Miro war immer noch dabei auf mich einzureden und drückte mir wieder einen Gin Tonic in die Hand. Eigentlich wollte ich gar nichts mehr trinken, weil ich nur noch wenige Schlucke vom wirklichen Betrunkensein entfernt war und ich keine große Lust auf einen Kater hatte. Die Männer vertrugen eindeutig etwas mehr und waren diesbezüglich wohl auch gut im Training. Ich beschränkte mich also mehr darauf das Glas zu halten, als daraus zu trinken.
Joonas bestellte sich noch ein Bier und stellte sich wieder neben mich, während Miro weiterhin lustige Geschichten aus seinem Leben zum Besten gab.
„Alles klar bei dir?", brummte Joonas neben mir und legte seine Hand auf meinen Rücken.
„Ja." Nickte ich. „Alles super. Ich schwächle ein wenig. Ich glaub das Bett ruft mich langsam."
„Was? Nein. Ich verlasse keine Party, ohne wenigstens einmal getanzt zu haben."
Ich lachte.
„Tu dir keinen Zwang an. Viel Spaß."
„Du glaubst nicht ernsthaft, dass ich vorhatte das ohne dich zu tun." Grinste er, nickte Miro kurz zu und zog mich am Handgelenk Richtung Tanzfläche.
Zu meiner Überraschung war Joonas ein ziemlich guter Tänzer und schob mich zielsicher über das Parkett. Die Musik wurde langsamer und er zog mich dichter an sich. Ich schlang meine Hände um seinen Nacken und grinste ihn an.
„Wird's hier jetzt romantisch?"
„Vielleicht ein wenig." Grinste er zurück und positionierte seine Hände an meiner Hüfte.
„Wo hast du tanzen gelernt?"
„Tanzschule. Meine Eltern haben da Wert drauf gelegt. Als ich 14 wurde musste ich dann auch nicht mit mit meiner Schwester tanzen und habe mir eine Tanzpartnerin ausgesucht."
Wir lachten.
„Ich hätte eher gedacht du wärst mit kaputten Jenas rumgelaufen und überall mit dem Skateboard hingefahren, wenn du nicht gerade in einer Punkrock Band gesungen oder dich geprügelt hast."
„Glaub mir, das eine schließt das andere nicht aus."
Gerade legten wir eine elegante Drehung hin, als ich Samu am Ende der Tanzfläche entdeckte. Er stand dort allein, lehnte lässig an der Wand, hatte ein Longdrink-Glas in der Hand und schaute uns offensichtlich zu. Wir hatten Blickkontakt, bis Joonas mich wieder in die andere Richtung drehte und er aus meinem Sichtfeld verschwand.
„Oder was meinst du?", hörte ich Joonas fragen.
„Was?"
Ich hatte überhaupt nicht zugehört und das Bild von Samu in seinem Anzug mit seinem Glas hatte sich in meine Netzhaut gebrannt.
„Erde an Sophia."
„Sorry. Ich war gerade mit meinen Gedanken woanders. Was hast du gefragt?"
Wieder drehte er uns herum und wieder entdeckte ich Samu. Er verharrte noch immer in derselben Pose, sah mich an und nippte an seinem Drink. Ich konnte den Blick nicht abwenden, was Samu mir dann aber abnahm und sich umdrehte, sein Glas auf einen Stehtisch abstellte und Richtung Ausgang verschwand.
Was sollte das? Den ganzen Abend war er mir ausgewichen und jetzt beobachtete er mich ganz offensichtlich und wollte sogar, dass ich es sah. Meine Gedanken fuhren Achterbahn. Wurmte es ihn, dass ich mit einem anderen Mann hier war? Kurz keimte ein wenig Hoffnung in mir auf. Allerdings war er nie eifersüchtig gewesen und sein Blick hatte rein gar nichts gesagt. Wahrscheinlich war er enttäuscht, dass ich mich so schnell zu trösten schien, obwohl dem gar nicht so war. Er konnte ja auch tun, was er wollte. Das Recht sprach ich mir auch zu. Abgesehen davon ging es für mich hier auch ein wenig um den Job und ich hatte mit dem ein oder anderen gesprochen und ein wenig das Studio angepriesen. Miro kannte viele Leute und das kam mir an diesem Abend zugute. Für Samu war das hier eher ein Sehen und Gesehenwerden und die Chance auf ein paar Gratisdrinks. Eigentlich hasste er solche Veranstaltungen, aber er hatte in den letzten Jahren auch nicht viel Zeit gehabt solchen Einladungn in Helsinki zu folgen.
„Also ja oder ja?", hörte ich Joonas wieder und er blieb stehen.
„Ja." Meinte ich, ohne die Frage zu kennen.
„Du hast mir gar nicht zugehört oder?"
„Nein. Tut mir leid. Ich glaub ich bin einfach etwas müde und ein wenig beschwipst." Grinste ich verlegen.
„Ich hab gefragt, ob wir los wollen. Ich bringe dich nach Hause."
„Ich nehme ein Taxi. Du musst mich nicht zurück bringen."
„Doch, das muss ich. Ich weiß was sich gehört. Die Dame." Meinte er, breitete seinen Arm vor mir aus und ließ mir den Vortritt.
Wir verabschiedeten uns von Miro und den Leuten, die mit bei uns gestanden hatten, holten unsere Jacken ab und kletterten in ein Taxi vor der Tür des Clubs. Joonas setzt sich zu mir auf die Rückbank und sagte dem Fahrer meine Adresse.
„Hat es dir gefallen?"
„Ja. Der Abend war wirklich lustig. Danke für die Einladung."
„Mir ist aufgefallen, wo deine Augen eben immer wieder hingewandert sind. Sollte ich da was wissen oder willst du nicht drüber reden?"
Ich sah aus dem Fenster und dann auf meine Hände.
„Es ist okay, wenn du darüber nicht reden willst. Ich will da nicht bohren."
Ich schnaufte.
„Tja... keine Ahnung... ." druckste ich herum. „Er ist derjenige, über den wir im Studio sprachen."
„Also kein Exfreund in LA?"
„Nein. Er ist hier."
„Das erklärt, warum du ihn so in Schutz genommen hast, als ich über ihn hergezogen habe. Versteh mich nicht falsch, aber DER? Wirklich?"
Ich lachte leise.
„Das erklärt auch seinen Blick."
„Was für einen Blick."
„Wie er dir hinterhergesehen hat. Das war nicht der Blick, den man aufsetzt, wenn man einer Frau auf den Arsch guckt. Das war der Blick, den man aufsetzt, wenn man weiß wie der Arsch ohne das Kleid aussieht. Das hat sich noch nicht wirklich für dich erledigt oder?"
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich bin nur wegen ihm hier. Ohne ihn wäre ich niemals hergekommen. Das Studio würde es gar nicht geben. Das ist alles auf seinem Mist gewachsen."
„Und es ist alles ziemlich frisch. Aber er war doch letztens noch bei dir im Studio."
„Um mir zu sagen, dass es kein Zurück mehr für uns gibt."
Joonas grinste.
„Ist er sich da sicher? Auf mich wirkte er nicht, als ob das Thema wirklich für ihn gegessen sei."
„Er hat das sehr deutlich gemacht, dass er das nicht mehr möchte."
Nun lachte er kurz auf und wischte sich über die Stirn. Ich sah ihn irritiert an.
„So witzig finde ich das jetzt nicht."
„Sorry. Das verstehst du falsch, aber was auch immer er da gesagt hat, ist gelogen. So wie Samu Haber dich den ganzen Abend angestarrte hat, ist da noch gar nichts für ihn gegessen. Das du da Aktien drin hast, habe ich erst bemerkt, als wir getanzt haben und er mich vom Rand der Tanzfläche angeguckt hätte, als würde er mir gleich den Kopf abreißen. Mir wäre das nicht mal aufgefallen, wenn ihm nicht schon der Unterkiefer runtergeklappt wäre, als wir angekommen sind. Glaub mir, ich erkenne einen eifersüchtigen Kerl, wenn ich ihn sehe."
„Da schätzt du ihn falsch ein. Er ist nicht der eifersüchtige Typ. Im Allgemeinen schätzt du ihn falsch ein. Er ist weder arrogant, noch unsympathisch oder abgehoben."
Joonas zog die Augenbrauen hoch und schüttelte grinsend den Kopf.
„Ne. Gar nicht der eifersüchtige Typ. Sophia, der hat mich angeguckt, ich hätte mich nicht mehr getraut alleine rauchen zu gehen."
„Du hast da ein ganz falsches Bild von ihm."
„Ich glaube du kennst ihn nicht so gut, wie du denkst."
„Samu war nie eifersüchtig. Vielleicht hätte ich mir das manchmal gewünscht, aber mit sowas war er immer sehr dezent und hat nie irgendein Platzhirschgehabe an den Tag gelegt."
Joonas lachte wieder. Warum verstand ich nicht. Aber mittlerweile befürchtete ich, dass ich sein Bild von Samu nicht berichtigen konnte.
„Ihr Frauen seid aber manchmal auf wirklich begriffsstutzig."
„Danke. Das baut mich sehr auf." Gab ich angesäuert zurück.
„Der hat dich praktisch angepinkelt."
„Bitte was?"
„Egal! Aber glaub mir, Samu hat heute Abend sehr deutlich gemacht, wo sein Terretorium ist, und dass dich das mit einschließt. Der rennt vielleicht nicht schreiend und prügelnd durch die Gegend –Gott sei Dank, denn er ist n Stück größer als ich – aber ich habe die Message verstanden. Sowas kann man auch subtiler klar machen."
„Ich denke du kriegst da was in den falschen Hals." Meinte ich leise und sah wieder aus dem Fenster.
„Bestimmt. Samu ist da sicher gaaanz anders, als alle anderen Kerle. Ich kann da ja keine Ahnung von haben. Ich, als Mädchen mit blonden Zöpfen und rosa Kleidchen."
Ich sah zu ihm rüber und rollte die Augen.
„Pass auf. Mag sein, dass er dir in eurer Beziehung blind vertraut hat, aber die Situation ist doch jetzt eine vollkommen andere. Es ist ein Unterschied, ob die eigene Freundin von anderen Kerlen angeglotzt wird oder ob die Ex, die man noch nicht ganz von der Liste gestrichen hat, Augen für jemand anderen hat."
„Das mag sein, aber ich stehe bei Samu eindeutig auf keiner Liste mehr. Wahrscheinlich ist er jetzt obendrauf noch sauer, weil es auf ihn wirken würde, als hätte ich das alles schon vergessen und würde mich jetzt ordentlich amüsieren gehen."
„Wenn meine Freundin ultrascharf ist und von der ich weiß, dass sie niemanden so sehr mag wie mich und dann auf einer Party von anderen Kerlen angegraben wird, dann freue ich mich und um allen Kerlen klar zu machen, dass das da meins ist, gehe ich zu ihr und lege den Arm um sie oder gebe ihr einen flüchtigen Kuss. Kurz anpinkeln und weitergehen. Versteht jeder Mann. Ihr Frauen tut das doch auch. Damit sagst du ganz klar: Gucken erlaubt, anfassen verboten! MEINS! Du glaubst gar nicht, wie sehr das ein männliches Ego pushed und wie sehr einen sowas anturned, wenn andere auch mal dein Spielzeug haben wollen? Aber wenn ich sehe, wie meine Ex, die ich noch nicht abgeschrieben habe oder die ich noch nicht verdaut haben kann, weil die Trennung einfach mal erst 6 Wochen her ist, auf einer Party angegraben wird, dann gucke ich genauso angesäuert aus der Wäsche, wie Samu es getan hat. Er hat dich abgeschrieben? Das sagt er vielleicht, dass hat er in dem Moment vielleicht auch selbst geglaubt, aber spätestens seit heute Nacht weiß er, dass dem nicht so ist."
„Hör auf mir das einzureden! Mich hat diese Trennung wahnsinnig viel Kraft gekostet und ich bin da noch lange nicht drüber hinweg. Ich will das endlich verarbeiten und du redest mir gerade Hoffnungen ein. Das will ich nicht. Ich weiß jetzt schon, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen kann."
„Glaub mir, er auch nicht."
Kurz schwiegen wir und ich starrte wieder in die Nacht hinaus.
„Ja, wir hatten ein paar Mal Blickkontakt. Aber er hat immer wieder weggesehen und am Ende ist er sogar gegangen."
„Ich glaube du hast gar nicht mitbekommen, wie oft der dich angestarrt hat, als du dich mit Miro unterhalten hast. Ich weiß wie man eine Frau mit den Augen auszieht. Genau das hat er getan, als du diesen Laden betreten hast. Mich wollte er lynchen. Das kann er mit den Augen übrigens sehr gut."
„Glaub mir, das weiß niemand besser als ich."
„Der hat dir vom Eingang bis zur Bar hinterhergesehen. Als du zur Toilette gegangen bist, hat er dir hinterhergesehen. Als wir rauchen gegangen sind, hat er dir hinterhergesehen. Der Mann war stinksauer auf mich. Das verspreche ich dir."
Das Taxi bog in meine Auffahrt und hielt vor der Tür. Ich kramte in meiner Clutch nach meiner Kreditkarte.
„Lass mal. Ich übernehme das."
„Du hast schon die Hinfahrt bezahlt. Das hier ist kein Date, Joonas. Du bist mir nichts schuldig."
„Und ich bezahle auch die Rückfahrt."
Ich seufzte.
„Danke."
Ich umarmte ihn kurz.
„Ich muss jetzt erstmal irgendwie darüber schlafen. Du hast mich total verwirrt."
„Mach das. Von mir aus auch zwei."
„Wir sehen uns übermorgen?"
„Japp. Wenn du was brauchst, lass es mich wissen. War ein schöner Abend."
„Fand ich auch. Danke."
Ich stieg aus dem Wagen und schloss die Haustür auf. Kurz drehte ich mich noch zum Wagen um und winkte. Ich hörte das Taxi losfahren, als ich die Tür von innen schloss und mich mit dem Rücken an das Holz lehnte. Noch immer sah ich Samu am Rand der Tanzfläche mit seinem Glas an der Wand lehnen. Seinen Blick konnte ich noch immer nicht deuten. Er hatte weder wütend noch irgendwie beteiligt gewirkt. Er hatte mich nur angesehen und war dann gegangen.
Ich ging ins Bad, schminkte mich ab, band meine Haare zu einem Dutt und schlüpfte in mein Schlafshirt. Gerade war ich ihs Bett gekrochen, als mir wieder die CD einfiel, die in der oberen Schublade neben Samus Demo-CD lag. Auch ich hortete tausendfach Musiktitel in digitaler Form. Doch die Alben, die mir wirklich wichtig waren, kaufte ich noch immer im Geschäft. Die wollte ich in den Händen halten und wollte das Booklet ansehen, wollte das bedruckte Papier riechen und die wollte ich selbst in den CD-Player legen. Ich öffnete die Schublade und zog das John Mayer-Album hervor. Heute war der richtige Moment dafür.
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Heimkehr
FanfictionSamu & Sophia Teil 3. Fortsetzung von "Von der Muse geküsst" und "Klimawandel". Inklusive der beiden OS in meinem Account zu finden. Nach Sophias Rückkehr nach Los Angeles scheint die Trennung von Samu endgültig. Wäre da nicht noch etwas, was sie in...
