Die Feder

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Mit verschränkten Armen und teuflischerer Miene saß ich im Rücksitz des Taxis. Ich hatte mir so den Kopf zerbrochen über diese Situation! Und für was? Für nichts! Alles nur ein mieser Streich! Mr Haddington bekam jetzt sicherlich wieder einen Lachanfall. Ich hatte mich aber auch blöd angestellt, dass alles zu glauben und überhaupt herzukommen.

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Wir lieferten Betty ab. Kurz danach stieg auch ich aus. Ich blickte auf mein Handy. "Mist!", fluchte ich leise vor mich hin. Es war schon zehn Uhr! Ich würde so was von Ärger bekommen. Die Taxifahrt durch den Wald dauerte aber auch lange, denn die Fahrer musste langsam fahren, um nicht einen Hang hinunter zu schlittern.

Ich holte den Hausschlüssel aus meiner Jeanstasche, während ich unser Gartentor ansteuerte. Der Himmel war kohlschwarz und ich hörte eine Eule rufen. Auf einmal fühlte ich mich beobachtet. Ich ging schneller zum Gartentor und schloss es auf. Ich hatte das Gefühl mein Herz würde stehen bleiben, als ich einen Schatten an der Hauswand sah. Ich blickte mich um und versuchte der Dunkelheit meine Angst nicht preiszugeben. "Wer ist da?" Warme Luftwölkchen kamen aus meinem Mund, dessen Lippen zitterten. Ich wollte schreien, aber es war nur ein gehauchter Satz.

Als Antwort bekam ich ein Krächzen.

Das angsteinflößende Krächzen konnte nur von einem Raben kommen.

Ich drehte mich langsam um, als ich ihn sah. Der Rabe mit den rubinroten Augen. Ich konnte fast nur seine schrecklichen Augen in der Dunkelheit wahrnehmen. Sein Gefieder, das schwach von den Straßenlaternen angeleuchtet wurde, konnte ich nur leicht erkennen. Mein Herz klopfte ungleichmäßig schnell und ehe ich mich versah, war der Rabe auch schon verschwunden.

Eine Feder fiel auf den Boden. Ich bückte mich und hob sie vorsichtig auf. Ich strich mit zitternden Fingern darüber und da wurde es mir klar: Der Rabe war echt...

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Als ich in unserem Haus war, fühlte ich mich sicherer. Meine Sneaker hatten eine fette Schlammkruste. Grams würde mich Morgen früh sicher ausfragen, wo ich war. Schnell holte ich aus einer Schublade eine Schuhbürste und versuchte ohne viel Geräusche zu erzeugen, den gröbsten Schlamm abzukratzen, während ich über den Raben nachdachte. "Er kann nicht echt sein!", schrie mir mein gesunder Menschenverstand ein. Aber er musste es sein! Die Feder! Und was war mit Mr Haddington? Er hatte nicht gelogen, als er sagte, er habe keine Ahnung was ich mit dem Raben meinte. Vielleicht war Mr Haddington nur ein kleiner Teil dieser Geschichte. Ich war mir nun auch nicht mehr sicher, ob er den Brief schrieb. Aber warum wusste er selbst, seine Wachen und Mr Robinson der Oberbutler, wie ich hieß? Als hätten sie mich erwartet. Aber Mr Haddington's Reaktion zufolge hatte er wirklich nichts mit dem Brief zu tun. Vielleicht sollte ich den Tag einfach vergessen.

"Jolina Lockwood!", rief Dad und machte das Licht an.

Scheiße, er nannte mich mit Nachnamen! Ich ließ die Schuhbürste fallen und blinzelte zu ihm nach oben.

"Wo warst du?" Er stemmte seine Hände in die Hüften, während er düster auf mich herabsah.

Ich antwortete nicht.

"Weißt du eigentlich wie viel Sorgen wir uns gemacht haben? Deine Grams hätte fast die Polizei gerufen! Wir haben abgesprochen, dass du im Winter, wenn es dunkler wird immer um 19 Uhr Daheim bist! Außerdem hast du meine Regel missachtet Jolina Lockwood!" Er war völlig aufgebracht. "Und was war das für ein Taxi?"

"Taxi?", fragte ich verwundert.

"Lüge mich nicht an!", schrie er. "Ich habe es vom Fenster aus gesehen!" Er tobte vor Wut. "Also, ich frage dich noch einmal. Wo warst du?"

"Im Relexed", log ich. Das war unser Lieblingscafé in Cursetown.

"Und da musstest du mit einem Taxi zurückkommen?" Er legte seine Stirn in Falten.

"Ja, es war halt dunkel." Irgendwie musste ich doch aus dieser Situation rauskommen, auch wenn ich dafür lügen musste. Aber darin war eine Meisterin.

"Warum hast du uns nicht angerufen?"

"Ich... ich dachte ihr seid beschäftigt." Ich stand auf.

"Beschäftigt? Du weißt, dass du uns immer anrufen kannst Jolina!" Er versuchte nicht laut loszubrüllen. "Du hast auf keiner unserer Anrufe reagiert!"

Wie auch? Im Wald war kein Empfang. "Ich weiß. Es tut mir Leid."

"Du hast unser Vertrauen gebrochen! Und wenn du mir jetzt nicht sagst wo du warst, wird das Konsequenzen haben!"

Es entstanden unendlich lange Sekunden des Schweigens, während wir uns wütend in die Augen starrten. Ich konnte ihm nicht sagen, wo ich war. Er würde mich für verrückt halten, mir Hausarrest geben und mir auf Schritt und Tritt folgen. Er würde außer sich sein, wenn ich ihm sagte, dass ich mit Betty alleine im Wald war, ohne etwas zu sagen. Besonders im Fogforest. Die wichtigste Regel der Lockwoods war: Gehe niemals in den Fogforest! Und ich hatte sie gebrochen. Aber so war ich eben. Ich war nicht das brave Mädchen. Ich wurde geboren, um die Regeln zu brechen.

"Du willst es mir nicht sagen?" Er sah mich forschend an.

Ich schüttelte den Kopf. Er würde vor Sorge und Angst platzen, dass ich mit einem verrückten Wissenschaftler alleine in einem Raum war. Ich konnte und wollte es ihm nicht sagen.

"Von jetzt an rufst du immer an wo du bist und mit wem." Er schaute mich wütend und enttäuschend an. "Tut mir Leid, aber es geht nicht anders, wenn wir dir nicht vertrauen können."

Ich nickte und starrte auf den Boden.

"Und jetzt ab dein Zimmer!", brüllte er.

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Liebes Tagebuch,

ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Betty und ich waren bei Mr Armin Haddington! Er war es wirklich! In echt sah er noch viel gruseliger und mächtiger aus wie im Internet.

Jedenfalls wohnt Mr Haddington in einem unbeschreiblich schönen Disneyschloss! Das Haddingtonschloss ist so wunderschön, dass es mir sogar die Sprache wegschlug. Es wirkt viel größer wie auf den Bildern. Drumherum liegt der kilometergroße Fogforest.

Aber kommen wir zum wesentlichen: Mr Haddington! Er war mir schon anfangs total unsympathisch. Er sagte, er wüsste nichts von einem Brief und einem ferngesteuert Raben. Was habe ich mir dabei nur gedacht? Das sind alles Lügen! Er tischte mir sogar die Lüge auf, das Dad bei ihm arbeitet! Ihm ist nur langweilig, weil er alles hat! Natürlich war er das mit dem Brief und dem ferngesteuertem Raben.

Aber so sicher bin ich mir doch nicht. Ich weiß, ich bin total unentschlossen.

Außerdem hatte ich den Schwur von Mum gebrochen. Was war ich bloß für eine Tochter? Ich denke sie würde sie verstehen. Sie wusste, dass ich mich noch nie an Regel gehalten habe. Trotzdem war es respektlos, denn sie ist...

Ich schaute auf und umklammerte meine Kette. Ich konnte es nicht schreiben. Eine Träne tropfte auf die Seite, aber schrieb weiter:

Der Rabe mit den rubinroten Augen beobachtete mich heute schon wieder. Es ist ein so schrecklicher Gedanke, der mir fürchterliche Angst macht. Ich dachte ja immer noch, das es entweder ein ferngesteuerter Rabe oder nur eine Haluzination von mir ist, aber nein. Der Rabe hinterließ eine Feder, die echt ist...

Der Rubin gegen den Smaragd Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt