Das Erste, was ich registrierte war ein ziemlich bekannter und widerlicher Geschmack im Mund und ein Pelz auf der Zunge, von den viel zu vielen Zigaretten, die ich geraucht hatte. Das Bett drehte sich ein wenig, aber das hier war kein Kater, der mich ans Bett fesseln würde. Mein Erinnerungsvermögen war noch da. Okay, vielleicht war ich ein wenig laut gewesen auf der Party, vielleicht hatte ich es genossen so im Mittelpunkt zu stehen und war aufgekratzt gewesen- zumindest verrieten das einige Videos und Fotos, die ich auf meinem Handy fand- aber ich hatte mich nicht blamiert. Mit 20 konnte man darüber noch lachen, wenn man etwas entgleiste und es galt „An was ich mich nicht erinnere, ist auch nicht passiert", aber mit fast 40 war es einfach nur noch peinlich. Ich sprach mich nicht davon frei, dass ich mich trotzdem das ein oder andere Mal zum Affen gemacht oder einen Streit vom Zaun gebrochen hatte. Das wäre ein tragisches Ende für diese wirklich schöne Tour gewesen. Aber bis zum Verlassen der Halle in Stuttgart war ich auch noch guter Dinge gewesen.
Heute wieder nach Hause zu fahren kam mir surreal vor. Ich hatte noch keine Lust. Ich wollte noch bleiben. Das alles war mir viel zu kurz vorgekommen. Ich war noch nie mit so vielen Leuten unterwegs gewesen, aber es war auch nie so entspannt gewesen wie dieses Mal. Trotz der unerwarteten Überraschungen. Und wie automatisch gingen meine Gedanken zu Sophia.
Ich legte die Hand über meine Augen und drehte mich auf den Rücken. Kurz überlegte ich, ob ich mich doch blamiert hatte. Vielleicht hatte ich mir Mut angetrunken. Das gab ich zu. Vielleicht hatte ich mich auch ein wenig hinreißen lassen. Wieder. Nachdem wir die Tage vorher so offen geredet hatten, hatte ich das Gefühl gehabt, dass wir auf einer ganz anderen Ebene kommunizierten. Keine Vorwürfe, kein Streit. Jeder von uns fand die richtigen Worte. Der andere verstand oder versuchte es zumindest. Ich hatte sehr schnell gemerkt, dass egal, was passiert war und wie lange wir uns nicht gesehen hatten, ich einfach immer noch diesen Draht zu Sophia hatte. Mir war klar gewesen, dass sie mich verfluchte und mir aus dem Weg gehen würde. Vielleicht nicht zu Unrecht, nach dieser ganzen Sache mit Mina und der Art und Weise, wie das Ganze ans Tageslicht gekommen war. Nein, ich hatte da nicht mit offenen Karten gespielt, aber ich war auch einfach an einem Punkt gewesen, wo ich das nicht gekonnt hatte. Wo ich selbst nicht wusste, was ich wollte oder wer ich eigentlich war. Das ich dafür einen Tritt in die Eier kassiert hatte, war nicht verkehrt gewesen und ja, die Distanz hatte es leichter gemacht. Nachdem die Hoffnung, dass Mina und ich vielleicht eine gemeinsame Chance hätten, sehr schnell zerschlagen worden war, war ich mir trotzdem sicher gewesen, diese Sache mit Sophia langsam aber sicher zu verdauen. Natürlich hatte ich das alles nochmal und nochmal durchgekaut, nachdem ich aus Australien zurück war und als ich Sophia das erste Mal in Berlin gesehen hatte, hielt sich das große Gefühlschaos auch wirklich in Grenzen. Allerdings war diese Mauer jedes Mal, wenn wir uns sahen, redeten oder Zeit miteinander verbrachten, ein Stück abgebröckelt. Der Abend, als sie mich nach dem Konzert umarmt hatte, hatte mich wirklich aufgewühlt. Es hatte sich angefühlt, als sei der letzte Stein gefallen. Befreiend. Das konnte für sie nicht anders gewesen sein. Hatte ich die Tage vorher noch versucht das alles irgendwie von mir zu schieben und mir in Erinnerung zu rufen, wie schlecht wir auf Dauer miteinander auskamen, hatten mich so viele Momente darauf gebracht, dass wir die Tage zuvor einfach super miteinander agierten. Ich schob es darauf, dass es wahrscheinlich daran lag, dass wir gefühlsmäßig nicht mehr aneinander gebunden waren, aber damit belog ich mich doch selbst. Ich fühlte noch etwas. Und anscheinend meldete sich dieses Etwas sehr lautstark nach ein paar Bier, Longdrinks und 2 Schachteln Zigaretten, wenn es nicht bekam, was es wollte.
Als ich nachts im Bus aufgewacht war und sie auf dem Gang fluchen gehört hatte, hatte ich mir wirklich das Lachen verkneifen müssen. Sie stand da wie ein begossener Pudel und sah böse auf die fast leere Flasche, die sie aus ihrem Bett fischte. Ich würde lügen, wenn ich behauptet hätte, dass ich weggesehen hatte, als sie sich ein anderes Shirt übergezogen hatte. Nicht, dass ich das ja nicht alles schon mal gesehen hatte. Weggucken konnte ich trotzdem nicht. Als sie sich hilfesuchend umgesehen hatte, hatte sie mich entdeckt. Sie wirkte etwas verlegen, suchte neues Bettzeug und wusste nicht so richtig wohin mit sich. Irgendwie war das süß und bevor sie sich auf das Sofa verziehen konnte, hatte ich sie zu mir ins Bett gezogen. Der Abend war emotional für uns beide gewesen und ich hatte mich ihr nahe gefühlt. Noch näher als an dem Abend in Wien. Hatte ich immer erwartet, dass es eine Genugtuung für mich sein würde, würde ich nochmal die Gelegenheit bekommen „Hollywood Hills" vor ihr und einem großen Publikum zu singen oder dass es mir vielleicht auch unangenehm sein würde, hatte es sich einfach nur gut angefühlt zu wissen, dass in ihrem Kopf derselbe Film lief wie in meinem und es sie, auch nach all der Zeit und dem was passiert war, noch erreichte. Es war befreiend, ihr zu zeigen, wie es sich für mich jedes Mal anfühlte, wenn ich diesen Song sang und es rührte mich wirklich, dass sie es verstand und es ihr damit genauso ging. Es hatte sich nicht falsch angefühlt neben ihr zu liegen. Auch wenn ich erst dachte ich erleide einen Kälteschock, als ich bemerkte, wie kalt ihre Beine waren. Es war schön. Gemütlich. Vertraut. Ich hatte nicht groß nachgedacht. Das war das, was ich in dem Moment gefühlt hatte und was ich wollte. Ich wollte mehr von dieser Nähe. Mehr von diesen Umarmungen. Mehr von ihrem Duft. Ich hatte bemerkt, dass sie da lag wie ein Eisklotz. Nicht weil ihr kalt war, sondern, weil sie damit nicht gerechnet hatte und weil sie wahrscheinlich grübelte, ob das hier richtig war und wie die Welt morgen aussah. Ganz ehrlich? Es fühlte sich gut an. Was konnte daran falsch sein? Und die Welt? Die war morgen auch noch rund und drehte sich weiter. Egal, ob Sophia morgen Stress machte oder Alex wieder den großen Bruder spielen würde. Also tat ich das, was man mit einem Eisklotz tat: Auftauen. Ich wickelte sie in die Decke und ging auf harmlose Art auf Tuchfühlung. Irgendwann entspannte sie sich und ich glaube ich war vor ihr eingeschlafen. Mehrfach war ich in der Nacht aufgewacht. Jedes Mal lagen wir noch immer so da, nur das meine Hand sich irgendwie verselbstständigt hatte und mittlerweile unter der Decke unterwegs war. Das war mir ehrlich gesagt egal. Je näher sie mir kam, desto besser fühlte es sich an und dieses Gefühl war einfach schon immer dasselbe gewesen. Egal ob auf körperlicher oder emotionaler Ebene. Ich hatte aufgegeben mich dagegen zu wehren. Es funktionierte sowieso nicht. Wahrscheinlich war ich einfach total bescheuert oder Mina hatte Recht. Vielleicht reichte ein Tritt in die Eier nicht aus. Vielleicht musste ich mir erst jeden Fingernagel einzeln ziehen lassen, bis ich davon genug hatte und mit einem Lächeln nach Hause gehen konnte. Aber vielleicht war es auch einfach so, dass wir einen besseren Umgang miteinander pflegten und wussten, was falsch gelaufen war. Ich für meinen Teil fühlte mich jedenfalls so. Die letzten Tage hatte das funktioniert. Na gut, abgesehen von meinem Versuch eine gewisse Distanz zu wahren und mich darüber zu ärgern, dass ich eigentlich nicht fertig mit der Sache war. Natürlich hatte ich Angst mich da kopfüber reinzustürzen. Das würde ich auch nie wieder tun. Das hatte ich zweimal getan und beim dritten Mal hatte ich mich mehr oder weniger reinziehen lassen. Sie sollte wissen, wie ich mich fühlte, aber würde ich gegen verschlossene Türen laufen, würde ich sofort aufhören. Meine Hartnäckigkeit und Geduld, was Sophias Eigenarten und die dauernde Angst verletzt zu werden anging, war erschöpft. Trotzdem wollte ich es versuchen. Alles andere funktionierte doch auch. Das musste sie doch auch merken. Und dieses Gefühl. Diese Vertrautheit. Das ging doch nicht nur mir so. Nachdem Alex uns geweckt hatte und ich beschloss lieber mit ihr im Bus zu bleiben, als am nächsten Tag wieder eine Rede von ihm anzuhören, wie bescheuert wir beide waren, hatte sie sich zur mir umgedreht, sich an mich gekuschelt und weitergeschlafen. Von dem Moment an, war ich mir sicher, dass es nicht nur mir so ging. Wieder geweckt wurden wir, als Mikko mich anrief. Er meinte er sei jetzt da. Ich sagte ihm ich würde noch schlafen, er solle einchecken und mit dem Frühstück noch auf mich warten. Länger als eine Stunde hielt er es eh nicht aus und wenn wir dann noch nicht aufgestanden wären, dann würde ich das Handy einfach ignorieren, so tun, als würde ich schlafen und Mikko könnte allein essen. Wäre nicht das erste Mal. Mich mit Groupies in den Laken zu wälzen hatte ich vor Jahren schon dem ein oder anderen Frühstück mit Mikko vorgezogen und das hier war mir sogar noch viel lieber gewesen.
Nachdem ich meine Hand, unter ihr Shirt an ihren Rücken gelegt hatte, hatte Sophia darauf geantwortet, indem sie sich ebenfalls auf die Suche nach etwas Haut gemacht hatte und war fündig geworden. Die Streicheleinheiten wurden etwas intensiver und je mehr ich gab, desto mehr kam zurück und desto zufriedener machte es mich. Sophia redete offen darüber, dass sie es schön fand hier zu liegen und es gleichzeitig sehr dumm war. Damit hatte sie vielleicht Recht, aber der positive Aspekt unseres Zusammenseins hier war weitaus größer, als die Angst etwas falsch gemacht zu haben. Ich fühlte mich großartig und dieses Gefühl gab es nur bei Sophia. Bei niemandem sonst. Vielleicht hatte ich diesen Moment etwas zu sehr ausgereizt, als ich versucht hatte sie zu einem Kuss zu bewegen. Aber für mich war es der perfekte Moment. Für Sophia anscheinend nicht. Natürlich war das vielleicht überstürzt, aber ich fühlte mich einfach noch immer von ihr angezogen und fand es wahnsinnig schwer nicht mit der Tür ins Haus zu fallen. Betrunken gelang mir das anscheinend nicht mehr so gut. Sie hatte vorgeschlagen aufzustehen und sich so aus der Situation gewunden. Ich gab ihr einen Vorsprung. Erstens wollte ich keine blöden Fragen von Alex beantworten, zweitens kein Augenrollen von Mikko sehen und drittens, war dieser versuchte Kuss für Sophia schon zu viel des Guten gewesen, da musste sie nicht noch mitkriegen, was dieser und der Austausch diverser Zärtlichkeiten, unter der Decke, in meinen Boxershorts angerichtet hatte. Obwohl sie das wahrscheinlich längst wusste.
Am Nachmittag ergab sich endlich eine Situation, um darüber zu reden, was da passiert war, aber sie erstickte das im Keim. Diese Abwehrhaltung kannte ich nur zugut und ich beschloss für mich selbst auf die Bremse zu treten. Aber als wenn sie das gerochen hätte, stand sie kurz vor der Show neben mir hinter der Bühne, wünschte mir viel Glück, sagte, dass sie zusehen würde und ließ mich am Ende fast nicht gehen, so fest drücke sie mich an sich. Ich hatte während der Show mehr als einmal zu ihr rübergesehen und sie wirkte entspannt und sichtlich gerührt und es gab für mich eigentlich kaum ein schöneres Gefühl, als zu wissen, dass in diesem Raum voller Menschen, nur einer außer mir war, der dieselben Bilder im Kopf hatte wie ich. Das würde uns auf ewig verbinden. Vielleicht würde ich in 10 Jahren anders darüber denken. Vielleicht auch schon nächste Woche. Vielleicht auch schon morgen. Aber in dem Moment war es so.
Das sie nach der Show nicht lange blieb, fand ich schade, aber ich wusste auch, dass sie sich nicht als Teil des Ganzen hier betrachtete. Das war auch so. So war wegen Alex gekommen und hatte mit dem ganzen Sunrise Avenue-Kram hier nichts zu tun. Für mich war sie trotzdem ein Teil davon. Sie sagte sie sei müde und ich wollte mir auch nicht die Blöße geben ihr hinterher zu betteln. Wenn sie nicht wollte, dann wollte sei eben nicht. Betteln war nicht meine Art und ich würde trotzdem einen schönen Abend haben und mein Glück hing da nicht von Sophia ab. Mein betrunkenes Ich sah das allerdings anders. Mein betrunkenes Alter Ego war für diesen Abend noch nicht bedient. Also klopfte es nachts an ihre Tür, plapperte wirres Zeug und beschloss mehr zu wollen, als nur ein paar Umarmungen und ein wenig Gefummel unter der Decke und das nur, weil es in meinem Hotelzimmmer ruhig gewesen war. Zu ruhig. Die ganzen Wochen hatte ich ständig Leute um mich gehabt. Egal ob es das jubelnde Publikum war, die Band, das Orchester, die Crew oder meine Freunde. Jetzt wo das Ende der Tour gekommen war und ich eine wirklich schöne Nacht mit Sophia im Bus verbracht hatte, erwartete mich in diesem Zimmer nichts als Ruhe und Einsamkeit. Einer der Gründe, warum mir schon vor zu Hause graulte.
Das war dämlich gewesen. Sehr dämlich. Auf der Suche nach Nähe an ihre Tür zu klopfen und sehr deutlich klarzumachen, warum ich gekommen war, war total unnütz gewesen. Wahrscheinlich hatte ich nur mal wieder bewiesen, dass ich nicht allein sein konnte. Ein Eigenart, die Sophia mir schon immer unterstellt hatte. Ich konnte allein sein. Sogar sehr gut. Aber nicht immer. Es gab Momente in denen hasste ich es. Wie wohl jeder andere Mensch auch. Und heute Nacht hatte ich es besonders gehasst. Ja, vielleicht war mir mein Gehirn ab einem gewissen Punkt in die Hose gerutscht, aber unsere körperliche Anziehung funktionierte wie eh und je. Damit hatte es nie ein Problem gegeben. Ich fühlte mich, als würde ich mit angezogener Handbremse den Berg hochfahren und es fiel wir so wahnsinnig schwer, nicht einfach den Griff zu lösen und Gas zu geben. Aber das half auch niemandem weiter. Das wusste mein betrunkenes Ich aber nicht. Ich wusste, dass wenn ich es auf die Spitze getrieben, sie nachgegeben hätte. Ich wusste, dass es ihr gefiel, wenn ich das Tier mal von der Leine ließ. Ich wusste, welche Knöpfe ich bei ihr Drücken musste, um zu bekommen was ich wollte, aber ich wollte, dass sie es auch wollte. Ich wollte nichts erzwingen oder eine Gefälligkeit. Ich wollte nicht, dass sie morgens aufwachte und sich schlecht fühlte. Ich wollte nicht einfach nur Sex. Ich wollte mehr. Viel mehr und anscheinend hatte ich heute Nacht gedacht, dass der richtige Moment dafür gekommen war. Bei Sophia war das jetzt vielleicht anders angekommen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass ich mich mal zu einer ehemaligen Liebschaft so sehr hingezogen gefühlt hatte. Natürlich gab es Ex-Freundinnen, mit denen man vielleicht nochmal eine Extrarunde gedreht hatte, bei der es jetzt nicht darum ging es ernsthaft nochmal zu versuchen. Jedenfalls war es mir nicht darum gegangen. Das war einfach. Man kannte den andere, wusste was man tun musste und meistens beruhte das auf Gegenseitigkeit und danach hatte sich das Thema auch wieder erledigt. Der Unterschied war nur, dass mir Sophia nicht egal war. Mir war es nicht egal, was sie fühlte und dachte. Niemals würde ich sie da für irgendwelche niederen Zwecke benutzen. Dafür war sie mir zu wichtig. Dafür war es mir zu wichtig, was sie von mir dachte. Ich ärgerte mich schon etwas darüber, wie einfach gestrickt ich manchmal war. Der Alkohol hatte die Sache nur verschlimmert. In dem Moment, wo ich sie umarmt und ich ihren Duft in der Nase gehabt hatte, hatte ich mich in einen sabbernden Welpen, mit Schaum vor dem Mund verwandelt, der versuchte seinen eigenen Schwanz zu fangen. Alles, was ich mir in ihrem Hotelzimmer abgeholt hatte, war ein großer, fetter Korb gewesen. Und das gefiel weder meinem betrunkenen Ich, noch dem verkaterten, nüchternen Ich hier im Bett und meinem Ego schon mal gar nicht.
Okay, vielleicht hatte ich mich doch ein wenig blamiert, aber ich wollte nicht mehr alle Schritte allein gehen. Sie musste mir entgegenkommen, tat sie es nicht, dann war es so wie es war. Beim letzten Mal hatte es doch auch funktioniert. Ich machte die Tür auf, sie ging durch. War das so schwer? Gut, danach war alles etwas außer Kontrolle geraten. Aber all das funktionierte jetzt besser. Musste man da wirklich solche Angst haben? Ich hatte sie doch auch nicht. Nicht mehr. Ich wollte einfach, dass sie genau dasselbe wollte, wie ich. Das sie dasselbe fühlte wie ich. Ich war mir so sicher, dass es so war. Aber um das wirklich rauszufinden, sollte ich mit ihr reden und meinen Schwanz in der Hose lassen. Ich kam mir reichlich blöd vor. Wie ein hormongesteuerter Teenager. In diesen verwandelte ich mich aber auch heute noch gern, wenn ich ein paar Drinks gehabt hatte und anscheinend wusste selbst der 20jährige Samu dann noch, wo er gern hinwollte.
Was allerdings weder Teenie-Samu, noch Fast-40-Samu wussten war, wie ich Sophia nun gegenübertreten sollte. Vielleicht hatte sie Recht und wir mussten einfach nur erstmal wieder Zuhause ankommen und dann weitersehen. Vielleicht war ich einfach ein wenig von dieser ganzen Stimmung während der Tour getrieben. Vielleicht paarte sich diese ganze Situation mit einer Prise Notstand. Wo wir wieder beim Teenie-Samu wären. Und das hier war nicht meine längste Durststrecke und ich war keine 20 mehr. Ich kam mir selbst dumm dabei vor darüber nachzudenken, ob 10 Wochen ohne Sex mich jetzt zu einem schlurfenden Zombie machten, aber irgendeine Erklärung musste es ja geben, dass ich gestern Abend fast im Stand aus meiner Hose gesprungen war. Ich hätte was daran ändern können. Aber irgendwie war ich nach meiner Rückkehr aus Australien schon etwas wehleidig, weil das mit Mina irgendwie nicht so funktioniert hatte, wie es geplant gewesen war, woran ja auch niemand Schuld hatte, außer vielleicht mein Karma. Dann fingen schon die Vorbereitungen für die Tour an. Ich war für Studioarbeiten in Schweden und im Skiurlaub gewesen und zack stand ich in Helsinki auf der Bühne. Hallo, mein Name ist Samu Haber, ich bin 39 Jahre alt, kann mir alles kaufen was ich möchte, könnte wohl so einige Frauen haben und ich melde zwischen Jahresbeginn und dem 25. März 2016 ein Mal Sex gehabt zu haben. Mit der Frau, die beschlossen hatte in einen meiner besten Freund verliebt zu sein. Was okay war, denn ich war auch nicht in sie verliebt. Und die Frau, die ich wollte, die hatte mich in mein eigenes Bett geschickt. Die Leute um mich herum fingen an Kinder zu bekommen oder heirateten. Und ich? Ich lag schmollend in einem Hotelzimmer in Deutschland und streichelte mein gekränktes Ego, weil meine Ex-Freundin nicht die Tür aufmachte, durch die ich gern laufen würde. Schon wieder. Warum war ich nach all der Zeit immer noch so aufgestachelt, wenn es um Sophia ging. Warum hörte das nicht einfach auf. Immer wenn ich an dem Punkt war, dass ich dachte es würde aufhören, geschah etwas, was mich wieder in ihre Richtung trieb. Zu Hause müsste ich etwas ändern. Distanz hatte auch beim letzten Mal geholfen. Dieses Prinzip würde ich auch wieder verfolgen. Vielleicht war es wirklich einfach die Tatsache gewesen, dass sie ständig präsent war. Den Zahn könnte ich mir auch erneut ziehen. Irgendwie.
Ich ging duschen, packte meine Sachen, ließ das Frühstück ausfallen und stieg ohne jemanden zu sehen vor dem Hotel in einen der kleinen Bussen, die uns zum Flughafen fahren würden. Nach einer Weile trudelten die anderen nach und nach ein und Sami, Osmo und Mikko stiegen zu mir in den Wagen. Aus den Gesprächen über den letzten Abend hielt ich mich raus und erklärte, dass ich einen Kater hatte und müde war. Nachdem das Gepäck aufgegeben war, stopfte ich mein Ticket in die Hosentasche, stöpselte die Kopfhörer in mein Handy und schloss die Augen. Die Warterei in diversen Flughafen-Lounges war zwar Teil meines Lebens, aber selten hatte es mich so genervt wie heute. Als ich die Augen wieder öffnete, weil Riku mich anstieß, um mir zu signalisieren, dass wir ins Flugzeug steigen konnten, sah ich in Sophias Gesicht, die zwischen Alex und Sami schräg gegenüber auf einem Sofa saß. Sie trug einen weiten grauen Pulli, blaue, enge Jeans, schwarze Boots und hatte ihre Haare zu einem Dutt gebunden, aus dem einige blonde Strähnen hingen. Sie wirkte müde und griff gerade nach ihrer großen schwarzen Handtasche. Ich zog den Mund zu einem Strich und sie lächelte unsicher, bevor ich den Blick abwandte und Riku in den Flieger folgte. Ja, das war feige. Ja, das war albern. Ja, ich hatte ein gekränktes Ego. Ja, das warf uns 3 Schritte zurück. Nachdem wir die letzten anderthalb Wochen irgendwie in der Lage gewesen waren wie erwachsene Menschen zu reden, verhielt ich mich jetzt wie ein bockiges Kleinkind. Das war mir klar. Ich hatte keine Lust zu reden und blickte zwar mit Freude darauf bald wieder in meinem eigenen Bett zu liegen, aber wusste auch, was mich zu Hause erwartete. Stille, Jogginghosen, der Fernseher und eine große Portion Einsamkeit.
Im Flugzeug ließ ich mich in meinen Sitz fallen und war kurz nach dem Start eingeschlafen. Erst als wir landeten, wachte ich wieder auf. Als wir ausstiegen und ich meinen Rucksack aus dem Gepäckfach zog, musste Sophia auf dem Gang stehenbleiben und wartete hinter mir. Sie sah zu mir hoch und strich sich eine Strähne hinters Ohr.
„Geht es dir gut?"
„Ja. Alles gut." Gab ich kurz zurück und warf meine Tasche über die Schulter.
„Okay." Meinte sie leise und zog fragen die Augenbrauen hoch.
Ich setzte meinem Weg durch den Flieger fort, lief über die Gangway und ging schnellen Schrittes Richtung Gepäckausgabe. Meine Laune hatte den Nullpunkt erreicht und ich wollte einfach nur noch nach Hause und mich einingeln. Das hatte nicht mal was mit Sophia zu tun, aber für mich war es ein normaler Prozess geworden mit einer beschissenen Laune nach einer Tour heimzukommen und mich einzugraben. Das dauerte ein paar Tage und ich war wieder hergestellt. Mein Geburtstag stand vor der Tür und bis dahin wäre alles vergessen gewesen.
Neben dem Gepäckband stand Sophia wieder an meiner Seite und griff zur selben Zeit nach ihrem Koffer, der neben meinem auf dem Band angerollt kam.
„Bist du sauer auf mich?", fragte sie leise.
„Nein. Sorry. I just wanna go home. I'm tired und meine mood ist nicht so gut."
„Ich dachte es ist vielleicht wegen gestern Nacht."
Ich stellte den ersten Koffer auf den Gepäckwagen und schnaufte.
„Nein. I mean. I won't say, that I'm sorry. I'm not. Maybe this wasn't my best idea, to come over to your room. And I respect your reaction."
"Erinnerst du dich daran, dass du das auch schon mal für den falschen Zeitpunkt gehalten hast?", fragte sie leise.
Das stimmte. Ich erinnerte mich an den Abend in ihrem Wohnzimmer und es hatte mich eine Menge Überwindung gekostet nicht bis zum Letzten zu gehen. Aber Sophia wusste bis zu diesem Punkt noch nichts von Mina und ich war eigentlich das erste Mal wieder so wirklich bei der Sache, wenn ich mit Sophia zusammen war. Das war der erste Abend gewesen, an dem es sich gut angefühlt hatte mir ihr zusammen zu sein und der erste Abend, an dem ich mir meiner Gefühle klarer geworden war. Trotzdem war die Situation für mich gestern etwas vollkommen anderes gewesen.
„Ja. What should I say? I thought wir sind an eine andere point now. But your view about this seems to be eine wenig different und das ist okay fur mich."
Das war gelogen. Das war es nicht. Mein Ego war gekränkt und irgendwie zerschlug sich der Gedanke, dass es sich für sie auch alles so gut angefühlt hatte.
Sie nickte und ich sah, dass sie überfordert war und nicht wusste, wie sie reagieren sollte.
„Okay. Dann... mach's gut."
Ich umarmte sie mit einem Arm, als sie beide Arme zaghaft um meine Taille schlang und kurz ihr Kinn auf meine Schulter legte.
„Das war einfach keine gute Idee." Sagte sie in mein Ohr.
„You're right. Maybe wir müssen erst eine wenig ankommen here und dann wir gucken. Maybe ist was better to keep the distance. So wir können nicht habe wrong hope or anything."
Sie ließ mich los und sah zu mir hoch.
„Ja. Vielleicht ist es so."
„Bye." Sagte ich leise, sah in ihr trauriges Gesicht und legte nochmal einen Arm um sie.
„Bye."
Sophia zog ihren Koffer hinter sich her und ich drehte mich nicht mehr um, sondern konzentrierte mich darauf mein Gepäck auf dem Wagen zu verstauen.
Anscheinend ging ihr das doch nahe und somit stellte sie mich vor ein weiteres Rätsel. Ich wusste, dass da Gefühle waren, aber sie bremste das einfach aus und solange sie nicht dazu bereit war loszulassen, wäre ich dort nicht richtig aufgehoben. Ich hatte keine Lust mehr alles aus ihr heraus zu kitzeln. Wir waren keine Fremden mehr, also was sollte dieses Spiel?
Ich verabschiedete mich von den anderen. Drückte Mina nochmal, die mich etwas fragend ansah und gab Alex High Five. Spätestens zu meinem Geburtstag würde ich die meisten von Ihnen wiedersehen und bis dahin, war es nicht weiter dramatisch, wenn ich niemanden zu Gesicht bekam.
Ich schob meinen Wagen durch die Tür in die Ankuftshalle und schloss meine Mutter in die Arme, die versporchen hatte mich abzuholn und nach Hause zu fahren, wie sie es schon oft getan hatte. Sie wusste, dass das ein guter Moment war mich nochmal zu Gesicht zu gekommen, bevor ich mich zu Hause in meiner Melancholie suhlte.
Schon an der ersten Ampel sah sie mich kritisch von der Seite an.
„Du siehst müde aus. Müder als sonst, wenn du nach Hause kommst." Merkte sie in meiner Muttersprache an.
„Wir haben ein wenig zu viel gefeiert gestern." Sagte ich und sah aus dem Beifahrerfenster.
„Liegt es an der Party oder an der Frau, die draußen an mir vorgelaufen ist."
Überrascht sah ich zu ihr rüber.
Mama grinste und schüttelte den Kopf.
„Es liegt nicht an ihr." Meinte ich leise.
Sie fuhr grinsend weiter.
„Hat sie dich gesehen?", fragte ich.
„Nein. Sie lief blind an mir vorbei und hat in der Halle anscheinend auf jemanden gewartet."
„Sie fährt mit Alex und Mina nach Hause. Die hatten ihre Koffer noch nicht."
„Wo kommt sie denn auf einmal her. Ich denke sie ist in LA."
„Da war sie. Den Sommer über ist sie in Helsinki und so wie es aussieht wird sie auch hier bleiben. Sie hat Alex auf der Tour besucht. Die beiden haben gearbeitet und das lief so gut, dass sie bis zum Ende geblieben ist."
„Und mit euch lief es auch gut?"
„Wir haben geredet. Das war eigentlich ganz schön. Also ja. Es lief gut."
„Das heißt?"
„Mama, sei nicht immer so neugierig." Meinte ich genervt.
„Entschuldige. Ich will mich nicht einmischen. Aber so wie du reagierst, scheint es dich ja noch zu beschäftigen."
„Mich beschäftigt gerade nur der Gedanke daran, mir die Decke über den Kopf zu ziehen und nicht mit meiner Mutter über mein Liebesleben reden zu müssen."
Sie lachte.
„Meine Sorge ist unbegründet. Du bist ganz der Alte. Willst du noch anhalten und was zu Essen kaufen? Ich habe ein paar Dinge eingekauft und in deinen Kühlschrank gelegt."
„Danke. Wenn es genug ist, um bis übermorgen nicht zu verhungern, dann brauchen wir nichts mehr kaufen."
„Keine Angst. Du wirst überleben." Lachte sie und bog in meine Einfahrt ein.
Nachdem ich das Gepäck ins Haus gebracht und mich von meiner Mutter verabschiedet hatte, lies ich mich aufs Sofa fallen und schaltete den Fernseher ein. Endlich zu Hause. Endlich Ruhe. Endlich einsam.
DU LIEST GERADE
Heimkehr
FanficSamu & Sophia Teil 3. Fortsetzung von "Von der Muse geküsst" und "Klimawandel". Inklusive der beiden OS in meinem Account zu finden. Nach Sophias Rückkehr nach Los Angeles scheint die Trennung von Samu endgültig. Wäre da nicht noch etwas, was sie in...
