Richtig kurz und öde, sorry.
Ich muss schwer schlucken, während ich auf Harrys Rücken sehe, der im Schein des Mondes glänzt, während die vielen Tropfen hinablaufen und er sich zu seinem T-Shirt bückt.
Schwarze Flügel.
Was soll das darstellen? Will er ein Teufelsengel sein? Hier in der Dunkelheit sieht er mit diesen Flügel auf jeden Fall so aus. Mehr als genug. Selbst sein Haar ist beinahe schwarz, weil es nass ist.
Natürlich würde ich ihn gerne nach diesem skurrilen Tattoo fragen, doch ich bekomme kein Wort heraus. Ich bibbere, zittere, wimmere, wegen dieser eisernen Kälte, die meinen Körper umschließt, presse meine Beine an meine nasse Brust und wünschte, ich wäre niemals in diesen See gesprungen. Das war das Dümmste, das ich je getan habe.
Harry zieht sich sein Shirt über, dann seine Jacke und wischt sich die nassen Haare nach hinten, dann seine Kapuze über. Er dreht sich zu mir um und sieht mich wie ein Haufen Elend in der Wiese sitzen. Ich kann mich nicht mal zu der Jacke bewegen, die er mir vorhin gegeben hat, weil meine Glieder so steif und mein Körper so schwach ist.
„D-Die Jacke", zittere ich und deute auf seine schwarze Jacke, die noch in der Wiese liegt. „Bitte g-gib sie mir."
Er nimmt die Jacke und schmeißt sie mir zu. „Ich hoffe, die Scheiße hat dir wenigstens was gebracht", meckert er.
Schnell nehme ich mir die Jacke und werfe sie mir um die Schultern, mache mich noch kleiner. Schuldbewusst und mit klappernden Zähnen sehe ich zu ihm auf. „T-Tut mir leid."
Harry setzt sich zwei Meter von mir entfernt in die Wiese und starrt mit angespannter Falte zwischen den Brauen auf den See. Seine Ellenbogen legt er auf seine Knie. Er sagt nichts zu meiner Entschuldigung. Ein Wassertropfen fließt ihm an der Schläfe entlang zu seinem Kinn, tropft dann auf seine Hose.
Ich unterdrücke mir einen frustrierten Seufzer. Ich habe mich vorhin noch so ‚schön' mit ihm unterhalten und ich musste es vermasseln, indem ich in diese blöden See springe. Er wird hier nach nie wieder mit mir reden wollen, weil er sich wahrscheinlich eine heftige Erkältung zuziehen wird. Ich bin so blöd. Trotzig sehe ich zu ihm, ziehe die Jacke enger um meine Schultern. „Es tut mir wirklich leid, Harry", wiederhole ich mich.
„Ich sollte dich hier sitzen lassen dafür, dass du so scheiße dumm bist", knurrt er.
Ich zucke etwas zusammen, vor seinen harschen Worten. Jedoch ... „Wieso tust du es dann nicht?"
Er schweigt. Ich sehe wie sich sein Kiefer anspannt. Kurz denke ich, er wird mich wirklich hier sitzen lassen, dann steht er auf und geht zur Bank, nimmt sich seine Zigarettenschachtel von der Bank. Ich beobachte ihn beinahe ängstlich, weil ich hoffe, er lässt mich hier nicht allein. „Steh auf", sagt er zu mir und geht zu seinem Motorrad. „Das wird das letzte Mal sein, dass ich dich nach Hause fahre."
Schnell rapple ich mich auf, achte darauf, dass ich nicht einknicke, und ich wieder Gefühl in meinen Beinen bekomme. Ich frage mich, ob ich ihn gerade wieder zu viel gefragt habe. Eigentlich bin ich diesmal nicht zu weit gegangen. Ich habe ihn etwas gefragt, das mit mir zu tun hat.
Und dann passiert die alte Leier. Er fährt mich in der Kälte nach Hause. Ich gebe ihm schweigend vor meinem Haus seine Jacke zurück, bedanke mich und er fährt ohne ein weiteres Wort davon.
Was ist nur mit ihm los?
Ich will in seinen Kopf sehen können. Dieses Rätsel, das er fabriziert endlich lösen und wissen, was all das ist, das er tut. Wieso hat er schwarze Flügel auf seinem Rücken, haut einerseits mit mir von meinen Eltern ab, hilft mir aus dem kalten See, gibt mir seine Jacke und sagt mir letzten Endes, dass es das letzte Mal sein wird, das so etwas passiert? Alles was er tut, widerspricht sich. Harry ist einfach ein riesiger Widerspruch in sich selbst. Eine durcheinander geratene Seele.
Doch egal, wie sehr ich auch gerne wüsste, wieso er so ist, wie er ist, bin ich mir ab heute sicher, dass er mich nicht in seine Seele hineinsehen lässt. Wer verübelt es ihm? Ich bin Honor-Marie. Die kleine Honor-Marie, die ihm damals in der Grundschule schon ständig auf die Nerven gegangen ist, ihm in fremden Straßen auflauert und seltsame Fragen stellt.
Es wundert mich fast, dass er mich nicht am See sitzen lassen hat. Das waren so viele nette Dinge, die er heute für mich getan hat und trotzdem fühle ich mich letzten Endes von ihm verstoßen, weil er ... Er ist Harry. Er ist immer noch Harry. Dieser Harry von früher, der niemals jemanden an sich rangelassen hat. Es wäre naiv zu denken, es könnte heute anders sein.
Frierend schleiche ich durch den Hof, schnappe mir den Schlüssel für Notfälle und schließe leise die Tür auf. Mittlerweile muss es schon fast null Uhr sein und meine Eltern müssten bereits schlafen. Ich hoffe es zumindest. Ich will einfach nur noch ins Bett und mich fragen, ob ich diesen Tag heute vergessen sollte oder nicht.
Wahrscheinlich sollte ich ihn vergessen.
Obwohl ich das nicht möchte.
Wahrscheinlich sollte ich die ganze Sache mit Harry vergessen, obwohl ich das nicht möchte. Es muss einen Grund geben, warum er mich, schon seit ich klein bin, so interessiert und ich immer wieder dieses Gefühl hatte und habe, ihm nahe zu sein. Doch es ist eine seltsame Nähe. Es ist unbeschreiblich, ich kann es nicht beschreiben. Kein Wort wie anziehend oder Seelenverwandschaft dafür verwenden, ich habe einfach das Gefühl, ich müsste Harry – dieses Rätsel lösen.
Tatsächlich wachen meine Eltern nicht auf, als ich in mein Zimmer schleiche, obwohl ich dachte, meine Mutter würde wach sein und warten, bis ich nach Hause komme, doch es soll mir recht sein. Ich ziehe mir die feuchten Klamotten aus, lege sie sorgfältig auf meinen Stuhl und falle in einen tiefen Schlaf, träume von Engeln und Teufeln.
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Remember His Story
Fanfiction"Sie wünschte sich manchmal, sie könnte seine Gedanken lesen. Doch dann fragte sie sich, ob sie mit der Wahrheit leben könnte." In Honors Grundschulzeit gab es einen Jungen, an den sie sich ewig erinnern würde. Er war anders, als die anderen Jungs...
