A drunk tounge is an honest one

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Der Abend verlief ruhig. Mina saß am Esstisch, lud die geknipsten Fotos vom Tag auf ihren Laptop, während ich etwas lustlos durch das Fernsehprogramm zappte. Das Gespräch mit Alex, wenn man das denn so nennen konnte, hing mir noch nach. Ich verstand, dass er sauer war, aber hoffte trotzdem, dass er ein wenig Verständnis für meine Situation hatte. Er hatte recht. Ich hatte Sophia irgendwie im Ungewissen gelassen. Das wusste ich auch und ich tat das nicht gern, aber ich wollte das hier nicht einfach aufgeben, solange ich mir meiner Gefühle nicht sicher war. Ja, es wäre sicher schmerzfreier gewesen das Pflaster einfach schnell abzuziehen. „Das war's. Ich will nicht mehr." Aber das hätte nicht der Wahrheit entsprochen. Vielleicht würde es Sinn machen, wenn wir uns in absehbarer Zeit treffen würden. Vielleicht einen Kaffee trinken oder etwas Essen gehen. Nur um zu sehen, wie die Situation zwischen uns war. Vielleicht wusste auch ich dann mehr. Ich wusste, dass ich zu mehr derzeit nicht in der Lage war, aber ich wollte sie auch nicht ausschließen. Genau das war nicht mein Plan gewesen. Auf der einen Seite fehlte sie mir. Ihre Nähe. Ihr Lachen. Die Tatsache, dass jemand in meinen Kopf gucken konnte. Auf der anderen Seite befand ich mich gerade in einem Zustand, in dem ich gar niemanden in mein Innerstes blicken lassen wollte. Den Anblick ertrug ich derzeit ja selbst nicht.
Ich gab es auf zu versuchen mich auf den Fernseher zu konzentrieren und verkündete Mina, dass ich müde war und ins Bett gehen würde. Sie grinste nur, wünschte mir eine gute Nacht und widmete sich wieder ihren Bildern.
Als ich mitten in der Nacht aufwachte, fand ich Mina nicht in meinem Bett. Als hätte sie ein Gespür dafür, hatte sie mir meine Privatsphäre gelassen. Heute war es okay für mich allein zu sein. Ich drehte mich wieder um und schlief weiter.
Nach einem späten Frühstück schlug Mina vor abends auszugehen.
„Ich will mal das Nachtleben sehen und du kannst auch ein paar Drinks vertragen, Mister."
Ich grinste schief und durchforstete mein Handy nach Locations, die einen lustigen Abend versprechen würden.
„Ist es okay, wenn ich frage welche von die boys, if they wanna join us?"
„Na klar." Lachte sie und trank einen großen Schluck ihres Kaffees.

Um 9 Uhr trafen wir uns mit Riku in der „Lilla E"- Bar, die in einem Hotel im Zentrum lag. Riku und Mina verstanden sich auf Anhieb und wir vernichteten die eine oder andere Flasche Rotwein. Ich hatte Riku Mina als eine Freundin vorgestellt, die ich aus Barcelona kannte und die hier war, um sich die Stadt anzusehen. Als Mina sich kurz entschuldigte und Richtung Damentoilette verschwand zog Riku eine Augenbraue hoch.
„Hapa? Was ist das hier?", fragte er auf Finnisch.
„Was meinst du?" gab ich zurück und nippte an meinem Rotwein.
„Du schleppst ne Braut aus dem Urlaub an und wenn ich es richtig verstanden habe, dann wohnt sie bei dir? Dir ist schon klar, dass ein Souvenir nie mehr als 10 Euro kosten sollte?"
Ich lachte und schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht. Ich mag sie. Sie bringt mich auf andere Gedanken."
„Was ist mit Sophia?"
„Nichts."
„Wie nichts? Der letzte Stand auf dem ich bin, ist der, dass du nach Spanien abgehauen bist, weil sie was mit Alex hatte, als ihr getrennt ward. Dann hört man eine halbe Ewigkeit nichts von dir, außer, dass du Urlaub machst und dann sehen wir uns wieder und du hast Mina im Schlepptau."
„Das ist ziemlich genau das, was passiert ist."
„Läuft da was zwischen euch?"
„Kann man so sagen."
„Meinst du, das ist ein guter Plan dich von einer zur nächsten zu hangeln?"
„Tu ich nicht. Das mit Mina ist nicht ernstes."
„Siehst sie das auch so."
„Ja. Wir verbringen nur Zeit miteinander und ich schlafe nicht allein. Das ist auch schon alles."
Riku schüttelte den Kopf.
„Was?", fragte ich, stellte mein Glas auf den Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bin erwachsen. Ich komme bestens klar."
„Wirkt nicht so auf mich. Wie willst du das erklären?"
„Wem will ich was erklären?"
„Sophia? Alex? Keine Ahnung."
„Da gibt es nichts zu erklären. Sophia und ich sind getrennt und Mina und ich haben nur etwas Spaß zusammen. Ich wüsste nicht, dass ich darüber bei irgendjemandem Rechenschaft ablegen müsste."
Riku sah mich ernst an.
„Alter, was ist los bei dir? Seit Sophia ihre Koffer gepackt hat und ausgezogen ist, bist du nicht mehr du selbst."
„Ich weiß. Das habe ich auch Sophia erklärt. Aber im Moment will ich genau das hier."
„Das hier?"
„Wein mit Freunden trinken, mich unterhalten und mir von der hübschen Blondine, die gerade vom Klo zurückkommt, das Hirn rausvögeln lassen, damit ich nicht darüber nachdenken muss, was um mich herum für ein Chaos herrscht."
Mina ließ sich lächelnd mir gegenüber auf den Stuhl fallen und ich ignorierte Rikus Blick. Es war mir egal, was er dachte. Eigentlich hätte ich gedacht, dass er erleichtert war. War er ja auch einer von denen gewesen, die den ganzen Sommer an meiner Laune herumgemeckert hatten. Jetzt war meine Laune besser und ich lenkte mich ab. Das war Herrn Rajamaa auch nicht recht. Dabei hatte ich extra ihn gefragt, ob er mitkommen wollte, weil ich gedacht hatte, dass er nicht so bohren würde, wie Sami es gern tat. Der hätte mich genauso strafend und fassungslos angeguckt wie Riku es nun tat und darauf konnte ich eigentlich verzichten.
„Was machen wir noch?", fragte Mina fröhlich und strich ihre langen Haare zurück. „Wo ist was los?"
„Tavastia?", fragte Riku und blickte immer noch etwas unüberzeugt aus der Wäsche.
„Ja. Okay. Let's go."

Eine halbe Stunde später Bestellte Mina uns Drinks an der Bar des "Tavastia" Clubs. Auf der Bühne spielte ein Rockband, die ich nicht kannte, aber es hörte sich ganz passabel an. Riku lehnte am Tresen, wippte mit dem Fuß und wir blickten auf die zappelnde Menge vor uns. Mina gefiel es und sie tänzelte fröhlich neben mit her. Ich musste grinsen und sie zwinkerte mir zu. Das Gespräch mit Riku war wieder in die Ferne gerückt und ich war froh, dass er sich normal verhielt. Gerade trank ich einen Schluck von meinem Wein, als eine kleine Gruppe Menschen aus der Menge taumelte und lachend ein paar Meter neben mir am Tresen stoppte. Ich erkannte Joonas, der umringt von ein paar anderen Leuten Getränke bestellte. Er legte den Arm um ein brünettes Mädchen, reichte jedem einen Drink und stieß mit ihr an. Der Kerl hatte mir ja heute noch gefehlt. Er konnte mich von Anfang an nicht leiden und wenn er etwas von dem aktuellen Debakel mitbekommen hatte, dann würde seine Abneigung nicht gerade kleiner werden. Ich kämpfte hier zwar nicht um Sympathien und es war mir eigentlich herzlich egal, was er von mir hielt. Trotzdem war es mir unangenehm, dass er Dinge von mir wusste oder mitbekommen hatte. Ich wusste rein gar nichts über ihn, außer, dass er Interesse an Sophia gezeigt hatte, mich nicht leiden konnte und in ihrem Studio arbeitete. Ich beobachtete die kleine Gruppe, die immer noch auf der Stelle tanzte und von denen einige relativ textsicher die Songs mitgröhlten. Das Grüppchen, das zum größten Teil aus Männern bestand, lichtete sich ein wenig und in der Mitte stand Sophia. Sie unterhielt sich angeregt mit einem der Kerle und lachte laut. Sie trug enge graue Jeans, schwarze Boots, ein weites schwarzes T-Shirt, dass eine Schulter freilegte und ihre blonden Haare fielen ihr in weichen Wellen über den Rücken. Irritiert sah ich weg, trank einen Schluck Wein und sah in Rikus Gesicht. Seinem Blick zufolge hatte er sie auch bereits erkannt und zuckte grinsend die Schultern, als würde er sagen: „Das haste nun davon." Ich schüttelte den Kopf, konnte mich aber nicht beherrschen nicht wieder zu ihr rüberzusehen. Der Kerl, der bei ihr stand, lehnte sich weiter vor und hatte eine Hand an ihre Hüfte gelegt. Sie wirkte nicht so, wie Alex sie beschrieben hatte. Unter einem Häufchen Elend hatte ich eine andere Vorstellung. Eigentlich wirkte sie sehr gelöst und lachte laut, als der Kerl etwas zu ihr sagte und sie ihre Hand an seine Schulter legte. Ihr Lachen verstummte allerdings, als sie zur Seite sah und ihr Blick auf mich fiel. Wie automatisch wich sie ein Stück von dem Mann weg und sah unsicher zu Boden. Von einer auf die nächste Sekunde wirkte es als hätte man das Licht, das eben noch so gestrahlt hatte, ausgeknipst. Sophia drehte sich zu ihrem Gesprächspartner, sagte etwas und kam langsam auf mich zu. Ich stieß mich vom Tresen ab, stellte meinen Wein auf das Holz und ging ihr ein Stück entgegen.
„Hey." Meinte sie wohl. Es war so leise, dass ich fast nichts verstand. Die Musik war laut und die Leute sangen aus voller Kehle mit.
„Hey." Sagte ich etwas lauter als gewollt. Ich wollte nicht, dass die Situation komisch war zwischen uns, aber sie war es. Natürlich war sie es. Wir wussten beide nicht, wo wir standen und auch ich war unsicher. Natürlich wollte ich ihr nicht im Weg stehen, aber sie mit einem anderen Kerl flirten zu sehen erhellte auch nicht unbedingt meine Stimmung. Wie egoistisch ich war. Ich nahm mir die Freiheit zu tun und zu lassen mit wem oder was ich wollte und tat mich schwer ihr dasselbe zu gönnen. Sie war frei. Sie konnte tun, was sie wollte. Ich hatte es so gewollt.
Wie zwei unsichere Kinder standen wir uns gegenüber und sahen uns an.
„Hey." Meinte sie nochmal und lächelte gezwungen. Ich überlegte nicht lange und zog sie in eine Umarmung. Ihre Hände legten sich an meinen unteren Rücken und ich schloss die Augen. Das fühlte sich immer noch gut an. Ich nahm ihr Parfüm war und vergaß einen Moment die Leute um uns herum. Ihre Haare kitzelten meine Hände und ich seufzte schwer, während Sophia stocksteif dastand.
„Wie geht's dir?", fragte ich und strich ihre Haare über die Schulter, als ich mich von ihr löste.
Sie zuckte die Schultern und sah mich ernst an.
„Wie soll's mir gehen?"
Die Situation war mir unangenehm und auf einen Schlag fühlte ich mich wie der letzte Arsch auf Gottes Erdboden. Was für eine bescheuerte Frage.
„Ich habe heute gedacht, dass we should meet. Maybe for a coffee or lunch. To talk."
Sie seufzte und drehte den Kopf weg. Erwartungsvoll sah ich zu ihr runter. Sie schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf.
„Ich denke erstmal nicht."
Mein Gesichtsausdruck wurde ernster.
„Ich meine, es ist okay, wenn wir uns hier sehen oder uns über den Weg laufen. Aber ich glaube gemeinsame Aktivitäten sind erstmal keine gute Idee. Ich muss mich ein wenig auf mich selbst konzentrieren und ich habe viel zu tun im Moment."
Ich nickte.
"Im Moment ist es besser, wenn wir uns nicht sehen."
Ich sah auf meine Schuhe und dann wieder auf Sophia. Sie knabberte nervös auf ihrer Unterlippe herum und sah traurig aus. Als würde sie das eigentlich nicht sagen wollen, aber ihr Kopf war stärker. Ich war der Letzte, der das nicht verstand. Sie guckte zur Seite und entdeckte Mina, die einen Schritt auf uns zukam.
„Du musst Sophia sein." Hörte ich ihre Stimme neben mir.
Sie streckte meiner Ex-Freundin fröhlich die Hand entgegen, die Sophia verwundert schüttelte.
„Ich bin Mina."
„Hallo." Meinte sie bittersüß lächelnd und sah mich irritiert an.
„Ich hab schon viel von dir gehört."
Sophia zog die Augenbrauen hoch und nickte.
„Ich habe deinen Namen noch nie gehört." Meinte sie und guckte fragend zwischen und beiden hin und her.
„Wir kennen uns aus Barcelona." Brummte ich. Mina hatte ich ganz vergessen und dass sie jetzt hier stand und Sophia in ein Gespräch verwickelte fand ich unangemessen. Nicht sie. Wie sollte ich sie denn vorstellen? „Das ist Mina. Nachdem es mir so schlecht ging, ist sie gerade so ziemlich die einzige, die ich in meiner Nähe ertrage. Sie schläft in deinem Bett und der Sex ist ziemlich gut."?
Sophia entdeckte Riku hinter Mina und winkte ihm freudig zu. Er hob lächelnd die Hand, blieb aber außerhalb der Schusslinie stehen. Er wusste warum.
„Ich glaube ich gehe mal wieder zu den anderen." Meinte Sophia, bestellte aber neben mir am Tresen noch ein Wasser.
„Ich hatte schon ein paar Drinks zu viel." Meinte sie entschuldigend.
„Wir auch. Wir haben ein bisschen viel Wein getrunken." Lächelte ich.
Mina war zu Riku rübergegangen und unterhielt sich mit ihm.
„Viel Spaß noch." Sagte Sophia und versuchte zu grinsen.
„Danke. Take care." Meinte ich und ließ sie gehen.
Jetzt den Abend mit ihr zu verbringen hätte sich falsch angefühlt und sie hatte vielleicht recht. Es war besser, wenn wir vorerst getrennte Wege gingen. Trotzdem fühlte ich mich hin- und hergerissen. Meine Erwartungen waren auch einfach falsch. Wir sollten uns zum Kaffee treffen? Und dann? Natürlich wollte ich rausfinden, was da noch war und ob es für mich reichte, aber in der Situation, in der wir uns befanden, war das doch dämlich. Ich wollte keine falschen Hoffnungen erwecken und ich wollte auch nicht, dass es so ablief wie bei unserem ersten Treffen in Helsinki an der Ostsee. Ich musste mich gedulden. Geduld. Auch nicht unbedingt eine meiner Stärken.
Ich drehte mich wieder zu Riku und Mina und sah sie strafend an.
„Bist du jetzt sauer? Ich wollte nur freundlich sein."
„Freundlich?" Ich sah sie finster an. " Hey, I'm the girl who's sleeping with you ex-boyfriend. Nice to meet you." Äffte ich sie mit hoher Stimme nach. „What the fuck, Mina."
"Let the drama begin." Meinte Riku trocken und drehte grinsend den Kopf zur Seite.
„Was du ihr erzählst und was nicht, ist deine Sache Samu. Soll ich einfach daneben stehen und sie ignorieren. Da wäre sie sich wohl auch blöd bei vorgekommen."
„Ich will nicht, dass sie denkt something wrong. I already thought, dass Alex hat ihr gesagt, dass wir waren in die Park and that I found eine neue girl."
Sie rollte die Augen.
„Danke Samu. Sehr charmant."
„What? Du weißt was ich meine."
„Ja, ich weiß was du meinst. Trotzdem musst du es nicht so sagen."
„I thought we are clear about this."
"Das sind wir. Trotzdem musst du es mir nicht so vor Augen halten. Wir sind auch Freunde oder sehe ich das falsch? Gerade klingt das anders."
„Nein. Wir sind friends. I'm sorry. Ich habe das nicht so gemeint."
Sie nickte und sah mich zerknirscht an.
„Du weißt, dass ich bin thankful, dass du bist hier."
Ich legte einen Arm um sie und küsste ihre Stirn.
„Alles good?"
Mina nickte und drückte mich an der Schulter weg.
„Dafür zahlst du die nächste Runde."
Ich lachte und bestellte neue Drinks für uns.

Trotz Sophias Anwesenheit lief der Abend für mich entspannt ab. Sie blieb bei ihrer Gruppe und ich bei meiner und ich war froh, dass Alex nicht da war. Früher oder später müsste ich die Sache mit Mina erklären müssen und dann würde es ihr entweder schon egal sein und sie würde es nicht verstehen und wäre verletzt. Alex hätte da nur noch mehr Gerüchte geschürt, hätte er uns hier gesehen. Und dieses Mal hätte Mina ihn vielleicht nicht aufhalten können.
Wir unterhielten uns gut und lachten viel. Das Konzert war mittlerweile zu Ende und ein DJ behelligte und mit Musik. Mina und Riku gingen tanzen und ich lehnte am Tresen und unterhielt mich mit Ahti, einem Freund aus Kindertagen, der mir ab und zu über den Weg lief. Als ich über seine Schulter sah, lief mir wieder Sophia ins Blickfeld. Sie tanzte mit dem Kerl, der vorhin schon bei ihr gestanden hatte und sie wirkte nicht mehr so, als wüsste sie wo oder was sie war. Ihre Haare hingen ihr ins Gesicht und sie taumelte mehr, als würde sie tanzen. Der Typ sah auch nicht viel besser aus, war aber eindeutig dabei ihr an die Wäsche zu wollen. Sie hing in seinem Arm und lehnte den Kopf an seine Schulter. Es wirkte, als könnte sie die Augen kaum noch aufhalten. Alarmiert reckte ich den Kopf. Joonas kam zu den beiden. Sagte etwas zu Sophia und sie grinste debil, antwortete etwas und lehnte ihren Kopf wieder an die Schulter des blonden Mannes. Joonas ging zur Bar und kam mit einem Glas Wasser zurück, dass er ihr in die Hand drückte. Wenigstens schien er zu merken, dass sie eindeutig zu viel gehabt hatte. Ich hatte Sophia zwar schon betrunken erlebt, aber eigentlich war sie dann immer nur aufgekratzt und lachte viel. Jetzt wirkte sie eher vollkommen abwesend und schien einfach nur ins Bett zu gehören. Der Typ und Joonas führten sie zu einer der Sitzgruppen und platzierten sie auf einer Bank. Nun kam das Mädchen von Joonas dazu. Sie küsste ihn kurz und beobachtete das Schauspiel.
„Hapa? Hörst du mir zu?", fragte Ahti.
„Sorry. Ich glaub ich muss da kurz rüber."
Ich klopfte ihm auf die Schulter und ging zu der Gruppe.
„Was ist mit ihr?" knurrte ich Joonas auf Finnisch an.
„Ich glaube das geht dich nichts mehr an, wenn ich das richtig mitbekommen habe."
Ich ignorierte die Spitze, schob ihn zur Seite und hockte mich vor Sophia.
„Hey. Alles okay?", fragte ich.
Sophia sah mich an und schob meine Hände von ihren Knien.
„Geh weg." lallte sie und stütze sich an der Bank ab.
„Warum bringt ihr sie nicht nach Hause?", fuhr ich Joonas über die Schulter an.
„Ich wollte sie nach Hause bringen, aber sie will nicht gehen."
„Hast du Alex angerufen?"
„Ja. Der geht nicht dran. Der pennt bestimmt."
„Sophia. Du musst nach Hause." Meinte ich zu ihr gewandt und nahm ihr Gesicht in beide Hände.
Sie schüttelte nur den Kopf und legte ihre Hände um meine Handgelenke.
„Nimm deine Hände weg. Das hast du vorhin schon ständig gemacht!" fuhr sie mich wütend an. „Hör auf mich anzufassen!"
Langsam nahm ich meine Hände von ihr weg. Irgendwie tat es weh, dass so zu hören. So direkt.
„Hast sie eine Jacke?", fragte ich Joonas, ohne ihn anzusehen.
„Ja. Die liegt beim Technikpult."
„Hol sie!" meinte ich.
Als er sich nicht rührte drehte ich mein Gesicht zu ihm.
„Get that fucking jacket!" brüllte ich ihn an und er machte auf dem Absatz kehrt, um den Mantel zu holen.
Mit vereinten Kräften versuchten die anderen sie ihn den Stoff zu stecken, während ich meine Jacke vom Tresen holte und mich suchend zu Mina und Riku drehte. Ich entdeckte die beiden am Rand der Tanzfläche. Beiden hatten die Szene wohl beobachtet und ich deutete auf die Tür. Riku hob den Daumen und nickte. Ich ging zu den anderen zurück. Sophia saß immer noch auf der Bank und schimpfte wie ein Rohrspatz. Ich verstand kaum ein Wort, schob die anderen zur Seite und schnappte mir ihre Handgelenke. Grob zog ich sie von der Bank und sie versuchte sich von mir weg zu lehnen.
„Lass mich los! Ich geh nach Hause wann ich will."" protestierte sie.
„Du gehst jetzt nach Hause!" brummte ich und zog sie mit mir.
Immer wieder versucht sie sich zu befreien, aber es gelang ihr Gott sei Dank nicht.
„Samu hör auf! Warum musst du immer alles an dich reißen? Ich bin nicht mit dir hier und ich gehe auch nicht mit dir zurück. Ich brauche deine Hilfe nicht!"
Ich ließ sie kurz los und sie fiel fast in den Türrahmen des Clubs. Stumm sah ich sie an und zog sie weiter.
„Lass mich verdammt nochmal los!" Brüllte sie und versuchte meine Finger von sich zu lösen und boxte gegen meinen Arm, aber ich legte einen Arm um ihre Taille und schob sie die Auffahrt runter. Grob bugsierte ich sie in ein Taxi, dass draußen an der Straße stand. Ich schubste sie vorsichtig auf die Rückbank, kletterte neben sie und konnte sie gerade noch aufhalten auf der anderen Seite wieder auszusteigen. Der Taxifahrer guckte etwas irritiert. Wahrscheinlich dachte er, ich würde sie kidnappen wollen.
„Sophia. Just hold on! I take you home, okay? You can hate me tomorrow." Meinte ich beruhigend und sagte dem Taxifahrer ihre Adresse.
"Warum musst du dich immer einmischen und alles zu deinem Problem machen. Alles ist dein Problem. Alles! Es ist dein Problem, dass ich mich nicht in Helsinki eingewöhne. Es ist dein Problem, dass ich arbeite. Es ist dein Problem mit wem ich schlafe, wenn wir gar nicht zusammen sind. Alles macht dir Probleme. Jetzt? Jetzt hab ich mal zu viel getrunken. Wieder ist es dein Problem. Ich komme schon nach hause. Meinst du ich bin ich den letzten 32 Jahren nicht nach Hause gekommen? Du sagst ich würde alles kontrollieren wollen, dabei bist du derjenige, der das tut. Wir sind nicht mehr zusammen. Du musst dich nicht um mich kümmern." zickte sie mich an und drehte den Kopf beleidigt zum Fenster, als der Wagen sich in Bewegung setzte.
„Du bist important for me and you know that. Ich habe gesagt. You act like eine mad woman. Stop that. You are drunk and I just wanted to help. Of course I don't wanna see you that wasted." Gab ich wütend zurück.
„Ich hasse dich." Flüsterte sie und schüttelte den Kopf, ohne den Kopf zu mir zu drehen.
Ich hielt kurz die Luft an und sah sie von der Seite an. Der hatte gesessen. Ich schloss die Augen und blies die Luft aus. Egal was zwischen uns passiert war, das hatte ich nicht verdient. Sie konnte mir sagen, dass ich ein egoistischer Arsch war oder ein gefühlloser Penner, aber „Ich hasse dich" übertraf alles. Und das aus dem Mund einer Frau, die eine halbe Ewigkeit gebraucht hatte, mir zu sagen, dass sie mich liebte. Ich war wütend, dass Joonas es nicht hinbekommen hatte sich um sie zu kümmern, wenn er doch wusste, was los war. Und selbst wenn nicht. Das sie nicht länger feiern konnte lag wohl auf der Hand. Auf Sophia war ich auch wütend. Sie versuchte mit allen Mitteln auf meine Schwachstellen zu klopfen und mich zu verletzen. Das war nicht ihre Art. Das hatte sie nur einmal gemacht. Danach war ich gegangen und zu meiner Mutter gefahren. Ich schrieb es vorerst dem Alkohol zu und versuchte nicht die Fassung zu verlieren. Ich war selbst nicht nüchtern, aber ich hatte mich noch sehr gut im Griff. Selbst im Sitzen wackelte ihr Kopf gefährlich in jeder Kurve. Sie ignorierte mich weiter und ich legte eine Hand auf ihr Bein und strich ruhig mit meinem Daumen über den Stoff ihrer Jeans. Sie schob meine Hand von ihrem Knie und stieß mich zur Seite.
„Fass mich nicht an!" sagte sie zur Scheibe.
Schon wieder. Sie war mal die einzige Frau gewesen, die ich überhaupt anfassen wollte. Mir war es nicht unangenehm sie zu berühren oder von ihr berührt zu werden. Ich hatte die Umarmung zur Begrüßung sehr genossen und es fühlte sich auch normal an sie anzufassen. Ich fühlte mich nicht, als würde ich mit ihr fremdeln oder ähnliches.
„Stop acting like Amy Winehouse." Meinte ich und legte meine Hand zurück auf ihr Knie.
Sie reagierte nicht und starrte aus dem Seitenfenster. Ich sah immer wieder zu ihr rüber und bemerkte, wie sie wieder und wieder schluckte.
„Hey." Murmelte ich und strich ihre Haare zur Seite.
Sophia biss die Lippen aufeinander, zog ihre Schulter weg und wischte sich eine Träne von der Wange.
„Don't act like you don't care, wenn es ist nicht so."
Sie schniefte und ließ den Kopf hängen. Ich schnallte mich ab, rutschte dichter und legte den Arm um sie. Sophia lehnte den Kopf an meine Schulter und weinte leise vor sich hin. Wenigstens musste der Taxifahrer jetzt nicht mehr denken, dass ich sie entführen wollte. Jedenfalls sah er mich immer wieder kritisch durch den Rückspiegel an.
Wir saßen schweigend da und ich streichelte ihre Wange. Sie hasste mich nicht. Eigentlich wusste ich das. Sie war einfach verletzt und trat um sich. Der Alkohol tat sein übliches. Vielleicht hatte ich es auch verdient. Ich wusste es nicht. Ich hatte versucht so behutsam wie möglich mit ihr zu sein, als ich im Studio mit ihr geredet hatte und ich dachte, dass sie auch gemerkt hatte, dass es mir nicht leicht fiel. Das hier war meine persönliche Hölle. Ich hatte sie nicht so verletzten wollen und hasste mich selbst dafür, dass ich im Moment war wie ich war. Trotzdem genoss ich diese Vertrautheit zwischen uns und entspannte mich, als sie es auch tat. Ich küsste ihre Stirn und lehnte meinen Kopf an ihren.
Als der Fahrer in ihre Auffahrt bog. Löste ich mich vorsichtig von ihr und gab dem Fahrer ein großzügiges Trinkgeld. Ich stieg aus, ging um den Wagen herum und zog sie aus dem Auto.
„Wo sind deine keys?"
„In meiner Tasche." Murmelte sie und wischte sich eine weitere schwarze Träne von der Wange. Sie sah schrecklich aus und mein schlechtes Gewissen meldete sich wieder. Ich wollte sie nicht so sehen. Sie wühlte mit zitternden Händen den Schlüssel aus der Tasche und gab ihn mir. Wackelig setzte sie den Weg zur Haustür fort, wankte, aber immer wieder zur Seite.
„Wait!" murmelte ich, schlang einen Arm um ihren Rücken, den anderen unter ihre Kniekehlen und hob sie hoch.
„Samu, du musst das nicht machen." Trotzdem schlang sie die Arme um meinen Nacken und lehnte ihren Kopf an meine Schulter.
„Shut up." Meinte ich und setzte meinen Weg zur Tür fort. Umständlich schloss ich halb blind die Tür auf und trat in den Flur.
„Wo ist deine sleeping room?" flüsterte ich, in der Hoffnung Alex würde nicht gleich um die Ecke springen.
„Da!" meinte sie und zeigte den Flur runter. Vorsichtig und auf leisen Sohlen schlich ich durch den dunklen Flur.
„Die Tür." Murmelte sie.
Ich schob das Holz mit meiner Schulter auf und lehnte mich mit dem Arm an den Lichtschalter neben dem Türrahmen. Die Deckenlampe ging an und ich sah mich kurz um, um mich zu orientieren. Das Zimmer war schön. Sicher sehr hell bei Tageslicht. An der Wand stand ein Tisch mit diversen Kosmetikartikeln und einem Spiegel. Daneben parkte eine große Holzkommode mit 4 Schubladen, auf der eine große Topfpflanze stand. In der Mitte des großen Raumes stand das große Bett. Darunter ein cremefarbener Teppich, passend zur Bettwäsche. Alles war aus weißem Holz und es hingen ein paar Bilder an der Wand. Neben dem Bett standen 2 Gitarren und eine Stehlampe bäumte sich neben einer Kleiderstange auf, die voll mit diversen Fummeln hing. An der Wand hing ein großer Fernseher und darunter stand eine weitere Kommode auf der eine Vase mit Blumen und eine Kerze standen. Ich legte sie aufs Bett und setzte mich auf die Bettkante. Sophia warf ihre Handtasche neben das Bett und pellte sich aus ihrem Mantel, der auch neben dem Bett landete, während ich ihr die Schuhe auszog.
„Ich mach das schon." Lallte sie leise, gab es aber auf und ließ sich in die Kissen fallen, als sie merkte, dass das Sitzen noch nicht funktionierte.
Sophia seufzte und wischte sich mit beiden Händen übers Gesicht.
„Ich muss schrecklich aussehen." Nuschelte sie hinter ihren Fingern.
Ich grinste und sah zu ihr runter.
„Honestly? Du siehst scheiße aus." Grinste ich, stand aber auf und gab ich die Packung mit feuchten Tüchern, die auf der Kommode bei dem Spiegel stand. Ich stieß damit ihre Schulter an und sie nahm die Hände vom Gesicht und griff danach. Ganz vorsichtig setzte sie sich auf und ich verließ den Raum, um nach Wasser zu suchen. Im halbdunkeln fand ich die Küche, nach eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank, ging leise zurück und stellte die Flasche auf ihren Nachtschrank.
„Danke." Meinte sie kleinlaut und wischte sich über das gereinigte Gesicht. Ich setzte mich wieder auf die Bettkante und nickte stumm.
„Don't do that again, ok?"
"Ich hatte nicht geplant mich so zu betrinken."
„Ich meine nicht, dass du bist drunk." Sagte ich ruhig.
Sophia senkte den Blick und knetete ihre Hände.
„I don't wanna hear stuff like „I hate you" or something. Wenn es ist so, okay. That hurts, but I'll get over it. Aber wenn du nicht so meinst, don't say it just to hurt me, ok? It hurt, you won."
Sophia biss die Lippen aufeinander und schloss die Augen.
„I think I was really nice, als ich habe erklärt meine situation und meine feelings for you. And you know, dass ich habe feeling for you and they are far beneath from hate."
"Tut mir leid." Flüsterte sie fast und sah wieder auf ihre Hände.
Ich wartete, bis sie mich ansah. Wieder traten Tränen in ihre Augen und ihre Mundwinkel zuckten.
„Sorry." Kam es schluchzend von ihr und sie legte eine Hand in ihren Nacken und ließ den Kopf hängen.
„Ich weiß einfach nicht wie ich damit umgehen soll." Schluchzte sie. „Ich bin so wütend auf dich, weil du mich einfach im Regen stehen lässt. Von heute auf morgen wusste ich nicht mehr, woran ich bei dir bin. Und ich bin wütend auf mich, dass das mit Alex passiert ist und ich nichts gesagt habe. Ich wollte das alles nicht und ich wusste nicht, was ich tun sollte."
Sie wischte sich die Tränen von der Wange und schniefte leise.
„Ich wollte dich nicht verletzen. Nie. Auch jetzt nicht. Aber ich weiß nicht, was ich machen soll."
Sophia ließ ihre Arme schlaff aufs Bett fallen und zuckte die Schultern.
„Es ist zwar, besser, wenn wir uns nicht sehen, aber es fällt mir schwer."
Ich seufzte und sah auf das Bettlaken. Ich hasste es sie so zu sehen, aber ich konnte nichts tun. Man konnte keinen Schalter umlegen und alle Gefühle waren wieder da und alles wär gut. Wäre es möglich, ich hätte es schon vor Wochen getan. Wahrscheinlich vor Monaten.
Ich griff nach ihrer Hand und strich mit meinem Daumen über ihren Handrücken.
„Ich will nicht streiten. That's so stupid. Es ist nicht so easy for us both. Maybe du denkst, dass ich mache es easy for me, but it's not. And I really hate seeing you like this. I really don't wanna hurt you."
Sophia sah auf unsere Hände und malt mit ihrem Zeigefinger Linien auf meinen Daumen.
„Ich vermisse dich einfach so sehr. Alles war wieder so schön und jetzt stelle ich das alles in Frage. Du hast nicht dasselbe gefühlt wie ich und ich kann das nicht einordnen. Hab ich mir das alles nur eingebildet?"
„No. Du hast nicht. I told you, dass die problem is not you. It's me. Something changed. We changed and my feelings changed. Und ich weiß nicht wie."
Wieder schniefte sie leise und eine Träne kullerte über ihre Wange.
„Oh please." Sagte ich leise, strich ihr die Träne weg, beugte mich vor und zog sie an mich. Sie vergrub ihr Gesicht an meinem Hals und schlang die Arme um meinen Nacken. Ich lehnte meine Stirn an ihre Schulter und schloss die Augen.
Eine Weile saßen wir nur so da und sagten nichts. Sophia wurde langsam wieder ruhiger und wanderte mit einer Hand in meine Haare. Egal wie durcheinander ich oder meine Gefühle waren, diese Vertrautheit, die uns verband fühlte sich noch immer gut an. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mich verstellte und fühlte mich, nach wie vor, wohl in ihrer Nähe. Das würde sich wahrscheinlich niemals ändern. Vorsichtig strich ich mit meiner Schläfe an ihrer entlang und wollte mich langsam von ihr lösen. Sophia sah mich an, strich durch meine Haare und lehnte ihre Stirn an meine. Während ich noch überlegte, ob diese Form von Nähe überhaupt gut für uns war und ob uns das weiter brachte, stupste ihre Nase schon an meine. Ich nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste ihre Wange. Wieder sah sich mich an und ich fühlte ihren Atmen in meinem Gesicht. Nochmal vergruben sich ihre Hände in meinen Haaren und noch bevor ich mir noch wirklich Gedanken machen konnte, legten sich ihre Lippen auf meine.

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