Alice

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Ich wusste auch nicht, was mich geritten hatte mich von Alex überreden zu lassen heute Abend zu diesem Konzert zu kommen, aber ich freute mich, dass wir so mehr Zeit hatten und ich wusste, dass er Spaß daran haben würde mir alles zu zeigen und noch ein wenig mehr von mir hatte. Er hatte gestern Abend erwähnt, dass sie heute Nacht noch nach Berlin aufbrechen würden und morgen wieder einen Tag frei hatten. Das Timing war blöd. Ich wollte in 3 Tagen selbst nach Berlin und hatte mir bereits ein Zugticket für den ICE gekauft. Der fuhr von Hamburg aus nur 90 Minuten nach Berlin und ich wollte unbedingt Sarah besuchen, die ich seit letztem Sommer nicht mehr gesehen hatte. Als ich ihr geschrieben hatte, dass ich meine Familie in Hamburg besuchte, hatte sie sofort eingefordert, dass ich noch bei ihr vorbeischauen müsste, bevor ich wieder irgendwo im Ausland landete. Es war irgendwie immer schön alle wiederzusehen, aber es war auch jedes Mal verdammt anstrengend nach Deutschland zu kommen. Ich musste mich jedes Mal vierteilen und versuchte es jedem recht zu machen. In Hamburg hatte ich nun fast alle abgeklappert und nun stand noch Sarah auf meiner Liste. Ich hatte überlegt schon vor Alex zurück nach Helsinki zu fliegen. So hatte ich genug Zeit mich wieder ein wenig einzugewöhnen und konnte sicher gehen Samu nicht über den Weg zu laufen.
Es tat nicht mehr weh. Trotzdem wollte ich ihn nicht sehen. Noch nicht. Heute hierher zu kommen war wirklich ein großer Schritt für mich und eigentlich tat ich es nur für Alex. Naja, auch ein wenig für mich, weil ich ihn natürlich auch sehen wollte. Er hatte mir versprochen, dass er sich um alles kümmerte und ich dort niemanden sehen würde, den ich nicht sehen wollte und da vertraute ich ihm. Er war der letzte, der mich einer Konfrontationstherapie unterziehen würde. Vor ein paar Wochen hatte ich Ben am Strand in Newport kennengelernt. Er war ein Freund von Julia, die ich schon lange kannte und mit der ich einen Tag nach Orange County gefahren war. Ben surfte gern, war groß, hatte fast schwarze Haare und blaue Augen. Er arbeitete als Marketingleiter für einen Fernsehsender, für den Julia oft Aufträge in Sachen „Hair and Make Up" annahm. Wir hatten uns ein paar Mal getroffen und letztendlich endeten wir knutschend auf einer Bank in Venice. Es tat gut sich wieder mit jemandem zu treffen. Ben war ein wirklich netter Kerl und ich fand ihn wahnsinnig attraktiv. Trotzdem war ich irgendwie in ein altes Muster zurückgefallen, was mir nicht gefiel. Ich ließ ihn nur schwer an mich ran und versuchte ihn ein wenig auf Abstand zu halten. Nicht, weil ich ihn nicht mochte, sondern weil ich immer noch im Hinterkopf hatte bald wieder in Helsinki zu sitzen. Wofür sollte ich jetzt wirklich in etwas investieren, was von vornhinein zum Scheitern verurteilt war? Das war vielleicht nicht der einzige Grund. Ich war noch nicht soweit. 4 Monate waren genug gewesen, um mich zu sortieren, aber nicht genug um alles auf Null zu setzen. Daran arbeitete ich noch immer und jetzt bevor ich mich nicht wirklich auf jemanden einlassen konnte, würde ich es auch nicht tun. Trotzdem hatten wir noch Kontakt und Ben hatte bereits gefragt, ob wir uns trotzdem treffen würden, wenn ich zurück nach LA kam und ich hatte zugesagt.
Wie es bei Samu aussah wusste ich nicht. Alex hatte nichts erzählt und dafür war ich dankbar. Ich wollte es nicht wissen. Deswegen hatte ich nie gefragt. Ich wollte weder hören, dass es ihm schlecht gegangen war, noch ob er eine neue Liebe gefunden hatte. Wahrscheinlich hätte es mich verletzt zu erfahren, dass er relativ schnell eine andere Frau in sein Leben gelassen hatte und vielleicht mit dieser Mina zusammengekommen war. Eine Zeit lang war ich versucht gewesen Alex danach zu fragen. Ich dachte, dass die Wahrheit mir vielleicht leichter gefallen wäre, als meine Mutmaßungen und die Ungewissheit. Aber dann hatte ich erkannt, dass es egal war. Samu war nicht mehr Teil meines Lebens und ob er nun eine neue Freundin hatte oder nicht, hätte keinerlei Einfluss auf mich.
Soviel wie in den letzten 24 Stunden hatte ich in den letzten Wochen nicht an ihn gedacht. Natürlich kam das daher, dass ich wusste, dass wir in derselben Stadt waren und Alex eine Brücke zwischen uns war. Nun besuchte ich auch noch dieselbe Konzerthalle und hatte wirklich gemischte Gefühle, als ich den roten Audi TT meiner Mutter auf das blaue Containerhäuschen an der Bühneneinfahrt lenkte. Ein Pförtner kam heraus und ich öffnete die Scheibe und sagte meinen Namen. Er sah auf seine Liste und sagte mir, dass ich in Schrittgeschwindigkeit auf das Gelände fahren sollte und bei E5 parken sollte, wo sich der Eingang zu den Logen, wie auch der Fahrstuhl zu den öffentlichen Bereichen befand.
Ich fuhr am Backstageeingang und einem großen Coach Service-Bus vorbei und hielt den Blick einfach geradeaus gerichtet. Nicht nach links und rechts gucken. Ich würde einfach versuchen das den ganzen Abend so beizubehalten. Ich parkte den Wagen auf dem großen Parkplatz zwischen diversen anderen Wagen und sah schon einige Fans vor dem Eingang stehen. Ich lehnte mich an den Wagen, rauchte noch eine Zigarette und schrieb Alex eine Nachricht, dass ich nun da sei. Der hintere Eingang war schon offen, jedoch nur für die Leute, die eine Cateringkarte hatten, um drinnen die Rolltreppe nach oben zu den Logen zu fahren.
Ich ging die kleine Treppe runter und schon kam Alex mir entgegen und nahm mich in Empfang. Ich zog meine Jacke aus und klebte mir den gelben „Guest"-Aufkleber auf mein hellgraues Shirt, den er mir in die Hand drückte. Alex trug blaue Jeans, ein schlichtes weiße T-Shirt, über dem er eine schwarze Hoodiejacke trug. An seiner Hose baumelte ein AAA-Pass und er hatte die schwarze Strickbeanie auf dem Kopf sitzen, die wir gestern in der Stadt gekauft hatten. Als wir mit dem Fahrstuhl nach oben fuhren, merkte ich wieder, dass ich mich nicht wirklich wohlfühlte und auch Alex bemerkte das.
„Hör auf so ein Schisser zu sein. Ich habe alles geregelt."
„Ich finde es schon komisch hier zu sein. Ich hab hier nichts zu suchen."
„Doch. Mich! Das muss reichen. Grund genug hier zu sein."
Ich lachte und Alex schob mich aus dem Fahrstuhl in den langen Rundgang der Barclaycard Arena. Wir gingen ein Stück und der Geruch von Pizza und Pommes lag in der Luft. An Essen war für mich gerade nicht mal zu denken. Ich sah die vielen Leute draußen am Haupteingang stehen und auf Einlass warten. Ein wenig Zeit hatten wir noch, bevor der Trubel hier losgehen würde.
Alex bog in einen der kleinen Zugänge zur Arena ab und blieb in der Tür stehen. Wir standen im ersten Rang und sahen auf die leere Konzerthalle hinunter.
„Wow. Ist das ausverkauft?"
„Nein. Meinte er. Aber ich denke es wird trotzdem ganz gut besucht sein."
Wir gingen die Treppe hinunter und ich sah mich immer wieder zwischen den vielen Stuhlreihen um. Im Hintergrund lief Musik und die Bühne war von einem großen hellen Vorhang verdeckt, während überall noch Messehostessen in schwarzen Klamotten herumirrten. Irgendwie war es komisch mir das hier anzusehen, ohne wirklich noch ein Teil davon zu sein. Das Gefühl war ein anderes und über die Show selbst wusste ich nur das, was Alex gestern Abend mir, Timo und Julian erzählt hatte.
„Wo sitzen die Jungs nachher?"
„Irgendwo hier an der Seite im ersten Rang neben der Bühne. Wieso? Willst du doch bleiben?"
„Nein." Lachte ich.
Wir passierten den Seiteneingang zur Bühne und Alex deutete auf einen Stuhl zwischen einer Menge Monitoren und Gekabel.
„Setz dich! Ich hol uns was zu trinken von hinten." Und weg war er.
Zwar wuselten in der Halle noch immer Leute umher und auch hinter dem Vorhang der Bühne wurde noch gekramt und gewühlt, und ein paar Stühle aufgebaut, aber ich fühlte mich schlagartig ganz allein in diesem großen Raum, von dem ich wusste, dass er, wahrscheinlich nur wenige Meter von mir entfernt, meinen Exfreund beherbergte. Ich schnaufte kurz und sah auf die Bildschirme vor meiner Nase. Viele Tonspuren lagen dort brach und es blinkte und leuchtete. Neben den einzelnen Linien sah ich die Namen der Bandmitglieder stehen und vor mir lagen Kopfhörer auf dem Tisch.
Alex kam zurück und reichte mir eine Cola, stellte seine auf den Tisch und platzierte eine Schale mit Erdnüssen daneben.
„Alles klar?"
„Ja. Alles gut. Ich war schon lange nicht mehr in so einer Halle. Erstrecht nicht, wenn sie leer ist."
„In Köln war's noch viel größer."
Ich nickte und nippte an meinem Getränk. Gerade hatte Alex mir begeistert die ganze Technik erklärt und zeigte mir auf dem Bildschirm diverse Sachen, als vom Gang an den Eingängen ein Raunen durch den Raum schlug. Der Einlass hatte begonnen. Viele Leute drängten sich die Treppen herunter, suchten ihre Plätze oder machten Fotos von der Halle, der Bühne, von Freunden oder von sich selbst. Wir beobachteten das treiben und Alex zeigte auf einige Leute und rollte die Augen, dass er jeden Abend die gleichen Leute auf fast denselben Plätzen sitzen sah.
„Ach guck, heute hat sie n blaues Shirt an. In Helsinki war es grün und in Köln schwarz. Mal gucken, was sie morgen trägt." Lästerte er.
Ich musste lachen und beobachtete die bebrillte Frau, die freudig andere ankommende Fans umarmte.
„Also früher habe ich so viele Tourneen begleitet, aber noch nie habe ich jeden Abend so viele gleiche Gesichter gesehen. Haben die nix anderes zu tun? Ist ja jetzt auch nicht so, dass hier jeden Abend was anderes passiert. Ich kann ja selbst schon mitsingen." Lachte er. „Das muss denen doch nach so einer Tour aus den Ohren kommen."
Wir beobachteten das Treiben, tranken unsere Cola und unterhielten uns. Alex war Feuer und Flamme für das was er hier tat und es macht Spaß ihm dabei zuzuhören. Ich freute mich für ihn, dass er hier voll in dieser Sache ausging und das das nun mit Samu zu tun hatte, war auch für mich eher beiläufig.
Dann kam Niila mit seiner Band auf die Bühne und wurde unter viel Applaus in Empfang genommen. Ich erinnerte mich an seinen Auftritt in Berlin im Sommer. Sonst hatte ich von ihm noch nicht mitbekommen, außer, dass Alex begeistert von seiner Musik sprach. Und ja, er sollte Recht behalten. Es gefiel mir. Beim 3. Oder 4. Song, stand ich auf, ging die 5 Stufen zur Bühne hoch und blieb Abseits stehen um ein Bild zu machen. Mittlerweile waren im Innenraum und die Leute auf den unteren Rängen aufgestanden und hüpften, tanzten und klatschten frenetisch mit. Auch die Männer auf der Bühne schienen ihren Spaß zu haben und waren nicht verschämt mal mitten im Lied das Handy rauszuholen um ein Bild zu machen und die Leute zu filmen.
Als das Vorprogramm zu Ende ging, ging ich wieder zu Alex runter, der grinsend vor seinen Bildschirmen saß und nun ein Feedback erwartete.
„Ja, ist ja gut." Lachte ich und ließ mich wieder neben Alex auf den Stuhl fallen. „Das war wirklich toll."
„Ich hab's dir gesagt." Grinste er.
Wir fachsimpelten noch etwas und dann sah Alex auf die Uhr.
„Ich muss jetzt nach hinten. In 15 Minuten geht es los. Also lass dir Zeit! Ich finde es so schade, dass wir nicht mehr Zeit hatten. Aber ich rufe dich nach der Show nochmal an, okay?"
„Ja klar. Mach's gut, Großer."
Er zog mich in eine Umarmung und verschwand dann hinter der Bühne. Gerade hatte ich die Absperrung passiert, als jemand laut meinen Namen gröhlte und ich sah auf und entdeckte Timo und Julian in der 4. Reihe im Rang neben der Bühne. Sofort sprangen sie auf und liefen die Treppe zu mir runter. Die beiden hatten schon gut getankt und hielten beide einen Becher mit dem Schriftzug „Follow your heart" in der Hand.
Wir unterhielten und eine Weile über den Abend gestern und über den Auftritt von Niila. Die beiden wollten Alex nach der Show noch kurz abfangen und sich verabschieden. Eine wirkliche Unterhaltung war fast nicht mehr möglich und Timo kündigte schon an, gleich noch ein Bier holen zu wollen, als das Licht in der Halle ausging. Das Publikum wurde unruhig und erste Freudenschreie ertönten. Hektisch verabschiedete ich mich von den beiden und ging schnellen Schrittes die Treppe hoch. Ein Security stoppte mich auf der Hälfte meines Weges und sagte mir, dass ich bitte den Ausgang am Ende der Halle nehmen sollte. Sofort machte ich kehrt und eilte am Rande der vielen Stuhlreihen Richtung Ausgang. Jetzt nichts wie weg. Ich wollte nichts sehen und nichts hören. Gerade hatte ich den Fuß auf die erste Stufe der hohen Treppe gesetzt, als es mir förmlich durch den Raum hinterherrief:
„Dream on you boys
I know it feels cold around now
But we will raise our voices someday." *
Ich blieb erschrocken stehen und hielt die Luft an. Genau das hatte ich verhindern wollen. Ich schloss die Augen und atmete aus.
„Leave the past behind
And smile for what is here now
We will be as one all the way" *
Es fühlte sich an als würde er mir von hinten den Nacken hochkriechen, sich auf meine Schulter setzten und mir ins Ohr singen. Intuitiv versuchte ich ihn abzuschütteln und eilte die Treppen nach oben.
„On the way to wonderland." *
Ja, so fühlte ich mich auch gerade. Wie Alice, die in den Kaninchenbau gefallen war und den verdammten Ausgang nicht mehr fand.
„Nicht laufen!" mahnte mich eine Hostess, die ich aber ignorierte und weiter im Eiltempo 2 Stufen auf ein Mal nahm. Als ich oben angekommen war, konnte ich den Impuls nicht unterdrücken mich nochmal umzudrehen.
„On the way to wonderland." *
Ich sah Samus Silouette durch den Vorhang und bevor dieser mir die Sicht gänzlich freigab, drehte ich mich wieder um und verschwand durch den Ausgang.
Die Sicherheitsleute am Eingang sahen mich etwas fragend an, als ich die Halle verließ.
„Da hat wohl schon jemand genug." Lachte einer von ihnen.
Damit hatte er vollkommen Recht. Ich hatte genug. Ich ging zurück zum Auto und bemerkte, dass meine Hände zitterten. Sowas passierte mir selten. Das geschah nur, wenn ich sehr nervös war vor wirklich wichtigen Terminen. Und ich erinnerte mich, dass es so gewesen war, als Samu und ich uns damals zu einer Aussprache am Ostseeufer getroffen hatte, die gänzlich in die Hose gegangen war. Ich hasste es, wenn das passierte und es ärgerte mich. Ich konnte das nicht kontrollieren. Es passierte einfach so und war eine nervige Reaktion meines Körpers, die sich nicht ignorieren ließ. Ich schüttelte meine Hände, als ich am Auto ankam und zündete mir eine Zigarette an. Das ich so reagierte hätte ich nicht erwartet. Ich liebte ihn nicht mehr. Ich war auch nicht mehr wütend. Trotzdem reagierte ich so. Nervös wischte ich mir über die Stirn und inhalierte den Rauch. Ich kam mir vor wie eine Geisteskranke. Trotzdem bereute ich nicht hergekommen zu sein. Ich hatte überlebt. Und ich hatte Alex gesehen und freute mich schon auf seinen Anruf später. Schade, dass der Tag gestern und die Zeit heute Abend so schnell vergangen waren. Er fehlte mir und ich freute mich, dass wir nach der Tour endlich wieder etwas Zeit füreinander haben würden.
Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, war auch das unangenehme Gefühl wieder verschwunden und fuhr nach Hause.

Gegen 12 rief Alex mich an. Erzählte von der Show und dem Aufeinandertreffen mit Julian und Timo, Sie würden jetzt abbauen und noch heute Nacht nach Berlin aufbrechen. Er rechnete damit, dass sie irgendwann zwischen halb 3 und halb 4 losfahren würden und war froh, dass er im Bus eine Runde schlafen konnte und dann nur in ein Hotelbett wechseln musste.
„Das Hotel ist direkt am Alexanderplatz. Die Straße runter beim SoHo."
„Dann kannst du ja in Ruhe übermorgen eine Runde shoppen gehen, wenn du frei hast."
„Joa. Mal sehen. Eigentlich hatte ich heute Abend eine Schnapsidee."
„Das heißt?"
„Warum buchst du dein Zugticket nicht um und kommst 2 Tage vorher nach Berlin?"
„Sarah ist noch auf Lanzarote oder so. Die kommt am selben Tag nach Hause, wie ich nach Berlin fahre."
„Und Berlin hat ja auch keine anderen Unterkünfte zu bieten." Meinte er ironisch. „Was spricht dagegen. Das sind 90 Minuten Fahrt. Ich hol dich auch am Bahnhof ab und buche dir ein Hotel. Deine Familie erträgst du doch eh keine 3 Tage mehr." Lachte er.
Da hatte er nicht ganz Unrecht. Meine Schwester bohrte mal wieder nach, wann es denn nun mal mit der Familienplanung losging. Ihr Mann ermahnte sie und dann fingen sie an zu streiten. Fast jeden Tag waren sie zu Besuch bei meiner Mutter und gingen mir tierisch auf den Wecker. Mama war wie eine Glucke und kochte ständig was zu essen und plante mich in LA besuchen zu kommen. Wollte wissen, was denn mit meinem finnischen Freund passiert war und ob ich dieses Jahr zu Weihnachten kommen würde. Es war März. Ich wusste noch nicht mal, wo ich im April wäre. Wahrscheinlich in Helsinki und dann hatten Alex und ich mal laut über einen gemeinsamen Urlaub nachgedacht. Nichts davon war bisher spruchreif. Er wollte sich erstmal erholen und auf jeden Fall nach LA.
„Los komm. Stell dich nicht so an. Du, ich und Berlin. Es kommt mir komisch vor, wenn ich da bin und du nur 90 Minuten entfernt."
Damit hatte er auch Recht. Wir hatten uns so lange nicht gesehen und eigentlich wollte ich ihm ein paar Songideen vorspielen. Wir hatten so lange keine Gelegenheit dazu gehabt und es war etwas vollkommen anderes, wenn ich ihm die nur als Email schickte. Ich sah gern sein Gesicht, wenn er etwas zum ersten Mal hörte und so hätten wir die Möglichkeit dazu.
„Du bist aber auch hartnäckig." Sagte ich.
„Ich nerve so lange weiter, bis zu kommst."
Ich musste lachen.
„Ich gucke mal nach, wann da ein Zug fährt. Schon geschehen. Ich hole dich um 11 am Bahnhof ab. Ich muss leider dann zum Soundcheck, aber vielleicht hast du Lust morgen Abend nochmal vorbeizuschauen und wenn nicht, sehen wir uns halt nach dem Konzert und wir haben den ganzen nächsten Tag."
„Überredet. Aber nur, weil meine Mutter nervt."
„Und weil du den alten Alex vermisst."
„Das auch. Dein Glück."
„Baby, bis morgen. Ich freue mich auf dich."
„Ich freue mich auch."
Von meinem kleinen Ausraster hatte ich nicht erzählt. Ich versuchte dem auch keinerlei große Bedeutung beizumessen. Es war immer irgendwie unangenehm, wenn man auf einen Verflossenen traf und mir ging es gut. Ich freute mich hier bei meiner Familie ein paar Tage rauszukommen und freute mich auf Berlin und auf Zeit mit Alex und das war alles, was zählte. Alex hatte gesagt er würde sich um ein Zimmer kümmern und ich wusste, dass er mich sicher nicht im Hotel bei sich und der Band einquartieren würde. Ich buchte mein Ticket um, packte ein paar Sachen in meine Reisetasche und stellte meine Gitarre an die Tür.

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* Wonderland - Sunrise Avenue

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