~ Carlos ~
Die nächsten Wochen wurden die reine Hölle. Ich spürte, dass mich alle beobachteten: diese Sozialarbeiter, die Lehrer und sogar Lilly und Miguel schienen zu spüren, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.
Mir fiel es total schwer, immer auf normal zu tun, so als ob alles in bester Ordnung wäre. Vor allem in der Schule musste ich mich zusammenreissen. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, auch nur noch ein einziges Mal zu schwänzen, oder schlechte Noten zu schreiben. Es war nicht einfach, aber ich schaffte es dank nächtelangem lernen und durch geübtes Spicken, meine Noten ein kleines bisschen aufzubessern, sodass meine Eltern zumindest kein Telefon von der Schule erhielten, welches mir diese Sozialarbeiter angedroht hatten.
Aber ewig schaffte ich es nicht, das durchzuziehen. Ich war jeden Tag todmüde, da ich zusätzlich zu Dad's nächtlichen Drogenlieferungen jetzt nachts auch noch lernen musste. Ich schlief praktisch gar nichts mehr und pumpte mich jeden Tag mit Kaffee und Energydrinks voll.
Eines Tages kam ich dann auf die Idee, mir Koffeintabletten in der Apotheke zu besorgen. Anfangs half mir das Zeugs echt, und ich schaffte es, tage- und nächtelang durchzustehen. Mit der Zeit jedoch nützten diese Tabletten immer weniger, da sich mein Körper daran gewöhnt hatte und ich musste immer mehr von dem Zeugs einwerfen, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Ich war ein richtiger Koffeinjunkie geworden, der es nicht schaffte, ohne diese Scheisse zu überleben.
Einmal, als ich mal für einen Tag lang keine Tabletten mehr hatte, da sie alle waren, kriegte ich die schlimmsten Kopfschmerzen meines Lebens und ich bereute es bitter, dass ich mit diesem Mist angefangen hatte. Aber trotzdem nahm ich die Tabletten weiterhin, da ich es einfach nicht mehr ohne schaffte. Mein Leben war echt total armselig.
Eines Tages, nachdem wir gerade eine Bioprüfung geschrieben hatten, die ich, obwohl ich die ganze Nacht dafür gelernt hatte, verkackte, lief mir der Anzugsfuzzi Julio mal wieder über den Weg. Ich wollte ihn eigentlich ignorieren, aber er hatte mich schon gesehen und winkte mich zu sich. Ich betete innerlich, dass er mich nicht zu sich winkte, um mir zu sagen, dass er meine Eltern trotz all meiner Bemühungen anrufen würde, oder dass er das bereits getan hatte.
<< Hey, ich hab gehört, deine Noten haben sich ein bisschen verbessert. Mach weiter so, dass kann doch schliesslich nicht so schwer sein >>, meinte er, als ich bei ihm war, mit einem Fake-Lächeln im Gesicht.
Ich nickte nur und sagte: << Ich gebe mir Mühe. >> Wenn der wüsste, wie schwer das wirklich war und wie fest ich mir den Arsch für diese Scheissschule aufriss, nur damit die nicht meine Eltern anriefen...
Als ich mir dann eines Abends, ende Januar mal wieder Zeit nahm für Lilly und mit ihr in einen Park ging, passierte das, wovor ich mich schon lange gefürchtet hatte. Wir sassen auf einer Parkbank und rauchten. Sie kramte in meiner Tasche rum, um mein Feuerzeug zu finden, und dabei fielen ihr dann die Tabletten in die Hände.
Scheisse, warum hatte ich die nicht zu Hause gelassen? Bisher hatte ich niemandem gesagt, dass ich das Zeugs nahm. Weder Cathy, noch Miguel und Lilly schon gar nicht. Ich hatte Angst, dass sie mich für den hinterletzten Junkie halten würden, der nicht mehr ohne Tabletten klar kam mit seinem Leben. Und so war es ja schliesslich auch.
<< Was ist das denn? >>, fragte sie überrascht, während sie las, was auf der Verpackung stand. Ich versuchte, ihr die Tabletten wegzureissen, aber sie war schneller und hielte sie ausserhalb meiner Reichweite. << Du nimmst Koffeintabletten? Geht's noch? >>, schrie sie mich überrascht an. << Jetzt beruhig dich mal. Ist doch nicht so schlimm >>, versuchte ich, sie zu beruhigen, was natürlich nicht funktionierte.
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Escape...
Fiksi RemajaDas Leben von Carlos geht gerade ziemlich den Bach runter. Er wird aus seiner Heimat und von seinen Freunden weggerissen und muss nach London, wo er keine Menschenseele kennt. Als er durch Zufall Lilly kennenlernt, der es ähnlich erging, verliebt er...
