Kapitel 4 - Eine Katastrophe

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10 Jahre später

„Stop, stop, stop, stop, stop!", ruft meine Violinlehrerin aus und hält sich entsetzt die Ohren zu.

Sofort nehme ich den Boden von den Seiten und lasse die dunkelbraune Violine seufzend sinken.

„Das war grauenvoll, Honor." Misses Baskin schüttelt, sich die Brille von der Nase nehmend, mit dem Kopf. „Johann Sebastian Bach hat sich dieses Violinsonat bestimmt nicht ausgedacht, damit du es mit deinen ständig davon schweifenden Gedanken, verspielen kannst."

„Tut mir leid", sage ich kleinlaut. „Ich bin sehr unkonzentriert heute."

Sie seufzt und streicht sich eine graue Strähne hinter ihr Ohr. „Das mag sein, aber bald hast du das Vorspiel und du kannst es dir nicht erlauben, dich dort zu verspielen. Also nochmal. A – Moll."

Tief durchatmend halte ich mir wieder die Violine ans Kinn und sehe auf den Notenzettel vor mir. Ich setze den Bogen an und spiele die ersten beiden Töne.

„Okay, stop!", unterbricht Misses Baskin wieder das Stück. Ich lasse die Violine wieder hängen und sie sieht mich streng an. „Honor – Marie. Das ist heute dein siebter Versuch und nicht mal die ersten zwei Töne triffst du. Was geht denn in deinem Köpfchen vor?"

Ich lasse mich erschöpft auf einem Hocker fallen und lege die Violine auf den Flügel neben uns. „Ich habe große Angst vor dem Vorspielen. Ich bekomme das Stück doch nie in den zwei Monaten hin ... Es ist viel zu schwer für mich."

„Das Stück ist vielleicht nicht das einfachste, ja, aber du willst die Jury doch von dir überzeugen, nicht wahr? Du musst dich konzentrieren. Und hör auf zu behaupten, dass du das nicht packen würdest, rede dir das gar nicht erst ein, das machen nur Verlierer. Du bist kein Verlierer."

„Dann würde ich es ja hinbekommen. Stattdessen verspiele ich mich immer und immer wieder."

„Vielleicht sollten wir die Violine erst mal beiseitelegen." Misses Baskin steht auf und stellt sich an den Flügel. „Lass uns mit dem Flügel weitermachen. Eventuell brauchst du einfach mal Abwechslung. Komm, hopp, hopp."

Ich stehe auf und verstaue meine Violine in meinem Violinenkoffer, wo Musafia eingestickt ist. Meine Mutter legt viel Wert auf gute Qualität meiner Musikausrüstung, deswegen kauft sie keine Utensilien unter zweitausend Euro, weswegen wir Stammkunden bei Musafia sind. Umso sorgsamer muss ich mit dem Koffer umgehen, deswegen schließe ich ihn vorsichtig. Ich setze mich an den Flügel und lege meine Notenblätter zurecht, um das vorgegebene Stück zu spielen.

„Okay, jetzt volle Konzentration", befiehlt Misses Baskin und setzt sich wieder die Brille auf die Nase, damit sie die Noten auf den Zetteln lesen kann. „Setz dich bitte gerade hin. Ein gerader Rücken ist sehr wichtig."

Sofort ändere ich meine Haltung und lege die Finger auf die Tasten. Ich weiß, dass ich es nicht hinbekommen werde. Heute ist ein Tag, an dem es mir schwerer als sonst fällt, mich zu konzentrieren, dadurch, dass es in letzter Zeit oft gewittert und ich somit nicht schlafen kann. Schon seit ich klein bin, habe ich panische Angst vor Gewittern.

Ich beginne die Noten zu spielen und bewege meinen Kopf zu der Melodie, lasse meine Finger über die weißen und schwarzen Tasten gleiten. Es wundert mich, dass Misses Baskin mich noch nicht unterbrochen hat, denn ich habe das Gefühl, dass ich mich gerade schon zum dritten Mal verspielt habe.

Im Moment passieren einfach zu viele Dinge um mich herum, die mich belasten, weswegen ich oftmals erschöpft bin. Bald mache ich meinen Abschluss an der Privatschule hier in Cardiff und dadurch kommen die Prüfungen immer näher. Ich schreibe gute Noten und hatte nie sonderlich viele Probleme in der Schule, doch es ist viel, das auf mich zukommt. Und da ich gerne an der Musikhochschule in Birmingham studieren würde, muss ich die Violine und den Flügel perfekt beherrschen können, weil ich in zwei Monaten dort das Vorspiel habe, das über meine Zukunft entscheiden wird. Entweder ich schaffe es oder ich schaffe es nicht. Das macht mir Angst und raubt mir so manchen Nerv, den ich eigentlich mehr als gebrauchen könnte.

Ich beende das Stück und sehe Misses Baskin erwartungsvoll an.

Sie schüttelt nur langsam mit dem Kopf und verzieht ihren faltigen Mund. „Eine Katastrophe."

Sofort fallen meine Schultern wieder. Das ist wirklich eine Katastrophe.


Ich ziehe mir meine schwarzen Lederhandschuhe über, damit ich weniger friere und laufe dann mit meinem Violinenkoffer und meiner Schultasche aus der U – Bahn, in die Stadt. Ich bin sehr froh, wenn ich endlich Zuhause bin. Es kommt oft vor, dass ich nicht vor sieben Uhr nach Hause komme, da mein Schulunterricht bis vier Uhr geht und ich vier Mal die Woche nach der Schule Violin - und Klavierunterricht habe. Ich bin froh, wenn in einer Woche endlich Weihnachtsferien sind und ich endlich wieder meine Freizeit genießen kann. Wenigstens morgens ausschlafen und lange wach bleiben. Meine Zeit mit meinen Freunden verbringen und einfach wieder Spaß haben. Die letzten Wochen bestehen nur noch aus lernen, lernen und proben. Ein ständiger Kreislauf.

Ich betrete die Apotheke, um Beruhigungstabletten für meinen Vater zu kaufen. Er mag Gewitter auch nicht, deswegen braucht er nachts etwas, womit er ruhig schlafen kann. Ich lächle einer Verkäuferin freundlich zu und gehe dann zwischen die vielen Regale. Da ich schon genau weiß, wo die Tabletten stehen, greife ich danach und nehme gleich zwei Packungen, damit ich übermorgen nicht gleich wieder nach der Schule hier herlaufen muss.

Als ich gerade zur Kasse laufen will, pingt mein Handy in meiner Jackentasche und ich versuche mein Gebäck halten zu können, damit ich die Nachricht lesen kann. Meinen Violinenkoffer kann ich nicht einfach auf den schmutzigen Boden des Ladens stellen. Fast fällt mir die Medizin aus der Hand, doch ich schaffe es gerade noch so mein Handy hervor zu ziehen.

Bring bitte noch Milch aus dem Supermarkt mit, Schätzchen. Mama

Seufzend will ich wieder das Handy in die Jackentasche meines Mantels schieben, da fällt mir doch die Medizin runter. Als ich mich bücke, rutscht mir fast noch das weiße Plakat unter der Achsel raus, doch ich arrangiere mich doch noch schnell.

Ich will gerade zur Kasse, als mein Blick auf einen Jungen fällt, der im selben Gang steht, wie ich. Ich erkenne sein Gesicht nicht, da er eine Kapuze trägt und sich etwas von mir wegdreht, doch trotzdem entgeht mir nicht, dass er ab und zu mal wieder zu mir sieht. Er hält ein paar Medikamente in der Hand. Wer weiß, was er hat. Ich schultere meine Tasche wieder ordentlich.

Doch mir entgeht nicht, was der Junge gemacht hat, als ich mich gerade wegdrehen wollte. Er hat die Medikamente einfach in seine Jackentaschen geschoben. Deswegen hat er als so geguckt! Er wollte nicht erwischt werden.

Ich sollte ihn nicht so offensichtlich anstarren. Doch ich bin zu entsetzt. Er kann doch nicht einfach in einer Apotheke stehlen.

Keine Sekunde später, sieht er wieder zu mir. Er merkt sofort, dass ich ihn dabei gesehen habe, wie er die Packungen eingesteckt hat. Kurz sehen wir uns einfach nur an. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Soll ich ihn verraten? Oder einfach so tun, als hätte ich nichts gesehen?

Schließlich setzt er sich als erstes in Bewegung. Er steckt seine Hände in die schwarze Jacke und sieht mich die ganze Zeit an, während er auf mich zu läuft. Ich muss zugeben, dass er beängstigend aussieht. Da helfen auch nicht die Locken, die aus seiner Kapuze hervorluken. Wie eingefroren bleibe ich auf der Stelle stehen und mein Herz pocht immer schneller, umso näher er mir kommt.

Kurz bevor er bei mir ankommt und ich mir sicher bin, dass er mir etwas androhen wird, damit ich ihn nicht verrate, läuft er einfach an mir vorbei, als wäre nichts gewesen. Verwirrt drehe ich mich zu ihm um und beobachte, wie er ganz locker in Richtung Ausgang läuft. Die Verkäuferin an der Kasse beäugt ihn zwar misstrauisch, sagt dennoch nichts, denn er sieht wirklich nicht aus wie jemand, der sich nicht trauen würde, zu stehlen. Groß, schwarz gekleidet, böse Augen. Einfach einschüchternd.

Die glasigen Schiebetüren öffnen sich und er läuft hinaus. Total perplex stehe ich noch in dem Gang und sehe ihm weiter hinterher. Er dreht sich etwas in meine Richtung und sieht über seine Schulter genau in meine Augen. Es fühlt sich an, wie eine stumme Warnung, ihn jetzt besser nicht zu verraten.

Und schließlich hat es gewirkt. Ich bezahle meine Medikamente und laufe in den nächsten Supermarkt, um die Milch zu kaufen.

Freut mich, wenn euch die Story so gefällt. Hätte um ehrlich zu sein, nicht gedacht, dass sie so gut ankommt :D



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