KAPITEL 52

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Den gesamten Vormittag über unterrichtet mich Kian im richtigen Umgang mit dem Schwert. Ich bin ihm dankbar dafür – es lenkt mich von meinen anderen Problemen ab. Mit jedem Schlag, jedem Hieb, kann ich meine Wut abbauen – auf Lady Arwen, auf Aiden, auf die ganze Situation.

„Du wirst besser", sagt Kian atemlos, als wir eine kurze Pause machen. „Wenn du so weitertrainierst, kann ich dir bald ein richtiges Schwert anvertrauen."

„Du bist aber optimistisch." Ich versuche zu lachen, doch mir fehlt die Puste. „Das Training wird langsam zu anstrengend."

„Gibst du etwa schon auf?"

Ich versuche, ihn anzugreifen, doch mein Arm ist schwer wie Blei. Mein Schlag geht ins Leere, und ich stolpere leicht nach vorn. „Ich brauche eine Pause", keuche ich. Fast im selben Moment knurrt mein Magen. „Und etwas zu essen."

Kian schüttelt amüsiert den Kopf. „Kein Wunder, du hast heute noch nichts gefrühstückt. Warte hier, ich bringe uns eine Kleinigkeit."

Während er verschwindet, lasse ich mich rücklings auf den Boden fallen und versuche, meine Atmung zu regulieren. In Filmen sieht das Kämpfen immer so mühelos aus, aber jetzt verstehe ich, dass es nichts als Illusion ist. In Wahrheit ist es harte Arbeit, die den ganzen Körper fordert.

Ich schließe die Augen und genieße das Gefühl der Erleichterung. All der Zorn, die Eifersucht, die mich belastet haben, sind verschwunden. Zum ersten Mal seit Langem fühle ich mich wieder wie ich selbst – ruhig, ausgeglichen.

Ein Rütteln an meinem Arm reißt mich aus meinen Gedanken. Ich knurre leise und kneife die Augen zusammen.

Ein Lachen ertönt. „Steh auf", sagt Kian.

Langsam öffne ich die Augen und blinzele zu ihm hoch. In seinen Händen trägt er zwei Teller.

Sofort springe ich auf und schnappe mir einen davon. „Danke." Ohne zu zögern, beiße ich in ein dick mit Aufstrich belegtes Brot.

Kian schüttelt den Kopf und isst selbst in aller Ruhe.

„Das tut so gut", seufze ich und lecke mir unbewusst über die Lippen, um den Rest des Aufstrichs zu erwischen.

„Kein Wunder, wenn du den ganzen Tag noch nichts gegessen hast."

Ich kaue zu Ende und sehe ihn dann neugierig an. „Was genau ist eigentlich das Götterfest?"

Kian hebt den Blick. „Oh, stimmt, du kennst es noch nicht. Hm, wie erkläre ich das am besten?"

„Am Anfang", schlage ich grinsend vor.

Er verzieht gespielt genervt das Gesicht. „Sehr witzig." Dann wird er ernster. „Also, unser Volk verehrt eine Gottheit – Andastra. Zu ihren Ehren haben wir unser Königreich nach ihr benannt. Jedes Jahr pilgern wir zu einer bestimmten Stelle, an der einer meiner Vorfahren sie angeblich gesehen haben soll. Dort steht heute eine Statue von ihr. Wir bringen ihr Opfergaben dar und beten. Manche haben eine sehr enge Verbindung zu ihr. Die Legende besagt, dass sie dir zuhört und deine Wünsche erfüllt, wenn du aufrichtig an sie glaubst."

„Das klingt faszinierend." Ich rücke näher. „Hast du sie schon einmal gesehen?"

„Nicht direkt." Kian überlegt kurz, dann erzählt er: „Aber es gibt eine Begebenheit, an die ich mich immer erinnere. Wir waren im Wald auf der Jagd, als plötzlich ein Bär vor mir stand. Doch er war anders – größer, majestätischer. Ich sollte Angst haben, aber seine großen braunen Augen haben mich beruhigt. Ich glaube bis heute, dass es ein Schutzpatron Andastras war."

„Du denkst, sie hat dich beschützt?"

Er nickt. „Ja."

„Und wann genau findet das Fest statt?"

„In ein paar Tagen."

„Ich bin gespannt, wie es wird."

Kian lehnt sich näher zu mir. „Es wird dir gefallen. Und danach könnten wir ins Dorf gehen. Die Bauern und Kaufleute feiern das Fest auf ihre eigene Art."

Meine Augen leuchten auf. „Wirklich? Du würdest mich mitnehmen?"

„Natürlich! Ich gehe jedes Jahr dorthin. Es macht viel mehr Spaß als die königliche Zeremonie." Er lacht. „Bei uns ist alles so steif und emotionslos. Im Dorf hingegen ist es ein richtiges Fest – mit Musik, Tanz und echtem Lachen."

„Es ist schön zu sehen, wie sehr du dich mit dem Volk identifizierst." Ich mustere ihn. „War Aiden eigentlich jemals dabei?"

„Leider nicht." Kian seufzt. „Er ist nach der Zeremonie meistens mit Fynn jagen gegangen oder hat trainiert."

„Aber er wird doch bald König. Sollte er nicht die Nähe seines Volkes suchen?"

„Das denke ich auch. Die Leute mögen ihn, und sie hoffen, dass er ein besserer König wird als unser Vater. Der hält nämlich lieber Abstand. Aiden hingegen studiert Bücher und sucht Strategien, um das Volk bestmöglich zu führen."

„Du findest, er sollte sich das Wissen lieber direkt von den Menschen holen?"

„Genau. Würde er sie kennenlernen, wüsste er, was sie wirklich bewegt. Dann könnte er die Bücher beiseitelegen."

Ich mustere Kian nachdenklich. „Du kennst das Volk am besten. Wäre es nicht besser, wenn du König wärst?"

Er atmet aus und lehnt sich zurück. „Vielleicht, aber... die Ferne zieht mich oft fort vom Schloss. Ich könnte nicht ständig hier sein. Aiden ist schon der Richtige für den Thron."

Ich schmunzle. „Ich wünschte, ich hätte einen Bruder wie dich." Ohne nachzudenken, lehne ich mich an ihn. „Einzelkind zu sein war nicht immer einfach."

Kian schweigt einen Moment, dann sagt er leise: „Es war auch nicht immer leicht, nur mit meinem Vater zu sein. Er hatte kaum Zeit für mich. Aber immerhin war er froh, dass ich ein Junge war – die Thronfolge war gesichert. Ob ich das überhaupt wollte, spielte keine Rolle."

Ich spüre, wie er seinen Kopf auf meinen legt.

„Als Aiden geboren wurde, hatte ich endlich jemanden zum Spielen. Die Tage wurden spannender. Schon als Kind war ich abenteuerlustig, wollte neue Orte erkunden. Da wusste ich: Der Thron würde mich nur fesseln."

Ich wage es kaum, die nächste Frage zu stellen. „Wie war eure Mutter?"

Kian schweigt einen Moment, doch dann lächelt er. „Sie war einzigartig. Wunderschön, anmutig – und immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie hat es geliebt, Zeit mit dem Volk zu verbringen. Die Menschen haben sie vergöttert."

Sein Blick wird weicher.

„Sie hätte dich gemocht", sagt er schließlich leise.



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