11. ~ Endlich wieder tanzen!

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~ Carlos ~

Lustlos liess ich mich auf den Stuhl neben Miguel fallen. Okay, so lustlos war es vielleicht doch nicht. Ich hatte zwar keinen Bock auf diese ganzen Leute hier, aber Miguel schien doch ganz Ok zu sein. Zumindest schien er kein langweiliger Streber oder verwöhnter Stadtschnösel zu sein, so wie ich mir hier alle vorgestellt hatte.

Ich hatte irgendwie gar nicht mitgekriegt, welches Fach wir hatten, denn Miguel und ich quatschten die ganze Zeit, während dieser Clifford vorne irgendwas laberte. Miguel war wirklich eine richtige Labertasche.

In einem fort erzählte er mir alles über die Schule, lästerte über Lehrer und Schüler ab, erklärte mir, wer die Schulschlampen und die möchtegernkriminellen Obermachos waren und schliesslich auch noch, wo es geile Clubs gab und wo Alkohol an Minderjährige verkauft wurde.

Zum Glück laberte er einfach non stop und fragte mich nicht darüber aus, woher ich kam und weshalb ich mitten in der Woche die Schule gewechselt hatte. Vielleicht spürte er sogar, dass ich nicht darüber reden wollte und fragte deshalb nicht nach. Jedenfalls war ich ihm sehr dankbar dafür, denn ich hätte nicht gewusst was ich sagen sollte, wenn er gefragt hätte.

Normalo hatte mir eingeschärft, dass ich mit niemandem darüber reden durfte, denn wenn irgendwie an die Drogendealer von London durchdrang, dass ich der Sohn von dem Typen war, der in Liverpool mehrere Dealer beschissen hatte, war ich geliefert. Nicht nur ich, sondern auch Cathy, Mom, Luiza und Ruben. Dann könnten wir nämlich nochmals in eine andere Stadt abhauen und wieder ganz von vorne anfangen und darauf hatte ich echt keinen Bock. Ich musste mir irgendwie noch eine einigermassen glaubhafte Ausrede einfallen lassen, denn irgendwann würde die Frage, warum wir hierhergezogen waren, bestimmt kommen.

Genau während ich das dachte, klingelte es und Miguel stöhnte: << Boah, endlich muss ich mir das Gelaber nicht mehr anhören. >> Ich konnte ihm nur rechtgeben, denn die nervige Stimme von Clifford hatte unsere Unterhaltung über Clubs und Alkohol echt erheblich gestört.

<< Gibt's hier irgendwo Kaffee? >>, fragte ich an Miguel gewandt, während ich meine Sachen, die mir der Clifford hingeknallt hatte, zusammenräumte. << Jap, klar! Aber das Zeugs schmeckt nicht gerade prickelnd. >> << Egal, Hauptsache Kaffee! >>

Da wir nur fünf Minuten Pause hatten, mussten wir uns echt beeilen, denn der Kaffeeautomat stand irgendwo in der Aula, weit entfernt von unserem Klassenzimmer. In Windeseile liessen wir uns zwei Becher raus und kippten das Zeugs, das wirklich scheusslich schmeckte, auf dem Rückweg in uns hinein.

Gerade noch rechtzeitig schafften wir es auf die nächste Stunde, kassierten aber trotzdem einen bitterbösen Blick von dem Clifford. << Alter, was hat der denn für n' Problem? Wir waren ja noch pünktlich. >>, flüsterte ich Miguel zu. << Naja, das is halt so ein Fuzzie, der es geil findet, jeden, der auch nur eine halbe Sekunde zu spät kommt, zusammenzuscheissen. >>

<< Ruhe dahinten! Oder wollt ihr eure Privatgespräche draussen weiterführen? >>, herrschte Clifford uns an.

<< Liebend gern! >>, antwortete Miguel ihm mit zuckersüsser Stimme. Ich konnte mir ein Grinsen nicht mehr verkneifen und kassierte heute schon zum zweiten Mal einen Killerblick von Clifford.

<< RAUS! Alle beide! >>

Sein Gesicht war inzwischen blutrot angelaufen und seine Augen fixierten uns hasserfüllt. Ich musste mich richtiggehend zusammenreissen, um nicht lauthals loszulachen. Miguel ging es wohl nicht anders. Auf dem Weg zur Tür presste er sich die Hand auf den Mund, damit man nicht sah, wie er innerlich am verrecken war.

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