Chapter 41
Ungefähr ab der Hälfte schaute ich mir den Film nicht mehr an, denn meine Aufmerksamkeit galt etwas Anderem, oder besser gesagt jemand anders. Interessiert grinsend blickte ich Jeongguk an, der das Kissen, das ich ihm vorher gegeben hatte, vor seinen Mund hielt und sich mit seinem Rücken gegen die Wand drückte. Bei jedem Jumpscare, wirklich jedem, selbst bei denen, die keine waren meiner Meinung nach, zuckte er zusammen. Trotzdem konnte man sagen, dass seine Augen an den Fernseher gefesselt waren, denn er schaute nie weg. Ich fand's urkomisch, dass er eigentlich Angst hatte, diesen Film zu gucken, aber ununterbrochen draufstarrte. Mir kam es so vor, als ob er einen Horrorfilm guckte, was er eigentlich auch tat, und ich aber eine Komödie schaute. Wenn er noch auf einmal losschreien würde, was leider noch nicht der Fall war, wäre mein Abend damit vollkommen. Natürlich zuckte ich ebenso bei manchen Szenen zusammen, aber Jeongguks Angst wurde so deutlich, dass ich den Film gar nicht mehr interessant fand. Ausnahmsweise machte ich mir mal Sorgen um ihn.
Gedanklich fragte ich mich, ob es eine gute Idee wäre, ihm jetzt eine Frage zu stellen oder nicht, weil ich das Gefühl hatte, er würde sich ansonsten vor lauter Schrecken in die Hose machen. So entschied ich mich dann dafür, dass ich mich an seiner süßen ängstlichen Art ergötzte, bis der Film zu Ende war. Tja, da ich aber nur ein Mensch war und diese je nachdem einen schwachen Willen hatten, konnte ich mich nicht zurückhalten, seinen Namen zu rufen, als er sich bei einer weiteren Szene erschrak. "Jeongguk-ah?", gab ich äußerst besorgt von mir und blickte dementsprechend drein. Zum allerersten Mal schaffte er es, seine Augen von dem Bildschirm abzuwenden und diese auf mich zu richten. Genau als ich meine Worte fortführen wollte, ertönte das Schreien einer Frau aus dem Film und er zuckte gewaltig zusammen. Sofort nahm ich die Fernbedienung in die Hand, ließ den Film pausieren und schaffte es nicht, meinen besorgten Blick aus meinem Gesicht zu kriegen.
Ein Teil von mir hätte am liebsten angefangen, wie eine Irre aufzubrüllen vor lachen, doch ich kannte die Worte "Anstand" und "Benehmen". Dazu war meine Sorge um ihn viel zu groß, als dass ich laut loslachen könnte. Meine Hand landete mit einem Zug auf seiner Schulter, um ihn etwas zu beruhigen. Keine Ahnung, ob das half, aber ich wusste sonst nicht, was ich tun sollte. "Jeongguk-ah, soll ich den Film ganz ausmachen? Ich glaube, dass es langsam reicht.", versuchte ich ihn mit meinem ruhigen Unterton zu besänftigen. Erst da öffnete er wieder seine Augen, die er davor reflexartig zugekniffen hatte, und merkte, was hier gerade los war. Es dauerte einige Sekunden, bis er checkte, wie unterschiedlich ich und er zu dem Film standen. Aufgesetzt lachend meinte er nur:"Haha, nein, nein. Lass den Film weiterlaufen, ich will den noch zu Ende gucken, du etwa nicht?" Am liebsten hätte ich meine Augen verdreht, aber es war besser, sie nur gedanklich zu verdrehen.
Schwunghaft ging eine meiner Augenbraue in die Höhe und dabei sahen Jeongguk und ich uns gegenseitig an. Es ging eine Weile so, bis mir die Lust fehlte, damit fortzufahren. Ohne irgendetwas zu sagen, erhob ich mich von meinem Bett, schaltete das Licht an und machte meinen Fernseher aus. "Ich will später nicht dafür verantwortlich sein, dass du dich nicht mehr ins Bad oder in ein anderes Zimmer traust, wo sich Spiegel befinden, okay?", seufzte ich unverbesserlich. Ich war so oder so dafür verantwortlich, weil im Endeffekt ich mich für diesen Film entschieden hatte und später sogar darauf bestand, ihn zu gucken. Jeongguk, der sich eingekriegt hatte, was man an seiner Stimme deutlich heraushören konnte, sagte:"Ist doch doof. Jetzt, wo wir fast den ganzen Film geguckt haben, sollten wir auch das Ende sehen." Konnte es sein, dass er dumm war oder wollte er mich nur dazu bringen, dass ich von mir selbst aus den Film nicht mehr gucken wollte?
Erneut starrten wir uns schweigend für ein Weilchen an, bis es mir zu blöd wurde und ich schließlich mit den Schultern zuckte. "Okay, gut. Dann schauen wir uns den Film zu Ende an, aber denk bloß nicht, dass ich dich dann zum Badezimmer begleite oder so.", drohte ich ihm angenervt und hoffte, dass er verstand, worauf er sich da einließ. Ich wartete noch etwas ab, um ihm noch die Chance zu geben, sich umzuentscheiden. Mir war längst bewusst, dass er nur aus dem Grund darauf bestanden hatte, weil ich nicht von ihm denken sollte, dass er ein Schisser war. Gott, es war doch menschlich, wenn man Angst vor etwas hatte. Mädchen standen viel mehr darauf, wenn man auch zu seinen Ängsten stand. Dieses Ich-Bin-Ein-Kerl-Der-Vor-Nichts-Angst-Hat-Gehabe ging bei mir absolut gar nicht. Eigentlich hätte ich die DVD rausnehmen und wegpacken können, aber genau weil ich schon angenervt war, wollte ich ihn dann doch etwas leiden sehen. Fein, dann sollte er eben das kriegen, worauf er bestanden hatte.
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Bulletproof Desire
FanfictionKaum sind die Herbstferien vorbei, muss Dea auch schon zurück nach Seoul, um dort ihren einjährigen Sprachkurs fortzusetzen. Herzlicher Empfang? Fehlanzeige! Das Taxi, das sie in die Stadt bringen soll, gibt den Geist auf, woraufhin sie sich kurzerh...
