Ich bog in meine Straße ein. Die wunderschönen Häuser, in weißem Zaun eingezäunt, waren ordentlich in Reihen aufgebaut. Die Nummer 12 gehörte uns. Ich riss das kleine Gartentor auf und nahm zwei Stufen auf einmal, um an unsere Haustüre zu gelangen. Ich klingelte im Sturm.
"Wer ist daaaa?" Scare's Stimme (der Spitzname meiner kleinen Schwester Scarlett), drang durch den Lautsprecher.
"Ich bin's", sagte ich genervt, als wäre sie schwer von Begriff. Ich hüpfte ungeduldig vom einem Bein auf's andere, um die Kälte etwas erträglicher zu machen.
Scare riss die Tür auf und grinste mich frech mit ihrem braunen Lockenschopf an, welchen sie von Grams geerbt hatte.
------------------------------
Nach einer Weile lag ich frisch geduscht und im Pyjama auf meinem Bett, während ich Tagebuch schrieb. Es war kein Mädchenkram. Meine Tagebücher waren mein Leben. Mein Erstes bekam ich mit fünf Jahren von Mum, wo ich nur ein paar Wörter hineinkritzelte. In ihnen stand alles drin! Meine Geheimnisse, Träume, Wünsche, Gefühle und Gedanken. Oft zeichnete ich auch etwas hinein. Ich hatte all meine Tagebücher seit meinem fünften Lebensjahr in meiner Geheim-Schublade, die ein Schloss hatte, aufbewahrt. Zu schreiben, war ein Trost für mich, aber auch eine schmerzhafte Erinnerungen an Mum.
Ich nahm es überall hin mit. Auch in die Alhambra oder in meine Handtasche, wenn ich zu Freunden ging. Es war in DIN A5 Größe und blanko. Es war aus braunem Leder und mit einem Lederband zugebunden. Ich mochte es antik und geheimnissvoll. Der Schlüssel für mein Tagebuch hing an einer Silberkette um meinen Hals. Der Schlüssel war sehr teuer und ihn gab es nur einmal. Außerdem hatte er einen kleinen Smaragd. Ich besaß diese Kette, seit ich auf der Welt war. Mum hatten sie mir schon im Krankenhaus umgelegt, auch wenn sie mir damals noch etwas zu groß war. Aber ich habe sie noch nie in meinem Leben abgenommen, außer zum Öffnen meines Tagebuchs. Ich legte mir meine Kette vom Hals ab und schloss auf. Es ertönte ein Klacken und ich blätterte zur nächsten freien Seite, wo ich den Stift ansetzte.
Liebes Tagebuch,
ich weiß, dass ich beschlossen hatte, mich nicht weiter darüber aufzuregen, dass die Leute nur mit meinem Äußeren befreundet sein wollen, anstatt mit mir. Innerlich könnte ich vor Wut zerplatzen! Und ich frage mich, wie ich es aushalte solche Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen. Meine wahren Freunde sind Betty, Amy, Freya, Henry und Zayn. Und das sollte ich zu schätzen wissen.
"Jolina, Essen", sagte Grams, die die Türe meines Zimmers schwungvoll aufriss.
"Kannst du dir mal angewöhnen zu klopfen? Zum hundertsten Mal." Ich stöhnte, während ich mit den Augen rollte. Sie wird es wohl nie verstehen.
"Ja, ja", sagte sie abwesend.
Ich rappelte mich auf, klappte mein Tagebuch zu und ging nach unten.
Ein leckerer Duft von Lasange breitete sich aus. Scare und Grandpa saßen schon am Tisch. Ich setzte mich neben Grandpa und schaufelte Salat in eine kleine Schüssel. Danach goss ich mir Tee in meine Tasse. Ich hatte es mir zur Routine angewöhnt im Winter Morgens und Abends heißen Tee zu trinken. Ich schüttete noch eine ordentliche Portion Zucker hinein und rührte mit dem Löffel darin. Ich liebte Tee einfach über alles und im Sommer trank ich Eistee, das mein Leben war. Besonder der mit Pfirsichgeschmack.
Grams trug mit Ofenhandschuhen eine breite Auflaufform ins Esszimmer. "Fasst nicht den Rand an Kinder, es ist noch heiß!" Sie schnitt mit einem Messer die Lasange in gleich große Stücke. Sie gab Grandpa, Scare und mir ein Stück. Sie selbst nahm nur ein kleines Stück. Sie hatte nämlich die hundertste Diät-Methode mit ihren Freundinnen Margret und Stella in einer neuen Zeitschrift gesehen. Grams war, wie auch ihre Freundinnen es waren, pummelig. Schon hunderte Diät-Methoden hatten sie ausprobiert. Bis jetzt hatte ich aber bei keinen der dreien Erfolg gesehen. Grams Problem war eben, dass sie so viel kochte, backte und dementsprechend auch viel kostete. Deswegen aß sie nur halb so viel wie sonst. Aber ich hatte schon oft gesehen, dass sie sich Nachts heimlich an den Kühlschrank schlich. Trotzdem verstand ich sie nicht. Sie sah gut aus, so wie sie war. Wenn sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlte, sollte sie etwas an ihrem Körper ändern. Aber nur um besser auszusehen und es gar nicht für sich selber zu machen, war bescheuert.
"Und, wie war euer Schultag?", fragte Grams, während sie mit einem Messer den Käsefaden zwischen ihrem Mund und dem Stück Lasange durchschnitt.
"Langweilig", brummte ich und kostete meinen Tee, ob er schon etwas abgekühlt war. Das Gespräch mit Mrs Taylor erwähnte ich nicht.
"Immer nur langweilig bekommen wir zu Antwort", schimpfte Grandpa.
"Es ist eben so", murmelte ich vor mir hin, während ich die oberste Schicht von dem überbackenem Käse mit meiner Gabel durchlöcherte.
"Jolina, kannst du mal aufhören so herum zu stochern?", fragte Grandpa. "Wie ein kleines Kind."
Ich stöhnte und schob mir ein ordentliches Stück in den Mund.
------------------------------
Nach einer Weile hörte ich wie der Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde und jemand die Türe aufmachte. Dad! "Hallo zusammen!", rief Dad und drückte Scare und mir einen Kuss auf die Stirn. Dad war ziemlich groß. Er hatte schwarzes strubbeliges Haar, was irgendwie süß aussah. Egal ob er sie kämmte oder nicht, sie ließen sich nicht bändigen. Er hatte graue Augen und ein markantes Gesicht. Ich dagegen hatte mein Aussehen von Mum geerbt. Ich hatte langes, braunes, welliges Haar und smaragdgrüne Augen. Wie Dad immer sagte: Von ihr. Schon alleine bei diesem Gedanken schob sich ein dicker Kloß in meinen Hals.
"Setzt dich Charles", forderte Grams ihn auf.
Dad schüttelte den Kopf. "Hab keinen Hunger." Dann verschwand er, ohne eines weiteren Wortes.
Wir starrten ihm wortlos hinterher, aber wir kannten es nicht anders.
Mein Handy vibrierte. Ich versuchte unbemerkt unter dem Tisch die Whats App zu lesen - vergeblich.
"Jolina, du kennst die Regeln. Kein Handy am Tisch", sagte Grandpa mit seinem scharfen Blick.
Jetzt am Rugbyfeld, schrieb Zayn.
Ich grinste und sagte den anderen: "Ich geh heute früher schlafen."
"Mach das Schatz", erwiderte Grams und nahm einen Schluck Wasser.
Wie der Blitz tat ich meinen noch vollen Teller in die Küche und verschwand im Flur. Damit auch alle es hörten, lief ich auf der ersten Stufe der Treppe auf und ab. Damit sie auch hörten, wie ich in mein Zimmer ging. Dann zog ich mir meine Sneaker und eine fette Jacke an. Ich schnappte mir den Schlüssel und mein Longboard.
Langsam öffnete ich die Türe und sprang über den weißen Zaun.
Und dann schupste ich mich an, bis ich eine rasende Geschwindigkeit erreichte und ich mich mit beiden Füßen auf das Longboard stellte. Ich raste die Straße hinunter und der Wind blies mir ins Gesicht, sodass meine langen Haare nach hinten wehten. Ich verlagerte mein Gewicht, als die erste Kurve kam und ich fast in ein Auto gedonnert wäre. Das Auto hupte, aber ich musste lachen, weil das Adrenalin in meinen Adern pumpte. Es war kalt und es dämmerte, sodass kaum noch jemand draußen war. Ich fuhr an dem Basketballplatz vorbei, wo mir die Jungen zuwinkten. Ich lächelte und schrie: "Hey!"
"Wo geht's hin Hübsche?", brüllte einer von ihnen.
"Auf's Rugbyfeld!", rief ich zurück.
"Wir sind dabei!", brüllten sie und schwangen sich auf ihre Motorroller, Bikes und Skateboards.
Ich lachte und schrie: "Da müsst ihr euch aber beeilen!"
Das ließen sie sich nicht zwei Mal sagen. Es waren ungefähr zehn, die mir folgten. So wie meine Bodyguards.
Es ging Berg hoch und Kaden fasste an meinen Rücken, sodass er mich mit seinem Motorroller vor sich her schieben konnte, womit ich deutlich schneller war. Ich schrie kurz auf und lachte.
DU LIEST GERADE
Der Rubin gegen den Smaragd
FantasíaDiese Geschichte handelt von einem beliebten Mädchen in ihrer Kleinstadt Cursetown. Jolina Lockwood, die mit einer außergewöhnlichen Schönheit beschenkt wurde. Ihr Leben stellt sich völlig auf den Kopf, als ihre Mum bei einem Autounfall ums Leben ko...
