bum-bum, bum-bum, bum-bum, bum-bum...
ich spürte mein Herz pochen. Viel zu kräftig, viel zu schnell. Ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt. Einfacher. Wie in den Filmen, in denen dann alles irgendwie gut läuft. Nach Plan, ohne einen Plan zu haben, wisst ihr?
‚Du schaffst das!' versuchte ich mich zu beruhigen. Ich schloss die Augen und atmete 3 mal tief ein und wieder aus. Okay. Ich schaffe das!
Ich hob meine Hand, die wie verrückt zitterte und hielt meinen Zeigefinger an die Klingel. Ich schloss die Augen, so als würde ich eine Szene im Film nicht sehen wollen und drückte die Klingel.
Nichts.
Keine Stimmen, keine Schritte, kein Mucks war zu hören. Ich runzelte die Stirn und betrachtete das Haus. Ich war noch nie hier. Es war ein kleines, aber sehr schönes Haus. Die Fassade war in einem angenehmen Orange gestrichen, entlang des Hauses waren Blumen gepflanzt, die in allen Farben blühten. Ein großer alter Baum stand in der Mitte des kleinen gepflasterten Vorhofs, an dem eine Schaukel hing.
‚Wie im Bilderbuch' schoss es mir durch den Kopf.
Ich stellte mir vor, wie es gewesen wäre hier aufzuwachsen. Mit meinem Bruder zu toben, Fangen zu spielen und uns um die Schaukel zu streiten. Ich fing an zu lächeln, meine Sicht verschwamm.
Schnell blinzelte ich mir die Tränen aus den Augen und schüttelte den Kopf, um einen kalten Gedanken zu fassen. Ich nahm noch einmal meinen ganzen Mut zusammen und drückte die Klingel, diesmal etwas länger.
Als niemand öffnete, überkam mich ein Gefühl, dass ich nicht beschreiben konnte. Ich war erleichtert... aber ich war auch enttäuscht. Mehr enttäuscht als erleichtert. Ich stand noch eine ganze Weile da.
„Kann ich Ihnen helfen?"
Ich drehte mich ruckartig um. Ein Mann Ende 40 stand da, und sah mich mit freundlichem Gesicht an.
Seine Miene änderte sich schlagartig, als er mich ansah.
„Liridona..." es war nicht mehr als ein flüstern, doch es war laut genug um mir meine Nackenhaare aufzustellen.
Für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl, dass mein Herz aufhörte zu schlagen. Ein riesiger Kloß bildete sich in meinem Hals, den ich versuchte runter zu schlucken.
Das rascheln der Schlüssel verriet mir, dass seine Hände zitterten.
„Meine Liridona..." er ging mit langsamen Schritten auf mich zu. Ich war wie angewurzelt, starrte ihn nur an. In seine grünen Augen, die mit jedem Schritt den er auf mich zu machte, mehr glitzerten.
Ich war noch nie so überfordert, mein Magen drehte sich um. Mir wurde schlagartig eisig kalt und ich spürte wie meine Hände feucht wurden.
Er stand ganz dicht vor mir, wir sahen uns einfach nur an, bis die erste Träne seinen Augenwinkel verließ.
Ich verspürte ein starkes Bedürfnis ihn in den Arm zu nehmen. Ehe ich den Gedanken zu Ende geführt hatte, schlang er seine Arme um mich. Ich konnte nicht anders als diese Umarmung zu erwidern.
Jetzt erst, fing ich wieder an zu atmen.
Ich schluchzte und ließ meinen Tränen freien Lauf.
„Mein kleines Mädchen, mein kleines Mädchen."
Immer wieder hörte ich diese Worte in meinem Ohr. Ich weiß nicht wie lange wir so dastanden, aber es fühlte sich an wie eine Ewigkeit.
Als wir uns voneinander lösten, sah ich hinter ihm meine Mutter stehen, die ebenfalls fürchterlich angefangen hatte zu weinen.
Ich schloss die Augen und versuchte mich zu beruhigen.
‚Du schaffst das! Du schaffst das! Du schaffst das!'
Immer wieder sagte ich düse Worte in meinem Kopf auf.
„Wollt ihr euch nicht drinnen weiter unterhalten?"
Unterbrach meine Mutter und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Ich nickte nur, und drückte sie kurz.
Wir saßen lange schweigend da und sahen uns nur gegenseitig an.
Es war unglaublich, wie sehr ich ihn ähnelte. Als wär ich ihm aus dem Gesicht geschnitten. Die grünen Augen, die kleine Nase, das markante Lippenherz. Ja, sogar das große, mandelförmige Muttermal am linken Handgelenk.
„Liridona, wo soll ich nur anfangen?" beendete er die Stille.
Ich schüttelte nur mit dem Kopf und lächelte unter Tränen. Er nahm meine Hände und küsste sie.
Obwohl ich ihn zum ersten Mal sah, spürte ich eine Verbindung. Eine starke Verbindung. Und ich... ich vertraute ihm. Das was mir am aller schwersten fiel, vertrauen.
Mittlerweile waren ein paar Stunden vergangen, wir saßen auf der Veranda und nippten an unserem Tee, während wir uns über alles mögliche unterhielten. Die Zeit schien nur so dahinzuscheiden.
Mein Handy vibrierte in meiner Hosentasche.
„Hey mein Engel, ist alles in Ordnung?"
Ich lächelte, als ich Kujtim's Namen auf dem Display las.
„Ja Baby. Kannst du mich abholen?"
„Na klar, bin in 20 Minuten da."
„Passt du auf dich auf?"
„Immer!"
Ich legte es weg, und sah zu meinem Vater.
„Ich werd langsam gehen." sagte ich.
Er nickte verständnisvoll und schenkte mir ein warmes, herzliches lächeln.
„Bist du glücklich, meine kleine?"
Meine Mundwinkel hoben sich.
„Ja... überglücklich." gab ich ehrlich zu. Er griff nach meiner Hand die auf dem Tisch lag und drückte sie.
„Ich bin froh, dass du ihn hast."
Seine Worte waren ehrlich. Das spürte ich.
„Ja." antwortete ich, und erwiderte seinen Druck.
Es war doch gar nicht so schwer, oder?
Ich kannte ihn gerade ein paar Stunden, aber es fühlte sich an, wie lebenslang. Klingt komisch, ich weiß. Aber es passte einfach die Chemie, wir waren auf einer Wellenlänge. Nicht wie ich und meine Mutter, wir waren zwei völlig verschiedene Charaktere.
‚Deswegen flogen wahrscheinlich auch so oft die Fetzen.'
Dachte ich mir und musste schmunzeln.
„Wann sehen wir uns wieder?" fragte ich.
„Wann auch immer du möchtest, meine Kleine." seine Augen wurden wieder feucht. Es war wie ein kleiner Stich durch mein Herz das mit anzusehen.
„Dann bring ich dich mal zur Tür." sagte er und wischte sich hektisch über's Gesicht.
„Sag Liridon schöne Größe."
„Das werd ich." sagte er und umarmte mich fest.
„Danke." flüsterte er in mein Ohr.
Ich ging mit wackeligen Beinen zur Tür raus. Mein Kopf pulsierte und fühlte sich an wie durch den Fleischwolf gedreht. Mein Hals tat mir weh, vom vielen weinen und auch sonst, mein ganzer Körper war wie ausgesaugt. Was Emotionen mit einem alles anstellen können. Ich setzte mich auf den Bordstein und sah in den Himmel hinauf. Unzählige Sterne glitzerten am dunklen Himmel um die Wette. Ich bildete mir ein, dass sie heute besonders hell schienen.
Ich betrachtete das Muttermal auf meinem Handgelenk und ließ sanft meinen Daumen drüber gleiten. Wär hätte sich das vorgestellt? Nicht einmal in meinen Träumen hätte ich es gewagt, von so einem Leben zu träumen.
In diesem Moment passierte etwas in mir. Irgendwie fühlte es sich an, als würde ich über eine Grenze gegangen sein. Oder eine hohe Mauer geklettert, oder eine Prüfung bestanden. Mein ganzer Körper war zwar müde, doch ich fühlte mich federleicht.
„Hey süße, wie viel?" hörte ich jemanden rufen.
„Für dich? 500! Freundschaftspreis." rief ich zurück und stand vom Bordstein auf. Ich öffnete die Autotüre und stieg ein.
„500? Komm schon süße, das ist zu viel."
Ich schlug ihm auf den Arm: „ Halt die Klappe!" und konnte mir ein lachen nicht verkneifen. Was für ein Tag. Ich schloss die Augen und lehnte mich in den Sitz zurück. Versuchte zu verarbeiten, während mein Körper immer schwerer wurde. Bis ich schließlich einschlief.
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How he saved me...
RomansaGeschlagen, missbraucht, hintergangen, vergewaltigt... Ich könnte noch viel mehr Punkte aufzählen die mir in meinem Jungen aber erbärmlichen Leben widerfahren sind. Irgendwann kommst du an einen Punkt im Leben, wo dir alles egal ist. Du suchst nicht...
