KAPITEL 44

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„In den Park!", ruft Alenja und zieht mich mit sich.

Kandra stellt sich uns in den Weg, ihre Arme vor der Brust verschränkt. „Was habt ihr vor?"

Ich versuche so unschuldig wie möglich zu klingen. „Nichts weiter."

„Sicher?" Kandra hebt skeptisch eine Braue.

„Ich habe ihr nur das Turnier schmackhaft gemacht", gestehe ich grinsend.

Kandra seufzt, schüttelt den Kopf und folgt uns schließlich in den Schlossgarten. Als wir ankommen, ist dort bereits eine große Menge versammelt. Menschen drängen sich an die hölzernen Absperrungen, recken ihre Hälse, um einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen.

„Was ist hier los?", frage ich.

„Keine Ahnung", murmelt Kandra.

Neugierig drängen wir uns nach vorn – und was ich sehe, überrascht mich kaum. Aiden und Kian stehen sich kampfbereit gegenüber, ihre Schwerter erhoben, die Körper angespannt. Sie bewegen sich wie zwei Tänzer, jeder Schritt perfekt abgestimmt. Aiden greift an, sein Schwert gleitet blitzschnell nach vorn, doch Kian pariert geschickt. Dann weicht Aiden zur Seite aus, und bevor Kian reagieren kann, stolpert er und landet unsanft im Staub.

Ein Raunen geht durch die Menge. Aiden grinst triumphierend, verbeugt sich und genießt den Jubel – bis Kian ihn mit einem geschickten Griff an den Beinen zu Boden reißt. Einen Moment später liegen beide Brüder lachend im Dreck, während das Publikum johlt.

Doch das Lachen verstummt abrupt, als eine tiefe, herrische Stimme über den Platz donnert.

„Was geht hier vor sich?"

Alle Augen richten sich auf den König, der mit verschränkten Armen dasteht. Die Menge teilt sich ehrfürchtig.

Aiden und Kian springen hastig auf, verbeugen sich.

„Vater, es ist nicht das, wonach es aussieht", beginnt Aiden.

Der König mustert seine beiden Söhne und hebt eine Braue. „Ach nein? Und wonach sollte es dann aussehen?"

„Wir haben lediglich trainiert", erklärt Kian schnell.

„Trainiert? So nennt ihr das also." Der König schüttelt den Kopf. „Nun gut. Wer hat gewonnen?"

„Es war unentschieden", mischt sich Alenja ein.

Nach einem Moment des Schweigens atmet der König aus. „Genug der Spielereien. Das Fest beginnt bald. Geht und macht euch ansehnlich."

Er dreht sich um und verschwindet, und kaum ist er außer Sichtweite, brechen wir in schallendes Gelächter aus.

„Ihr seid wie zwei Kinder!", rufe ich und halte mir den Bauch vor Lachen.

„Ach ja?" Aiden tritt grinsend auf mich zu. „Dann hast du sicher nichts gegen eine Umarmung von einem dieser ‚Kinder'."

„Nicht dein Ernst—" Doch bevor ich fliehen kann, schließt er mich in die Arme, sein Gesicht nah an meinem.

Ich spüre die Wärme seiner Haut, sein Atem streift meine Wange. Dann höre ich Alenja aufschreien. Ich drehe mich um – und sehe, dass Kian sie ebenfalls mit Dreck eingeschmiert hat.

„Thalia! Du bist ja noch viel zu sauber!", ruft Kian und grinst verschlagen.

„Wag es nicht!", warne ich, doch er stürmt bereits auf mich zu.

Ich renne los, weiche ihm aus, doch er ist schneller. Ein Moment später hat er mich erwischt, seine Arme um mich geschlungen.

„Ich ergebe mich!", lache ich atemlos.

Er löst den Griff, sein Gesicht nur eine Handbreit von meinem entfernt. Es wirkt fast so, als wolle er mich küssen – und mein Herz setzt einen Schlag aus.

„KIAN!", rufe ich aus und trete einen Schritt zurück.

„Jetzt kann ich zufrieden sterben", sagt er und grinst, bevor er sich zurücklehnt.

„Oh nein, mein Lieber", murmle ich. „Jetzt bist du dran."

Ich hechte nach seinem Schwert, doch er fängt meine Hand ab.

„Nicht so schnell", sagt er schmunzelnd. „Ich habe dich nur gewarnt."

Ich seufze. „Schon gut. Ich ergebe mich."

Er legt einen Arm um meine Schultern. „Dann los, zieh dir was Schönes an."

Eine Stunde später stehen wir alle frisch gewaschen und in neue Gewänder gehüllt vor dem König.

Ich frage mich, warum ich hier bin. Sollte das eine Standpauke werden? Wenn ja, warum sind Alenja, Kandra und ich dabei?

„Ich habe euch hergerufen, um euch etwas mitzuteilen", beginnt der König. Er erhebt sich von seinem Thron, sein Blick ernst. „Das Turnier ist nicht nur ein Wettkampf. Es ist eine Gelegenheit. Es könnte sich hier die zukünftige Königin befinden – oder auch ein möglicher Prinz."

Aiden strafft sich, sieht zu Kian, doch dieser hält sich aus der Sache heraus.

„Er meint dich", murmelt Kian schließlich.

„Vater!", setzt Aiden an, doch der König hebt eine Hand.

„Ich sage nur, dass du vielleicht deiner zukünftigen Braut begegnest."

Mir wird schlagartig schlecht. Natürlich. Aiden ist ein Prinz. Er braucht eine Adelige an seiner Seite. Eine Frau, die das Volk akzeptiert. Einen Erben für die Krone.

Ich gehöre nicht hierher. So wie er nicht in meine Welt gehört.

Aiden öffnet den Mund, um zu protestieren, doch sein Blick fällt auf Alenja. „Und du?", fragt er schließlich.

„Ich kenne mein Schicksal", antwortet sie ruhig.

„Aber du bist doch unsere kleine Schwester." Aiden klingt verzweifelt. „Du kannst nicht einfach fortgegeben werden."

„Irgendwann muss jeder seinen Weg gehen", sagt sie leise.

„Nimm dir ein Beispiel an ihr", rät der König seinem Sohn. „Sie zeigt Reife. Das erwarte ich auch von dir."

Dann fällt sein Blick auf mich.

„Thalia." Seine Stimme ist kühl. „Ich erwarte, dass Sie sich zurückhalten. Aiden darf sich nicht zu sehr an Ihre Anwesenheit gewöhnen. Sie sind hier nur Gast. Seien Sie sich dessen stets bewusst."

Seine Worte schneiden tief.

Aber ich nicke.

„Ja, Majestät. Ich weiß, wo mein Platz ist."







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