~ Carlos ~
Seltsamerweise fühlte ich mich total leicht. Zu leicht, um wahr zu sein. Ich hatte weder Angst, noch tat mir irgendwas weh. Es war ein schönes Gefühl, welches viel zu selten seinen Weg zu mir fand. Mittlerweile war mir klar, dass ich weder tot, noch lebendig war, sondern irgendwas dazwischen. Mein Körper war anscheinend doch stark genug gewesen, um dem Tod mal wieder von der Schippe zu springen, aber er war nicht stark genug, um mich endlich wieder richtig zu Bewusstsein zu bringen.
Schon eine ganze Weile befand ich mich in diesem seltsamen Zustand. Meine Augenlider schafften es einfach nicht, sich auch nur ein kleines Stückchen zu bewegen, sosehr ich es auch versuchte. Aber vielleicht war das auch gut so, denn die Dunkelheit um mich herum, fühlte sich ganz gut an. Möglicherweise war es ja sogar besser, wenn ich noch eine Weile in diesem Zustand blieb, denn ich wusste tief in meinem Inneren, dass etwas Schreckliches passiert war. Ich wusste zwar nicht mehr, was genau, aber mir war klar, dass es mich beinahe aus dem Leben gerissen hätte.
Und vielleicht war es wirklich besser, wenn ich einfach im Schutz der Dunkelheit blieb und niemals erfuhr, was es gewesen war. Ich fühlte mich wohl und geborgen so und das wollte ich mir nicht durch irgendwelches schreckliches Zeug versauen lassen. Lieber lauschte ich noch eine Weile den angenehmen Stimmen um mich herum. Ich verstand zwar nicht, was sie sagten, aber ich kannte und mochte die Stimmen und das beruhigte mich unheimlich. Auch die Hände, die meine umklammerten, wirkten beruhigend auf mich.
Ich war umgeben von Menschen, denen ich etwas zu bedeuten schien, sonst wären sie nicht schon so lange bei mir. Das war echt ein schönes Gefühl. Zum ersten Mal seit langem fühlte ich mich nicht mehr alleine und verloren mit meinen Problemen. Es gab tatsächlich Menschen, die mir helfen und mir meine Probleme und Schmerzen abnehmen wollten. Wenn mein Kopf sich nicht komplett benebelt angefühlt hätte, wäre ich ab dieser Erkenntnis wahrscheinlich direkt in Tränen ausgebrochen, aber stattdessen breitete sich ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit in mir aus.
Vielleicht sollte ich langsam aber sicher den Menschen um mich herum mal klar machen, dass ich nicht tot war, denn ich konnte förmlich spüren, dass ich von einem ganzen Haufen Sorgen umgeben war. Meine Augen weigerten sich strikt dagegen, sich zu öffnen und der Dunkelheit zu entfliehen, also musste ich es auf eine andere Art probieren.
Deshalb versuchte ich nun vorsichtig, die Finger meiner linken Hand zu spreizen. Erst beim dritten Versuch spürte ich, dass sich meine Finger tatsächlich ein kleines bisschen bewegten. Aber das kleine bisschen hatte gereicht, um die Message ankommen zu lassen. Sofort nahm ich eine Unruhe um mich herum wahr. Die Stimmen wurden mit einem Mal lauter und aufgeregter und die Hand, welche vorhin noch kalt und schlaff auf meiner gelegen hatte, umklammerte mich plötzlich kraftvoll. Am liebsten hätte ich den Druck erwidert, aber ich war einfach zu schwach. Ich schaffte es nicht mal, meine Finger ein zweites Mal ein kleines Stückchen zu bewegen. Es war einfach zu anstrengend. Aber ich war stolz auf mich selbst, dass ich es wenigstens einmal geschafft hatte.
Angestrengt versuchte ich, mich auf die Stimmen zu konzentrieren. Aber noch immer verstand ich nichts. Nicht mal Wortfetzen konnte ich heraushören. Niedergeschlagen gab ich es schliesslich auf, als ich spürte, wie an meinem linken Arm herumgefummelt wurde. Ich wusste inzwischen genau, was das bedeutete und ich war ehrlich gesagt nicht dagegen abgeneigt. Mittlerweile zuckte ich nicht mal mehr zusammen, wenn sich die Nadel in meinen Arm bohrte, so sehr hatte ich mich schon an das unangenehme Gefühl gewöhnt.
Es war jedes Mal eine willkommene Abwechslung, wenn ich wieder in die vollkommene Dunkelheit befördert wurde und mein Kopf sich noch mehr vernebelte, sodass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Auch die unerträglichen Schmerzen hatten sich dadurch jedes Mal beinahe in Luft aufgelöst.
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Escape...
Novela JuvenilDas Leben von Carlos geht gerade ziemlich den Bach runter. Er wird aus seiner Heimat und von seinen Freunden weggerissen und muss nach London, wo er keine Menschenseele kennt. Als er durch Zufall Lilly kennenlernt, der es ähnlich erging, verliebt er...
