, wenn ich sie in ein paar Wochen besuche? „Hey Mom, ich habe ein Buch ununterbrochen gelesen und war süchtig danach. Nun, der Hauptcharakter ist irgendwie lebendig geworden und wohnt jetzt bei mir." Ja, genau. Perfekt.

Aber erst mal muss ich mich um das Offensichtliche kümmern: Aiden kann nicht ewig in diesen königlichen Klamotten herumstolzieren. Ich werde ihn nach meiner Vorlesung in die Stadt mitnehmen und ihm etwas Unauffälligeres besorgen. Doch bis dahin, muss es so gehen.

„Ich muss mich frisch machen und umziehen", sage ich und werfe mir rasch ein paar Sachen über den Arm. „Die Waschräume sind den Gang runter. Bleib hier und verlass nicht das Zimmer. Kein Wort zu niemandem."

Aiden legt eine Hand auf die Brust. „Ihr habt mein Wort, Lady Thalia."

Ich schenke ihm einen letzten skeptischen Blick, dann schnappe ich mir meine Waschtasche und verschwinde aus dem Zimmer.

Als ich wenige Minuten später zurückkehre, klopft mein Herz schneller als es sollte. Was, wenn er verschwunden ist? Was, wenn ich mir alles nur eingebildet habe?

Doch Aiden sitzt noch immer auf dem leeren Bett, um ihn herum verstreut meine Bücher – und seine Krone.

Ich runzle die Stirn. „Was liest du da?"

„Romeo und Julia."

Ich stutze. „Kennst du die Geschichte?"

Er schüttelt den Kopf. „Nein. Solche Werke gibt es nicht in unserer Schlossbibliothek."

„Was habt ihr dann für Bücher?"

Aiden überlegt kurz, bevor er antwortet. „Abenteuer großer Helden vergangener Zeiten, Geschichtsbücher über unser Königshaus, Lehrwerke zu Heilkräutern, Alchemie, Götterkunde."

Ich setze mich neben ihn und mustere ihn neugierig. „Und Romane? Liebesgeschichten?"

Er schmunzelt. „Die gibt es. Meine Schwester... liest nichts anderes. Ständig steckt sie mit der Nase in einem Buch."

Ich muss lachen. „Dann hätten wir uns gut verstanden."

„Was lest Ihr am liebsten?" fragt er.

„Alles Mögliche. Aber gerade am liebsten Fantasy-Romane."

Er runzelt die Stirn. „Was ist Fantasy?"

„Das erkläre ich dir ein anderes Mal."

Vorsichtig schlendere ich über den Campus, Aiden dicht hinter mir. Ich habe ihm mehrmals eingebläut, unauffällig zu bleiben, doch das Konzept scheint ihm völlig fremd zu sein. Er trägt immer noch seine Krone und sein „schickes Gewand", wie er es nennt. Kein Wunder, dass wir Blicke auf uns ziehen.

Gerade als wir es fast geschafft haben, tauchen Alice, Austin, Cody und Ella auf. Perfekt.

„Wen hast du denn da im Schlepptau?" fragt Alice und mustert Aiden mit unverhohlener Neugier.

Ich schlucke. Jetzt muss ich improvisieren. „Das ist Aiden. Er... äh... ist ein Austauschstudent aus Irland."

Aiden neigt den Kopf in einer höflichen Verbeugung. „Es freut mich, eure Bekanntschaft zu machen."

Meine Freunde starren ihn an, als hätte ich gerade verkündet, dass ich mit einem Einhorn befreundet bin.

„Freut uns auch...", murmelt Ella.

„Was studierst du?" will Cody wissen.

„Geschichte!" platze ich heraus, bevor Aiden etwas Falsches sagen kann.

Er nickt nur und grinst mich verschmitzt an. „Genau. Ich befasse mich mit den Lehren der Vergangenheit."

Alice verzieht das Gesicht. „Das erklärt auch den... außergewöhnlichen Look."

„Ja, er ist fasziniert von historischen Epochen", sage ich schnell.

Doch Ella runzelt die Stirn. „Und warum die Krone?"

„Oh, das?" Aiden fährt sich gelassen durch die Haare. „Ich stelle einen Prinzen dar. Ich fand es nur angemessen, mich so zu kleiden."

Ich atme innerlich auf. Gut gerettet.

„Jedenfalls", mischt sich Austin ein, „am Wochenende gibt's wieder eine Party. Willst du kommen? Dein Freund kann natürlich mit."

Party? Warum muss es immer eine Party sein? Ich setze gerade an, um abzulehnen, als Aiden fröhlich dazwischenplatzt.

„Wir kommen sehr gern! Zu welcher Stunde beginnt diese Festlichkeit?"

Ich reiße die Augen auf. Das hat er nicht gerade wirklich gesagt.

Cody grinst. „Thalia kennt die Adresse. Kommt einfach gegen zehn."

Als unsere Freunde weiterziehen, wirble ich herum und starre Aiden an. „So geht das nicht!"

Er hebt eine Augenbraue. „Was meint Ihr, Lady Thalia?"

Ich schnaube. „Du kannst nicht einfach für mich Entscheidungen treffen! Nur weil du ein Prinz bist, heißt das nicht, dass du hier über die Köpfe anderer hinweg bestimmen kannst!"

Überrascht blinzelt er. Ein Hauch von Demut schimmert in seinen Augen auf. „Verzeiht mir. Ich nahm an, es sei eine Feier zum Verkleiden... Ich hätte Euch fragen sollen."

Sofort fühle ich mich schlecht. Er wollte doch nur Spaß haben. Ich seufze. „Es ist keine Kostümparty. Aber wir können trotzdem hingehen."

Ein zufriedenes Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus.

Mit hochrotem Kopf betreten wir den Hörsaal. Das heißt, ich versuche es – Aiden hingegen stolziert mit königlicher Gelassenheit durch den Raum, grüßt mit charmantem Lächeln und schüttelt Hände, als sei er auf einem Empfang.

Mein Gesicht brennt. Warum habe ich ihn nicht einfach im Zimmer gelassen?

Handys werden gezückt, Videos gemacht, einige Studenten tuscheln aufgeregt.

Das wird ein viraler Hit, ich spüre es.

Endlich lässt er sich neben mir nieder, gerade rechtzeitig, als der Professor den Raum betritt.

Während ich meine Notizen mache, spüre ich aus dem Augenwinkel, wie einige Mädchen Aiden verstohlene Blicke zuwerfen.

Großartig. Mein Leben war ja noch nicht kompliziert genug.

























Enchanted by youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt