Teil 63 - Aber ich.

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„Diese hier auch, Kindchen?"
„Ja, sehr gerne, Mrs. Peterson.", sagte ich und schon schwenkten meine Gedanken von den Blumen wieder zum gestrigen Abend. Ich hatte meine Tante zur Sprache stellen wollen, doch es war, als würde sie mir aus dem Weg gehen.
Während ich meine erste Nacht bei Mrs. Peterson verbracht hatte, verbrachte sie den Tag mit meinen Cousinen und meinem Onkel am Strand. Also zerbrach ich mir weiter mein Köpfchen und versuchte interessiert durch den Garten zu gehen.
„Dann schneiden wir sie ein-zwei Tage vor der Hochzeit ab.", sagte Mrs. Peterson.
„Oh, haben Sie zufällig Gläser als Vasen? Sie meinten doch etwas von alten Bücherseiten und Notenblättern."
„Ja, natürlich. Da müssen wir mal auf dem Dachboden nachschauen. Ich war Jahre nicht dort oben.", sagte sie lachen und ging voraus ins Haus. Ich folgte ihr nach oben, öffnete die Klappe und hustete, als Staub hinab rieselte.
„Ich sagte doch, dieser Teil meines Hauses war sehr lange unberührt. Sei vorsichtig.", sagte Mrs. Peterson, als ich langsam die knarzende Leiter hinauf stieg. In dem dunklen Raum fand ich allerlei alten Kram. Mrs. Peterson schwärmte von alten Zeiten, während ich den Spinnweben auswich und nach Gläsern und alten Büchern suchte. Tatsächlich fand ich einen Korb mit alten Gläsern in einer Ecke. Vorsichtig reichte ich sie Mrs. Peterson runter. Dann suchte ich weiter nach Kocher und ähnlichem und als ich gerade aufgebend wollte, sah ich diese Kiste. Sie sah aus, als wäre sie aus einem Piratenfilm. Neugierig trat ich an sie heran und öffnete das rostige schloss. Zum Vorschein kamen viele, abgenutzte Buchrücken. Ich versuchte ein Seufzen zu unterdrücken.
„Hast du etwas, Kindchen?"
„Allerdings.", sagte ich und nahm eines der Bücher heraus. Es war aus den frühen 60ern und wenn die anderen dies auch waren, war dies hier ein richtiger Schatz. Mit zwei Büchern in der Hand stieg ich die Leiter hinab, wo ich sie Mrs. Peterson zeigte.
„Oh, du hast Herberts alte Bücher gefunden. Er hat sie geliebt.", seufzte sie. Erst dachte, sie würde mich bitten Sie zurück zu legen, doch sie hab mir das Buch zurück und lächelte.
„Nimm dir so viele du möchtest. Ich denke bei dir sind sie besser aufgehoben, als auf dem Dachboden." Ich hörte fast gekreischt, als ich sie in den Arm nahm. Während Mrs. Peterson sich auf den Weg zum Bingo machte, holte ich nach und nach die alten Bücher nach unten und sammelte sie in dem Zimmer, dass ich momentan bewohnt. Es waren sogar einzelne Erstausgaben dabei, darunter auch eine von Margaret Atwoods bekanntestem Buch. In den Büchern versunken vergaß ich glatt die Zeit, naja, vielleicht hatte ich mich auch einfach nur drücken wollen, vor dem, was mich am Nachmittag erwartete.
Ich war nervös, als ich Mrs. Petersons Haus verließ und mich an der Küste entlang auf den Weg ins Stadtzentrum machte.
Die Mastersons waren schon seit Jahren mit meiner Familie befreundet. Es hatte wohl damit angefangen, dass Chloe und ich uns im Kindergarten kennen gelernt hatten. Bis zum Abschluss der hiesigen Schule waren wir Freunde gewesen, fast unzertrennlich. Wieso wir uns seit dem nicht mehr gesehen hatten, war ungeklärt.
Ich drückte die Tür auf, wo mich sofort der angenehmer Geruch nach frischem Brot empfing, wie es schon immer gewesen war.
„Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?", fragte die Kellnerin.
„Hallo, ich würde gerne zu Mr. und Mrs. Masterson." Die Kellnerin nickte unsicher, drehte sich um und sie wollte wohl gerade etwas sagen, als Mrs. Masterson aus der Küche kam und mich entdeckte.
„Mary-Jane!", rief sie und kam auf mich zugeeilt. Sie schloss mich in ihre Arme.
„Wie schön dich du sehen. Was treibt sich zurück in unsere kleine Stadt?", fragte sie.
„Ich freue mich auch, Sie zu sehen. Das würde ich ehrlich sagt gerne mit Ihnen und Ihrem Mann besprechen. Ist er da?" Sie rief ihren Mann herbei und nach einer kurzen Begrüßung setzten wir uns an einen der Restauranttische im Außenbereich.
„Also, der Grund warum ich hier bin, ist, dass ich heirate." Mrs. Masterson kreischte fröhlich auf und gratulierte mir. 
„Tatsächlich ist es so, dass wir die standesamtliche Trauung an dem Pavillon an der Küste abhalten wollen und da musste ich an Sie denken. Ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht das Catering übernehmen würden.", sagte ich.
„Ich weiß, dass Sie das normalerweise nicht machen, aber-„
„Für eine Freundin von unsere Chloe machen wir das doch gerne.", sagte Mrs. Masterson. Ihr Mann nickte. Ich öffnete meinen Mund, um mich zu bedanken, doch wurde unterbrochen.
„Wir sind keine Freunde mehr, Mum.", sagte Chloe, mit verschränkten Armen neben dem Tisch stehend. Dann dampfte sie ab.
„Keine Sorge, Mary-Jane. Wir kümmern uns gerne um das Catering. Wann findet denn die Hochzeit statt?"
„Am 16. Ich weiß, es ist etwas kurzfristig, doch das ganze ist eine lange Geschichte.", sagte ich.
„Was hältst du davon, wenn du die Tage mit deiner Mutter oder deiner Familie oder gar deinem Zukünftigen vorbei kommst, und sie uns erzählst?", fragte Mr. Masterson. Ich nickte dankbar.
„Das werde ich. Aber jetzt sollte ich erst mal mit Chloe reden." Mrs. Masterson lächelte mich dankbar an, bevor ich das Restaurant betrat, wo Chloe sich gerade umständlich die Schürze hinter dem Rücken zu binden versuchte.
„Lass mich dir helfen.", sagte ich. Chloe drehte sich erst weh, gab jedoch dann seufzend nach.
„Wie geht es dir?"
„Fang jetzt bloß nicht mit dem Scheiß an. Wie geht es dir, wie geht es mir, was willst du überhaupt hier? Wartet nicht dein ach so  tolles London auf dich und dein berühmter Sänger?" Sie war wütend und ich wusste nicht, wieso. Doch ich konnte sowohl die Wut, als auch ihren Neid aus ihren Worten heraus hören.
„Ich werde heiraten." Chloe drehte sich zu mir und sah mich verzweifelt an. Tränen sammelten sich in ihren Augen. Plötzlich fing sie zu weinen an, weshalb ich sie in den Arm nahm. Nach wenigen Minuten führte ich sie in den hinteren, privaten Bereich des Restaurants und reichte ihr eine Serviette.
„Es tut mir leid.", flüsterte sie. Ich nahm ihre Hand und lächelte sie an.
„Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest. Was hältst du davon, wenn du heute Abend zu mir kommst? Ich kaufe Schokolade und Chips und dann reden wir." Chloe sah mich unsicher an, nickte aber schließlich.
„Ich wohne momentan bei Mrs. Peterson. Sie wird sich freuend, dich zu sehen."
„Das werden wir ja sehen. Ich muss jetzt arbeiten, aber ich komme später. vorbei.", sagte Chloe. Ich nickte und verließ dann das Restaurant. Auf dem Rückweg machte ich einen Abstecher zum Supermarkt und kaufte, was ich Chloe eben versprochen hatte.
Den Rest des Tages verbrachte ich mit meiner Mum und Mrs. Peterson im Garten, wo wir die Gläser säuberten und dann mit Seiten aus den weniger wertvollen Büchern beklebten. Tatsächlich war sogar eines mit Noten dabei gewesen. Nachdem wir sie zum trocknen gestellt hatten, ging meine Mum, um auf meine Tante und den Rest aufzupassen. Ich lief nach oben in das Zimmer, stapelte die Bücher in einer Ecke und räumte dann noch etwas auf. Dann setzte ich mich auf das Bett und wartete. Ich schrieb Harry ein paar Nachrichten über die Vorbereitungen, beruhigte Anne, dass alles gut lief und sah mir die Bilder an, die Lya mir schickte. Isabelle war einfach zu süß.
Als ich schon dachte, dass Chloe nicht mehr kommen würde, klingelte es. Ich eilte die Treppe runter, doch Mrs. Peterson hatte die Tür bereits geöffnet.
„Es freut mich auch, Sie zu sehen. Ich wollte zu Mary.", sagte Chloe verlegen.
„Hier bin ich. Schön, dass du da bist.", sagte ich und umarmte sie.
„Macht mir aber ja keinen Blödsinn, ihr zwei.", sagte Mrs. Peterson, weshalb ich lachte. Sie kannte uns einfach schon zu lange. Oben angekommen setzten wir uns auf das Bett und auch wenn es etwas dauerte, begann Chloe zu erzählen. Während ich lauschte und dem Verkauf ihres Lebens in den letzten Jahren erfuhr, spürte ich ihren Unmut darüber. Sie war unglücklich darüber, dass sie hier fest saß. Und ich konnte ihren Unmut verstehen.
„Weißt du, es war damals nicht einfach von hier weg zu gehen und mir meinen eigenen Weg zu suchen, doch ich habe es nie bereut. Meine Eltern standen immer hinter mir und ich habe in London so schnell neue Freunde gefunden. Vielleicht ist es für dich auch langsam an der Zeit, dich auf den Weg zu machen." Chloe putzte ihre Nase und zuckte mit den Schultern.
„Was möchtest du denn machen?"
„Ich möchte designen! Schon seit ich klein bin liebe ich Mode und alles was dazu gehört. Doch es ist so schwer, eine Stelle an den Schulen zu bekommen, geschweige denn einen Job. Dafür bräuchte ich Kontakte und die habe ich leider nicht.", sagte sie und ließ den Kopf hängen.
„Aber ich." Überrascht sah Chloe mich an.
„Was? Ich bin auch ziemlich berühmt und da lernt man viele einflussreiche Leute kennen. Was hältst du davon, wenn du dir ganz in Ruhe Gedanken über alles machst, wir warten die Hochzeit ab und ich lasse mal meine Kontakte etwas spielen. Vielleicht fahren wir dann nach der Hochzeit ja gemeinsam nach London." Chloe fiel mir um den Hals und bedankte sich. Ich war einfach nur froh, eine alte Freundin wieder gefunden zu haben.

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