Kapitel 60

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Wie ich es angekündigt hatte, blieb mein neuer Nachname mein Geheimnis. Ich trug auf der Arbeit zwar meinen Ehering, doch er fiel niemandem auf. So wie es gedacht war. Für die ganze Welt war ich nach wie vor Miss Armstrong, doch für meine Welt war ich Mrs. Crouch. Ein unglaubliches Gefühl.

Doch zum Flittern oder Genießen blieb keine Zeit. Die Arbeit rief. Und ich musste sie ohne Tonks durchstehen. Sie und Remus hatten sich dazu entschieden, dass sie vorübergehend aufhörte. Es war eine logische Entscheidung. Es war einfach zu gefährlich für eine Schwangere.

Da Kingsley seit geraumer Zeit Scrimgeours Stellvertreter war, hatte ich noch nicht mal ihn bei mir. Ich war das einzige Ordensmitglied in der Aurorenzentrale und somit die Augen und Ohren für diesen Bereich. Mindestens einmal die Woche verfasste ich einen Bericht und schickte ihn nach Hogwarts zu McGonagall. Es gab seit Dumbledores Tod zwar keinen richtigen Führer mehr und der Orden zerfiel immer mehr, doch wir verbliebenen waren uns alle einig, dass Hogwarts der sicherste Ort für unsere Geheimnisse war. Zumindest noch. Die Zeichen standen auf große Veränderungen in Hogwarts. Voldemorts Erstarken hatte auch die Schule erreicht.

Die Nachricht von Snape als neuem Schulleiter sorgte für Entsetzen, war er doch berechtigterweise in Ungnade gefallen.

Als ich an diesem Abend nach Hause kam, traf ich Barty am Esstisch sitzend an. Er starrte auf Snapes Abbild, dass ihm aus dem Tagespropheten entgegenschaute. Wie immer mit ernstem Gesichtsausdruck.

„Eine Schande", kommentierte ich im Vorbeigehen.

Barty schaute auf. „Warum?"

Ich starrte ihn entsetzt an. „Meinst du die Frage gerade ernst?", vergewisserte ich mich.

„Ja", meinte Barty und lehnte sich gegen die Stuhllehne.

Ich warf ihm einen ungläubigen Blick zu. „Muss ich es dir jetzt wirklich erklären?"

Barty zuckte mit den Schultern. „Kannst du."

„Das glaube ich jetzt nicht. Wie kannst du es nicht verstehen? Du warst dabei, als er die Seiten gewechselt hat. Alternativ war er die ganze Zeit über ein Spion."

Barty grinste schief. „Was macht dich da so sicher?"

Ein empörtes Keuchen entwich meinem Mund. „Bitte?"

Barty verschränkte lässig die Arme vor der Brust und schaute mich an. „Du bist doch die Aurorin von uns beiden. Ich hätte etwas mehr von dir erwartet."

Ich war mir sicher, die Ungläubigkeit würde mein Gesicht nie wieder verlassen. Der Mann machte mich gerade wütend... enorm wütend. Mit einem Schnauben lehnte ich mich an den Türrahmen und fixierte ihn.

Doch Barty blieb gelassen. „Meinst du nicht, es ist bisschen zu einfach gedacht?"

Ich schnaubte lediglich.

Barty lachte kurz auf. „Okay, meine Liebe. Nur ein kleiner Denkanstoß... Snape war vor vielen Jahren mal ein Todesser. Doch er wechselte die Seiten. Unter Dumbledore wurde er ein Spion in Voldemorts Reihen. Und er tat seinen Job mehr als gut. Dumbledore vertraute ihm bis zu seinem Tod..."

„Was ein Fehler war, wie wir jetzt alle wissen!", fiel ich ihm ins Wort.

„Lass mich ausreden. Dumbledore vertraute ihm bis zu seinem Tod. Und wie es der Zufall will, ist ausgerechnet Snape derjenige, der Dumbledore tötet. Und das, nachdem Potter uns bereits an Weihnachten von seinen Vermutungen bezüglich Malfoy erzählt hat. Und ebenjener Malfoy sollte ihn eigentlich töten. Ein Teenager, der dann zögerte. Gerettet wird dieser Teenager ausgerechnet von Snape, der den Todesstoß übernimmt. Hältst du Dumbledore für so dumm, dass er so etwas nicht im Vorfeld mitbekommen hätte? Wenn ja, dann muss ich sagen, dass ich ein höheres Ansehen von Dumbledore habe, als du. Und dass, obwohl wir lange Gegner waren. Und genauso wenig ist es ein Zufall, dass ausgerechnet Snape der neue Schulleiter wird."

Ich ließ mir Bartys Worte immer wieder durch den Kopf gehen. „Du hältst das Ganze für einen Schachzug von Dumbledore?", schlussfolgerte ich und schaute ihn fragend an.

„Und für einen wirklich guten obendrein."

„Und warum sollte Dumbledore seinen eigenen Tod planen?"

„Woher soll ich das wissen? Mir hat er garantiert keine Geheimnisse anvertraut. Ich sage lediglich, dass ich das Ganze nicht für einen bloßen Zufall halte. Dafür ist vieles zu stimmig, als hätte man eine lange Kette in Gang gesetzt, als mit Dumbledores Tod der erste Dominostein umfiel. Ich war lange genug Teil dieser Spiele voller Manipulation und Geheimnisse, um ein solches zu erkennen."

Ich überlegte immer noch. Bartys Argumentation klang logisch und glaubhaft. Doch handelte es sich hier wirklich um ein solch abgekartetes Spiel? Über Bartys letzten Satz stolperte mein Verstand schließlich vollständig.

„Jetzt, wo wir zusammen, sogar verheiratet, sind...", begann ich.

Barty schwante scheinbar böses, denn er nahm sofort eine Abwehrhaltung ein.

„... verrätst du mir jetzt endlich deine Geheimnisse? Wirst du dich jetzt endlich erklären?"

Barty zuckte zusammen. Seine Augen schnellten hin und her. Irgendwas stimmte hier überhaupt nicht.

Nach einigem Zögern blickte er mir direkt in die Augen.

„Nein", war die schlichte Antwort, die ich bekam.

„Nein?", wiederholte ich empört. Wollte der Kerl mich verarschen? Ich musste mich stark beherrschen, um ihn nicht auf der Stelle zu verfluchen.

„Kate, bitte...", setzte er an. Seine Miene wirkte gequält und er kämpfte sichtlich mit sich, doch es war mir egal.

„Ich habe dir verziehen! Ich habe dir erneut mein Vertrauen geschenkt! Ich habe dir meine Liebe gestanden! Ich habe dich sogar geheiratet! Und du vertraust mir immer noch nicht?"

„Das hat nichts mit Vertrauen zu tun..."

„Womit dann?", schrie ich. „Womit zur Hölle hat es dann zu tun? Verarschst du mich? Bist du ein Spion und nutzt mich als Informationsquelle? Weil ich so naiv und blöd bin, dich immer noch zu lieben?"

Barty stand ebenfalls auf. „Nein! Nichts von alledem!", schrie er ebenfalls. „Ich liebe dich auch! Über alles! Was glaubst du, habe ich deswegen alles auf mich genommen? Was glaubst du, habe ich alles getan, um dich zu schützen?"

„Ich weiß es nicht, denn du sagst mir ja nie etwas!", schleuderte ich ihm entgegen.

Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass wir nach allem, was wir in den letzten 2 Jahren gemeinsam durchgestanden hatten, jetzt unseren ersten ausgewachsenen Streit hatten. Kurz nach der Hochzeit. Wenn das mal kein Zeichen war.

„Kate, bitte vertrau mir."

Ich lachte auf. „Wenn ich in den letzten 2 Jahren für jedes 'vertrau mir, Kate' eine Galleone bekommen hätte, wäre ich heute eine sehr reiche Frau!"

„Ich meine es Ernst. Ich tue nichts grundlos, niemals in meinem Leben!"

„Ach, ich vergaß. Es hatte ja auch einen Grund, dass du dich Voldemort angeschlossen hast! Wie konnte ich bloß?"

„Weißt du was? Glaub und mach, was du willst! Ich habe versucht, dir gewisse Sachen zu erklären, aber du hörst nur, was du willst. Andere Sachen kann ich dir nicht erklären, noch nicht!"

Damit drehte er sich um und verließ das Haus. Ich hörte die Haustür mit so viel Schwung ins Schloss fallen, dass ich angst hatte, sie würde zur anderen Seite einfach wieder aufgehen.

Aufgebracht blieb ich zurück und schleuderte mein Glas mit aller Wucht und einem lauten, frustrierten Schrei gegen die Wand.

Um die Scherben und die Weinflecken würde ich mich morgen kümmern.

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