69. ~ Das Blatt wendet sich

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~ Carlos ~

Vor meinem inneren Auge zog mein ganzes Leben an mir vorbei, als Eric sich ruckartig umdrehte und seine Pistole auf mich richtete. Bilder von Luca, Miguel, Lilly und meiner Familie schossen mir in Lichtgeschwindigkeit durch den Kopf, selbst solche aus meiner Kindheit. Mir wurde richtig schwindlig davon und ich hatte panische Angst, dass ich bald umkippte und das Messer sich dabei in meinen Hals bohren würde.

Ich spürte meinen rasenden Herzschlag bis zum Hals, als Eric mich bösartig grinsend ansah. << Wie wär's, wenn wir mit ihm anfangen? Du hast deinen Sohnemann ja schliesslich grossartig erzogen und ihn schon bestens in deine neuen Geschäfte integriert. >>

Der hämische Tonfall seiner Stimme liess mich beinahe würgen, denn ich konnte spüren, dass dies sein voller Ernst war. Der würde keine Sekunde damit zögern, uns abzuschlachten und das nur, um sich an meinem Vater zu rächen. Das war doch nicht normal, dass ein Mensch fähig war, sowas zu tun. Okay, ich musste zugeben, dass das, was mein Vater getan hatte und noch immer tat nicht in Ordnung war, aber dafür konnten wir doch nichts.

Eric lachte nur dumm, als er meinen panischen Blick bemerkte und wandte sich wieder Dad zu. << Siehst du, was du angerichtet hast, Marc? Das passiert halt, wenn man mich verarscht. Und jetzt geniess die Show! Ich hoffe, du vergisst nie die Schmerzensschreie und die panischen Blicke deiner Kinder, wenn wir ihnen die Kehle aufschlitzen. Und vergiss vor allem nie, dass das alles nur deine Schuld ist. >>

Er hatte die Worte meinem Vater so stinkwütend an den Kopf geworfen, dass sein Gesicht sich knallrot verfärbt hatte. Ich bekam das Gefühl, dass Dad dabei immer kleiner wurde und schliesslich nur noch ein Häuflein Elend abgab. In einer anderen Situation hätte ich mich wahrscheinlich über das Verhalten der beiden kaputtgelacht, aber die Klinge an meinem Hals erinnerte mich schnell wieder daran, in was für einer beschissenen Lage ich mich befand.

Mit einem Mal ging alles ganz schnell, aber trotzdem fühlten sich die Sekunden wie in Zeitlupe an. Eric nickte dem Junkie hinter mir überheblich grinsend zu. Panisch hielte ich die Luft an, als ich spürte, wie sich seine Finger fester um das Messer krallten. Ich kam mir vor wie bei einer islamistischen Hinrichtung, als der Blick meines Vaters meinen kreuzte. Er gab sich Mühe, eine entschuldigende Miene aufzusetzen und ich glaubte sogar, in seinen Augen einen Anflug von Reue zu erkennen.

Rasch senkte ich die Lider. Ich wollte weder etwas sehen, noch sonst irgendwas mitbekommen von den letzten Sekunden meines Lebens, schon gar nicht sein Blick. Also schloss ich einfach die Augen und wartete panisch darauf, dass sich die Klinge in meinen Hals bohrte und meinem Leben ein Ende bereiten würde. Wenigstens konnte ich mit dem Wissen sterben, dass ich alles Mögliche getan hatte, um meine Geschwister hier rauszuholen.

Das würde Dad wohl verwehrt bleiben. Mit dem Wissen zu sterben, dass man für den Tod seiner eigenen Kinder verantwortlich war, war bestimmt nicht gerade einfach. Aber ich machte mir jetzt keine Gedanken mehr um ihn, das war schliesslich sein Problem. Krampfhaft versuchte ich, ein Bild von Lilly auf der Netzhaut erscheinen zu lassen. Ihr Gesicht von der Nacht, in der ich sie zum ersten Mal getroffen hatte, erschien schliesslich in meinem Kopf und ich spürte, dass sich sogar der Anflug eines Lächelns auf meinen Lippen bildete, als ich an sie dachte. Sie gab ein deutlich angenehmeres Bild in meinem Kopf ab, als der entschuldigende Blick meines Vaters. Sie schaffte es sogar, mir ein bisschen die Angst zu nehmen, sodass die Angespanntheit ein kleines bisschen von mir abfiel.

Beinahe sehnsüchtig wartete ich darauf, dass der Junkie es endlich tat. Aber zu meinem Erstaunen blieb der Schmerz aus und auch das Messer rührte sich nicht. Vorsichtig öffnete ich meine neugierigen Augen wieder einen Spalt breit. Hatten die uns doch nur verarscht, um Dad Angst einzujagen oder was?

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