~ Carlos ~
Ungläubig starrte ich das ganze Blut auf meinen Armen an. Hatte ich das wirklich gerade getan? Langsam rann es an meinen Armen hinunter und tropfte schliesslich auf den Badezimmerboden. Wie erstarrt fixierte ich die roten Tropfen, die sich zu immer grösser werdenden Flecken entwickelten. Eine ganze Weile lang hatte ich es geschafft, es nicht zu tun, aber dieser kleine Streit mit meiner Schwester hatte dazu geführt, dass ich sofort wieder zur Klinge gegriffen hatte. Was lief eigentlich falsch mit mir? Jeden normalen Menschen hätte ein Streit mit seinen Geschwistern nicht im Geringsten gejuckt.
Aber ich war nicht mal mehr dazu in der Lage, mich irgendwie zu bewegen, geschweige denn, das ganze Blut wegzuputzen. Ich blieb einfach sitzen und wartete, bis irgendwas passierte. Die Nagelschere, mit der ich das Massaker angerichtet hatte, lag blutverschmiert neben mir. Ich hätte die grösste Lust gehabt, sie für meine Pulsadern anzuwenden. Aber ich konnte mich zurückhalten. Sowas konnte ich meinen Freunden und Geschwistern einfach nicht antun. Luiza wäre bestimmt ihr Leben lang traumatisiert gewesen, wenn sie mich so gesehen hätte. Und Luca hätte wahrscheinlich ausziehen müssen, weil er es nicht ausgehalten hätte, weiterhin in dem Haus zu leben, in dem ich mich umgebracht hatte.
Tränen liefen mir in Strömen über die Wangen, aber ich bemerkte es nicht mal. Zu sehr war ich vertieft in meinen düsteren Gedanken. Ich erschrak fast zu Tode, als plötzlich Miguels Stimme von draussen ertönte. << Bro, ist alles in Ordnung? >>, fragte er sanft. Ich zuckte zusammen, als mir richtig bewusst wurde, was ich hier gerade angerichtet hatte und dass ich diese Sauerei vor den anderen ganz bestimmt nicht verheimlichen konnte. Miguel und Luca wussten zwar jetzt darüber Bescheid, aber trotzdem schämte ich mich dafür und wollte nicht, dass sie mich dabei erwischten. Aber ich hatte keine Wahl, denn Miguel wusste sowieso, was ich hier drin abgezogen hatte, es brachte also nichts, diese Schweinerei jetzt in einem Mordstempo wegzuputzen.
<< Nein >>, antwortete ich schliesslich niedergeschlagen und machte mich innerlich jetzt schon auf seinen entsetzten und enttäuschten Gesichtsausdruck bereit. << Kann ich reinkommen? >>, fragte er besorgt und wie aus der Pistole geschossen. Ich nickte nur so lange, bis mir einfiel, dass er das ja durch die Tür hindurch gar nicht sehen konnte. Meine Dummheit war mal wieder nicht zu übertreffen. << Mhm >>, murmelte ich schliesslich nach einer halben Minute leise.
Langsam, es kam mir vor wie in Zeitlupe, drückte er die Klinke hinunter und stiess die Tür auf. Ich wäre in diesem Moment am liebsten im Erdboden versunken, so sehr schämte ich mich für das, was ich soeben getan hatte. Miguel hatte sich in den letzten Tagen so viel Mühe gegeben, mich davon abzuhalten und ich hatte diese ganze Mühe durch einen einzigen schwachen Moment zerstört. Am liebsten hätte ich mir selbst eine geklatscht, so sehr hasste ich mich dafür.
Vorsichtig hob ich den Kopf, um Miguels Gesichtszüge sehen zu können, in dem Moment, in dem er mich entdeckte. Seltsamerweise wirkte er weder enttäuscht, noch überrascht. Zumindest konnte er es gut verstecken, indem er mich besorgt anschaute. Beschämt senkte ich den Blick wieder und starrte auf meine Arme. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, setzte er sich neben mich und legte einen Arm um mich. Automatisch legte ich meinen Kopf auf seine Schulter und liess meinen Tränen freien Lauf. Ich weinte so lange, bis ich keine einzige Träne mehr hervorbrachte. Anscheinend war ich vollkommen leergeweint, genauso wie letzte Nacht mit Luca.
Erschöpft schmiegte ich mich an ihn und konzentrierte mich darauf, einigermassen gleichmässig zu atmen. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde ich im nächsten Augenblick ersticken. Miguel zog mich komplett in seine Arme und strich mir beruhigend über den Rücken, bis ich schliesslich wieder einigermassen normal atmen konnte. << Lass mich mal sehen >>, meinte er mit ruhiger Stimme. Sanft schlossen sich seine Finger um meine Handgelenke und er zog meine Arme näher zu sich ran. Ich konnte nicht hinsehen, so sehr schämte ich mich dafür, was ich getan hatte. Während er mit einem Handtuch die grösste Sauerei vom Boden und von meinen Armen entfernte, starrte ich die Wand an und zählte die Fliesen. Es gab echt nichts im Leben, was sinnloser war als das, aber trotzdem tat ich es ziemlich häufig, fiel mir gerade auf.
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Escape...
Teen FictionDas Leben von Carlos geht gerade ziemlich den Bach runter. Er wird aus seiner Heimat und von seinen Freunden weggerissen und muss nach London, wo er keine Menschenseele kennt. Als er durch Zufall Lilly kennenlernt, der es ähnlich erging, verliebt er...
