Mitten in der Nacht rief Sarah mich an, um mir zu erklären, dass sie am Flughafen von Dubai festsaß. Ihr Flug war gestrichen worden, weil es einen Sandsturm gab. Sie würde sich jetzt um ein Hotel kümmern und hatte keine Ahnung, wann sie die Vereinigten Arabischen Emirate verlassen konnte.
„Süße, es tut mir so leid, aber ich habe bis eben noch gedacht, dass ich hier wegkomme. Hier herrscht ein einziges Chaos. Alle Flüge sind gestrichen. Ich sollte eigentlich morgen früh landen, aber ich werde frühestens morgen Abend fliegen können. Wahrscheinlich sogar erst übermorgen, weil einige Leute hier schon seit 2 Tagen festsitzen und die nun alle natürlich vorher ausgeflogen werden."
Ich hatte mich wirklich auf die Tage mit ihr in Berlin gefreut und nun wusste sie nicht, wann sie nach Hause kommen würde.
„Schade"; meinte ich traurig, „ich hab mich so gefreut, aber da kannst du ja nichts für."
„Ich melde mich, wenn ich weiß, wann ich hier wegkomme."
„Ich bin jetzt auch irgendwie schon verplant. Ich wollte von Berlin direkt nach München fliegen, weil ich mich mit Alex treffe. Wir arbeiten gerade an ein paar Songs. Das kann ich jetzt auch nicht mehr absagen. Aber Vielleicht schaffe ich es noch nächste Woche, bevor ich nach Helsinki zurück fliege."
„Sorry. Glaub mir, ich wäre jetzt auch lieber zu Hause. Ich sitze hier seit 4 Stunden und eben meinten die zu uns, dass wir uns an einen Schalter wenden sollen, damit man uns ein Hotel besorgt. Da stehen aber hunderte Leute. Ich will hier einfach nur noch raus."
„Kopf hoch! Mach dir keine Gedanken. Wir sehen uns ein andern mal. Wenn es nächste Woche nicht passt, dann kommst du nach Helsinki."
„Das machen wir. Wir hören, okay!"
„Alles klar. Bis bald."
Jetzt für einen Tag nach Nürnberg zu fliegen, 3 Tage zu verplempern oder wieder zu meiner Familie zu fliegen waren die Optionen. 3 Tage allein in Berlin zu hocken war mir auch zu blöd. Ich wusste, dass Alex sofort sagen würde, dass ich mitkommen sollte. Ich würde erstmal nach Nürnberg fliegen und alles weitere dann entscheiden. Ich wusste, dass in Wien ein freier Tag auf Alex wartete und vielleicht machte es Sinn von Nürnberg aus direkt dorthin zu fliegen. Ich war noch nie in Wien gewesen und konnte mir so in Ruhe die Stadt angucken, bis Alex am nächsten Tag ankam. Wir müssten das morgen besprechen.
Nach der Landung in Nürnberg war ich direkt zur Arena gefahren. Da Alex und die Band nachts direkt weiterfahren wollten, blieb uns heute nur der Tag und den wollten wir nutzen. Alex nahm mich draußen in Empfang und sah ungefähr so müde aus, wie ich mich fühlte. Bereits um 9 war ich losgeflogen und der finnische Tross war auch gerade erst vom Hotel hier angekommen.
„Die anderen sind drinnen oder in der Stadt unterwegs. Wir können in den Bus gehen. Da stört uns niemand. Warst du schon im Hotel?"
„Nein. Bin direkt vom Flughafen hergekommen ich checke heute Abend ein. Tust du mir einen Gefallen?"
„Klar."
„Bitte lass einfach alles so laufen wie es ist. Ich will nicht, dass jemand denkt, dass er sich hier nicht frei bewegen kann, weil ich hier bin und mir das irgendwie unangenehm ist. Ich komme mir da blöd vor. Ich habe keine Angst, dass es hier zu irgendwelchen Begegnungen kommt. Ich will hier niemandem zur Last fallen und ich möchte auch nicht, dass du hier einen Spagat vollführst. Die halten Samu und mich doch alle für geisteskrank, wenn du hier sagst, dass ich da bin und sie sich alle verkriechen sollen. Ich bin hier nur zu Besuch und das hier ist nicht meine Tour. Also entweder nehme ich es so hin, wie es ist oder ich bleibe dem Ganzen fern."
Alex sah mich überrascht an.
„Tut mir leid, dass ich dir da irgendwie Umstände gemacht habe. Du musst das nicht tun. Ich komm klar."
Er grinste.
„Okay."
Wir kletterten in den Bus, gingen die kleine Treppe hoch, vorbei an den Schlafkabinen und machten es uns in der Lounge bequem. Es fühlte sich komisch an hier zu sein, aber ich tat das für Alex und er schien sichtlich erleichtert zu sein.
„Alles okay? Ist irgendwas passiert? Du bist so...gelassen."
Ich seufzte lehnte mich auf der eingebauten Rundecke zurück und sah Alex an.
„Ich habe Samu in Berlin getroffen."
Alex zog die Augenbrauen hoch.
„Zwei mal. Oben in dieser Bar, von der du erzählt hast. Im Hotel."
„Das hat er mir gar nicht erzählt."
„Ich denke er will dir da kein schlechtes Gefühl vermitteln. Wir haben kurz geredet. Er hat ein paar Dinge gesagt, die mich nachdenklich gemacht haben."
„Die dann wären?"
„Wie ich eben schon sagte: Das es für dich sicher nicht leicht ist, dass du versuchst es uns beiden Recht zu machen und da vielleicht auf Dauer etwas auf der Strecke bleibst. Ich hab gedacht, dass das für dich alles kein Problem ist, aber ich weiß, dass du da viel Organisation reinsteckst mich hier zu haben und ich vielleicht nicht ganz zuvorkommend war, wenn es um diese Situation zwischen mir und Samu geht. Mach es dir nicht so schwer. Du sitzt da irgendwie mit drin und das hast du nicht verdient."
„Wow. Das von dir zu hören überrascht mich fast."
„Was soll das denn heißen?" lachte ich.
„Naja. Du warst so sehr fokussiert darauf, dass du hier irgendwie heil und ungesehen rauskommst und abgesehen davon, wärst du ja sonst gar nicht mitgekommen."
„Tut mir leid, dass ich da egoistisch war. Ich hatte Angst davor."
„Ich weiß. Wie war es Samu zu sehen?"
„Mmmh...naja. Wir sind uns jetzt nicht gerade freudig in die Arme gefallen, aber anscheinend sind wir beide lebendig aus der Situation rausgekommen. Ich sehe das mal als Fortschritt zu deinen Gunsten."
„Vielleicht eher für uns alle."
„Kann sein." Grinste ich. „Sarah hat mir abgesagt. Sie sitzt in Dubai fest. Ich überlege morgen nach Wien zu fliegen und dort auf dich zu warten."
„Warum kommst du nicht mit? Auf zwei Tage mehr kommt es doch auch nicht an."
„Ich wusste, dass du damit kommst." Lachte ich.
„Denk drüber nach. Wir fahren heute Nacht hier los."
Wir verbrachten den ganzen Vormittag im Bus und arbeiteten ungestört an den Songs, bis Alex kurz verschwand um uns beim Catering etwas zu Essen zu holen. Als ich Schritte auf der Treppe hörte, dachte ich er würde schon zurückkommen, aber schon hörte ich Samus Stimme, der irgendwem draußen oder unten etwas auf Finnisch zurief. Schon erschien er in meinem Blickfeld, sah aber im Gehen konzentriert auf sein Smartphone, blieb an einer der Schlafkabinen stehen, schob den Vorhang auf und wühlte in einer Tasche herum. Ich blieb ruhig sitzen und beobachtete sein Tun. Wieder steckte er in der schwarzen Jogginghose und weißen Turnschuhen. Diese Mütze schien an seinem Kopf festgewachsen zu sein und er trug einen schwarzen, langen Pulli und eine grüne Bomberjacke. Irgendwie wirkte er wie ein zu groß geratener Zwerg, der im Dunklen keine Klamotten hatte finden können. Ich musste grinsen und lehnte mich wieder auf dem Sofa zurück. Samu kramte alles Mögliche aus seiner Tasche und fluchte leise vor sich hin. Ich verstand zwar kein Wort, fand es aber äußert amüsant ihm bei seinen Selbstgesprächen zuzuhören. Er verteilte den Inhalt der Tasche auf dem Bett, sabbelte weiter vor sich hin und ich erkannte mich selbst ein Stück darin wieder.
„Mein Gott, wo hab ich das hingelegt? Ich hatte das Ding doch vorhin in der Hand und hab es wieder in die Tasche gelegt. Genau hier hin. Bin ich jetzt bescheuert oder was? Ich hatte es doch in der Hand und hab es dann hier hin gepackt. Wo ist das denn jetzt abgeblieben?"
So ähnlich sah jedenfalls die Konversation mit mir selbst aus, wenn ich mich in einer Situation wie dieser befand.
Sein Handy klingelte und er fingerte es wieder aus seiner Jackentasche und klemmte es zwischen Schulter und Ohr ein.
„Hallo! Ja. Ja. Okay. Wait."
Er wühlte in seiner Tasche, wurde anscheinend nicht fündig. Ging zu einer Kabine weiter vorn im Bus, schob den Vorhang beiseite und suchte weiter.
„Ja. Ich habe gefunden deine. Willst du eine neue kaufen?" Pause. „Okay. See you." Er wollte auflegen, hielt sich das Handy aber wieder ans Ohr und meinte hektisch: „Mina? Ja. Kannst du mitbringen eine toothbrush? Okay. Danke. Tschüßi."
Dann legte er auf, zog den Vorhang der Kabine wieder zu und ging zurück zu seiner.
Eine Jeans fiel auf den Boden und er fluchte, bückte sich, um sie aufzuheben und als er wieder hochkam entdeckte er mich. Samu sah mich überrascht an und legte die Hose auf dem Chaos, das er auf seinem Bett veranstaltet hatte ab.
„Hi." Brummte er und seine Hände verschwanden in den Hosentaschen.
„Hi."
„Ich habe nicht gewusst, dass du bist hier."
„Ich habe Alex gebeten nicht so eine große Sache daraus zu machen. Ich will hier niemanden irgendwie in seiner Bewegungsfreiheit einschränken."
„In... what?"
„Ich möchte hier niemandem im Weg sein. Deswegen hat Alex nichts gesagt. Ich habe ihn darum gebeten."
„Oh. Okay. So.... welcome."
Er zuckte die Schulter und grinste.
„Willst du essen?" er deutete mit dem Daumen nach draußen und steckte die Hand zurück in die Tasche.
„Alex holt uns gerade etwas."
„Working?"
Ich nickte und schob die Zettel auf dem Tisch etwas zusammen.
„Ist das smalltalk?"
„Ja." Lachte er, lehnte sich an die Kabine und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Such deinen Kram in Ruhe! Ich warte nur auf Alex."
„Kommst du mit nach Switzerland?"
„Alex hat es mir angeboten. Ich weiß nicht. Ich würde ihn sonst in Wien treffen. Er meinte ihr habt da einen Tag frei."
"Did you watch the show?"
"Ich habe nur Niila gesehen. Aber das hast du ja anscheinend bemerkt."
„Ja. Ich habe dich gesehen. Wanna see the show tonight?"
"Wird das ein Interview?"
"I'm trying to have a conversation."
Ich schüttelte den Kopf und strich mir die Haare hinter die Ohren.
„Deine hair ist shorter and lighter."
„Gut beobachtet."
„Looks good."
Ich ignorierte das und sah mich etwas nervös im Raum um.
„Wolltest du nicht etwas suchen?"
„Found it." Brummte er nur, ohne wegzusehen.
Eine Weile führten wir ein Blickduell, dass keiner verlieren wollte und ich fühlte mich immer unwohler in dieser Situation.
„Wartet nicht jemand auf dich?"
Er grinste und sah auf seine Füße.
„No. Soundcheck starts later. We just had lunch und ich habe meine IPad gesucht."
„Und gefunden."
Er stieß sich von der Wand ab, griff nach dem Tablet auf dem Bett und hielt es triumphierend in die Luft.
„If you wanna come with Alex to Switzerland, there is space for you. You guys could work during the night drive in die Bus. We won't disturb you. We'll be downstairs or sleeping here." Er klopfte auf das Bett. "There is an empty bed over there. In case you're tired. It's not a long drive. Maybe 4 hours. You could switch in die hotel room, wenn wir sind in Switzerland. I don't mind. So if it works for you, you're welcome here. Alex hat viel geredet über eure work during the last days. And I'm happy for him, dass es geht so gut."
Das er so locker damit umging hätte ich nicht erwartet. Ich sah ihn überrascht an.
„What? It's okay. Wenn Alex ist happy, ich bin happy auch.And I think he might be happy about this. Us. Having a talk."
Wie gerufen, erschien dieser auf der Treppe. Er hielt zwei Teller in der Hand, blieb abrupt stehen und sah zwischen mir und Samu hin und her.
„Hey Buddy!" grinste Samu.
Alex sah noch immer von einem zum anderen und wartete anscheinend, dass irgendetwas geschah.
„Have fun!" grinste Samu nur, schlich an ihm vorbei und ging Richtung Treppe. Alex balancierte die Teller weiter den Gang herunter in meine Richtung, als mein Blick nochmal auf Samu fiel, der stehenblieb und nur noch sein Kopf über das Geländer guckte.
„Nice haircut." Grinste er und steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Herr Haber war offensichtlich zu Scherzen aufgelegt. Ich wusste, dass er es genoss mich ein wenig aus der Reserve zu locken und es ihm noch mehr Spaß machte, das vor Alex zu tun, weil er nun wusste, dass ich mich zusammenriss. Ich ging nicht darauf ein. Rollte nur die Augen, nahm Alex einen Teller ab und Samu verschwand aus unter der Treppe.
„Alles klar?", fragte Alex, reichte mir Besteck und ließ sich neben mir auf die Couch fallen.
„Ja. Ich ignoriere die Provokationen. Ich weiß, dass er das witzig findet."
„Nimm das bloß nicht zu ernst."
Ich zog eine Augenbraue hoch und den Mund schief.
„Ja ich weiß. Ich muss ihn nicht erklären." Lachte er und schaufelte sich ein paar Nudeln auf den Löffel.
„Er hat mir angeboten mitzukommen."
„Das ist mal wieder typisch. Ich kann das einhundert Mal anbieten und du haderst. Kommt ein großer, blonder Kerl, kriegst du weiche Knie." Grinste er und ich boxte ihm gegen den Arm.
„Kommst du mit?"
„Es fühlt sich zwar komisch an, aber er meinte es wäre okay und er freut sich, dass wir zusammen arbeiten und die Fahrt wäre nicht lang. Wir würden hier nicht stören."
„Ich hab dir gesagt, dass wir das hinkriegen. Also hör auf zu zweifeln."
„Darf ich ehrlich sein?"
Alex sah mich ernst an und nickte.
„Ich hab wirklich keine Lust hier Samus neue Lovestory auf einem Silbertablett unter die Nase gerieben zu bekommen. Ich habe ihn und Mina schon gesehen und ich komme mir dabei dumm vor."
Er sah auf seinen Teller und schien zu überlegen.
„Mina fährt heute bei Niila im Bus mit. Die Fahrt ist ja nicht lang und sie wollte mit den Jungs ein paar Bilder durchgehen."
Ich nickte.
„Okay."
„Also kommst du mit?"
Ich seufzte.
„Ich glaube selber kaum, wo ich hier reingeraten bin."
Alex lachte und drückte mich an sich.
„Guckst du heute Abend mit mir die Show an?"
„Niila?"
„Wenn du willst natürlich auch den Rest."
Ich schüttelte den Kopf.
„Du wirst das mögen. Die Arrangements mit dem Orchester sind toll."
„Ich guck mir Niila mit dir an. Den Rest nicht unbedingt. Vielleicht am Ende der Tour. Deal?"
„Deal!"
Nachdem Alex nach dem Soundcheck zurückgekommen war, hatten wir weitergearbeitet. Er legte triumphierend einen AAA-Pass vor mir auf den Tisch und grinste schief.
„Tut mir leid. Du bist jetzt mittendrin."
Kurz bevor der Einlass begann, gingen wir in die Halle und setzten uns wieder hinter seine Bildschirme, tranken ein Bier und unterhielten uns, bis Niila auf die Bühne kam. Ich blieb bei Alex sitzen und lauschte andächtig den Herren im Scheinwerferlicht. Irgendwann kam Samu um die Ecke und blieb neben dem Bühnenaufgang stehen. Er lehnte sich an das Treppengeländer und sah zu. Kurz darauf, trat auch Mina aus dem Backstagebereich. Sie hatte eine Kamera um den Hals und sah konzentriert auf das Gerät. Sie stellte sich zu Samu und schoss ein paar Bilder vom Publikum und der Show. Als sie uns entdeckte, lächelte sie etwas schüchtern rüber und Alex hob die Hand. Sie winkte und konzentrierte sich wieder auf ihr Tun. Samu legte den Arm um sie und schunkelte ein wenig albern mit ihr hin und her, bis sie sich aus seiner Umarmung löste und wieder hinter der Bühne verschwand. Kurz darauf ging auch Samu wieder.
„Ich muss jetzt wieder nach hinten.", meinte Alexa und stand von seinem Stuhl auf, als Niila fertig war. „Holst du mich hier nachher ab? Dann trinken wir später noch was zusammen, bevor wir losfahren."
„Ja. Mach ich. Ich warte im Bus. Ich muss noch ein paar Mails beantworten."
Ich stand gerade draußen an den Bussen und trat meine Zigarette aus, als die ersten Leute aus der Halle strömten und ein ganzer Haufen Mädels sich an dem Zaun versammelte um einen Blick auf die Band zu erhaschen und Fotos von den Bussen zu machen. Ich ging wieder zum Hintereingang und schlich mich zu Alex durch, der schon dabei war Kabel aufzurollen und Stecker zu ziehen.
„Hier halt mal!" meinte er und drückte mir eine Kabeltrommel in die Hand. „Wickel das mal auf und pack das da in die Kiste. Die da auch. Dann sind wir schneller fertig."
Ja, ich steckte wirklich mittendrin.
Als wir fertig waren, schlenderten wir Richtung Catering, wo uns auf dem Gang schon Sami und Riku entgegen kamen. Beide begrüßten mich herzlich und Sami beteuerte, dass er ja noch immer nicht in meinem Studio gewesen war und da unbedingt nachholen wollte. Sami machte sich auf den Weg Richtung Bus und warf hinterher, dass wir nicht abhauen sollten, er wolle noch was mit uns trinken. Riku folgte ihm und Alex und ich fanden uns beim Catering ein, schnappten und ein Bier und ließen uns auf die Stühle an einem großen Tisch fallen. Auch Raul und Osmo fanden sich nun ein, begrüßten mich und setzten sich zu uns an den Tisch. Osmo fragte, wie unsere Arbeit voranging und Alex erzählte freudig drauflos. Ich entdeckte Sami auf dem Flur, der eine Zigarette aus seiner Jackentasche zog und sie in die Luft hielt, um mir zu signalisieren, dass ich mitkommen sollte. Ich entschuldigte mich kurz und ging ihm hinterher. Wir hatten uns schon ewig nicht unterhalten und ich freute mich wirklich in wiederzusehen.
„Hey!" meinte er und schnippte die Asche von seiner Zigarette. „Long time no see. How are you?"
Wir plauderten eine Weile über die Tour und Sami erzählte, dass Alex Feuer und Flamme gewesen war, dass ich ihn besuchte und wir so toll miteinander gearbeitet hatten, wie schon lange nicht mehr. Ich erzählte, von meinem Destaster mit Berlin und das ich nun irgendwie plötzlich mittendrin steckte und sie mich an der Backe hatten.
„Did you watch the show?"
Ich schüttelte den Kopf und sagte, dass ich mir nur Niila angesehen hatte.
„You have to."
"I know. I promised Alex, I'll watch it at the end of the tour."
Sami nickte.
"I think Samu really wants Alex to have a good time here. This won't be the last time he'll ask him to join us." Grinste er. "It feels like he has always been part of this crew. I'm really glad, that these boys found a way to be friends again, after what happened that night in the club. But what about you? This must feel strange."
Ich sah auf meine Füße.
„Yes. A bit. We talked in Berlin for the first time again and I don't feel like being a part of all this anymore."
"If Samu would feel strange with this, he wouldn't ask you to join Alex."
Ich grinste.
"He told you." Stellte ich fest.
"Sure." Lachte er und trat seine Zigarette aus. „He's fine and I know, that the friendship with Alex is important for him and if you want it or not: You are a part of this friendship."
Ich seufzte schwer und sah ihn wissend an.
„I know. That was not my intention, when I broke up with him."
Sami lachte.
"Yeah. That's shit. A dirty job, but somebody's gotta do it. You don't have to be best friends or something, but he's right. It's much easier for Alex, if you both are able to talk and forget about the bad blood."
"I know. It's not so easy for me."
"Still angry?"
"I'm trying." Grinste ich.
Er lachte laut und warf den Kopf in den Nacken.
„Girls!" meinte er nur und schüttelte den Kopf. „It could be so easy. Just beat the shit out of him and then have a drink together."
Ich grinste und streckte ihm die Zunge aus.
„You'll be good. I'm sure. And I want you to watch the show. It's so great. You have to see it."
"I will. Promise!"
Sami hob einen Daumen und grinste breit.
"Let's have a drink with the guys."
Wir gingen zurück zu den anderen und setzten uns wieder an den Tisch. Alex war nicht zu sehen und Samu saß am anderen Ende des Tisches und unterhielt sich mit Leuten aus dem Orchester. Er trug wieder die Jogginghose und ein weißes Shirt. Die Mütze hatte er verbannt. Anscheinend hatte er geduscht, denn seine Haare waren nass und er war während seiner Unterhaltung immer wieder damit beschäftigt sie sich aus dem Gesicht zu kämmen. Ich unterhielt mich mit Sami und Osmo über die Tour und ein paar Mal trafen sich Samus und meine Blicke, aber von beiden Seiten gingen keine Reaktionen aus. Anscheinend wusste er bereits, dass ich mitkommen würde und wie Sami gesagt hatte, war es kein großes Thema für ihn. Ich war etwas erleichtert, dass es anscheinend wirklich irgendwie zu funktionieren schien. Keiner trat irgendwem auf die Füße und es gab genug andere Leute um uns herum, so dass wir uns eigentlich nicht wirklich miteinander beschäftigen mussten. Nicht das ich es vielleicht nicht wollte, aber ich wusste auch gar nicht wie. Ich hatte mitbekommen, dass auch während der Tour schon Freundinnen oder Familienmitglieder des Orchesters mitgereist waren und so schien es mir nicht mehr so, als würde man für mich jetzt eine Extrawurst braten. Ich war nur eine von vielen und in der Masse konnte man hervorragend untertauchen.
Niila fand irgendwann den Weg an unseren Tisch und sofort verwickelte ich ihn in ein Gespräch und berichtete, dass ich die Show schon ein paar Mal gesehen hatte und mir seine Musik wirklich gefiel. Alex kam wieder zurück, stellte noch ein Bier auf den Tisch und so verbrachten wir den Abend, bis Sami meinte, dass wir langsam zum Bus gehen sollten.
Alex und ich verzogen uns mit unseren Gitarren in nach oben in die Lounge und widmeten uns wieder den Songs. Riku und Sami verschwanden in den Kojen und von den anderen bekam ich gar nichts zu sehen, da sie wahrscheinlich unten geblieben waren. Jedenfalls hörte ich ein leises Stimmengewirr und ab und zu ein lautes Lachen.
Nachdem wir rund 2 Stunden vertieft gewesen waren, gähnte Alex und ließ sich in die Polster fallen.
„Ich glaub ich knicke ab." Meinte er grinsend.
„Ich bin auch müde." Stimmte ich zu.
„Aber schreib das noch auf. Das brauchen wir für morgen."
„Ich leg mich auch gleich hin. Geh ruhig schlafen."
„Wir sehen uns später. Danke, dass du mitgekommen bist. Ich weiß, dass das nicht leicht für dich ist."
Er drückte mir einen Kuss auf die Wange, legte die Gitarre auf das Sofa, stand auf und verschwand hinter dem Vorhang der Koje. Ich spielte den Song noch ein letztes Mal durch und nahm ihn mit dem Laptop auf. Leise summte ich die Melodie vor mich hin und setzte den Text ein, wo es schon einen gab. Der Rest bestand noch auch „Mmmhm mmmhm" und „Dadadada". Als ich fertig war und aufsah, stand Samu auf dem Gang. Er hatte ein Glas Rotwein in der Hand und lächelte.
„I like it." Brummte er leise. „It's catchy. Das ist die Song du hast gespielt in Berlin in die Hotel."
„Ja." Nickte ich.
„I like the bridge."
„Die gibt es auch erst seit heute."
Er schlenderte zu mir rüber, legte den Kopf schief und schielte auf die Zettel vor mir.
„Darf ich gucken?" grinste er und zog die Augenbrauen hoch.
Ich nickte und Samu ließ sich auf Alex' Platz fallen, stellte das Weinglas auf den Tisch und nahm einen der Zettel in die Hand. Er lehnte sich zurück, zog ein Bein an und lehnte das Knie an den Tisch. Er las die Zeilen auf dem Papier und nickte.
„Nice." Kommentierte er und griff nach Alex Gitarre neben sich. Er spielte die Akkorde an und summte vor sich hin.
„What does that mean? Ich kann nicht lesen Alex' handwriting. Looks like Mandarin." Lachte er leise.
Ich sah auf den Zettel und las es ihm vor. Samu zog die Stirnkraus und schüttelte den Kopf.
„I could never read that."
Er wiederholte die Zeile und murmelte den Text zu den Akkorden.
„Nein." Wieder sagte ich ihm den Text vor.
„I don't get that. Sing it!"
Ich grinste, lehnte mich weiter über das Papier und sag leise die Melodie. Samu spielte die Akkorde weiter und nickte.
„Ah. OK."
Er spielte weiter, verzweifelte aber wieder an Alex Hieroglyphen, die ich über die Jahre gelernt hatte zu entziffern. Ich sang weiter und Samu nickte und sah auf das Papier.
„Again!" meinte er und spielte wieder von vorn. „Ich weiß jetzt."
Ich sah etwas unsicher auf, aber er nickte nur und spielte unbekümmert weiter. Soweit er den Text lesen konnte sang er mit und lachte jedes Mal, wenn er wieder an einer Zeile scheiterte. Der Moment kam mir total surreal vor, trotzdem musste ich grinsen.
„Nein. Du spielst D, das ist ein G." meinte ich und tippte auf das Papier, wo Alex den Buchstaben notiert hatte.
„Hell! Das ist nicht eine G. Das ist eine... ich weiß nicht. I thought it is D, but it looks like an elephant drawn by a three years old child." Lachte er. „But it sounds good with D."
„Nein. Warte." Meinte ich lachend und griff nach meiner Gitarre, um ihm zu beweisen, dass er falsch lag. Ich spielte die Akkorde, wie wir sie notiert hatte und stoppte an der Stelle, die Samu falsch gespielt hatte und spielte G.
„Make it a D."
Wieder spielte er es vor.
„No. You're right. Sounds better with G."
Nochmal spielte ich die Stelle mit, sang leise den Text und Samu hatte Alex verschlüsselte Nachricht nun entschlüsselt.
„I really like it." Lächelte er und legte die Gitarre zur Seite. „Funny to know, dass eine Song is born in this bus. And it's not for Sunrise Avenue."
"Das hängt davon ab, was du dafür bezahlst." Grinste ich.
Samu lachte und trank den letzten Schluck Wein aus dem Glas.
„Oh sorry. Willst du auch wine?", fragte er und machte Anstalten aufzustehen.
„Nein, Danke. Ich wollte mich ehrlich gesagt gerade auch hinlegen. War ein langer Tag."
„Ja. Ich will auch eine bisschen schlafen. In 2 Stunden wir sind at die Hotel. I'm too old for this small beds."
Ich sammelte meine Unterlagen zusammen, packte meine Gitarre zurück in die Tasche und stand vom Tisch auf. Samu folgte mir und ich blieb auf dem Gang stehen und drehte mich fragend um.
„Wohin kann ich denn jetzt?"
Er deutete auf das Bett gegenüber seiner Koje.
„Das ist die leere bed. Nobody wanted it, because of my snoring." Grinste er.
"Na da hab ich ja gewonnen." Seufzte ich.
„I thought you got used to it." lächelte er und schob den Vorhang seiner Koje auf.
Ich ließ das unkommentiert, zog meine Schuhe aus und kletterte auf das Bett. Samu stieg bäuchlings und etwas umständlich in seines und sah zu mir rüber, als er seinen Kopf auf das Kissen legte.
„Gute Nacht, Samu." Meinte ich und zog den Vorhang zu.
„Gute Nacht, John Boy." Lachte er hinter dem Stoff.
Irgendwie hatte ich ernsthaft versucht weiterhin wütend auf ihn zu sein, aber diese ganzen negativen Gefühle waren einfach nicht mehr da und Samu machte es mir leicht. Er verhielt sich ganz normal und kam mir entgegen, was ich nicht erwartet hatte. Er hätte keinen Grund gehabt sauer auf mich zu sein. Jedoch sprach ich ihm schon zu, dass es auch für ihn eine unangenehme Situation sein musste. Vielleicht nicht nur wegen ihm selbst, sondern auch, weil seine Freundin hier war. Trotzdem hatte er sich der Sache gestellt. Alex zuliebe und das rechnete ich ihm hoch an. Ich wollte nicht diejenige sein, die da nicht mitspielen wollte.
Nach etwa zwei Stunden wachte ich auf, als der Bus anhielt und jemand auf dem Gang rumorte. Wir hatten das Hotel erreicht und die Jungs sammelten einige Sachen zusammen und ich hörte Schritte auf der Treppe. Ich schob den Vorhang auf. Samu stand mit dem Rücken zu mir und zog sich sein T-Shirt über.
„Sind wir da?", fragte ich leise und ein wohlbekanntes, zerknautschtes Morgengesicht sah mich an.
Er nickte nur, zog sich seine Mütze auf den Kopf und griff nach seinen Zigaretten und seinem Handy. Auch ich kletterte aus dem Bett, zog meine Schuhe an, holte meinen Koffer und Alex Rucksack von hinten und stieg aus dem Bus. Samu und Alex standen draußen, rauchten und tippten auf ihren Telefonen herum. Ich lehnte mich an Alex'Schulter und guckte auf die Uhr. Ich musste unbedingt weiterschlafen.
„Warum ist Niilas Bus schon hier?" fragte Alex.
„Wir haben gestoppt an die Tankstelle. I bought cigarettes." brummte Samu.
Wir betraten das Hotel, Zimmerkarten wurden ausgetauscht und im 5. Stock stiegen Alex und ich aus dem Fahrstuhl und suchten unsere Räume. Alex hatte ein Zimmer auf der anderen Seite des Ganges und ich zog meinen Koffer in die andere Richtung, 5 Türen weiter.
„Bis morgen." Gähnte er und ich sah, wie er die Karte in den Schlitz steckte und hinter der Tür verschwand.
Als ich mein Zimmer betrat, stöpselte ich mein Handy ans Ladekabel, putzte mir die Zähne und suchte ein Schlafshirt in meinem Koffer. Ich fand in meiner Handtasche Alex Portemonnaie, dass ich vorhin nur schnell eingesammelt und eingesteckt hatte, bevor es verloren ging. Ich lief den Gang zu seinem Zimmer runter und klopfte. Es dauerte eine Weile, bis er mir öffnete und mich mit großen Augen ansah.
„Dein Portemonnaie war noch in meiner Tasche. Ich dachte du brauchst es, ich fahre morgen Mittag nicht mit zur Halle und komme später. Ich habe übrigens vorhin noch ein wenig oben gesessen...", plapperte ich und schob mich an ihm vorbei ins Zimmer. „Und ich dachte vielleicht hast du...". Ich brach ab und blieb im Zimmer stehen. Erst fiel mein Blick auf den zweiten Koffer in seinem Zimmer, dann auf die Kameratasche und am Ende auf die blonde Fotografin, die in dem großen Bett lag und mich überrascht anstarrte.
„Was zum Teufel ist hier los?", fragte ich und sah Alex an, der die Tür schloss und sich nervös durch die Haare fuhr.
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Liebe Leser!
All denjenigen, die jetzt die Stirn runzeln und am Ende denken "Häää? Was passiert da?", lege ich gern nochmal Kapitel 54 und 56 ans Herz. Vielelicht lest ihr in diesen Kapiteln jetzt etwas anderes, als vorher:)
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Heimkehr
Fiksi PenggemarSamu & Sophia Teil 3. Fortsetzung von "Von der Muse geküsst" und "Klimawandel". Inklusive der beiden OS in meinem Account zu finden. Nach Sophias Rückkehr nach Los Angeles scheint die Trennung von Samu endgültig. Wäre da nicht noch etwas, was sie in...
