KAPITEL 77

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„Störe ich gerade?"

Kian stöhnt genervt auf und löst sich von mir. „Immer, Bruder." Er steht auf und hilft mir hoch.

Aiden lehnt grinsend an der Tür. „Wie ich sehe, trainiert ihr nicht. Soll ich es euch zeigen?"

Kian schnaubt. „Nur zu. Zeig uns deine unglaublichen Fähigkeiten und bilde uns aus."

„Für Späße haben wir keine Zeit", entgegnet Aiden ernst. „Der Feind könnte jeden Moment eine Kriegserklärung schicken."

Wir verstummen sofort. Ich senke leicht den Kopf. „Tut uns leid."

„Kommt mit. Wir üben Bogenschießen im Wald."

Wir legen die Holzschwerter beiseite, satteln die Pferde und reiten los.

Nach einem kurzen Ritt erreichen wir eine Lichtung im dichten Wald. Kian steigt ab und beginnt, Zielscheiben aufzustellen, während Aiden und ich die Umgebung absichern. Niemand scheint uns gefolgt zu sein, doch im Notfall würden uns die Pferde warnen.

Ich habe noch nie mit Pfeil und Bogen trainiert, aber in meiner Fantasie habe ich es mir immer vorgestellt – wie Susan Pevensie oder Katniss Everdeen. Stark, mutig, zielstrebig.

„Wie soll ich das in so kurzer Zeit lernen?" frage ich skeptisch.

„Wir bringen dir das Wichtigste bei", verspricht Kian.

„Dann lasst uns nicht länger herumstehen."

Kian nimmt einen Pfeil aus seinem Köcher, legt ihn ein und spannt den Bogen. Seine Körperhaltung ist ruhig und kontrolliert. Dann lässt er den Pfeil los – er trifft perfekt ins Zentrum der Scheibe.

Ich blinzele beeindruckt. „Wie Robin Hood."

Kian runzelt die Stirn. „Wer?"

„Ein berühmter Bogenschütze aus meiner Welt."

Aiden grinst. „Vielleicht wirst du so gut wie er."

Ich stelle mich in Position, doch Kian tritt hinter mich und legt eine Hand an meine Hüfte. Eine Gänsehaut breitet sich über meine Haut aus. Sanft richtet er meine Haltung aus. Dann beugt er sich leicht vor, sein Atem streift mein Ohr.

„Fixier dein Ziel", flüstert er, seine Finger legen sich um meine. „Und jetzt – loslassen."

Ich lasse los. Mein Pfeil trifft die Zielscheibe, wenn auch nicht genau ins Zentrum.

„Beeindruckend", kommentiert Aiden, verschränkt aber die Arme. „Doch du hattest Hilfe. Im Ernstfall kann dir niemand beistehen. Du musst es allein schaffen."

„Ich wollte ihr nur zeigen, wie sie den Bogen hält", verteidigt sich Kian.

Aiden bleibt streng. „Sie muss es selbst lernen."

Ich hebe beschwichtigend die Hände. „Bitte, streitet nicht. Wir müssen zusammenarbeiten."

Aiden atmet tief durch und nickt. „Du hast recht."

Ich trete erneut an die Schießlinie, diesmal allein. Ich atme tief ein, fokussiere mich auf das Ziel und lasse den Pfeil fliegen. Doch er bleibt nur wenige Meter weiter im Gras stecken.

Ich versuche es wieder. Und wieder. Die ersten Pfeile verfehlen ihr Ziel, aber mit jedem weiteren Schuss komme ich der Scheibe näher. Nach unzähligen Versuchen treffe ich endlich zuverlässig.

Erschöpft lasse ich mich ins Gras sinken, meine Arme brennen, meine Finger zittern vor Anstrengung. Ich schließe die Augen und genieße die Ruhe.

„Was machst du?" Kian setzt sich neben mich.

„Mich ausruhen", murmele ich.

„Dafür haben wir keine Zeit."

„Nur ein paar Minuten."

Er seufzt, dann lacht Aiden. „Wir alle könnten eine Pause gebrauchen."

Ich merke nicht, wie meine Augen zufallen. Erst als ich ein sanftes Ruckeln an meiner Schulter spüre, wache ich auf.

„Es ist Zeit, dein Können zu erweitern", sagt Kian und reicht mir die Hand.

Ich seufze. „Und wie?"

„Du wirst beim Reiten schießen."

Ich blinzele. „Das kann ich nicht."

Kian bleibt gelassen. „Dann wirst du es lernen."

Ich lasse mich von ihrer Begeisterung mitreißen und steige in den Sattel. Aiden macht es vor – mühelos galoppiert er los, nimmt einen Pfeil aus dem Köcher und trifft die Zielscheibe. Ich frage mich, wie lange er dafür gebraucht hat.

Jahre? Monate? Ich habe nur Tage.

Ich atme tief durch, treibe mein Pferd an und versuche, es ihnen gleichzutun. Doch es ist schwer. Ich verliere das Gleichgewicht, lasse den Bogen fallen oder treffe nicht einmal annähernd das Ziel. Einmal bin ich so nah dran – doch im letzten Moment verliere ich das Gleichgewicht und lande unsanft auf dem Boden.

Frustriert schreie ich auf. Vögel fliegen erschrocken aus den Baumwipfeln. Mein Pferd tänzelt nervös, und ich muss es erst beruhigen.

Aiden reitet neben mich. „Gib nicht auf, Thalia."

„Ich kann das nicht so wie ihr."

„Versuch es noch einmal."

Ich schließe die Augen, atme tief ein und lausche meinem eigenen Herzschlag. Dann ziehe ich die Sehne zurück, öffne die Augen – und lasse los.

Der Pfeil saust durch die Luft und trifft die Zielscheibe. Mitten ins Schwarze.

Kian jubelt. „Ich wusste es!"

Ich lache atemlos. „Hast du das gesehen?"

Er nickt stolz.

„Das haben wir alle", sagt Aiden und schenkt mir ein Lächeln. „Mit der richtigen Motivation und Willenskraft schaffst du alles."

Ich reite zu den anderen zurück. „Sollen wir zurückkehren? Nicht, dass sich jemand Sorgen macht."

Kian nickt. „Ein guter Einwand."












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