Narben zeichnen uns

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Heißes Wasser prasselte auf mich herab. Es brannte auf meiner Haut, das lag nicht nur an der Temperatur des Wassers. Doch es tat mir gut. Es fühlte sich an, als würde es den ganzen Dreck von mir waschen. Einfach abspülen. Eine halbe Ewigkeit stand ich unter der Dusche und genoss es, zu duschen ohne paranoid zu werden, dass mein Vater gleich auftauchen könnte. Als ich mich vor den Spiegel stellte und mich ansah, fielen meine Blicke wieder auf die unzähligen Wunden. Aber diesmal fühlte ich etwas anderes. Eine Art Abschied. Ich sah die blauen Flecken, die Kratz-, und Peitschspuren, manche davon blutiger als die anderen. Vom Haaransatz bis zu meinem Füßen war ich von Wunden übersähet. Doch statt daran zu zerbrechen, mich zu hassen und mein Leben beenden zu wollen, lächelte ich... Denn es gab etwas, was mich auf dieser Welt festhielt. Es gab jemanden, der mit meinem Fehlern klar kam. Der mich mit ihnen liebte und akzeptierte. Für den mein Wesen das einzige war, was zählt. Und er gab mir die Kraft, mich zu widersetzten. Nach Jahren hatte ich endlich das Gefühl, dass es nicht für ewig halten würde.
Klopf, klopf.
Ich erschrak und sah zur geschlossenen Tür.
"Liri ist alles in Ordnung?"
"Eh, j-ja, ich bin gleich fertig."
"Lass dir Zeit. Ich wollte nur nach dir sehen."
Vorsichtig trocknete ich meinen Körper ab und zog mich an.
Als ich raus kam, fand ich ihn nicht. Ich sah in der Küche nach, im Wohnzimmer, schließlich machte ich dir Schlafzimmertüre auf.
Da stand er, auf der anderen Seite vom Bett und zog sich gerade sein Shirt über den Kopf. Oberkörperfrei fiel sein Blick auf mich. Ich schnappte nach Luft und spürte meine Wangen rot werden. Peinlich berührt starrte ich ihn an. Ich wollte mich umdrehen, aber irgendwie war ich gelähmt. Gerade Linien zeichneten seine Brustmuskulatur ab, ebenso wie den Sixpack. Doch es war nicht sein Körper der meinen Blick fesselte. Es war diese circa 10 Zentimeter lange Linie, die von der Brust bis zum Bauch lang lief. Eine Narbe, aber wovon? Ich traute mich nicht nachzufragen, ich stand nur wie angewurzelt da und betrachtete sie wie in Trance. Meine Haut brannte, als würde mir diese Wunde zugefügt.
"Was ist los?" fragte er. Ich sah ihn an, konnte aber nicht antworten.
Er ging ums Bett herum und kam auf mich zu.
"Hey hast du ein Gespenst gesehen? Was ist mit dir?" fragte er und griff um meine Taille. Ich drückte ihn von mir weg und zeichnete die Narbe mit meinem Finger nach.
Durch die blassrosa Färbung stach sie besonders heraus, auf seiner braun gebrannten Haut. Aber wieso tat es mir so weh, Wunden an ihm zu sehen?
Er nahm meine Hand vom Körper und küsste sie.
"Das ist schon lange her..."
"Wer war das?" platzte es aus mir heraus.
Er legte den Kopf in den Nacken und seufzte.
"Das ist schon lange her Liri, nicht der Rede wert."
"Darf ich das selbst entscheiden, ob es wichtig ist oder nicht?"
Er sah mich lange an, dann nahm er einen tiefen Atemzug und drehte sich von mir weg. Er nahm ein Shirt aus dem Schrank und nahm mich bei der Hand. Wir setzten uns auf die Couch und er begann zu sprechen.
"Meine Vergangenheit war nicht sehr vorbildhaft Liri... Ich habe einige Fehler in meinem Leben gemacht, die ich heute zutiefst bereue... Das ist einer davon."
Er schlug die Hände vor's Gesicht und atmete laut aus.
"Was ist passiert Kujtim?"
Ich nahm seine Hände weg und zwang ihn mich anzusehen.
"Willst du das wirklich wissen?"
"Ja!"
"Okay... huhh.. Diese Wunde hätte mich fast mein Leben gekostet, für ein bisschen Kokain. Ich war früher Abhängiger Dealer Liri..."
Mein Herz stockte. Ich verurteilte ihn nicht für das was er getan hatte, ich befürchtete jedoch das schlimmste. Denn ich wusste, wie es in diesen Kreisen zuging...

How he saved me...Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt