Die Atmosphäre im Speisesaal ist gedämpft, fast ehrfürchtig. Wir nehmen unsere Plätze ein, während die Diener lautlos wie Schatten an den Tisch treten und uns dampfende Suppenteller hinstellen. Ein vertrauter Duft von Gemüse und frischen Kräutern steigt mir in die Nase – Möhren, Kartoffeln, Erbsen, Sellerie. Ich nehme einen Löffel und koste vorsichtig. Die heiße Brühe rinnt wohltuend meine Kehle hinunter, wärmt mich von innen heraus.
Es ist ein stilles, fast meditatives Essen. Teller werden geräuschlos ausgetauscht, bevor ich sie überhaupt vermisse. Vor mir türmt sich nun ein wahres Festmahl auf: zarter Schweinsrücken auf knackigem Salat, dampfende Kartoffeln, saftig-grüner Brokkoli und eine Auswahl an duftenden Soßen. Doch mein Blick bleibt an etwas anderem hängen – ein ganzer Pfau, kunstvoll zubereitet, mit glänzender, knuspriger Haut.
Wir warten, bis der König sich bedient hat, dann dürfen auch wir zugreifen. Ich nehme mir von allem ein wenig, koste das Vertraute zuerst, bevor ich mich dem Unbekannten zuwende. Mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier inspiziere ich das Pfauenfleisch. Es erinnert an Hähnchen, riecht ähnlich – also nehme ich einen vorsichtigen Bissen. Die Konsistenz ist etwas fester, aber der Geschmack angenehm würzig. Köstlich.
Gerade als ich mich entspannt zurücklehnen will, erscheint der Nachtisch. Erdbeeren mit einer Schokoladen-Nusscreme. Ich suche instinktiv Aidens Blick, doch er ist in Gedanken versunken, abwesend, als wäre er weit weg von diesem Tisch, dieser Welt. Ich koste die süße Kombination und spüre, wie sie langsam auf meiner Zunge schmilzt, doch die plötzliche Schwere in meinem Brustkorb nimmt mir die Freude daran.
Der König erhebt sich schließlich, wünscht uns eine angenehme Nacht und verlässt den Saal. Fynn, Alenja und das fremde Mädchen folgen ihm. Zurück bleiben nur Aiden und ich – und eine unangenehme Stille, die zwischen uns liegt wie eine unsichtbare Mauer.
Ich lege meine Serviette beiseite und stehe auf. Gerade als ich gehen will, durchbricht seine Stimme die Stille.
„Es tut mir leid, dass ich vorhin so abrupt den Raum verlassen habe." Seine Worte sind leise, zögernd. „Wie wäre es, wenn wir morgen ausreiten? Nur du und ich?"
Ich drehe mich zu ihm um. Lange kann ich ihm nicht böse sein. Vielleicht sollte ich es nicht einmal sein. Er hat seine Gründe – vielleicht wird er sie mir irgendwann anvertrauen.
„Gern", sage ich und schenke ihm ein kleines Lächeln. „Gute Nacht, Aiden."
Der nächste Morgen bringt einen klaren Himmel und eine sanfte Brise mit sich. Nach einem ausgiebigen Frühstück machen Aiden und ich uns auf den Weg zu den Ställen. Er trägt einen prall gefüllten Picknickkorb und eine Decke unter dem Arm. Arto erwartet uns bereits und hilft mir auf ein karamellfarbenes Pferd. Mein Magen zieht sich nervös zusammen. Ich bin noch nie selbst geritten, und das zeigt sich auch an meiner Unsicherheit.
Gerade als ich mich in den Sattel schwingen will, legt Arto mein Bein über eine Art Knüppel. Verwirrt sehe ich ihn an.
„Das ist ein Damensattel", erklärt er mit einem Schmunzeln. „So reiten alle Damen. Es erlaubt mehr Anmut und verhindert, dass das Kleid zerknittert."
Mit klopfendem Herzen greife ich die Zügel.
„Vertrau ihr", sagt Arto sanft. „Sie weiß, was sie tut."
„Und wenn nicht, dann bin ich ja auch noch da", mischt sich Aiden ein, sein Blick voller Zuversicht.
Langsam setze ich mein Pferd in Bewegung. Es gehorcht mir mühelos und tritt sanft neben Aiden.
„Ich wünsche euch einen wunderschönen Tag", ruft Arto uns hinterher.
Aiden gibt seinem Pferd die Sporen, und ich folge ihm. Zunächst zögerlich, dann mutiger. Wir durchqueren den Schlossgarten, bevor wir in einen Wald eintauchen, der direkt an den Park grenzt. Hier verschmilzt die Natur mit dem Königreich. Zwischen den Bäumen huschen Rehe, Hirsche und Wildpferde umher, Eichhörnchen springen flink von Ast zu Ast. Über weite Wiesen mit bunten Wildblumen reiten wir weiter. Die Landschaft ist so atemberaubend, dass ich mich frage, ob diese Blumen wohl nachts leuchten, wie die im Schlosspark.
Ab und an passieren wir kleine Holzhütten. Hühner scharren vor den Türen, Kühe grasen gelassen auf den Feldern. Es ist ein friedliches Bild – fast zu schön, um wahr zu sein.
Meine Unsicherheit spürt auch mein Pferd. Doch es folgt Aidens Hengst, als würden sich die beiden Tiere wortlos verständigen.
Schließlich halten wir an einem kleinen, glitzernden See. Wir lassen die Pferde grasen, während ich die große Decke ausbreite. Aiden setzt sich neben mich, öffnet den Korb und beginnt, Teller, Besteck und Becher hervorzuholen. Frisches, noch warmes Brot, saftige Erdbeeren, würziger Käse, süße Weintrauben. Und eine Flasche mit einer durchscheinenden, bläulichen Flüssigkeit.
Neugierig nehme ich sie in die Hand. „Was ist das?"
Aiden lächelt. „Quellwasser."
Ich runzle die Stirn. „Einfaches Quellwasser?"
Er schüttelt den Kopf. „Nicht ganz. Es ist eine Mischung aus klarem Gebirgswasser und Blütenstaub der Anam Glan Blume. Die wertvollste Pflanze unseres Königreichs."
Er öffnet die Flasche und schenkt uns ein. „Diese Quelle entspringt nur im Schlosspark. Nur die königliche Familie darf davon trinken." Dann fügt er mit einem schelmischen Funkeln in den Augen hinzu: „Ich habe mir eine Flasche aus der Küche geliehen."
Ich pruste los. „Leihen? Wirklich?"
Er lacht mit.
„Hat diese Blume besondere Kräfte?"
„Ja. Sie vertreibt jeden Ärger, jede Unruhe in dir. Wenn du in Frieden mit dir selbst bist, schmeckt das Wasser nur köstlich. Doch wenn du Wut oder Zorn in dir trägst... dann spürst du, wie sie verschwinden."
Neugierig rieche ich an meinem Becher und nehme einen kleinen Schluck. Sofort breitet sich eine süße Frische in meinem Mund aus. Ein leichter Schauer durchläuft mich, und das unterschwellige Gefühl des Grolls, das ich wegen gestern noch empfunden hatte, löst sich in Luft auf.
„Wo wächst diese Blume?"
„Nur dort, wo sich Einhörner aufhalten."
Ich halte inne. „Es gibt wirklich Einhörner?"
Aiden nickt, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. „Ja. Wenn du Glück hast, siehst du welche."
Ich hoffe es.
Er reicht mir einige Erdbeeren, und ich nehme sie dankbar. Als ich nach mehr suche, fällt mir eine Münze auf, die aus einem kleinen Stoffbeutel gerutscht ist. Sie glänzt im Licht der Sonne. Ich nehme sie vorsichtig in die Hand und betrachte sie genauer.
Auf der einen Seite prangt das Gesicht eines Königs. Auf der anderen eine wunderschöne Frau.
Ich streiche mit den Fingern über das feine Relief.
„Wer ist das?", frage ich leise.
Aiden sieht mich einen Moment lang schweigend an, bevor er antwortet.
Seine Stimme ist sanft, doch in seinen Augen liegt eine tiefe, unergründliche Traurigkeit.
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Enchanted by you
FantastikFictional Boyfriends can be real ... Ein Bücherwurm in Harvard entdeckt eine Welt voller Magie, als der Protagonist eines Fantasy-Romans plötzlich vor ihr steht und sie gemeinsam zwischen der modernen Welt und einem faszinierenden Königreich Gefahre...
