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Ich erinnerte mich an meine Haussuche in LA vor vielen Jahren. Das Angebot an möblierten Häusern war riesig gewesen. Hier in Helsinki war das Angebot kleiner als erwartet. Nachdem ich eine halbe Ewigkeit mit einer Maklerin gesprochen hatte und mir über eine Woche lang jeden Tag ein Objekt angesehen hatte, war ich endlich fündig geworden und ein paar Tage darauf eingezogen. Tagelang hatte ich Kisten ausgepackt und fehlende Möbelstücke besorgt. Endlich war das Wetter nach meinem Geschmack. Es war Sommer, was meine Laune ungemein hob. Jetzt, im Juli, konnte ich die dicke Winterjacke endlich im Schrank lassen und genoss die Sonnenstrahlen an der Ostsee. Obwohl ich mich noch nicht ganz zu Hause fühlte, ging es mir gut und ich konnte mich um die Einrichtung des Studios kümmern. Tagelang wuselten Techniker durch die Räume, schlossen alles an mit einem der Herren saß ich 2 weitere Tage zusammen, um die Feineinstellungen zu machen. Auf Dauer würde ich es wohl in Erwägung ziehen müssen einen Tontechniker für die Aufnahmen zu buchen, da Alex das sonst übernahm und meine Kenntnisse nicht ausreichten. Langsam fühlte ich mich angekommen. Das Haus war gemietet, das Studio war arbeitsbereit und es standen diverse Meetings mit Plattenfirmen an. Alex bombardierte mich mit Aufnahmen und ich war immer bis spät Nachts beschäftigt. Meine Freizeit nutzte ich, um die Umgebung unsicher zu machen und sah mich nach einem Auto um, da ich nicht ewig mit dem Mietwagen rumfahren wollte. Von Samu hatte ich, nach wie vor, nichts gehört. Fast täglich spielte ich mit dem Gedanken ihm zu schreiben, ihn anzurufen oder bei ihm zu klingeln, aber ich wusste erstens nicht, was ich sagen sollte und zweitens hatte ich Angst, wie er reagieren würde.
Ich saß im Studio und ging meinen Terminplan für die kommenden Tage durch. Noch immer fand ich in meinem IPad Termine von Samu. Vom Zahnarzt bis zu den Tourdaten war noch alles vertreten. Gerade suchte ich nach Terminen für die ersten Aufnahmen in ein paar Wochen, die ich bereits mit dem Label geplant hatte, als mein Blick auf das Sunrise Avenue Konzert in Berlin fiel. Kurz verwarf ich den Gedanken, konnte mich aber einfach nicht davon lösen. Berlin. Fast traf mich ein wenig Fernweh, mehr jedoch der Gedanke an unsere Zeit im SoHo. Ich wusste, dass Samu dort absteigen würde, weil er es immer tat. Der Gedanke ihn auf neutralerem Boden zu sehen, als vielleicht hier in Helsinki, war verlockend. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er nicht an mich dachte, wenn er dort war. Oder war das vielleicht der Grund, warum er den Ort meiden würde? Ich war unschlüssig. Auf der einen Seite wollte ich ihn unbedingt sehen, auf der anderen war ich froh, dass ich mich dem bisher nicht stellen musste. Ich konnte seine Reaktion überhaupt nicht einschätzen, jedoch wusste ich, dass ich früher oder später diesen Schritt machen musste. Wieder schob ich den Gedanken von mir und machte mich an die Arbeit.
Als ich nachts das Studio verließ, lag die ausgedruckte Buchungsbestätigung für den Flug bereits in meiner Handtasche. Die Idee ihn dort aufzusuchen war einfach besser, als unangekündigt vor seiner Haustür zu stehen. Ich konnte ja schlecht durch Helsinki laufen und hoffen, dass er mir irgendwo über den Weg lief. Und dann? Auf der Straße Probleme wälzen oder ihn einladen? Er wusste ja noch nicht mal, dass ich überhaupt hier war. Wahrscheinlich würde er aus allen Wolken fallen. Berlin schien mir also eine gute Idee. Zumindest könnte ich mir eine Ausrede einfallen lassen, warum ich da war. Nein. Das wollte ich gar nicht. Er sollte wissen, dass ich wegen ihm da war. Das er mir wichtig war und was in den letzten Wochen in meinem Leben passiert war.
Als ich am 16. Juli in Berlin landete fühlte sich alles direkt heimisch an. Das ganze Jahr war ich noch nicht in Deutschland gewesen und kurz beschlich mich das schlechte Gewissen meine Familie nicht besucht zu haben. Komisch, dass mir meine Heimat im letzten Jahr noch so fremd gewesen war, als ich nach Berlin kam. Jetzt fühlte ich mich viel verbundener mit diesem Land. Ich hatte mich so an mein Leben in LA gewöhnt, dass ich mich hier bei jedem Besuch fremd gefühlt hatte. Mein Gefühl war wieder europäischer geworden. Solider. Nicht so oberflächlich.
Meine Familie wusste von meinem Umzug nach Helsinki im Frühjahr. Sie wussten, dass es dabei um ein neues Studio, wie auch um einen Mann ging. Um wen hatte ich nie erwähnt und im Nachhinein war ich froh es nicht erzählt zu haben, um jetzt nicht Rede und Antwort stehen zu müssen und mir Ratschläge von meiner Schwester abzuholen, dass ich doch endlich einen soliden Job finden sollte um dann eine Familie zu gründen. Beides lag mir fern. Verstanden hatte sie es nie.

Als ich meinen kleinen Koffer in das Gebäude in der Torstraße Nummer 1 zog, fiel ich von einem Flashback ins nächste. Der Geruch, das Licht, die Eingangshalle. Alles war unverändert. Ich stöckelte zur Rezeption und Katja, die Dame hinterm Tresen, lächelte mich freundlich an und fragte auf Englisch, wie sie mir helfen könnte. Ich legte meinen Voucher und meine Clubkarte vor und sie durchsuchte den Computer nach meiner Reservierung. Ich fragte, ob Zimmer Nummer 60 frei sei. Sie verneinte bedauernd. Schade. Ich hatte Hoffnung gehabt mein altes Zimmer zu beziehen. Schließlich hatte ich hier 3 Monate gewohnt und das SoHo war ein Stück Heimat geworden.
„There's only one room left on that floor. It's room 58."
Sie sah mich erwartungsvoll an.
Samus Zimmer. Kurz überlegte ich. Würde die Band hier absteigen, würde er sicher nach dem Zimmer fragen. Er hatte auch im Jahr zuvor schon im selben Raum geschlafen. Wahrscheinlich wäre er enttäuscht, wenn es belegt wäre und wenn er auch noch erfahren würde, wer sein Zimmer besetzte... Wieder überkam mich dieses Gefühl, der Unsicherheit. War es die richtige Entscheidung gewesen nach Berlin zu kommen? Ich hatte gedacht, dass es vielleicht ein weitaus netteres Zusammentreffen geben könnte. Hier. Zwischen all den Erinnerungen. Schönen Erinnerungen.
„Miss?"
Ich entschuldigte mich und sagte zu. Ich unterschrieb den Ausdruck, den Katja mir auf den Tresen schob und sie überreichte mir den Zimmerschlüssel mit einem großen metallischen Anhänger mit einer ausgestanzten 58.
Als ich das Zimmer aufschloss und den Raum betrat waren die Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit hier allgegenwärtig. Alles war wie immer. Unverändert. Dieselben Möbel, dieselben Laken, derselbe Geruch. Der einzige Unterschied war das nichtvorhandene Chaos seiner Klamotten, die überall im Zimmer kleine Häufchen gebildet hatten. Keine Gitarre stand neben dem Bett und der Aschenbecher auf dem kleinen Tisch war leer.
Ich stellte meinen Koffer neben das Bett und öffnete das Fenster. Der Ausblick war derselbe. Weit über die Dächer Berlins, ganz in der Nähe des Funkturms.
Ich griff nach meinem Handy und rief meine Freundin Sarah an, der ich bereits 2 Tage vorher mitgeteilt hatte, dass ich in der Stadt sein würde. Wir verabredeten uns zum Essen und wollten einen schönen Abend in irgendeiner der vielen Bars in Berlin haben.

Ich schlief am nächsten Tag aus, ließ mir Frühstück aufs Zimmer kommen und quälte mich mit einem kleinen Kater. Sarah war nun im Bilde. Beim 3. Glas Wein hatte ich ihr von meiner Misere erzählt. Alles. Von LA bis Berlin rüber nach Helsinki und wieder zurück nach Berlin. Nachdem ich mir eine Standpauke abgeholt hatte, dass ich ihr vorher nichts davon erzählt hatte, hatte sie mich auf die irrwitzige Idee gebracht mich zwar meinen Dämonen und auch Samu zu stellen, es mir vielleicht leichter fallen würde, hätte ich vorher schon ein Auge auf ihn geworfen. Kurzerhand hatte sie beschlossen 2 Konzerttickets für das morgige Konzert zu besorgen. Natürlich hatte ich den Gedanken auch schon gehabt, war mir aber nicht sicher gewesen, ob ich das ertrug. Mit ihrer Schützenhilfe würde es mir leichter fallen.
„Wenn's dir zu blöd ist, gehen wir einfach wieder und betrinken uns irgendwo. Aber ich denke, dass es dir leichter fällt, wenn du vielleicht abschätzen kannst, was auf dich zukommt. Du musst wenigstens keine Angst haben, dass er dich sieht. Du versteckst dich ganz unauffällig in der anonymen Masse von 23.000 Menschen. Und wenn du auf dem Konzert feststellst, dass du das noch nicht kannst oder gar nicht mehr willst, dann bleibst du schön in deinem Zimmerchen und fliegst am nächsten Tag wieder nach Finnland."
„Ich komm mir vor wie ein Groupie." Hatte ich erwidert.
„Ja, das glaube ich dir. Aber da musst du jetzt durch. Oder willst du im Hotel sitzen und warten, bis der Herr sich irgendwann zeigt? Dafür hätte sich der Trip nicht gelohnt. Dabei solltest du dir noch blöder vorkommen."
„Ja, da hast du wahrscheinlich Recht."
Heute war ich wieder unsicher, ob das eine gute Idee war. Ich schreib Alex eine E-Mail, der bereits wusste, dass ich in Berlin war und Samu sehen wollte. Auch er hielt es für eine gute Idee hier vielleicht ein paar Erinnerungen wachrütteln zu können und es kein guter Plan war einfach bei ihm vor der Tür zu stehen. Nachdem ich den halben Tag im Zimmer gegammelt und mich vor der Hitze draußen verkrochen hatte, bekam ich endlich eine Antwort von Alex. Er bezeichnete Sarah direkt als „partner in crime" und war froh, dass ich nicht allein auf Mission war.
„Gute Idee. Guck dir die Show an. Genieß es, soweit du kannst und vielleicht wird dir dann einiges klar oder du findest die richtigen Worte. Ich drück dir die Daumen. Meld dich!"
Auch wenn ich ihn als seelischen Abfalleimer benutzte und seinen Beistand einforderte, war es zwischen Alex und mir komisch. Egal wie normal wir uns verhielten, immer wieder kamen die Bilder von dieser Nacht hoch und ich bereute zutiefst, was ich da aufs Spiel gesetzt hatte. Alex zu verlieren konnte ich mir nicht leisten und ich konnte mir mittlerweile nicht mehr erklären, was da in mich gefahren war. Ich hatte schon viele Fehler begangen, aber das war einer der größten. Ich war einfach krampfhaft auf der Suche nach Bestätigung und Nähe gewesen, dass es mir vollkommen egal gewesen war, woher diese kam. Alex für meine Zwecke zu missbrauchen war nicht richtig gewesen, aber er hatte Recht: Dazu gehörten immer zwei. Oder wie er es gesagt hatte: „Mindestens zwei."
Ich hoffte, dass die Zeit das alles richten würde und wir irgendwann beide diese Sache vergessen oder drüber lachen konnten. Der räumliche Abstand zueinander war somit zwar förderlich, jedoch musste auch jeder mit seinen Gedanken zum Thema allein klarkommen.

Abends verließ ich das SoHo, schlenderte ein wenig durch die Straßen, trank Kaffee und ging an dem Studio vorbei, in dem ich letztes Jahr gearbeitet hatte. Draußen standen ein paar Leute im Hof, die ich aber nicht kannte, also ging ich weiter und schwelgte ein wenig in Erinnerungen. Wie oft Samu und ich hier langgelaufen waren. Anfangs noch sehr distanziert, dann streitend und am Ende Hand in Hand.
Ich aß allein in einem kleinen indischen Restaurant in der Nähe und schlenderte zurück zum Hotel, wo ich die Dampfbadeinstellung der Dusche quälte und später todmüde ins Bett fiel.

Bereits als ich aufwachte war ich irgendwie unruhig, was wahrscheinlich daher rührte, dass das Konzert an diesem Tag stattfand und die Möglichkeit Samu auf dem Flur in die Arme zu laufen größer geworden war. Immer noch war ich unsicher, ob es nicht doch eine blöde Idee war zu dem Konzert zu gehen, aber was hatte ich schon zu verlieren.
Nachdem ich mich den halben Tag in meinem Zimmer verschanzt hatte, wühlte ich nach einer langen Dusche, in meinem Koffer nach passenden Klamotten. Draußen war es noch immer unsagbar heiß und ich entschied mich für kurze Jeansshort, Sneakers und eine korallfarbene dünne Tunkia. Meine Haare trug ich zu einem hohen Pferdeschwanz und packte eine schwarze Strickjacke in meine große Handtasche. Sarah und ich wollten vorher noch etwas essen gehen und mit ihrem Wagen Richtung Wuhlheide aufbrechen.
„Du siehst etwas blass hinter der Sonnenbrille aus." Meinte sie, als sie mich vor dem SoHo aufsammelte.
„Ich glaub ich kann gar nicht essen. Mir ist schlecht."
„Ach komm, Süße. Das wird schon und wenn du da weg willst, gib mir ein Zeichen und wir verschwinden, ohne weitere Diskussion, vom Gelände."
Ich hatte nur lustlos in meinem Salat rumgestochert. Essen? Fehlanzeige. Mein Appetit war nicht existent. Immer wieder dachte ich darüber nach, was ich ihm sagen sollte, wenn er vor mir stehen würde.
„Hi! Wie geht's?" Jeder Gesprächseinstieg kam mir blöd vor. Ich musste den Moment einfach abwarten und hoffen, dass er mich nicht einfach stehen ließ. Vielleicht dachte ich nach der Show auch anders darüber oder die passenden Worte fielen mir noch ein. Ich wusste, dass er bereits mit mir am Tag angereist sein musste, da bereits gestern ein Clubkonzert in Berlin angestanden hatte und vielleicht hatte er das SoHo auch tatsächlich gemieden. Ich wusste es nicht und es brachte nichts, mir den Kopf weiter zu zerbrechen. Ich könnte im Hotel auch einfach nachfragen, wenn ich zurückkam. Vielleicht würde er sich auch freuen, dass ich extra wegen ihm eingeflogen war und das Konzert gesehen hatte. Das hatte ihm sonst auch etwas bedeutet und ich konnte mir nicht vorstellen, dass das nun einfach alles nicht mehr so sein sollte.

Als war kurz vor Beginn des Konzertes das Amphitheater erreichten, war ich etwas geplättet, wie viele Leute tatsächlich hier waren. Der gesamte Innenraum, sowie die Tribüne war bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Vorprogram war bereits vorbei und ich wartete auf Sarah, die noch etwas zu trinken besorgen wollte.
„Sorrry, neutrale Becher gab es nicht." Meinte sie und drückte mir einen Plastikbecher voll Bier mit dem Konterfei der Band in die Hand. Ich zog die Stirn kraus und sah sie hilfesuchend an.
„Ist nur ein Becher. Er wird nicht rausspringen." Lachte sie und zog mich hinter sich her.
„So, wo gehen wir hin?" Wir ließen unseren Blick über die Menge schweifen.
„Es ist alles total voll. Lass uns hier oben bleiben."
„Wer bist du und was hast du mit meiner Freundin gemacht?" meinte Sarah und schob ihre Sonnenbrille in die blonden glatten Haare. Wir hatten uns seit letztem Jahr November nicht gesehen, trotzdem war alles wie immer. Ich hatt emich damit arrangiert einige Freunde nur sehr selten zu sehen, aber diejenigen, zu den ich den Kontakt auch auf Distanz pflegte, waren auch wirklich Freunde. Es war nicht oberflächlich mit ihr und es fühlte sich immer an, als hätte ich sie gestern das letzte Mal getroffen.
„Hier oben gucken wir nur auf die blöde Leinwand. Los komm. Konfrontationstherapie."
Sie griff nach meinem Handgelenk und zog mich mir sich die Treppen hinunter. Zu meiner Überraschung lief sie kreischend auf einen der Sicherheitsleute zu, fiel ihm um den Hals und begrüßte ihn freudig. Ich konnte nicht hören, was die beiden redeten und wurde von ihr weiter gezogen. Ich fand mich im Innenraum der Wuhlheide wieder. Sarah schob ein paar Leute weg und erklärte mir, dass der Sicherheitsmann ein Kumpel ihres Bruders sei. Diesem verdankten wir nun also die glorreichen Plätze gegenüber der Bühne. Ein paar Stufen hinter uns befand sich der Technikturm und ich vermied es mich umzudrehen, um nicht noch in bekannte Gesichter zu blicken. Kaum hatte ich mich mit der Situation und dem Drumherum angefreundet, ging auch schon ein lautes Johlen und Schreien durch die Menge. Ich sah Sami und Osmo auf die Bühne kommen und bezweifelte mehr denn je, dass das hier eine gute Idee gewesen war.
Das Bier tat auch keine Wirkung, egal wie groß der Schluck war, den ich genommen hatte.
„Es geht los." Meinte Sarah verschwörerisch und stieß mit ihrer Schulter gegen meine.
„Bereit?"
„Nein." Meinte ich, schüttelte den Kopf und fragte mich, ob mein Kopf in den Plastikbecher passen würde. Jedenfalls wäre ich jetzt gern hineingekrochen.
Sarah zwinkerte mir aufmunternd zu und ich nahm noch einen Schluck Bier. Ich musste den Blick nicht zur Bühne wenden, um zu wissen, dass Samu die Bretter, die die Welt bedeuten, betreten hatte. Die Geräuschkulisse war eindeutig. Ich erkannte die ersten Takte des Songs und sah auf meine Füße. Die ganzen Leute, die sich freuten und tanzten und seinen Namen riefen. Das war eine ganz andere Sache, als ich es in Helsinki erlebt hatte. Das Publikum war ein ganz anderes. Viele jüngere Mädchen waren da. Überall war Samus Gesicht. Auf T-Shirts, Plakaten, Schals. Einige hatten sich das Gesicht und die Arme mit seinem Namen oder seinen Tattoos bemalt. Ich war vollkommen überfordert. Hätte ich ihn zu diesem Konzert begleitet, wäre es anders gewesen. Aber jetzt wusste er nicht, dass ich da war. Wir waren getrennt. Vielleicht hatte ich gar kein Recht hier zu sein. Er hatte mir sehr deutlich klar gemacht, dass er nicht mehr wollte, dass ich ein Teil dieser Welt war und ich hatte mit meinem Verhalten bestätigt, dass ich auch kein Teil mehr davon sein wollte. Und jetzt stand ich hier. Zwischen all diesen Menschen, denen diese Musik und diese Welt so viel bedeuteten und die sich freuten einen Abend lang ein Teil davon zu sein. Ich fühlte mich vollkommen deplatziert.
Als seine Stimme über die Freilichtbühne schallte, zog sich mein Magen fast zusammen. Meine Hände zitterten und als ich endlich aufsah, verschlimmerte sich das Gefühl nur. Da stand er. Dunkelgraue Jeans, blaue Knöchelhohe Sneakers, ein graues Muskelshirt, was mehr preisgab, als mir lieb war. Mit der Gitarre um, die ich hunderte Male schon gesehen hatte. Die Haare noch immer nicht geschnitten, wie er es angekündigt hatte und er sah aus, als hätte er schon Zeit gefunden die Sonne zu genießen. Ich bekam von der Musik nichts mehr mit und klammerte mich an den Becher. Samu hechtete über den Bühnensteg nach vorne und ich konnte die Pressefotografen sehen, denen es während der ersten 3 Songs gestattet war Bilder vom Graben aus zu machen. Große Objektive wurden auf ihn gerichtet und er schien sich sichtlich zu freuen. Intuitiv wich ich ein Stück zurück. Obwohl er etwa 10 Meter Luftlinie von mir entfernt stand, war mir das zu nah. Als wäre nicht genug Luft für uns beide da. Ich krallte mich an meinen Becher und konzentrierte mich auf mein Pokerface.
Sarah sah mich von der Seite an.
„Hey, alles klar?"
„Ich glaub nicht." Rief ich rüber, ohne sie anzusehen. „Ich komm mir vor wie eine Idiotin. Wie ein dummes Groupie."
Sie legte den Arm um mich und drückte mich an sich.
„Willst du weg?"
„Nein. Geht schon." Wieder nahm ich einen Schluck Bier und sah auf die Bühne. Ich wusste, dass er mich nicht sah und obwohl ich mich hier in meinem Versteck der anonymen Masse sicher fühlte, wünschte ich mir, dass er es wüsste.

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