KAPITEL 58

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Der Aufprall auf die Wasseroberfläche ist wie ein Schock, doch die Kälte weicht schneller als erwartet. Instinktiv halte ich die Luft an, während ich mich orientiere. Das Meer erstreckt sich endlos um mich herum, kristallklar und tief. Ich kann weiter sehen, als ich es jemals für möglich gehalten hätte.

Kian schwebt vor mir und tippt mit seinem Finger sanft gegen meine Kette. Sein Blick fordert mich heraus. Erst nach ein paar Sekunden verstehe ich, was er meint. Ich kann unter Wasser atmen.

Zögerlich öffne ich den Mund – mein Herz hämmert. Ich erwarte, dass Wasser meine Lungen füllt, dass Panik mich überkommt. Doch stattdessen fließt Luft in meinen Körper, als wäre es das Normalste auf der Welt.

"Das ist unglaublich!" Meine eigene Stimme klingt verzerrt im Wasser, fast melodisch.

Kian lacht leise. „So habe ich auch reagiert."

Ich kann nicht anders, als ihn einen Moment zu beobachten. Sein Haar schwebt schwerelos um sein Gesicht, und das Licht des Wassers reflektiert in seinen Augen. Ich erwische mich dabei, wie ich ihn länger ansehe, als nötig.

"Was machen wir jetzt?" frage ich schnell, um mich abzulenken.

"Wir warten auf einen der Diener der Königin."

Ich sehe mich um. Die Welt unter der Oberfläche ist magisch, fremdartig und doch wunderschön. Ich kann immer noch nicht fassen, dass ich hier bin.

Plötzlich erregt eine Bewegung in der Ferne meine Aufmerksamkeit. Jemand schwimmt auf uns zu – begleitet von zwei Delfinen. Es ist ein Meermann. Seine weißen Haare sind nach hinten gegelt, sein muskulöser Oberkörper mit goldenen und muschelbesetzten Ketten geschmückt. Seine Schwanzflosse schimmert in tiefem Blau.

Fasziniert starre ich ihn an, bis mir auffällt, dass es unhöflich sein könnte. Schnell wende ich den Blick ab, doch Kian hat es bemerkt. Ich sehe sein verstecktes Lächeln.

Der Meermann nickt Kian kurz zu, bevor er sich umdreht und davonschwimmt. Die Delfine gleiten an unsere Seiten. Ich beobachte, wie Kian sich an einem der Tiere festhält. Zögerlich tue ich es ihm gleich. Kaum habe ich mich an den glatten Rücken geklammert, setzt sich der Delfin in Bewegung und zieht mich tiefer in die blauen Weiten des Ozeans.

Je weiter wir tauchen, desto farbenfroher wird die Umgebung. Korallen leuchten in den schönsten Farben, Fische in Schwärmen gleiten zwischen den Felsformationen hindurch. Eine Schildkröte schwimmt gemächlich an uns vorbei, als würde sie uns grüßen.

Dann sehe ich es. Ein Schloss.

Nicht irgendeines – ein Palast aus Muscheln, der in der Dunkelheit des Ozeans erstrahlt. Um ihn herum erstreckt sich eine Stadt, mit Häusern, die sich wie Terrassen aneinanderreihen. Zwischen ihnen schlängeln sich Wege aus schillernden Korallen.

Ich bin sprachlos.

Meerjungfrauen tauchen aus verborgenen Winkeln auf, ihre neugierigen Blicke auf mich gerichtet. Sie sind noch schöner als in den Sagen und Legenden, die ich kenne. Ihre Haare schimmern in sanften Farben, ihre Kleidung besteht aus kunstvoll geflochtenem Seegras und Muscheln.

"Sie scheinen nicht oft Menschen zu sehen", murmle ich.

"Du bist eine Seltenheit hier unten", erwidert Kian mit einem Schmunzeln.

Plötzlich ertönt eine melodiöse Musik. Diener blasen in große Muscheln – eine Ankündigung. Die Menge verstummt.

Dann tritt sie hervor. Die Königin.

Meine Atmung setzt für einen Moment aus. Sie ist atemberaubend. Ihre schmale Gestalt scheint von einem sanften Leuchten umhüllt zu sein. Ihr Haar, schneeweiß, kunstvoll hochgesteckt, trägt eine Krone aus Muscheln. Ihre gelben Augen strahlen eine uralte Weisheit aus.

Kian verbeugt sich, und ich folge seinem Beispiel.

"Erhebe dich, Königssohn", erklingt ihre melodische Stimme.

Ich spüre plötzlich eine sanfte Berührung auf meinen Schultern.

"Auch du, Thalia."

Ich hebe den Kopf und blicke sie verwirrt an. „Woher kennt Ihr meinen Namen, Majestät?"

"Das Orakel kennt mehr, als du ahnst", sagt sie mit einem Lächeln. "Du spielst eine wichtige Rolle in dem, was kommen wird."

Eine Kälte breitet sich in mir aus. „Was meint Ihr damit?"

„Die Dunkelheit hat längst begonnen, sich auszubreiten. Schneller, als ihr denkt. Sie sitzt im Herzen eures Königreichs. Und du, Kind der Erde, wirst den Schlüssel zum Wandel in den Händen halten."

Mein Herz rast.

"Was bedeutet das?" drängt Kian.

„Du wirst es noch erfahren", antwortet die Königin nur.

Dann wendet sie sich erneut an ihn. „Was führt dich hierher, Königssohn?"

„Königin Marina, wir brauchen eure Hilfe." Zum ersten Mal klingt Kians Stimme unsicher. "Es geschehen seltsame Dinge im Palast. Die Menschen werden misstrauisch, Freunde wenden sich gegeneinander. Einer meiner besten Männer hat dies auf seinen Reisen bestätigt."

Fynn.

Jetzt verstehe ich, warum er so lange fort war.

Königin Marina sieht Kian mit ernster Miene an. „Kommt mit mir ins Schloss. Ich möchte meine Untertanen nicht beunruhigen."

Wir folgen ihr durch hohe Muscheltore in eine prächtige Halle.

Kian spricht weiter, diesmal leiser, aber mit Nachdruck. „Ich weiß, dass sich eine Bedrohung ausbreitet. Ich spüre es in jeder Ecke des Königreichs. Wie können wir sie aufhalten?"

Die Königin seufzt. „Es ist bereits zu spät, mein Prinz. Die Gefahr ist mitten unter euch. Sie webt ihre Netze aus Lügen und benutzt einen Unschuldigen, um das Königreich nach ihrem Willen zu formen."

Ein Name blitzt in meinem Kopf auf. Lady Arwen. Die verführerische Schlange.

Ich wusste es. Sie benutzt Aiden, um an den Thron zu kommen. Sie hat ihn mit ihrem Zaubertrank gebunden – er merkt es nicht einmal. Ich muss ihn retten. Egal wie sehr meine eigenen Gefühle gegenüber ihn langsam anfangen zu bröckeln. 

Ein Blick zu Kian zeigt mir, dass er dasselbe denkt. Seine Hände sind zu Fäusten geballt, sein Kiefer angespannt. Ich spüre eine plötzliche Wärme in meiner Brust.

Er kämpft für sein Volk. Er kämpft für seine Familie. Und er ist hier mit mir.

Kian ist derjenige, der mich herausfordert. Der mir neue Möglichkeiten zeigt. Der mich sieht. Mein Herz klopft schneller. Ich kann mich doch nicht in Kian verlieben? Er ist Aidens Bruder. Ich liebe doch Aiden, oder sind meine Gefühle nicht mehr so stark wie sie einmal waren?




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