56. ~ Überraschende Wendung

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~ Carlos ~

Es fühlte sich wieder genauso an, wie beim ersten Mal. Zuerst fühlte ich die Kälte, wie sie mir überall durch Mark und Bein kroch. Anschliessend durchfuhren mich die Kopfschmerzen wie ein Blitzschlag, sodass ich heftig zusammenzuckte und danach kam die Übelkeit. Zudem fühlte sich mein Hals an, als hätte ich seit drei Tagen nichts mehr getrunken. Für einen Schluck Wasser hätte ich in diesem Moment alles gegeben, was ich hatte. Okay, das war eh nicht sonderlich viel. Das Einzige, was ich zurzeit besass, waren die Klamotten, die ich trug und selbst die gehörten ja eigentlich Luca. Trotzdem hätte ich in diesem Augenblick lieber einen Schluck Wasser gehabt, als Klamotten, die eh nicht besonders warm waren.

Es dauerte eine ganze Weile, bis mir bewusst wurde, dass ich ja gar nicht tot war. Es konnte also keine tödliche Menge an Heroin gewesen sein und Eric und seine Leute waren keine Anfänger. Denen wäre das niemals aus Versehen passiert. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Die brauchten mich, denn ohne mich würden sie mit höchster Wahrscheinlichkeit nie erfahren, wo sich mein Vater versteckt hielt, obwohl ich es ja zurzeit nicht mal selbst wusste. Und so wie ich die einschätzte, würden die mich nicht in Ruhe lassen, bis ich es ihnen sagte. Und selbst dann würden sie mich wahrscheinlich nicht einfach gehen lassen.

Die kamen zu hundert Prozent hierhin zurück, um mich weiter mit ihren fragwürdigen Methoden auszuquetschen. Ich hatte keine Angst davor, geschlagen zu werden, aber ich hatte verdammte Panik vor weiteren Drogen. Wie lange würde mein Körper das wohl noch mitmachen, wenn die mir nochmals etwas spritzten und ich weiterhin nicht an Wasser rankam? Allzulange wohl nicht, denn ich fühlte mich jetzt schon total ausgelaugt, als wäre ich kurz davor, zu dehydrieren.

Ich versuchte gar nicht erst, mich wieder aufzusetzen, es hatte sowieso keinen Sinn. Stattdessen blieb ich bewegungslos liegen und versuchte, einigermassen regelmässig zu atmen. Langsam sog ich die stickige Luft tief in meine Lunge und stiess sie genauso langsam wieder aus. Dadurch schaffte ich es, zumindest meine Angst etwas in den Griff zu kriegen und wieder einen klaren Gedanken zu fassen.

Zudem fiel mir wieder ein, was Eric über meinen Freundeskreis gesagt hatte. Jemand hatte mich verraten! Der Gedanke daran liess mich nicht mehr los. Selbst in den nächsten paar Stunden, in denen ich regungslos auf dem Boden lag und immer wieder in einen kurzen, unruhigen Schlaf verfiel, konnte ich an nichts anderes denken. Sogar Eric rückte dabei in den Hintergrund. Obwohl es schwer zu glauben war, musste ich mir eingestehen, dass er Recht haben musste. Aber ich konnte es trotzdem nicht akzeptieren, dass es höchstwahrscheinlich Lilly gewesen sein sollte.

Heisse Tränen der Enttäuschung lösten sich aus meinen Augenwinkeln und rannen über meine Wangen. Vielleicht hatte sie ja schon seit längerer Zeit mit diesen Leuten Kontakt gehabt und nur noch darauf gewartet, mich für ein paar lächerliche Pfund zu verraten. Möglicherweise hing das Ganze mit dem Tod ihrer Mutter zusammen. Die grosse Frage dabei war nur, ob sie mich verraten hatte, weil mein Vater ihre Mutter ermordet hatte oder ob mein Vater ihre Mutter ermordet hatte, weil ihre Familie etwas mit dieser Drogengeschichte hier zu tun hatte.

Ich musste mir jedoch selbst eingestehen, dass das etwas zu weit hergeholt wäre. Damals hatte sie mit ihrer Familie ja immer noch in Miami gewohnt, warum sollte sie da Kontakte zur Liverpooler Drogenszene gehabt haben? Mein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen, als ich mir all diese Fragen stellte. Langsam aber sicher konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Das Heroin hatte mich komplett aus der Bahn geworfen und mein Kopf fühlte sich so an, als wäre jemand mit einem Lastwagen darüber gefahren. Ich musste aufhören, nachzudenken und dumme Spekulationen und Anschuldigungen zu machen. Ich hatte ja schliesslich keine Ahnung von all dem.

Und möglicherweise waren dies die letzten Stunden oder Minuten meines Lebens. Eric würde irgendwann zurückkommen und er würde ganz bestimmt nicht gerade zimperlich mit mir umgehen. Vielleicht verdurstete oder erfror ich ja auch, bevor er zurückkam. Das wäre zumindest ein schönerer Tod gewesen. Aber wenn ich schon sterben musste, dann sollte ich mir vielleicht lieber Gedanken über die schönen Momente meines Lebens machen.

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