KAPITEL 12

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Ungläubig starre ich ihn an. „Das meinst du nicht ernst, oder?"

Julian lehnt sich entspannt zurück und zuckt mit den Schultern. „Doch, wieso nicht? Ist doch praktisch. Du musst nicht mit Fremden fahren, und ich hab Gesellschaft. Win-Win-Situation." Seelenruhig holt er eine Tüte Nüsse aus seiner Jackentasche, öffnet sie und hält sie mir entgegen. „Möchtest du?"

„Wechsel jetzt bitte nicht das Thema!" Ich verschränke die Arme vor der Brust und mustere ihn misstrauisch. „Wie kommst du überhaupt auf die Idee, dass ich mit dir mitfahre? Ich kenne dich nicht. Vielleicht bist du ein Serienmörder oder ein Psychopath."

Er lacht laut auf. „Ein Mörder? Also wirklich, du hast zu viele True-Crime-Dokus gesehen."

„Oder zu viele Nachrichten gelesen."

„Du solltest nicht alles so ernst nehmen." Er wirft sich eine Handvoll Nüsse in den Mund und grinst. „Aber wenn es dich beruhigt – ich verspreche dir, dass ich dich nicht umbringen werde."

„Beweis es mir."

Er hebt eine Augenbraue. „Wenn ich einer wäre, hätte ich dich doch längst erledigt, oder?"

Ich presse die Lippen zusammen. Darauf habe ich keine schlagfertige Antwort. Also wende ich mich wieder meinem Buch zu und ignoriere ihn. Zufrieden lehnt er sich zurück, steckt sich seine Kopfhörer in die Ohren und scrollt auf seinem Handy herum.

Den restlichen Flug verbringen wir schweigend nebeneinander. Und ehrlich gesagt – ich bin erleichtert darüber.

Fünf Stunden später setzt das Flugzeug endlich in Boston auf. Mein Rücken schmerzt vom langen Sitzen, und ich sehne mich nach Bewegung. Als wir gemeinsam zur Gepäckausgabe trotten, verlieren wir kein weiteres Wort. Die Stille zwischen uns ist fast schon angenehm.

Am Ausgang des Flughafens steuere ich direkt die Haltestelle für die Shuttlebusse an. Mein Bus fährt in zehn Minuten. Perfekt. Ich will gerade einsteigen, als eine Hand sich um mein Handgelenk schließt und mich zurückzieht.

„Vergisst du nicht etwas?" Julians Stimme klingt amüsiert.

Verwirrt blicke ich ihn an. „Was denn?"

„Dass du bei mir mitfährst."

Ich schüttle den Kopf. „Ich bin nicht so naiv, dass ich einfach zu einem wildfremden Kerl ins Auto steige."

Er verdreht die Augen. „Glaub mir, ich bin harmlos. Und hey, du kannst mich jederzeit aus dem fahrenden Auto werfen, wenn ich mich als Axtmörder entpuppen sollte."

Ich zögere. Er sieht nicht gerade wie ein Verbrecher aus. Eher wie der Typ, der mit einem charmanten Lächeln Leute um den Finger wickelt. Und ehrlich gesagt, wäre es ganz angenehm, die Fahrt nicht in einem überfüllten Shuttlebus zu verbringen.

„Na schön", sage ich schließlich. „Aber wenn du versuchst, mich umzubringen, rufe ich die Polizei."

Ein zufriedenes Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus. „Deal."

Wenig später sitze ich in seinem Auto, immer noch etwas angespannt, aber auch neugierig. Während er das Radio einschaltet und die Adresse ins Navi eingibt, frage ich: „Wie heißt du eigentlich?"

„Julian Quinn. Und du?"

„Thalia Newton."

„Und was rufen dich deine Eltern, wenn du Mist baust?"

Ich schnaube belustigt. „Echt jetzt? Das ist deine Frage?"

Er nickt grinsend. „Hey, manche haben ja diesen typischen vollen Namen-Ding, wenn's ernst wird."

„Sorry, dich enttäuschen zu müssen, aber ich hab keinen zweiten Vornamen."

„Schade."

Ich beobachte ihn aus dem Augenwinkel. „Warum habe ich dich bisher noch nie gesehen?"

„War auf einem Internat in England. Danach direkt zur Uni. Ich besuche meine Eltern nur selten."

„Und wenn du nicht studierst?"

„Ich reise. Meistens durch Europa. Geschichte und Kultur interessieren mich."

„Klingt spannend." Ich nicke anerkennend. „Ich würde auch gern ins Ausland gehen. Schottland oder England. Vielleicht für ein Jahr nach dem Studium."

„Gute Wahl. Die Bibliotheken dort sind der Wahnsinn."

Die Fahrt vergeht überraschend schnell. Als wir den Harvard-Campus erreichen, herrscht reger Betrieb. Überall laufen Erstsemester mit ihren Koffern herum, Autos quetschen sich durch die engen Straßen. Julian findet schließlich einen Parkplatz und stellt den Motor ab.

„Willkommen in Harvard." Er steigt

Julian steigt aus und öffnet den Kofferraum. Ich tue es ihm gleich und nehme ihm mein Gepäck aus der Hand.

„Danke fürs Fahren."

„Keine Ursache. Danke fürs Vertrauen." Sein Grinsen ist lässig, als hätte er gewusst, dass ich irgendwann nachgebe.

„Bleibst du nicht hier?" frage ich, während ich mir meinen Rucksack über die Schulter werfe.

Er schüttelt den Kopf und lehnt sich kurz gegen den Wagen. „Nein. Meine Studentenverbindungszeit ist vorbei. Ich habe eine kleine Wohnung in der Nähe."

„Oh." Ich trete einen Schritt zurück. „Na dann ... will ich dich nicht länger aufhalten."

Er betrachtet mich für einen Moment, dann huscht ein selbstsicheres Lächeln über seine Lippen. „Ich bin mir sicher, dass wir uns wiedersehen, Thalia."

Er zwinkert, steigt ins Auto und fährt davon.

Ich sehe ihm noch nach, bis das Auto in der Menge verschwindet. Dann atme ich tief durch und lasse meinen Blick über den Campus schweifen. Die roten Backsteinbauten mit ihren imposanten Fenstern und den gepflegten Grünflächen wirken gleichzeitig einladend und ehrfurchtgebietend. Ich kann es kaum fassen – ich stehe endlich hier. Harvard. Mein Traum. Meine Zukunft.

Ein leises Räuspern neben mir lässt mich zusammenzucken.

„Hey, du bist neu hier, richtig?"

Eine junge Frau, vielleicht Mitte zwanzig, steht vor mir. Sie trägt ein rotes Shirt mit dem Harvard-Logo und hält ein Klemmbrett in der Hand.

Ich nicke. „Ähm... ja."

Sie schenkt mir ein freundliches Lächeln. „Dann heiße ich dich offiziell auf dem Campus willkommen. Wie lautet dein Name?"

„Newton, Thalia."

Sie fährt mit dem Finger die Liste entlang, bis sie meinen Namen findet, dann setzt sie mit einem zufriedenen Nicken einen Haken. „Da bist du. Thalia Newton, Raum 101."

Sie reicht mir einen Schlüsselbund. „Dein Wohnheim ist gleich rechts um die Ecke, Gebäude Nummer 10. Einfach den Weg entlang, du kannst es nicht verfehlen."

Ich bedanke mich und mache mich auf den Weg, doch bevor ich mich ganz entferne, ruft sie mir noch nach: „Ach, brauchst du Hilfe mit deinem Gepäck?"

Ich schüttle den Kopf. „Nein, danke. Ich schaffe das schon."

Sie nickt wissend. „Dann viel Erfolg für dein erstes Semester!"

Mit einem leichten Winken verabschiede ich mich und quetsche mich durch die Menge an Studenten, die hektisch ihre Koffer hinter sich herziehen oder mit neugierigen Blicken ihre neue Umgebung erkunden. Harvard lebt. Und jetzt bin ich ein Teil davon.

Nach einem anstrengenden Marsch durch die Gänge meines neuen Wohnheims stehe ich endlich vor meiner Tür. Raum 101. Mein neues Zuhause. Ich drehe den Schlüssel im Schloss, drücke die Tür auf – und bleibe stehen.

Zwei Betten. Zwei Schreibtische. Zwei kleine Kommoden.

Mein Herz setzt einen Schlag aus.

Ich bin nicht allein.

Ich habe eine Mitbewohnerin. 

Enchanted by youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt