Mina hatte gar nicht auf eine Antwort gewartet, bestellte sich einen Weißwein und grinste mich von der Seite an.
„Du bist also Alex."
„Jipp." Schnaufte ich genervt, lehnte mich weiter vor auf den Tresen und nahm einen Schluck meines Biers.
„Ich bin Mina."
„Ich erinnerte irgendetwas mit M."
Ich sah im Augenwinkel, wie sie die langen Beine, die in engen blauen Jeans steckten, überschlug und den Barhocker ein wenig in meine Richtung drehte.
„Was verschlägt dich hierher?"
„Bier." Gab ich einsilbig zurück.
„Welch Überraschung." Meinte sie gespielt euphorisch und nippte an dem Wein, den Sven ihr über den Tresen schob. „Irgendwie dachte ich du wärst lockerer."
„Sagt wer?" gab ich zurück. „Oh nein. Warte! Ich kann's mir denken. Ich verzichte auf die Einschätzung."
„Ihr zwei seid wie zickige Mädchen."
„Ich verzichte auch auf deine Einschätzung."
„Kein Grund unfreundlich zu sein. Wir kennen uns doch gar nicht und ich glaube ich habe dir nichts getan."
Ich schnaufte.
„Pass auf, ich bin nicht gut auf Samu zu sprechen und die Vergangenheit hat mich gelehrt mich von Frauen aus seinem Dunstkreis besser fernzuhalten."
„Da ist aber jemand sehr von sich überzeugt."
Ich sah sie von der Seite an, schüttelte den Kopf und zog eine Augenbraue hoch.
„Ich wollte mich eigentlich nur unterhalten, aber anscheinend bist du schon 3 Schritte weiter." Lachte sie.
„So war das nicht gemeint. Ich wüsste nur nicht, was wir uns zu sagen hätten. Ich verstehe nicht mal das Interesse an einer Unterhaltung."
„Meine Güte bist du anstrengend." Sie lachte leise und strich sich die langen, blonden Haare hinters Ohr. „Ich hätte irgendwie erwartet, dass ihr euch ähnlicher seid."
„Waren wir vielleicht mal. Ich bin aber nicht so der Typ, der wegrennt, wenn es mal ungemütlich wird. Wenn es so wäre, dann wäre ich nicht mal in Helsinki."
„Und du bist in Helsinki, weil...?"
„Weil meine beste Freundin hier Unterstützung braucht mit ihrem Studio."
„Ich habe Sophia kennengelernt."
„Ja, ich weiß, dass ihr euch gesehen habt. Du scheinst ja sehr im Bilde zu sein, was das angeht." Seufzte ich, drehte den Kopf wieder nach vorn und widmete mich meinem Bier.
„Samu und ich sind Freunde. Wir haben darüber geredet."
„Ich fasse meinen Freunden normalerweise nicht an den Arsch." Gab ich spitz zurück.
„Soweit ich es mitbekommen habe machst du mit Freunden noch ganz andere Dinge." Kam es herausfordernd von der Seite und sie grinste auf ihr Weinglas hinunter, als ich meinen Kopf zur Seite drehte.
„Was ist eigentlich dein Auftrag hier, Mädchen? Ich wollte hier in Ruhe ein Bier trinken und jetzt soll ich mich hier rechtfertigen für Dinge, die dich einen Dreck angehen." Giftete ich sie an.
„Vor mir musst du dich nicht rechtfertigen. Aber ich habe nicht damit angefangen."
„Schön zu sehen, wie offen Herr Haber solche Dinge bespricht. Hebt jetzt nicht gerade meine Meinung über ihn."
„Ich denke nicht, dass Samu es sich gerade zum Auftrag macht anderen zu gefallen."
„Das merkt man. Mir gefällt er auch nicht mehr."
„Aber er ist doch eigentlich ganz hübsch." Kam es von Mina, als würde sie von einem kleinen Hund sprechen und das traf nun wirklich nicht auf ihn zu.
Obwohl ich es nicht wollte musste ich grinsen.
„Oh, er kann ja doch lachen." Meinte sie und lächelte zufrieden.
„Ich bin so ziemlich der netteste Mensch der Welt, aber ich habe wirklich keine Lust mich über Samu zu unterhalten."
„Ich hatte eigentlich auch nicht vor mich über Samu zu unterhalten."
„Sondern? Ich mein, was willst du hier?"
„Eigentlich wollte ich nur was trinken."
„Wieso bist du hier gelandet?"
„Ich bin in die Bahn gestiegen und den Rest, von der Station aus, gelaufen."
„Jetzt wirst DU aber anstrengend."
Mina lachte.
„Eigentlich habe ich ein wenig im Internet geguckt, was man sich hier abends nochmal angucken könnte und die Bar war ein Geheimtipp. Ich hab noch nicht alles von Helsinki gesehen. Da muss man auch mal auf eigene Faust los. Und da bin ich hier gelandet."
„Wo kommst du denn her?"
„Barcelona."
„Stimmt. Sophia erwähnte sowas."
„Du und Sophia redet ziemlich viel, mmh? Komisches Gefühl Gesprächsthema bei Leuten zu sein, die man gar nicht kennt."
„Warum bist du hier?"
„Ich bin Fotografin. Gerade habe ich einen Auftrag für Helsinki."
„Fotografin. Aha. Und wie gefällt es dir hier?"
„Bisher sehr gut. Die Leute sind nett. Allerdings wird's langsam kalt. Ich glaube, den Winter über wäre ich nicht so gern hier."
„Mir fehlt der ständige Sommer auch etwas."
„Du bist aus LA, oder?"
„Anscheinend bist du ja auch bestens informiert."
„Ich weiß um die Geschichte. Das hört man wohl raus."
„Allerdings."
„Samu hat nur mit mir darüber geredet, weil die Situation es nicht anders hergab. Was soll er sagen, wenn wir Sophia begegnen und sie so begrüßt, wie ich es erlebt habe. Oder was soll er mir erzählen, wenn wir an der Ostsee langlaufen und plötzlich springt ihn ein Typ an und will ihm an den Kragen? Da würden dir wohl auch die Ausreden ausgehen."
Ich grinste schief und nickte.
„Okay. 1 zu 0 für dich."
Ich hielt ihr meine Flasche entgegen und Mina stieß mit ihrem Glas dagegen.
„Ich bin eigentlich nicht so." brummte ich.
„Ich hätte dich auch nicht so eingeschätzt, nachdem was Samu über dich erzählt hat."
„Was hat er denn erzählt?"
„Außer, dass du Sex mit seiner Ex-Freundin hattest?", fragte sie unschuldig.
„Du bist ganz schön giftig."
„Ich weiß."
Ich grinste.
„Ja, außer dass ich Sex mit seiner Ex-Freundin hatte."
„Nicht sooo viel. Aber er hat nie ein böses Wort über dich verloren. Ich glaube das hat ihn ziemlich gestört, dass du so wütend auf ihn bist."
„Das kann ihn gerne stören. Er hätte einen Grund gehabt sauer auf mich zu sein. Naja. Ja, er hat einen. Aber so wie er sich jetzt verhält... egal. Wir wollten nicht über Hapa reden."
Ich fuhr mir durch den Bart. Eigentlich ärgerte es mich, dass mich das beschäftigte. Ich wollte keinen Streit mit Samu. Es kam mir auch total blöd vor, dass Sophia sich mit ihm getroffen hatte und ich nun irgendwie der Arsch war. Ja, natürlich war das alles blöd gelaufen und ja, ich hatte auch dazu beigetragen. Trotzdem verbrachten die beiden wieder Zeit miteinander und nachts schlich er aus ihrem Haus, während ich nun irgendwie der Buhmann war, weil diese Sache mit Sophia passiert war.
„Vermisst du LA?", fragte Mina.
„Ja. Schon. Es ist nett mal wieder was anderes zu sehen und mal aus dieser ganzen Popcorn-Kaugummi-Hollywood-Welt rauszukommen, aber das Wetter und der Strand spricht schon für sich. Das Studio vermisse ich überraschenderweise kaum. Sophia ist hier viel besser ausgestattet. Die hat in Dinge investiert, für die ich immer zu geizig war. Ich glaube ich muss mal ne Runde einkaufen, wenn ich wieder zu Hause bin."
„Und wann wird das sein?"
„Eigentlich wollte ich längst wieder in den Staaten sein, aber ich werde hier noch gebraucht. Also versuche ich noch ein paar Wochen zu bleiben. Wir haben auch wirklich viel zu tun."
„Ich weiß auch noch nicht, wann ichzurückfliege. Mir fehlt die Sonne auch ein wenig, aber in spanien wird es langsam auch kälter. Ich verpasse also nichts. Und wie du schon sagtest, es ist ganz nett mal rauszukommen."
„Wie bist du in Barcelona gelandet?", fragte ich.
„Ich bin nach einem Urlaub irgendwann nicht mehr nach Hause gekommen." Lachte sie. „Also ich war zwar noch da und habe meine Wohnung aufgelöst, aber als sich die berufliche Gelegenheit ergab dort zu bleiben, hab ich sie ergriffen."
„Und woher kommst du eigentlich."
„Aus der Nähe von Hamburg."
„Ach deswegen bist du hier gelandet." Grinste ich.
Mina lachte.
„Ich hab im Internet gelesen, dass der Laden ein wenig Hamburger Charme hat. Das kann ich bestätigen."
„Ja, dachte ich auch. Ich war eigentlich mit ein paar Jungs von einer Band hier, mit denen wir gerade arbeiten, aber die wollten schon ins Bett."
„Und da bist du hier sitzen geblieben und hast gedacht, du guckst, was der Abend noch so bringt?"
„Ich dachte ich bleibe hier sitzen, unterhalte mich mit Sven, dem Besitzer, über Hamburg und gehe dann nach Hause."
„Für so anständig hätte ich dich gar nicht gehalten."
Mina trank den letzten Schluck aus ihrem Glas und lächelte mich an.
„Flirtest du gerade mit mir? Falls ja, da beißt du auf Granit."
„Schade eigentlich."
Ich legte den Kopf schief und musterte sie. Sie war hübsch. Wirklich hübsch. Lange Beine, lange Haare, große Augen, geile Figur, guter Style und dumm war sie bei weitem auch nicht. Aber dieses Arschgetäschel mit Samu ging mir nicht aus dem Kopf. Die beiden hatten schon sehr vertraut miteinander gewirkt. Irgendwas war faul an dieser Sache. Eigentlich wäre es mir egal gewesen, aber Sophia steckte einfach so tief in dieser Sache drin und solange Samu nicht seinen Kopf wieder dahin setzte, wo er hingehörte oder dieses ganze Schauspiel beendete, traute ich dieser Situation nicht. Was wollte Mina eigentlich von mir? Wollte sie jetzt hier den Vermittler spielen oder hatte sie es auf mich abgesehen?
Ich schüttelte nur den Kopf und trank mein Bier aus.
„Du bist ganz schön hartnäckig." Grinste ich.
Ja, zugegeben, natürlich schmeichelte mir das. Hätte ich sie nicht mit Samu gesehen und sie hätte sich hier zu mir gesetzt. Ich wäre sicher nicht so bissig gewesen und hätte wahrscheinlich alles daran gesetzt nicht allein nach Hause zu gehen.
„Ich wollte nicht aufdringlich sein. Tut mir leid, wenn das so bei dir ankommt."
„Versteh mich nicht falsch. Du bist nett und wirklich hübsch. Anscheinend auch nicht auf den Kopf gefallen, aber diese ganze Samu und Sophia Misere beschäftigt mich derzeit genug. Da sitzen schon 3 Leute im Boot. Wenn du schlau bist, hälst du dich da am besten da raus, falls du nicht längst irgendwie drinsteckst."
„Was soll denn das heißen?"
„Das soll genau das heißen, was ich schon am Wasser geäußert habe, als wir uns getroffen haben."
„Denkst du wirklich ich bin so naiv?"
Ich zuckte die Schultern.
„Glaub mir, DAS bin ich mit Sicherheit nicht."
„Ich kann Samu da auch nicht mehr einschätzen. So wie er jetzt ist, kenne ich ihn nicht."
„Immer geht es um Samu. Ich spreche von mir."
Ich seufzte.
„Ich bin es anscheinend gewohnt Gespräche mit einer Frau zu führen, die sich um Samu drehen."
30 Euro von meinem Portemonnaie wanderten über den Tresen an Sven.
„Ich zahl den Wein mit. Stimmt so." Wir verabschiedeten uns mit Handschlag und ich kletterte von meinem Hocker, um meine Jacke anzuziehen.
„Danke." Meinte Mina. „Du hast ja doch eine charmante Ader."
„Ich kann äußerst charmant sein, wenn ich kein Arschloch bin."
„Ich gehe auch." Sagte Mina, zog ebenfalls ihren Mantel an und ich hielt ihr die Tür auf, als wir in die kalte Nacht Helsinkis hinaustraten.
„Falls du mal mit einer Frau reden willst, die nicht unbedingt ein Gespräch über Samu führen muss, auch wenn sie ihn kennt, findest du sicher einen Weg."
„Du gibst echt nicht so einfach auf oder?"
„Vielleicht hast du recht. Ich bin manchmal sehr hartnäckig."
Ich lachte leise.
„Ich denke das ist keine gute Idee."
„Warum nicht?"
„Ich bin Sophias bester Freund, du scheinst einen guten Draht zu Samu zu haben. Ich denke jeder sollte in seinem Team bleiben."
„Ich bin in keinem Team."
„Ich schon. Ich bin loyal und was Samu macht ist Scheiße."
„Jetzt nochmal für Dumme. Wir können keinen Kaffee zusammen trinken, weil Samu sich, deiner Meinung nach, Sophia gegenüber nicht richtig verhält."
„Nein, so meinte ich das nicht."
„Dann verstehe ich es nicht."
„Mina, lass gut sein."
„Du bist ganz schön verbohrt."
„Vielleicht bin ich das, aber ich weiß, dass ich das nicht möchte."
„Schade." Meinte sie und sah etwas unsicher auf ihre Schuhe.
„Komm gut nach Hause."
„Du auch, Alex."
Als ich im Bett lag ging mir dieses Gespräch nicht aus dem Kopf. Mina war im Bilde, was die Gesamtsituation anging und sie hatte das erstaunliche Talent, komplett neutral zu sein. Ihr war es egal, dass Samu und ich uns nicht grün waren und eigentlich hatte sie sich auch rausgehalten. Vielleicht hatte ich ihr Unrecht getan. Trotzdem war ich nicht daran interessiert mich mit einer Frau aus Samus Dunstkreis zu treffen. Was auch immer die beiden verband. Ich wollte damit nichts zu tun haben. Sich mit Damen aus seinem Dunstkreis zu umgeben hatte mir eigentlich nur Ärger eingebracht. Interessant war sie trotzdem.
DU LIEST GERADE
Heimkehr
FanfictionSamu & Sophia Teil 3. Fortsetzung von "Von der Muse geküsst" und "Klimawandel". Inklusive der beiden OS in meinem Account zu finden. Nach Sophias Rückkehr nach Los Angeles scheint die Trennung von Samu endgültig. Wäre da nicht noch etwas, was sie in...
