Teil 21 - Mit dem Herzen

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Ohne Gedächtnis aufzuwachen mochte das schlimmste sein, was mir hätte passieren können.
Lya verbrachte beinahe jeden Tag bei mir im Krankenhaus und zeigte mir Bilder. Es machte mich traurig, dass ich vor dem Unfall so glücklich gewesen zu sein schien.
„Du weißt, dass ich dir nicht zu nahe treten will. Aber es ist jetzt fünf Tage her, dass du aufgewacht bist und es geht ihm echt mies.", sagte Lya. Ich wusste sofort, von wem sie sprach. Seit ich aufgewacht war versuchte jeder mich davon zu überzeugen, dass ich Harry treffen sollte. Doch so einfach, wie sie es sich vorstellten, war es nicht.
Ich war nicht dagegen, ihn zu sehen. Ich wusste lediglich nur nicht, wie ich mit ihm umgehen sollte. Immerhin hatten wir vorgehabt zu heiraten. Woran ich mich jetzt nur nicht mehr erinnerte.
„Ich weiß nicht, Lya. Ich glaube nicht, dass es einem von uns etwas bringt.", seufzte ich.
„Aber wenn du ihn siehst, wirst du dich erinnern und-„
„Danke, für deine Hilfe. Aber ich glaube nicht, dass ich das jetzt schon kann.", unterbrach ich sie. Sie nickte und tippte etwas auf ihrem Handy.
„Wenn du noch etwas zu tun hast, kannst du auch gehen. Ich kann ruhig etwas Zeit für mich gebrauchen.", sagte ich.
„Nein, nicht nötig. Ich kann ruhig bleiben und-„
„Lya... ich habe nicht mein ganzes Leben vergessen und außerdem kann mir hier sicher nichts passieren.", sagte ich. Sie blickte mich verzweifelt an und nickte schließlich.
„Na schön, aber ich komme später wieder." Ich sah, dass es ihr missfiel mich alleine zu lassen. Doch damit mussten wir beide leben. Während ich die Ruhe genoss, nahm ich mein Handy hervor. Den Hintergrund hatte ich geändert. Zu befremdlich war es, immer und immer wieder dieses Pärchenbild zu sehen und nicht zu fühlen, was ich zu fühlen vermochte.
„Mary?" Überrascht sah ich zur Tür in der ein alter Bekannter aufgetaucht war.
„Li-Liam?", stotterte ich. Zögerlich lächelnd kam er an mein Bett und setzte sich.
„Du erinnerst dich an mich?", fragte er freudig, doch ich nahm ihm die Illusion.
„Nein, aber ich weiß, wer du bist." Liam hielt mir seine Hand hin, welche ich zögernd nahm.
„Wie geht es dir?", fragte er.
„Ganz gut, eigentlich. Meine Schulter tut nicht mehr weh und die Ärzte sagen, dass ich bald entlassen werden kann. Und dir?" Liam lächelte mich an, doch ich sah die Trauer in seinen Augen.
„Es geht so. Es hat sich einiges verändert, seit du deinen Unfall hattest.", sagte er traurig. Fragend sah ich ihn an.
„Wir haben uns alle sehr auf die Hochzeit gefreut und als wir dann hörten, dass du dein Gedächtnis verloren hast, waren wir sehr bestürzt. Am schlimmsten traf es Harry." Eigentlich hätte es mich überraschen sollen, dass Liam auf diese Weise von Harry sprach. Doch wieder mal wusste ich nicht, was zwischen ihnen vorgefallen war. Sicher hatten sie sich wieder versöhnt.
„Hast er dich schon besucht?"
„Nein, ich wollte es nicht. Ich erinnere mich nicht an das Leben mit ihm und auch nicht an unsere Liebe, die sehr intensiv gewesen sein soll. Was soll ich ihm also bieten?", fragte ich ehrlich. Liam seufzte und drückte meine Hand.
„Es mag für dich unglaublich scheinen und ich kann dir nicht sagen, was das beste für dich ist, doch ich kann dir sagen, dass ich noch nie eine so intensive und bedingungslose Liebe gesehen habe, wie ihr sie habt. Selbst ohne Gedächtnis kann sie nicht aus deinem Herz verschwunden sein, dessen bin ich mir sicher. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst, doch weise nicht diese zweite Chance ab. Glaub mir, wenn du ihn siehst, wirst du etwas erinnern. Vielleicht nicht mit einem Kopf, aber mit deinem Herzen.", sagte Liam sanft. Schweigend sahen wir uns an und kurz darauf verließ er mein Zimmer.
An diesem Abend schlief ich mit Liams Worten in meinem Kopf ein. Tatsächlich träumte ich sogar davon, dass ich tatsächlich so etwas wie eine Beziehung mit Harry hatte. Es war wie damals, als ich Geschichten über Beziehungen mit ihm geschrieben hatte. Doch wie es in Wirklichkeit war, wusste ich nicht.
„Lassen Sie mich doch einfach zu ihr!", hörte ich eine männliche Stimme sagen. Widerwillig setzte ich mich auf und rieb mir die Augen. Es war halb sieben.
„Ich kann Sie ohne die Anwesenheit eines Verwandten nicht zu ihr lassen.", sagte eine Frau.
„Aber ich bin ihr Verlobter! Sehen sie? Wir wollten gestern heiraten!", rief er und da realisierte ich, wer so verzweifelte versuchte zu mir zu gelangen. Unsicher, ob es die richtige Entscheidung war, drückte ich den Knopf um eine Schwester zu rufen.
„Was kann ich für Sie tun, Ms. Hensley?", fragte sie ruhig lächelnd.
„Würden Sie ihn bitte zu mir lassen?" Die Schwester nickte und verschwand. Wenige Sekunden später sah ich ihn durch die Scheibe ins Zimmer blicken. Unsicher biss er sich auf die Lippe.
„Hey.", sagte er und blieb in der Tür stehen.
„Hey.", entgegnete ich und mühte mir ein Lächeln ab. Jetzt bloß nicht zu freundlich sein, Mary!, sagte ich zu mir selber. Moment, was interessierte es mich, was er von mir dachte?
„Ich habe gehört, dass du bald entlassen wirst.", sagte er sanft. Seine Stimme, sein Auftreten und seine Weise zu sprechen kamen mir so bekannt vor.
„Ähm, ja. Ich darf wohl übermorgen endlich hier raus.", sagte ich.
„Das freut mich. Erinnerst du dich wirklich an nichts?", fragte er leise, wobei seine Stimme bei den letzten Worten fast gänzlich verklang. Er sah so verletzt und ängstlich aus. Nervös schüttelte ich den Kopf und entriss ihm meine Hand, als er sie berührte.
„Ich wollte nie, dass es soweit kommt. Hätte ich nur gewartet und wäre mit dir gefahren, dann lägst du jetzt nicht hier!" Wütend schlug er auf den Tisch neben sich, was mich zusammen zucken ließ. Harry begann zu weinen.
Sein Anblick löste etwas in mir aus. Ganz tief in meinem Inneren verspürte ich den Drang ihn in den Arm zu nehmen und zu sagen, dass alles gut werden würde.
Doch ich erinnerte mich nicht an ihn und dass alles gut werden würde konnte ich nicht versprechen.

Understand (III)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt