Ich funkle ihn bitter an und hoffe, dass Blicke töten können. Wenn das funktionieren würde, wäre mein Problem gelöst. Doch Carden steht nur mit seinem gewinnenden Lächeln vor mir, als wäre er derjenige, der diesen Kampf bereits gewonnen hat.
„Endlich bist du bei mir", sagt er sanft, während seine Finger noch immer fest um meine Handgelenke liegen. „Dort, wo du hingehörst."
Ich will ihm eine scharfe Antwort entgegenschleudern, doch das Tuch über meinem Mund erstickt meine Worte. Meine Brust hebt und senkt sich hektisch, meine Gedanken überschlagen sich.
„Willst du etwas sagen?" Seine Stimme klingt belustigt.
Wütend nicke ich, und er tritt näher an mich heran, um das Tuch ein wenig zu lockern. Endlich kann ich sprechen, und ich nutze die Gelegenheit sofort.
„Ich gehöre nicht zu dir! Ich gehöre in meine Welt, bei den Menschen, die mich lieben!" Mein Ton ist voller Trotz, auch wenn meine Stimme leicht bebt.
Carden antwortet nicht. Stattdessen konzentriert er sich darauf, das Boot vom Steg zu lösen. Die Bewegung des Wassers ist sanft, doch in mir tobt ein Sturm. Mit Tränen in den Augen sehe ich, wie die Küste in der Ferne immer kleiner wird, bis sie schließlich in der Dunkelheit verschwindet. Mein Zuhause. Meine Freunde. Aiden. Kian...
„Na, na. Tränen werden dich nicht retten, Liebling. Sie zerstören nur dein hübsches Gesicht", sagt er in einem süffisanten Tonfall.
„Lass mir wenigstens das, wenn du mir schon meine Freiheit raubst", flüstere ich.
Carden mustert mich mit diesem unerträglichen Ausdruck, als sei ich sein wertvollster Besitz. „So, das war's dann. Kein Wort mehr von dir für die restliche Fahrt." Ohne weitere Vorwarnung bindet er mir das Tuch wieder über den Mund, was mich ersticken lässt. Nicht wegen der Enge – sondern wegen der Tatsache, dass er glaubt, mich so zum Schweigen bringen zu können.
Der Rest der Fahrt vergeht in bedrückender Stille. Ich starre auf die schwache Laterne, die das Boot nur spärlich erhellt, und lasse meine Gedanken abschweifen.
Kian. Ich sehe sein Gesicht vor mir, sein entschlossenes Lächeln, seine brennenden Augen, wenn er kämpft. Er hätte mich nicht aufgegeben, oder? Er muss inzwischen gemerkt haben, dass ich verschwunden bin. Und Aiden?
Mein Herz verkrampft sich bei dem Gedanken an ihn. Wenn das, was Carden sagte, wahr ist, dann... dann hat Aiden mich verraten. Hat mich aufgegeben. Und doch weigere ich mich, es zu glauben. Aiden würde mich nicht so einfach hintergehen, oder? Aber wenn es doch stimmt?
Eine kalte Angst breitet sich in mir aus, nicht nur wegen der Dunkelheit um mich herum oder wegen Carden, sondern wegen der bohrenden Ungewissheit, die an meiner Seele nagt.
Plötzlich tauchen Lichter in der Ferne auf. Sie erhellen den Steg vor uns, eine Art Empfang in der Dunkelheit.
Mein Körper verkrampft sich, als Carden das Boot anlegt und herausspringt. Ohne Umschweife packt er meine gefesselten Hände, während er sein Pferd mit der anderen Hand führt.
„Jetzt brauchst du das Tuch und die Seile nicht mehr", murmelt er. „Du kennst dich hier nicht aus. Wo willst du denn hinlaufen?" Er löst vorsichtig meine Fesseln, und auch das Tuch fällt von meinem Gesicht. „Aber ich werde beides aufbewahren. Wer weiß, wann wir es wieder brauchen." Seine Stimme ist ein leises Versprechen, das mir eine Gänsehaut über den Rücken jagt.
Ich atme schwer und reibe meine Handgelenke.
„Warum tust du das?" Meine Stimme ist heiser, aber fest.
„Weil ich dich will." Carden sieht mir direkt in die Augen. „Schon immer."
Ich weiche zurück, doch er packt mich erneut. Mit einem schnellen Ruck setzt er mich auf sein Pferd und schwingt sich hinter mich. Seine Hände berühren meine Taille, als er nach den Zügeln greift, und ich kann den Druck seines Körpers gegen meinen spüren.
Mein Atem stockt. Ich darf dem nicht nachgeben. Ich darf nicht zulassen, dass mich seine Nähe verwirrt.
„Es ist ein weiter Weg bis zu meinem Schloss", sagt er mit einem Anflug von Belustigung. „Flucht ist also zwecklos."
Ich schweige.
„Was ist los? Kein bissiger Kommentar?" Carden neckt mich, während das Pferd in Bewegung gerät.
Ich presse die Lippen zusammen.
„Spätestens morgen wirst du mich wieder anschreien. Ich freue mich schon darauf", sagt er spöttisch.
Die Nacht um uns herum ist tiefschwarz, nur der Mond und die Sterne leuchten uns den Weg. Ich kann die Silhouetten der Bäume am Horizont erkennen. Irgendwo in der Ferne heult ein Wolf.
Carden hatte nicht gelogen. Die Kreaturen der Dunkelheit sind erwacht.
Mein Herz rast. Ich höre ein Rascheln in den Büschen. Vielleicht nur der Wind. Vielleicht auch etwas anderes.
Carden muss meine Angst spüren, denn er lehnt sich vor und flüstert mir ins Ohr: „Keine Sorge, meine Liebe. Solange du bei mir bist, wird dir nichts geschehen."
Ich will mich von ihm lösen, doch sein Griff ist zu fest. Ich muss fliehen. Und ich werde es tun. Ich werde nicht kampflos aufgeben.
Morgengrauen. Das Boot.
Wenn ich es schaffe, vor Sonnenaufgang zurück zum Steg zu kommen, habe ich eine Chance. Ich kann ein Pferd nehmen. Oder rennen. Egal wie – ich werde fliehen.
Mein Entschluss steht fest.
Doch als ich Cards Schloss endlich in der Ferne erblicke, frage ich mich, ob das wirklich so einfach sein wird.
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Enchanted by you
FantasyFictional Boyfriends can be real ... Ein Bücherwurm in Harvard entdeckt eine Welt voller Magie, als der Protagonist eines Fantasy-Romans plötzlich vor ihr steht und sie gemeinsam zwischen der modernen Welt und einem faszinierenden Königreich Gefahre...
