KAPITEL 36

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Fynn erwartet uns bereits vor dem Arbeitszimmer des Königs. Sein Gesichtsausdruck ist undurchdringlich, seine Haltung angespannt. Was uns erwartet, hat er uns nicht verraten. Ich spüre, wie sich in meinem Magen ein flaues Gefühl ausbreitet.

„Ihr werdet bereits erwartet", sagt er knapp und öffnet die Tür.

Gemeinsam betreten wir das Zimmer. Der König steht mit verschränkten Armen vor seinem schweren Schreibtisch. Sein Blick ruht auf mir, ruhig, aber eindringlich. Sofort verbeugen Aiden und ich uns respektvoll.

„Vater, was führt Euch zu diesem Gespräch?" Aiden tritt einen Schritt nach vorn, seine Stimme fest, aber leicht angespannt.

Fynn macht es sich auf einem Sessel bequem, während der König mich weiterhin mustert.

„Es geht um Lady Thalia." Seine Stimme ist ruhig, doch die Schwere in seinen Worten lässt mich aufhorchen. Dann richtet er eine seltsame Frage an mich: „Gibt es in deiner Welt eine Monarchie?"

Ich schüttele langsam den Kopf. „Nein."

Ein leiser Seufzer entweicht ihm, fast wehmütig.

Ich kann nicht länger schweigen. „Warum muss ich mich bedeckt halten?" Die Frage rutscht mir heraus, schärfer als beabsichtigt. Ich bin es leid, im Dunkeln zu tappen. Alle Blicke richten sich auf mich.

„Thalia, beruhige dich", murmelt Aiden und legt eine beruhigende Hand auf meinen Arm. Seine Berührung nimmt mir etwas von meiner Anspannung, doch der Drang nach Antworten bleibt.

Der König räuspert sich. „Unsere Insel, unser Königreich, ist nicht groß. Doch es gibt einen Ort, den man fürchten sollte – Efror." Seine Stimme wird ernster. „Dort herrscht Graf Hal. Er hält sich selbst für den wahren König. Und er hat nicht nur unser Land im Visier."

Ich runzle die Stirn. „Was meint Ihr damit?"

„Er hat von einer alten Sage gehört – von der Anderswelt. Einem Ort jenseits unserer Grenzen, weit größer als unser Königreich. Er glaubt, dass er mit ihrer Eroberung unaufhaltsam wäre. Doch er kann diese Welt nicht aus eigener Kraft betreten." Der König macht eine Pause. Sein Blick dringt tief in meine Augen. „Dazu braucht es jemanden wie dich, Lady Thalia. Jemanden, der zwischen den Welten wechseln kann."

Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken. Langsam begreife ich es. Ich bin der Schlüssel zu seiner Macht.

Meine Stimme zittert. „Hat er... hat er schon versucht, das Königreich anzugreifen?"

„Noch nicht", antwortet Aiden. Seine Miene ist finster. „Aber wir glauben, er wartet nur auf den richtigen Moment."

Mein Atem geht schneller. „Will er mich entführen?"

Aiden nimmt meine Hand in seine. Seine Wärme beruhigt mich. „Du bist nicht allein. Wir lassen nicht zu, dass dir etwas passiert. Ich werde dich beschützen."

Ich blicke von ihm zu Fynn und schließlich zum König. „Danke..." Meine Stimme ist leise, aber voller aufrichtiger Dankbarkeit.

Der König nickt mir zu. Dann richtet er sich auf, und sein Tonfall wird plötzlich leichter. „Doch nun zu erfreulicheren Dingen." Ein Hauch eines Lächelns huscht über sein Gesicht. „Morgen Abend wird ein Ball stattfinden."

Ich blinzle. Ein Ball? Jetzt?

„Zu welchem Anlass?", fragt Aiden, seine Stirn gerunzelt.

Der König lehnt sich leicht nach vorne. „Nun, mein Sohn, du bist in einem Alter, in dem du dich um deine Zukunft kümmern musst. Es ist Zeit, dass du eine Königin findest."

Meine Brust zieht sich zusammen. Ich drehe mich langsam zu Aiden um. Sein Gesicht ist leichenblass. Sein Atem stockt, seine Augen sind geweitet.

„Vater... ich dachte, ich hätte mehr Zeit", flüstert er.

„Als dein Bruder den Thron abgelehnt hat, wurdest du zum direkten Nachfolger. Es gibt keine Zeit mehr zu verlieren." Die Stimme des Königs ist fest, aber nicht unfreundlich.

Aiden öffnet den Mund, will etwas sagen, doch dann schüttelt er nur den Kopf. Ohne ein weiteres Wort dreht er sich um und verlässt hastig den Raum.

Einen Moment lang bleibt eine drückende Stille zurück.

Fynn erhebt sich schließlich. „Eure Hoheit, ich bringe Lady Thalia auf ihr Gemach."

Ich stehe langsam auf und nicke dem König höflich zu, bevor ich Fynn hinaus folge. Der Flur ist lang und still, unsere Schritte hallen auf dem Marmor wider.

Ich wage es schließlich, die Frage auszusprechen, die mir auf der Zunge brennt. „Weißt du, warum Aiden so überrascht war?"

Fynn blickt mich kurz an, doch seine Miene bleibt reglos. „Das ist nicht meine Geschichte, die ich erzählen darf."

Seine Worte lassen mich noch mehr grübeln. Bis zu meinem Zimmer sprechen wir nicht weiter.

Er bleibt vor einer Tür stehen. „Ruh dich aus, es war ein anstrengender Tag für dich. Wir sehen uns beim Abendessen."

Ich nicke und trete in das Gemach. Eine Zofe muss mir neue Blumen ins Zimmer gestellt haben. Heute Morgen waren sie noch nicht da. Mein Blick wandert zum Balkon. Heute Morgen, habe ich noch nicht bemerkt, dass ich ihn habe. Ich trete hinaus und halte ungläubig inne.

Der Garten leuchtet.

Die Blumen strahlen in allen Farben – mitternachtsblau, sanftes Rosa, leuchtendes Lila. Es sieht aus wie ein Märchen. Der Brunnen in der Mitte scheint von selbst zu glühen, als würde eine magische Kraft ihn erhellen.

Ich verliere mich in dem Anblick, bis ich eine Bewegung neben mir wahrnehme. Ich drehe den Kopf – Alenja steht neben mir, ihr Gesicht sanft von dem Licht der Blumen umspielt.

„Atemberaubend, nicht wahr?", sagt sie leise.

Ich nicke, unfähig, meine Bewunderung in Worte zu fassen.

„Das ist das Geschenk der Natur", flüstert sie. „Ihre Art, uns zu danken."

Für einen Moment genießen wir die Schönheit in Stille. Dann dreht sie sich um und geht zurück zur Tür.

„Es gibt Abendbrot", sagt sie ruhig.

Ich folge ihr.

Als wir den Speisesaal betreten, sind der König, Aiden, Fynn und ein mir unbekanntes Mädchen bereits da.

Doch Aidens älterer Bruder fehlt.









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