~ Lilly ~
Erschöpft knallte ich die Hotelzimmertür zu und machte mich wieder auf den Weg zum Krankenhaus. Nachdem ich heute Morgen um sieben mit Rückenschmerzen neben Carlos aufgewacht war, hatte sich die Wut, die sich in mir angestaut hatte, direkt wieder zu Wort gemeldet.
Während Carlos noch geschlafen hatte, hatte ich nur darauf gewartet, dass die Polizei endlich vorbeikam. Die waren bis jetzt jeden Tag mindestens einmal ins Krankenhaus gekommen, um mit Carlos zu reden, aber er hatte immer geschlafen und ich hatte immer mit aller Kraft dafür gesorgt, dass sie ihn auch schlafen liessen.
Als die Bullen heute um zehn Uhr dann endlich aufgekreuzt waren, war er zwar wach, aber nicht wirklich ansprechbar gewesen. Unter dem Einfluss der Medikamente hatte er nur irgendwelches dummes Zeug vor sich hin gelabert und war anschliessend direkt wieder eingepennt. Ich hatte die Gelegenheit genutzt und einen der Bullen zur Seite gezogen und ihm das gezeigt, was auf Facebook gerade abging. Er hatte mir zwar verspochen, dass sich jemand darum kümmern würde, aber noch immer hagelte es Beleidigungen auf meinem Handy.
In einem Impuls aus Wut, Traurigkeit und Erschöpfung zugleich hatte ich es schliesslich einfach ausgeschaltet und absichtlich im Hotelzimmer liegen lassen. Ich wollte mich jetzt voll und ganz darauf konzentrieren, für Carlos da zu sein und da brauchte ich solche dummen Kommentare und Nachrichten einfach nicht. Die Bullen konnten sich nun darum kümmern, für sowas waren die ja schliesslich da.
Es war mittlerweile beinahe zwei Uhr nachmittags und ich hatte seit gestern Mittag nichts mehr gegessen. Mein Magen meldete sich jedoch erst jetzt zu Wort, aber dafür in der Lautstärke des Paarungsrufes eines Blauwals. Beschämt drehte ich mich von den anderen Leuten weg, die sich ebenfalls in dem riesigen Lift des Hotels befanden. Mein Magen hätte vorhin, als ich geduscht hatte, genügend Zeit gehabt, seinen Hunger anzukündigen, aber natürlich musste er es genau jetzt tun, wo ich unter Leuten war und noch dazu nicht mal flüchten konnte.
Innerlich zählte ich die Sekunden, bis der Lift endlich unten war und ich mich aus dieser peinlichen Stille retten konnte. Es waren genau dreizehn Sekunden, bis ich endlich an den beiden Typen in Anzügen und den drei Frauen, die ihren Klamotten nach zu urteilen aussahen, als besässen sie eine ganze Pelztierfarm, vorbeistürmen konnte. Gehetzt jagte ich durchs Foyer und betete innerlich, dass Carlos in der Zeit, die ich hier im Hotel verschwendet hatte, nicht wach geworden war.
Ich wollte schliesslich nicht, dass er dachte, ich würde ihn schon wieder im Stich lassen, wenn er aufwachte und ich nicht da war. Nick und Miguel waren zwar bei ihm, aber trotzdem fiel es mir jedes Mal schwer, ihn auch nur eine Minute allein zu lassen, um aufs Klo zu gehen. Ausserdem sollte er heute endlich von der Intensivstation auf eine normale Station verlegt werden und besonders diesen Moment wollte ich nicht verpassen.
Im Laufschritt überquerte ich die Strasse und wurstelte gleichzeitig meine nassen Haare zu einem Dutt zusammen. Plötzlich stieg mir ein unglaublicher Duft in die Nase, der meinen Magen augenblicklich wieder zu Wort kommen liess. Verdammt, was war das denn Leckeres? Gierig liess ich meinen Blick umherschweifen, bis ich schliesslich einen Subway entdeckte, direkt neben dem Krankenhaus. Warum zum Teufel war mir der noch nie aufgefallen? Ich war ja nun schon ungefähr eine Woche hier und pendelte nur zwischen dem Hotel und dem Krankenhaus hin und her.
Kurzerhand entschloss ich mich, noch einen kleinen Abstecher zu machen, bevor ich mich wieder dem Gestank von Desinfektionsmittel hingab. Es konnte ja nicht schaden, sich mal was Richtiges zu Essen reinzuziehen. Meine Ernährung war zwar noch nie besonders gesund gewesen, aber in den letzten Tagen hatte ich mich praktisch nur von Donuts und Schokoladenbrötchen aus der Krankenhauscafeteria ernährt, sodass mein Körper sich nun regelrecht nach etwas Richtigem sehnte.
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Escape...
Ficção AdolescenteDas Leben von Carlos geht gerade ziemlich den Bach runter. Er wird aus seiner Heimat und von seinen Freunden weggerissen und muss nach London, wo er keine Menschenseele kennt. Als er durch Zufall Lilly kennenlernt, der es ähnlich erging, verliebt er...
