KAPITEL 9

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Zuhause werfe ich meine Jacke über den Stuhl und gehe direkt in die Küche, wo meine Mutter gerade das Abendessen vorbereitet. Der Duft von frischen Kräutern liegt in der Luft, doch meine Gedanken sind zu aufgewühlt, um ihn wirklich wahrzunehmen. Als sie mich sieht, legt sie langsam das Messer beiseite. Ihre Schultern straffen sich, und ein schuldbewusstes Blitzen huscht über ihr Gesicht.

Ich verschränke die Arme. „Warum hast du es mir nicht gesagt?", frage ich, meine Stimme nur einen Hauch vom Zittern entfernt.

Sie atmet tief durch, als würde sie sich auf eine Diskussion vorbereiten. „Weil du dann nicht hingefahren wärst und der Universität keine Chance gegeben hättest." Ihre Augen suchen meine, voller leiser Entschlossenheit. „Ich dachte, es wäre gut, wenn ihr beide auf dieselbe Uni geht. So hättest du wenigstens jemanden, den du kennst. Du müsstest nicht wieder ganz von vorn anfangen." Sie macht eine Pause, dann fügt sie sanfter hinzu: „Ich weiß doch, wie schwer dir Neuanfänge fallen."

Dieser Gedanke trifft mich unerwartet. Ich hatte nur an Jack gedacht – an meine Wut, an den Verrat, daran, dass er dort studieren würde. Aber daran, dass es für mich leichter sein könnte, jemanden Vertrauten auf dem Campus zu haben? Daran habe ich nicht eine Sekunde gedacht.

Trotzdem schüttle ich den Kopf. „Du hättest es mir trotzdem sagen müssen. Jetzt denkt er, dass ich wieder etwas von ihm will." Ich verziehe das Gesicht und hebe abwehrend die Hände. „Was nicht der Fall ist!"

Ein Lächeln zuckt um ihre Lippen. „Ich weiß, dass du keine romantischen Gefühle mehr für ihn hast." Sie lehnt sich gegen die Arbeitsplatte, der Ausdruck in ihren Augen wird weicher. „Aber ich erinnere mich noch genau, wie du versucht hast, sie damals vor mir zu verstecken."

Ich schnaube. „Ja, weil ich Hals über Kopf in ihn verliebt war." Mein Gesicht wird heiß, als ich mich daran erinnere, wie naiv ich damals war. „Er war meine erste große Liebe. Mein erster Freund." Ich hebe das Kinn, zwinge mich, die Peinlichkeit wegzuschieben. „Jetzt empfinde ich nur noch Hass für ihn."

Sie mustert mich aufmerksam, als könnte sie die Wahrheit zwischen meinen Worten herausfiltern. „Weißt du, ihr beide habt euch immer mit so viel Zuneigung angesehen." Sie lächelt nachdenklich. „Ich wollte das bewahren. Eure Liebe retten. Aber irgendwann habe ich deinen Schmerz gesehen." Ihre Stirn legt sich in Falten. „Vielleicht sollte ich einfach aufhören, mich in dein Liebesleben einzumischen."

Seit wann führen wir solche ehrlichen Gespräche? Vielleicht ist es ihre Art, Frieden zu schließen, bevor ich gehe. Vielleicht will sie nicht, dass wir uns mit unausgesprochenen Worten trennen.

Ein plötzlicher Gedanke schleicht sich in mein Bewusstsein: Wird sie ohne mich zurechtkommen?

Niemand wird mehr da sein, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt. Niemand, mit dem sie sich über belanglose Dinge aufregen kann. Niemand, der ihr Gesellschaft leistet, auch wenn wir oft streiten. Wird sie sich noch mehr in ihre Arbeit stürzen? Sich in langen Stunden und Meetings verlieren, bis nichts mehr übrig bleibt außer einer leeren Wohnung und dem Flimmern ihres Laptops?

Ich sage nichts, aber meine Brust fühlt sich schwer an.

Sie stellt den Salat auf den Tisch, während ich Teller und Besteck aus dem Schrank hole. Unsere Routine läuft ab wie einstudiert, obwohl sich etwas in der Luft verändert hat.

„Möchtest du etwas trinken?", frage ich, während ich zwei Gläser aus der Vitrine nehme.

„Gern. Mit Eiswürfeln und einer Zitronenscheibe, bitte."

Ich werfe die Eiswürfel klirrend in die Gläser, schneide eine halbe Zitrone in dünne Scheiben und lasse sie elegant ins Wasser gleiten. Dann stelle ich ihr das Glas vor die Nase.

„Bitteschön, Madame."

Sie schmunzelt. „Danke."

Wir setzen uns, sie gibt mir eine großzügige Portion Salat. Ich kaue missmutig auf einem Salatblatt herum, während sie einen Schluck von ihrem Zitronenwasser nimmt.

„Ich nehme an, du hast deine Entscheidung getroffen."

Ich lege die Gabel ab. „Die Uni hat ein gutes Literaturprogramm. Analytisches Schreiben klingt interessant. Und der Campus ist ganz nett." Ich lasse eine bedeutungsschwere Pause, bevor ich trocken hinzufüge: „Aber Jack ist dort."

Sie sieht mich abwartend an.

Ich seufze. „Ich gehe nach Harvard. Auch wenn es dir nicht gefällt." Ich sehe sie entschlossen an. „Das ist meine Chance. Ich werde sie nicht vergeuden."

Ihre Finger spielen nachdenklich mit der Gabel. „Ich möchte nur nicht, dass du so endest wie ich."

Ich blinzele. „Was soll das heißen?"

„Allein."

Die Ehrlichkeit in ihrer Stimme trifft mich unerwartet.

Ich lehne mich zurück. „Wer sagt denn, dass mir das passieren wird? Ich bin achtzehn. Mein ganzes Leben liegt noch vor mir." Ich zucke mit den Schultern. „Und ehrlich gesagt – ich brauche niemanden, um glücklich zu sein." Ich nehme einen weiteren Bissen von meinem Salat, dann füge ich grinsend hinzu: „Aber wer weiß, vielleicht treffe ich in Harvard meinen Prinz Charming."

Sie hebt eine Augenbraue. „Sprich nicht mit vollem Mund." Aber dann lächelt sie. „Wenn du wirklich daran glaubst, wird sich dein Wunsch vielleicht erfüllen." Ihre Miene wird wieder ernst. „Ich möchte nur nicht, dass du durch das Leben wanderst, ohne jemanden, mit dem du es teilen kannst. Es kann einsam werden."

Ich halte inne. „Was ist mit dir? Was machst du, wenn ich nicht mehr hier bin?"

Sie nimmt einen weiteren Bissen Salat. „Oh, ich finde schon etwas. Das Haus putzt sich schließlich nicht von allein. Und ich habe viel Arbeit. Außerdem gehe ich zum Pilates."

„Pilates?" Ich mustere sie skeptisch.

„Ich muss auf meine Figur achten."

Ich verdrehe die Augen. „Du siehst toll aus. Ich wette, du bekommst genug Aufmerksamkeit von Männern."

Sie lacht laut auf. „Ach, Schatz. Männer in meinem Alter sind entweder verheiratet oder stecken in ihrer Midlife-Crisis. Und dann suchen sie sich eine zwanzigjährige Freundin, um sich selbst zu beweisen, dass sie noch jung sind."

Ich blinzele. „Äh ... wow. Das war ... ehrlich."

Sie zuckt mit den Schultern. „So ist es nun mal."

Ich schmunzle. „Ich bin mir sicher, du triffst noch jemanden."

„Mach dir da mal keine Sorgen um mich." Sie hebt ihr Glas. „Am besten gehst du jetzt ins Bett. Du hattest einen langen Tag."

Ich bringe mein Geschirr zur Spüle, werfe ihr einen letzten Blick zu. „Gute Nacht, Mom."

„Gute Nacht, Schatz."

Als ich in mein Zimmer gehe und anfange zu packen, fühlt sich alles plötzlich real an.

Ich werde gehen. Ich werde mein eigenes Leben führen. Und sie wird hier sein – allein.

Aber vielleicht ... wird das für uns beide der richtige Neuanfang.













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