48. ~ Zwei Herzen im selben Takt

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~ Lilly ~

Schon seit einer Ewigkeit oder besser gesagt seit ich mich auf dieses Bett hatte fallen lassen, starrte ich die Decke an, an der eine italienische Flagge befestigt war. Hier musste wohl normalerweise ein Hardcore-Italiener wohnen, der so stolz auf sein Land zu sein schien, wie ich auf meine mittlerweile echt langen Fingernägel.

Ich wünschte, ich wäre auch so stolz auf mein Heimatland die USA, dass ich mir eine amerikanische Flagge in mein Zimmer hängte, aber ich war nun mal nicht besonders stolz darauf. Obwohl ich manchmal meine alten Freunde und sogar meine alte Schule vermisste, hatte ich in diesem Land meine Mutter verloren. Als ich neu hier war, hatte ich mir zwar immer gewünscht, in die USA zurückkehren zu können, weil ich hier einfach niemanden gehabt hatte, aber mittlerweile war ich sogar froh, hier sein zu können, tausende Kilometer von dem Ort entfernt, der mein Leben für immer verändert hatte. Ich war zwar in London viel näher an der Person dran gewesen, die meine Mutter getötet hatte, als mir lieb war, aber inzwischen war mir das fast vollkommen egal.

Viel mehr fragte ich mich, was ich eigentlich hier verloren hatte, mitten in Liverpool in einer fremden Wohnung, in der unübersehbar Italiener wohnten. Ich hatte einfach alles hingeschmissen, was ich mir in den letzten Monaten in London aufgebaut hatte und hatte mich an Carlos drangehängt, obwohl ich nicht die leiseste Ahnung hatte, was er nach seiner spektakulären Flucht vorhatte. Wenn ich jetzt so darüber nachdachte, war ich eigentlich echt ziemlich verblödet. Aber ich hatte einfach aus einem Impuls heraus gehandelt, weil ich wusste, dass ich ihn nicht alleine lassen konnte.

Aber inzwischen war ich mir nicht mehr so sicher, ob das wirklich die richtige Entscheidung gewesen war. Während der Fahrt hatte er praktisch kein Wort mit mir geredet, wahrscheinlich wollte er mich nicht mal dabeihaben. Und ich Idiotin hatte mich wie eine totale Klette einfach drangehängt, obwohl wir ja in den letzten Wochen nicht wirklich was miteinander zu tun gehabt hatten, von der Abfuhr, die er mir im Empire erteilt hatte, mal abgesehen.

Bestimmt war er immer noch sauer auf mich, weil ich ihn im Stich gelassen hatte. Ich konnte es sogar verstehen, denn ich war ja genau gleich. Ich war auch immer noch sauer auf Dad, weil er mich nach Mom's Tod einfach alleine gelassen und sich mit dieser Jessica vergnügt hatte. Auch wenn es jetzt schon etwas länger her war, man vergass nicht so schnell, wenn einem jemand einfach hängen liess.

Seufzend und todmüde setzte ich mich auf. Es hatte keinen Sinn, noch länger hier rumzuliegen und über mein verkacktes Leben nachzudenken, denn einschlafen konnte ich ja sowieso nicht. Wie in Trance schwang ich meine Beine über die Bettkante und stand auf. Ich musste mir dringendst eiskaltes Wasser ins Gesicht klatschen, ansonsten würde ich noch im Stehen einschlafen.

Wie ein Waschbär auf Drogen machte ich mich auf die Suche nach einem Badezimmer. Zum Glück schienen alle noch zu schlafen, so dass ich freie Bahn hatte. Carlos und Luca waren zwar erst vor einer halben Stunde zurückgekommen und so wie es sich angehört hatte, hatten sie ordentlich was getrunken, aber jetzt war alles ruhig und sogar sie schienen endlich zu pennen. Auf leisen Sohlen tapste ich durch den Flur und checkte jede Tür ab. Zuerst landete ich im Schlafzimmer der Eltern von Carlos' Kumpel. Cathy hatte sich darin breit gemacht und lag mit Luiza und Ruben zusammengekuschelt auf dem riesigen Bett. Als ich die Tür leise wieder zuzog, musste ich unwillkürlich lächeln. Das war offensichtlich nicht das Badezimmer.

Nachdem ich in einem weiteren Schlafzimmer gelandet war, in dem Miguel pennte, fand ich endlich das Badezimmer. Wie eine Verrückte drehte ich den kalten Wasserhahn auf und klatschte mir das eiskalte Zeug ins Gesicht. Sofort war ich etwas wacher und konnte sogar wieder etwas klarer denken. Ich stellte mich erstmal ans Fenster und starrte auf die Strasse hinunter. Es wurde schon langsam wieder hell, sodass ich den Wagen, den Miguel am Strassenrand parkiert hatte, gut erkennen konnte. Ein auffälliger, riesiger Kratzer durchzog auf der Fahrerseite den schwarzen Lack von vorne bis hinten. Das war wohl noch ein Andenken aus dieser Nacht.

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