Sechsundfünfzig

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„Dreck, also", sagte ich kalt und starrte auf einen leuchtenden Punkt aus dem Fenster.
Sein tiefes Lachen legte sich schwer in die Luft.
„Aw, hat das etwa weh getan? War das zu viel für dich?"
Er lachte erneut und lehnte sich entspannt zurück.
„Annabella hatte also recht."
„Ja, hatte sie", lachte er mich aus.
„Sie hatte mit allem recht. Ich hatte nie ein Erbe, du schwachkopf. Mein Wichser von Vater fand es angebracht alles meinem Bruder übergeben zu müssen, weil ich es angeblich nicht verdient hatte."
Abscheu in seiner Stimme unterstrich seinen Hass für seinen und meinen Vater.

„Du bist so dumm, dümmer als ein Esel. Ein Esel, den ich immer tanzen lassen konnte, wie ich es wollte. Hast du wirklich gedacht, ich würde dir mein Erbe geben wollen, nur weil ich dich so sehr liebe? Du bist ja naiver als deine kleine Freundin. Es war immer viel zu witzig deinen unglaublich traurigen Blick zu sehen, wenn ich enttäuscht von dir war."
Im Blickwinkel sah ich, wie er albern das Gesicht verzog und versuchte angestrengt ihn nicht anzusehen. Einerseits, um meine Wut in Zaum zu halten und andererseits, um zu verhindern, dass er merkte, wie sehr mir das alles schmerzte. Keine Emotion zeigen; das hatte er mir gut gelehrt. 

Sein Plan war mir klar vor den Augen. Mein Vater hätte sterben müssen, damit ich das Erbe bekam. Damit er mich dann aufnehmen, manipulieren und mit dem Gefühl, ihm etwas schuldig zu sein, vollpumpen konnte, sodass ich ihm total vertraute. Er nippte an seinem Kognak, ganz ruhig und stellte ihn ab, wodurch das Glas gegen den des Tisches klirrte und meine Geduld reizte.

„Ich habe mir erstmal gedacht, dass ich dich einfach weiterhin benutze, nachdem du mir endlich, nach all den Jahren mein wohlverdientes Erbe gibts aber das ist mir zu anstrengend, weißt du. Dann hätte ich weithin so tun müssen, Arian, ich liebe dich wie meinen Sohn, blabla, keine Lust."
Er zog angeekelt seine Nase kraus und vergrub anschließend eine Hand hinter dem Rücken. Sein Gesicht malte die Herablassung, die er mir gegenüber verspürte deutlich wider, als er sich vor mich stellte und ich wusste nicht, wie der kleine Junge in mir, der sich all die Jahre nach nichts weiter gesehnt hatte, als nach familiärer Liebe, damit klarkommen sollte.

„Es war so anstrengend. Ich habe echt keine Lust mehr auf dich."
Er legte amüsiert seinen Kopf schief und grinste.
„Das wollte ich dir schon immer sagen; ich hasse dich."
„Hast du meinen Vater umbgebracht", fragte ich bloß unter zusammengebissenen Zähnen und ignorierte die Pistole, die er aus seiner Hose hinten geholt hatte und die Kälte, die seine Worte mitbrachten. Er hob seine buschigen Augenbrauen und legte seine Hand auf seinen haarlosen Kopf, während die andere mit der Waffe spielte.
„Oh nein, natürlich nicht. Schon vergessen? Es war ein Autounfall, aus dem ich dich noch schnell retten konnte, weißt du nicht mehr? Diese fetten Narben? Genau deshalb bist du mir ja so viel schuldig, stimmt's? Es war purer Zufall."

Bel
Mit dem Seidenstoff meines Kleides in der Hand lief ich barfuß die Treppen hoch, so schnell ich konnte, um die anderen Räume zu durchsuchen. Fast wäre ich über die letzte Stufe gestolpert, so hektisch war ich. Azat hatte mich eigentlich schon nach Hause gebracht aber ich hatte ihn ausgetrickst und ins Haus geholt, um mir das Auto zu schnappen und herzufahren. Er wollte mich nämlich nicht zurückbringen. Ich hatte zwar keinen Führerschein aber genug Fahrstunden gehabt. In dem Moment war mir alles andere egal gewesen und ich wollte nur zu Arian, weil ich wusste, dass alles nicht gut ausgehen konnte.

„Nein, ich habe deinen Vater nicht umgebracht, Arian. Ich habe ihn umbringen lassen."
Die lachende Stimme von Georgios ertönte aus dem Flur, an dem ich fast vorbeigelaufen wäre und stoppte meine hastigen Schritte.
„Und jetzt, da du mir überhaupt nichts mehr bringst und nützt, kannst du ja ruhig zu ihm."
Ich riss meine Augen auf, als ich ihn das sagen hörte und eilte in die Richtung, aus der seine tiefe und belustigte Stimme kam. Mein Herz blieb fast stehen, als ich in der Tür stand und den seitlichen Blick drauf hatte, wie Georgios mit gestrecktem Arm die Pistole auf Arian zeigte, der ihn mit geballten Fäusten anstarrte.

Smile With MeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt