KAPITEL 80

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Eine plötzliche Welle von Hitze überrollt mich, so intensiv, dass ich instinktiv in die Knie gehe. Über mir lodert eine riesige Feuerwolke, begleitet von schwarzem Qualm. Der Drache entfesselt seine ganze Zerstörungskraft und brennt alles nieder, was ihm im Weg steht.

Ich spüre einen brennenden Schmerz an meiner Wange. Als ich darüber wische, bleibt Ruß an meinen Fingern zurück. Doch ich habe keine Zeit, mich darum zu kümmern. Ich muss weiter. Die Schlacht ist chaotisch, die Krieger verteilen sich über das weite Feld bis hin zu den Klippen, die in das tosende Meer ragen. Ich habe längst die Orientierung verloren. Aiden und Fynn sind nirgends zu sehen. Ich bete, dass sie noch leben.

Und Kian?

Mein Blick huscht über das Schlachtfeld. Dann erkenne ich ihn, in der Ferne, kämpfend, lebendig. Ein kurzer Moment der Erleichterung durchströmt mich – bis mich ein plötzlicher Angriff aus meinen Gedanken reißt.

Ein Feind springt auf mich zu, das Messer gezückt. Reflexartig reiße ich meinen Schild hoch. Sein Messer prallt daran ab, doch mit einer schnellen Bewegung entreißt er mir die Waffe und schleudert sie hinter sich. Jetzt bleibt mir nur noch mein Schwert. Ich hole aus und stoße zu. Meine Klinge schrammt knapp an seiner Brust vorbei. Blut tropft aus der Wunde, doch es scheint ihn nicht zu kümmern. Er hebt sein Messer erneut – ich weiche zurück, doch nicht schnell genug. Die Klinge streift meine Wange, hinterlässt eine brennende Spur.

Ich stolpere, doch bevor er erneut zuschlagen kann, setze ich all meine Kraft ein und rase mit meinem Schwert vorwärts. Die Klinge durchdringt seinen Bauch. Seine Augen weiten sich, ein erstickter Laut entweicht ihm. Ich ziehe das Schwert aus seinem Körper. Er sinkt zu Boden.

Ich werfe keinen Blick zurück. Die Schlacht ist noch nicht vorbei.

Mit rasendem Herzen renne ich weiter, folge den Schreien, dem Lärm der Klingen, bis ich an den Klippen ankomme.

Dort wartet jemand auf mich.

Carden.

Er kämpft gegen zwei Wachen, stößt sie mühelos von sich. Sie stürzen zu Boden und rühren sich nicht mehr. Sind sie tot? Oder nur bewusstlos?

Sein Blick trifft meinen. Er grinst. „Meine Braut kehrt endlich zurück." Mit einer beiläufigen Geste wischt er sich Blut aus dem Gesicht.

„Hast du jemanden getötet?", frage ich scharf.

„Ich töte keine Unschuldigen." Er zuckt mit den Schultern. „Nur jene, die mir nach dem Leben trachten."

„Ich werde dich nicht umbringen. Ich hoffe, dass ich es nicht muss."

„Wie rührend", spottet er.

„Wo ist Kian?", frage ich.

Sein Grinsen verfliegt für einen Moment. „Wir haben gekämpft. Ein paar Kratzer auf beiden Seiten. Mehr nicht."

Er lebt also.

„Beenden wir das hier", sage ich fest. „Dieser Krieg hat genug Leben gekostet."

„Dann komm zu mir", erwidert Carden leise.

Ich schüttele den Kopf. „Du weißt, dass ich das nicht kann."

Carden will antworten, doch seine Augen werden schmal. Blitzschnell zieht er sein Schwert.

Ich wirbele herum – und sehe Kian.

Er sieht mitgenommen aus, das Gesicht zerkratzt, das Haar an manchen Stellen angesengt, doch er steht. Lebendig.

„Thalia!", ruft er und hebt sein Schwert. „Bleib von ihr weg, Carden!"

Er geht auf ihn zu. Schritt für Schritt.

Carden weicht zurück, bis seine Füße gefährlich nah an der Klippenkante stehen.

Ein markerschütternder Schrei hallt über das Schlachtfeld.

Kian dreht sich kurz um, instinktiv bereit, sich zu verteidigen – doch da ist niemand.

In diesem Moment stolpert Carden.

Er rudert mit den Armen, sucht nach Halt – doch es gibt keinen.

Er fällt.

Mit schnellen Schritten stürme ich an den Rand der Klippe. Carden klammert sich mit letzter Kraft an einen Vorsprung. Sein Blick trifft meinen.

„Greif nach meiner Hand!", rufe ich.

Er sieht mich an. Und schüttelt den Kopf.

In seinen Augen sehe ich, dass er bereits abgeschlossen hat.

„Es ist der einzige Weg", murmelt er.

Dann lässt er los.

Sein Körper verschwindet in der Tiefe.

„NEIN!", schreie ich.

Doch es ist zu spät.

Carden ist tot.

Mein Körper zittert. Ich krieche vom Abgrund weg, die Tränen strömen unkontrolliert über mein Gesicht. Ich umklammere meinen Mund, um nicht laut zu schreien.

So hätte es nicht enden sollen.

So ein Tod hat niemand verdient.

Auch nicht er.

„Thalia!"

Die Stimme reißt mich aus meiner Starre.

Kian.

Er lebt.

Mein Herz rast. Ich springe auf, renne durch die auflösende Menge. Der Kampf ist vorbei. Die Krieger lassen ihre Waffen fallen, geben auf.

Dann sehe ich ihn.

Sein Blick trifft meinen.

Ohne nachzudenken, stürme ich auf ihn zu und werfe mich in seine Arme.

„Du lebst!", schluchze ich.

Seine Arme halten mich fest, sein Körper ist warm, lebendig. „Und dir geht es gut", murmelt er und drückt einen Kuss auf mein Haar. „Wir haben gewonnen."

Ich löse mich leicht von ihm und sehe ihn an. „Carden ist tot. Er ist gestürzt."

Kian nickt langsam. „Dann hat er sein Schicksal selbst gewählt."

Ich beiße mir auf die Lippe. „Warum fühle ich mich dann so schuldig?"

Er hebt die Hand, streicht mir sanft über die Wange. „Weil du Mitleid mit ihm hattest."

Ich schließe die Augen, atme tief durch.

Die Schlacht ist vorbei.

Der Krieg ist beendet.

Und Kian steht an meiner Seite.

Wir haben überlebt.




















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