KAPITEL 29

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Erschöpft öffne ich die Tür zu unserem Zimmer und lasse meinen Koffer achtlos stehen. Mein Körper fühlt sich schwer an, meine Beine brennen von der langen Reise. Mit einem tiefen Seufzen werfe ich mich aufs Bett, ohne mich darum zu kümmern, dass meine Kleidung zerknittert wird oder meine Schuhe die Bettdecke schmutzig machen.

„Endlich im Bett", murmle ich in mein Kissen.

Ich bin so erschöpft, dass ich vermutlich einen ganzen Tag durchschlafen könnte – selbst eine Sirene würde mich jetzt nicht mehr wecken. Die Rückreise war anstrengender als erwartet. Die Verabschiedung allein hat mich emotional ausgelaugt. Meine Mutter wollte uns kaum gehen lassen – besonders Aiden nicht. Sie hat ihn in ihr Herz geschlossen, und obwohl sie uns beim Küssen erwischt hat, hat sie sich kein einziges Mal negativ dazu geäußert.

Doch genau dieser Kuss steht immer noch zwischen uns. Wir haben nie darüber gesprochen, haben uns verhalten, als wäre er nie passiert. Und obwohl ich seit meinem College-Beginn selbstbewusster geworden bin, fällt es mir immer noch schwer, meine Gefühle auszudrücken – vor allem, wenn es um Aiden geht.

Ich weiß, dass ich das Thema ansprechen muss. Sonst werde ich noch wahnsinnig. Aber wann ist der richtige Moment?

Aiden schließt vorsichtig die Tür und stellt seine Tasche neben sein Bett. Mit der selben Eleganz, die ihn bei jeder seiner Bewegungen begleitet, lässt er sich auf die Matratze sinken. Wieder einmal bin ich fasziniert davon, wie mühelos und anmutig er sich bewegt. Im Gegensatz zu mir.

„Ich könnte sofort einschlafen", murmele ich, während ich an die Decke starre.

„Wirklich? Es ist erst früher Nachmittag", erwidert Aiden belustigt.

„Wie kann es sein, dass ich hundemüde bin und du putzmunter?" frage ich und drehe den Kopf zu ihm.

„Für mich war es eine aufregende Reise. Du bist schon oft gereist, für dich ist es zur Routine geworden – ob mit dem Bus oder dem Flugzeug. Aber ich habe so etwas noch nie erlebt. Alles war neu, alles war faszinierend. Und das war anstrengend, aber auf eine andere Art", erklärt er, während er tief durchatmet.

Ich brumme zustimmend, lasse mich tiefer in meine Kissen sinken.

Dann kehrt Stille ein.

Eine angenehme, fast vertraute Stille. Das einzige Geräusch ist das leise Rascheln der Bettlaken, wenn sich einer von uns bewegt. Meine Augenlider werden schwer, und ich bin kurz davor, ins Reich der Träume zu gleiten, als Aidens Stimme mich wieder ins Hier und Jetzt zurückholt.

„Willst du auf ein Abenteuer gehen?"

Schlagartig reiße ich die Augen auf und richte mich auf.

„Wie meinst du das?" frage ich neugierig.

Er dreht sich zu mir um, ein leichtes Lächeln spielt auf seinen Lippen.

„Ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich dir meine Welt zeige."

Mein Mund klappt auf, aber Worte bleiben aus. Habe ich richtig gehört? Meint er etwa...?

Er nickt.

„Du meinst wirklich... Andastra?" Mein Herz schlägt schneller.

Aiden steht auf, streckt sich und geht zu seinem Schreibtisch. Dort nimmt er das Buch in die Hand, mit dem alles begann, und reicht es mir.

„Ganz einfach. Wir wünschen es uns."

Ungläubig starre ich das Buch an. Vom Cover zu Aiden und wieder zurück.

„Das funktioniert doch nicht", murmele ich.

Enchanted by youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt