Als ich aufwachte wusste ich erst gar nicht wo ich war. Und es war mir auch egal. Sophia lag in meinem Arm, hatte sich zu mir rumgedreht und strich durch meine Haare. Von mir aus konnten wir irgendwo unter einer Brücke im tiefsten Sibirien liegen. Ich strich langsam ihren Rücken hinauf und zog sie dichter an mich. Der Geruch ihres Parfums hing in den Laken, in ihren Haaren, an ihrer Haut. Ich atmete tief durch und genoss das wohlige, vertraute Gefühl, als sie ihr Gesicht an meinem Hals vergrub, ihre Hand in meinen Nacken legte und ihr Finger durch die kleinen Härchen fuhren. Sie wusste, dass ich das liebte und ich konnte das stundenlang genießen. Ich legte meine Lippen an ihre Stirn, strich weiter über ihren Rücken und fühlte ihre Gänsehaut unter meinen Fingerspitzen.
Der letzte Abend war perfekt gewesen. Der ganze Tag. Mit Sophia durch die Gegend zu fahren, durch die Stadt zu laufen und herumzualbern hatte dafür gesorgt, dass ich mich fühlte wie nach 2 Wochen Urlaub. Es hatte sich angefühlt wie auf der Tour. Unbefangen. Locker. Anders als früher. Entspannter.
Einfach so, als wäre dieses ganze Chaos nicht passiert und auch, wenn sie auf nähere Annäherungsversuche meinerseits nicht eingegangen war, hatte ich das Gefühl, dass sie sich wohl bei mir fühlte. Jedenfalls zeigte sie das sehr deutlich. Trotzdem frustrierte es mich, dass wir nicht wirklich von der Stelle kamen. Wir konnten reden, wir genossen die Nähe des anderen, aber mehr geschah nicht. Ich brannte darauf sie zu küssen, aber sie hatte mir zu verstehen gegeben, dass mehr nicht drin war. Bis jetzt? Für immer? Ich wusste nicht, ob sie einfach nur noch mit sich haderte, ob sie den letzten Schritt gehen sollte oder ob sie es gar nicht erst versuchen wollte und einfach nur nicht so wirklich die Finger davon ließ, weil sie eigentlich so fühlte wie ich. „Ich will das nicht wieder kaputtmachen", hatte sie gesagt. Ich auch nicht. Aber auf was steuerten wir denn hinaus? Auf Freundschaft? Das hier ging jetzt schon weit über eine Freundschaft hinaus. Und das war auch nicht vorstellbar für mich. Für uns beide nicht. Das hatten wir schon vor langer Zeit festgestellt. Worauf also warten? Unsere Probleme hatten immer in der Kommunikation gelegen. Das hatte sich aber geändert und es war schön so eine Seite an ihr zu entdecken. Sophia hielt mich nicht auf Abstand, sie war kein Eisklotz und schien nicht anders zu fühlen als ich. Wenn es doch nun so war, dass wir nicht ohne einander konnten, dann war es halt so. Dann musste man kopfüber reinspringen und gucken was passierte oder man ging getrennte Wege. Für immer. Wahrscheinlich hatte sie noch immer Angst. Und solange das so war, würde sich auch nichts ändern. Entweder sie vertraute mir oder nicht.
Hier mit ihr zu liegen war schön und ich genoss die Wärme und die Geborgenheit, aber es kam auch einer Folter gleich.
Vielleicht brauchte sie einfach noch Zeit. So konnte das Ganze ja nicht weitergehen. Händchenhalten, Kuscheln... alles gut und schön. Aber ich wollte wissen, wo wir standen und ich war mittlerweile ungeduldig. Ich wollte mehr. Ich wollte bei ihr sein, ohne immer ab einem gewissen Punkt zu stoppen. Ich wollte mit ihr darüber reden, was in unseren Köpfen vorging. Ich wollte sie küssen, sie berühren und sie bei mir haben. Nicht eine Nacht ein wenig kuscheln und sie dann wieder nach Hause fahren. Ich war keine 12 mehr und ich hatte das Gefühl an der langen Leine neben ihr herzulaufen.
Offensichtlich waren da Gefühle. Das bildete ich mir nicht ein. Sie hatte Angst, dass diese Bindung zerstört werden würde, wenn wir uns wieder näher kamen. Sie hatte Angst, dass es nicht funktionieren würde und wir wieder dort enden würden, wo wir immer gescheitert waren. An uns selbst. Ich dachte, dass es diese Verbindung nur verstärken würde. Aber ihr Kopf lief auf Hochtouren. Das wusste ich. Ich hatte Zeit - aber nicht ewig. Irgendwann musste sich die Welt auch für mich weiterdrehen. Ohne oder mit Sophia. In absehbarer Zeit musste sie eine Entscheidung treffen und davor hatte ich Angst. Ich hatte Angst, dass sie das einfach wegwerfen würde. Das sie einen Rückzieher machte, nur um nicht verletzt zu werden oder mich zu verletzen.
Wir waren so viel besser zusammen. Uns so viel näher als sonst. Das musste sie doch auch fühlen.
Angst hatte ich keine. Was sollte noch passieren? Wir hatten alles schon mal erlebt und ich für meinen Teil, hatte daraus gelernt. Ich würde nicht mehr Dinge, die mich störten mit mir herumtragen und warten, bis das Fass überlief. Oder tat ich das längst? Jetzt war einfach nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Vielleicht dachte sie heute auch schon anders darüber.
Meine Bedingungen an diese Verbindung mit Sophia waren andere geworden und wenn ich nicht bereits gemerkt hätte, dass es besser lief, dann hätte ich längst die Finger von ihr gelassen.
Ich seufzte, schmiegte meine Wange an ihren Kopf und ließ meine Hand weiter über ihren Rücken wandern. Sophia drängte sich dichter an mich und schob ein Bein zwischen meine.
Wäre es nach mir gegangen, würden wir hier die nächsten Tage liegenbleiben. Genau so.
„Hast du auch Hunger?", fragte sie leise.
„Hell, yeah." Lachte ich.
„Ich mach uns was zum Frühstück." Nuschelte sie und sah verschlafen zu mir hoch.
„Ich helfe dir."
„Du hast schon genug gemacht. Lass mich das bitte übernehmen."
Wieder vergrub sie ihr Gesicht an meinem Hals und ich fühlte ihren Atem an meiner Haut.
„Eigentlich mag ich gar nicht aufstehen." Sagte sie leise und schob ihren zweiten Fuß zu meinen.
„Ich nicht auch." Brummte ich und platzierte einen weiteren Kuss auf ihrer Stirn.
„Es ist so schön warm hier."
Vorsichtig fuhr sie mit ihrer Nase an meinem Schlüsselbein entlang, kuschelte sich noch enger an mich und fuhr mit ihren Finger über meine Schulterblätter. Ich hatte das Gefühl als würden mir alle Sicherungen durchbrennen und ich biss mir auf die Lippen und legte meine Stirn an ihre Schulter.
Anscheinend hatte sie gemerkt, dass sie einen Schritt zu weit gegangen war. Sie küsste kurz meine Wange und robbte ein Stück von mir weg.
„Ich mach uns Frühstück." Sagte sie.
Seufzend drehte ich mich auf den Rücken, als Sophia sich auf die Bettkante setzte und ihr Shirt überzog. Ich sah ihr hinterher, als sie das Schlafzimmer verließ und hörte, wie sie die Treppe nach unten tapste.
Es könnte alles so einfach sein.
Nach dem Frühstück hatten wir ein wenig aufgeräumt und alles in den Urzustand versetzt, bevor wir wieder in meinen Wagen gestiegen und losgefahren waren. Das Wetter war großartig. Die Sonne schien und ich musste lachen, als Sophia versuchte ihre Haare mit einem Zopfgummi zu bändigen, ihr der Fahrtwind aber immer wieder einen Strich durch die Rechnung machte. Letztendlich rettete sie ihre Frisur, als ich zum Tanken hielt und uns etwas zu trinken besorgte.
„Wollen wir noch haben eine Lunch in Helsinki zusammen?", fragte ich und sah zu ihr rüber, als ich den Wagen von der Tankstelle wieder auf die Straße lenkte.
Sie lächelte zu mir rüber und nickte.
Die ganze Fahrt summte sie mit dem Radio mit, sah in der Gegend herum und wirkte mit sich und der Welt zufrieden. Ich wusste, dass das ein Zustand war, den sie nur schwer erreichte und es stimmte mich etwas glücklich, dass meine Nähe dazu beitragen konnte.
Ich parkte den Wagen am Hernesaaren Ranta und stellte den Motor aus.
„Hier war ich letztens mit Hanna." Meinte sie und strich über meine Hand, die an ihrem Bein ruhte.
„And I thought ich habe eine good idea." sagte ich und öffnete die Fahrertür, um auszusteigen.
"Hast du." Lachte sie und ließ es zu, als ich den Arm um sie legte und sie die Straße hoch Richtung „Löyly" delegierte.
Der Mann an der Tür begrüßte uns lächelnd, wir gingen durch das Restaurant, um auf der anderen Seite wieder hinauszugehen und ich suchte einen Platz auf der großen hölzernen Sonnenterasse am Wasser. Es roch nach Sauna, Holz und Meer, die Möwen sangen ihr alltägliches Lied, die See war ruhig und es war nicht wirklich voll. Ich hatte riesigen Hunger. Das Frühstück war schon ein wenig her und wir hatten am Vortag eindeutig zu wenig eingekauft.
Wir setzten uns in die Sonne, an einen kleinen Tisch, in die drahtgeflochteten Stühle. Ich bestellte eine Flasche Weißwein und eine Flasche Wasser und wir steckten die Nasen in die Mittagsmenükarten.
Auch während des Essens blieb die Stimmung zwischen uns gelöst und weiterhin schöpfte ich Hoffnung, dass sie irgendwie die Kurve bekommen würde.
„Willst du noch Wein?", fragte ich und goss die Flüssigkeit in ihr Glas, ohne auf eine Antwort zu warten.
„Nein." Lachte sie und sah mich an. „Willst du mich abfüllen? Es ist erst Mittag."
„No, aber ich muss noch fahren die Auto." Grinste ich und stellte die Flasche zurück in den Metallkühler.
Sie trank lächelnd einen Schluck und sah mir zu, wie ich in meiner Lachssuppe rührte und das Brot in Stücke riss.
„Hast du keine Hunger mehr?", fragte ich und deutete auf ihren Teller, der noch fast halbvoll mit Salat und Hähnchen bedeckt war.
„Doch. Ich mache gerade eine Pause."
„Hurry. I'm hungry." Grinste ich.
„Denk nicht mal dran! Du bleibst auf deinem Teller, Freundchen!"
Ich grinste sie herausfordernd an, löffelte eine Tomate von ihrem Teller und schob sie mir in den Mund. Sofort drohte sie mir mit der Gabel und lachte laut.
„Ich mag sowieso keine Tomaten."
„I know." Zwinkerte ich und sammelte das nächste Stück aus ihrem Salat.
Als wir gegessen hatten, bezahlte ich und sah wie Sophia zu der gläsernen Brüstung der Terrasse ging und aufs Meer sah. Ich folgte ihr, lehnte meine Hände an ihren Seiten auf das Geländer und platzierte meinen Kopf an ihrer Schulter. Sofort schmiegte sich ihre Schläfe an meine und ich schloss die Augen.
„Der Tag gestern war wirklich schön. Danke. Du hattest Recht. Es war gut mal hier rauszukommen. Ich hab mich gefreut, dass wir was zusammen gemacht haben."
„Ich auch." Meinte ich an ihrem Ohr.
Sie legte ihre Hand auf meine auf dem Geländer ab und strich mit ihrem Daumen über meine Finger.
Eine ganze Weile standen wir nur da, schwiegen und genossen die Nähe des anderen und den Blick aufs Meer und die Boote.
„Fährst du mich heim?", fragte sie irgendwann leise.
„Sure." brummte ich, legte den Arm um sie und wir gingen zum Auto zurück. Immer wieder kamen wir in diese Situation und immer wieder bremste sie. Wenn sie all das doch gar nicht wollte, warum vollführte sie dann so einen Tanz am Rande der Klippe? Wollte sie, dass ich das in die Hand nahm oder musste ich ihr doch wieder einen Stoß geben. Das wollte ich nicht mehr. Sie wusste, wie es in mir aussah und ich wusste, was in ihrem Hirn herumspukte. Das hier war einfach kein Zustand in dem ich es lange aushalten konnte. Vielleicht hatte sie sich auch so gefühlt, als ich ihr damals gesagt hatte, dass ich eine Pause brauchte, aber sie trotzdem in meinem Leben haben wollte. Weil ich gucken wollte, ob da noch etwas war, wofür es sich zu kämpfen lohnte. Der Versuch war, wie auch die davor, gehörig gegen die Wand gefahren und dazu hatten wir beide unseren Teil geleistet. Aber jetzt war es doch eigentlich klar. Da waren noch Gefühle und die konnte man einfach nicht ignorieren. Wenn sie sich dem so widersetzten konnte, dann fühlte sich vielleicht einfach doch nicht dasselbe. Diese Sache blieb ein Rätsel für mich und ich beschloss, dass es Zeit wurde klare Verhältnisse zu schaffen. Endgültig. Aber nicht heute. Ich würde nicht weiter mit diesen Gedanken herumlaufen, aber den Tag heute mit so einem Thema zu beenden schien mir falsch. Lange hatte ich meine Freizeit nicht so sehr genossen wie die letzten 24 Stunden mit ihr und noch immer umgab mich dieses Gefühl, dass ich heute Morgen beim Aufwachen gespürt hatte. Diese Blase wollte ich nicht zerplatzen lassen. Nicht heute.
Wir hatten lange vor ihrer Haustür gestanden und keiner wollte sich so wirklich verabschieden. Noch am Abend schrieb sie mir eine Nachricht, dass der Tag wirklich schön gewesen wäre und fragte, ob wir uns 3 Tage später auf einen Kaffee treffen wollten. Als ich ein Café vorschlug, verneinte sie und schlug vor sich bei mir zu Hause zu treffen, was okay für mich war.
„Hei!" meinte ich und merkte sofort, dass etwas nicht stimmte, als ich die Haustür öffnete.
Sophia war blass, wirkte unsicher und konnte mich nicht wirklich ansehen.
„Ist alles okay?", fragte ich, als sie in den Flur trat und sich die Haare hinter die Ohren strich.
„Ja. Eigentlich schon." Meinte sie unsicher und zog ihre Schuhe aus.
„But?", fragte ich und schloss die Tür hinter ihr.
„Ich dachte wir sollten reden und ich wollte das nicht in der Öffentlichkeit machen." Meinte sie und sah zu mir hoch.
„Okay." Meinte ich mehr fragend und deutete auf die Zwischentür, damit sie in den Wohnbereich treten konnte.
„Willst du eine coffee oder muss ich holen die Vodka?" fragte ich und trat an die Kücheninsel.
Sie schnaufte und strich sich wieder nervös durch die Haare.
„Did something happen?"
„Nein." Schüttelte sie den Kopf.
„Ist alles gut bei Alex und Mina."
„Ja, da ist alles in Ordnung."
„Du bist nervous. Bad sign."
„Wann fliegst du nach Berlin?"
„In 2 Wochen."
Sie nickte und lächelte gequält.
„Ist das eine smalltalk? Come on!"
„Ich wollte dir das eigentlich schon bei unserem Ausflug sagen, aber ich konnte einfach nicht und ich hab so ein wahnsinnig schlechtes Gewissen. Der Tag war so schön und ich wollte das einfach nicht kaputtmachen."
„You talk a lot about „kaputtmachen". Ich weiß nicht why? Das ist eine große theme for you. Always. But it's good, dass du willst reden, weil ich möchte das auch und ich habe nicht gemacht, als wir waren in die Mökki."
Sie trat von einem Fuß auf den anderen und sah mich etwas verzweifelt an.
„Sophia, was ist los?", fragte ich und legte meine Hände auf ihre Schultern.
Ich sah, dass ihre Augen glasig waren und sie nervös auf ihre Hände blickte.
„Ich wollte mich verabschieden", sagte sie leise und sah wieder zu mir hoch, „ich fliege übermorgen zurück nach Los Angeles."
DU LIEST GERADE
Heimkehr
Fiksi PenggemarSamu & Sophia Teil 3. Fortsetzung von "Von der Muse geküsst" und "Klimawandel". Inklusive der beiden OS in meinem Account zu finden. Nach Sophias Rückkehr nach Los Angeles scheint die Trennung von Samu endgültig. Wäre da nicht noch etwas, was sie in...
