Siebzehn

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Only You

Bel
Seine Hand hob sich, um meine Haare hinters Ohr zu streichen. Eine so innige Geste...
„Annabella, du bist zu positiv."
Seufzend lehnte ich mich zurück auf meinen Rücken.
„Das höre ich oft. Soll ich etwa die ganze Zeit mit einem Gesicht rumlaufen, das sagt ‚Komm mir ja nicht zu nahe, sonst verpasse ich dir eine'? Nein danke, ich passe. Das Leben ist viel schöner mit einem Lächeln im Gesicht."
Das Lied im Hintergrund hatte schon längst zu einem langsamen, beruhigenden gewechselt, was zu diesem entspannten Moment perfekt passte. Ich fand es unbeschreiblich, wie wir gerade miteinander sprachen. So vertraut. Wenn man bedenkt, wie gemein er gestern noch zu mir gewesen ist.

„Auch, wenn es nicht echt ist?"
Ich merkte, wie er seinen Kopf in meine Richtung drehte.
„Auch, wenn es dich all deine Kraft kostet?"
Etwas in seiner Stimme traf mich tief und verwandelte die Stimmung in dieselbe, wie heute auf dem Flur. Mit bloß zwei Sätzen holte er die Realität meiner Gefühlslage hoch.
„Auch, wenn du am liebsten einfach nur weinen und nie damit aufhören würdest, Annabella?"
Es war unfassbar, wie er es als einzige Person bis jetzt mit nur ein paar Worten schaffte mich verstummen zu lassen.
„Ich weiß, dass du das gerne würdest."
Seine Stimme neben meinem Ohr hatte einen besonderen Unterton. Ich war schon generell mit ihm durch diese eine Art von Trauer verbunden und wie er jetzt mit mir redete sorgte dafür, dass die Bedrückung in mir stieg. Ich fokussierte die ausgeschaltete Lampe an der Decke und versuchte angestrengt nicht meinen Kopf zu ihm zu drehen, um seinen Augen zu umgehen, die noch mehr bewirkten als seine Worte.

Ich musste fast zusammenzucken, als sein Finger sich an meinem Handgelenk legte und kleine Kreise zeichnete. Ohne von mir abzusehen strich er sanft und langsam über meinen Arm nach oben und ließ meine Haut kribbeln. Ich wusste genau, was er mit dieser zärtlichen Berührung tat. Er zeigte mir, dass er bei mir war. Dass er für mich da war und ich wusste nicht, was in mir dabei passierte. Etwas löste sich, doch ich erkannte nicht genau was.

In meinem Blickwinkel sah ich genau, wie seine Augen auf mir hafteten.Er legte seine Hand auf meine Wange, um mein Gesicht in seine Richtung zu drehen und da musste ich in seine Augen gucken, die voll von Gefühlen waren. Er beugte sich über mich und strich mit seinem Daumen über die Haut meiner Wange. So unglaublich schön blickte er mich an. So intensiv, dass er gar nichts mehr sagen brauchte. So viel lag in seinem Blick. Als würde er die Bürde in mir selber spüren, die ich niemals zeigte; nicht mal mir selbst.

Automatisch legte ich meine Hand auf seiner, die weiterhin auf meiner Wange ruhte. Sein Daumen glitt zu meinem Lippen und es war, als spürte ich seine Haut auf meiner mit jeder Sekunde noch weicher.
„Dieses Lächeln, Annabella..."
Mein Name aus seinem Mund gehaucht jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken und ich musste meine Augen schließen. Die Art wie er mich ansah und wie er redete holte einen bestimmten Schmerz in meiner Brust hervor.
„...es ist nicht immer so leicht, wie du zeigst, stimmt's?"
Dann war es um mich geschehen und die Enge in meiner Brust verstärkte sich so stark, dass ich einen Halt brauchte und mich ruckartig an seine Brust klammerte.

Ein Knoten hatte sich in meinem Hals gebildet und um die Tränen zurückhalten zu können musste ich fest schlucken. Stumm schüttelte ich meinen Kopf und krallte mich in sein T-Shirt. Beide seiner großen Hände legten sich auf meinen Rücken und umhüllten mich mit seiner Körperwärme.
„Leukämie, Arian...Leukämie", trat es kratzig aus meinem Mund und er war bis jetzt die erste Person, bei der ich nicht versuchte es zu überspielen.
„Das ist nicht so leicht heilbar."
In diesem Moment merkte ich erst, wie hoffnungslos ich eigentlich auch war.
„Aber es ist heilbar", sagte er mit starker Stimme und drückte mich enger an sich.
Tränen rollten mir aus den Augen und ich vergrub mein Gesicht mehr in den weichen Stoff seines Oberteils.
„Sie wird wieder gesund, versprochen. Alles wird wieder gut, Annabella."
Während das Gefühl seines Körpers an meinem mir ungeheuerliche Sicherheit und Halt gab, beruhigten  seine Stimme und seine Umarmung mein schweres Inneres.

Smile With MeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt