Am nächsten Tag verabschiedete ich Harry am Flughafen mit dem Versprechen, dass ich mich um die Hochzeit kümmern würde.
Mit bester Laune betrat ich das Café gegenüber und begrüßte Sarah, bevor ich mich zu meiner besten Freundin setzte. Sarah kam mit meinem Getränk zu uns und setzte sich ebenfalls.
"Also, was gibt es neues?", fragte Lya ungeduldig. Ich schmunzelte und hielt den beiden meine Hand hin.
"Ihr seid wieder verlobt?", fragte Sarah.
"Du kannst ihn doch nicht heiraten, wenn du dich nicht er-" Lya brachte ihre Ansage nicht zu Ende, da sie meinen Blick sah und endlich verstand, worauf ich hinaus wollte.
"Du erinnerst dich?" Ich nickte und erwiderte die Umarmungen der beiden.
"Seit wann und wie?"
"Seit gestern Abend. Harry hat mich vom Flughafen Nach Hause begleitet und als ich meine Widmung für ihn gelesen habe, habe ich mich erinnert.", sagte ich glücklich.
"Und welche Erinnerung war es jetzt?", fragte Lya neugierig.
"Es war eine aus Berlin, während der Lesereise. Ich habe mich nicht daran erinnert, weil ich mir nicht eingestehen wollte, dass ich Gefühle für Harry hatte, als ich noch mit Lucas zusammen war." Meine beiden Freundinnen schwiegen für einen Augenblick. Zuerst dachte ich, sie würden so reagieren, wie ich es befürchtet hatte. Stattdessen fingen die beiden an zu grinsen.
„Was ist?", fragte ich verwirrt.
„Nichts, es ist nur, dass wir das alle längst wussten. Oder es zumindest geahnt haben.", antwortete Lya.
„Ehrlich?" Auch Sarah nickte jetzt und ging dann zurück zum Tresen.
„Wieso bist du so überrascht? Wir haben doch schon länger gemerkt, dass bei dir und Lucas was nicht stimmt. Warum ist es dann so schlimm, dass du Gefühle für Harry hattest?", fragte Lya. Ich zuckte mit den Schultern. Wieso war es so schlimm für mich?
„Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich hätte ich einfach nie gedacht, dass mir jemals so etwas passieren würde.", sagte ich und holte mein Handy hervor, da es vibrierte.
„Wer ist es? Ist es Harry?", fragte Lya neugierig.
„Nein, es ist Anne." Ich nahm den Anruf überrascht an.
„Mary? Sag mir bitte, dass du nicht noch spontan mit Harry geflogen bist!", bettelte sie schwer atmend.
„Nein, ich bin in London. Was ist denn los?", fragte ich nichtsahnend.
„Es ist Gemma."
„Was ist mit Gemma? Geht es ihr gut?", fragte ich eilig. Lya und Sarah sahen mich ängstlich fragend an.
„Es geht ihr gut, zumindest den Umständen entsprechend. Sie hat Wehen." Erschrocken ließ ich beinahe mein Handy fallen. Seit Wochen hatte ich Harrys Familie kaum gesehen, meist nur geschrieben oder telefoniert und jetzt das? Die Situation überforderte mich etwas.
„Oh, ok. Seid ihr noch zuhause? Wo ist John?", fragte ich aufgeregt.
„John arbeitet. Ich werde sie jetzt ins St. Thomas fahren. Würdest du dort hin kommen?"
„Selbstverständlich. Dann treffen wir uns dort. Bis gleich."
„Danke, Mary.", sagte Anne und legte auf.
„Was ist los? Ist alles ok?", fragte Lya nervös.
„Nein, ja, es ist alles ok. Gemma bekommt ihr Baby."
„Was machst du dann noch hier? Fahr!", meckerte Sarah und schob mich zur Tür.
„Ich rufe euch an.", rief ich ihnen zu, eilte über die Straße zu meinem Auto und sprang hinein.
Eilig fuhr ich zum Krankenhaus und überlegte, was ich bitte in dieser Situation beisteuern sollte. Sollte ich ihre Hand halten oder Anne helfen oder-
Vielleicht sollte ich Harry anrufen und ihm sagen, dass er Onkel wurde. Über das Auto startete ich den Anruf, den Harry auch nach langem Wählen nicht annahm. Ich seufzte und parkte auf dem Krankenhausparkplatz. Als ich an der Rezeption nach Gemma fragen wollte, hörte ich sie schreien. Ich eilte den Flur entlang und fand Anne neben ihrer Tochter.
„Hey.", sagte ich und trat zu den beiden.
„Ich danke dir so sehr, dass du gekommen bist.", sagte Anne.
„Ist doch selbstverständlich. Wie geht es dir, Gem?"
„Ich hatte ganz vergessen, wie schmerzhaft der Scheiß ist.", rief sie und schrie erneut. Ihre Wehen wurden anscheinend immer stärker.
„Könntest du bei der Schwester nach Luke fragen? Sie wollte ihn in eine Spielecke bringen." Ich kam Annes Bitte nach und fand Luke zwei Gänge weiter.
„Hey, Luke. Wie gehts dir?", fragte ich den kleinen. Er spielte vor mir mit seinem Auto und sah nun lächelnd zu mir hinauf.
„Mama hat ganz laut geschrien.", sagte er. Ich setzte ihn auf den Stuhl neben mich und fing an, ihm die Situation zu erklären.
„Und dann bin ich großer Bruder?"
„Genau. Dann kannst du deiner kleinen Schwester alles erklären und musst gut auf sie aufpassen.", sagte ich und war stolz auf mich, dass ich es ihm so gut hatte erklären können.
„Daddy!", rief er plötzlich und lief an mir vorbei.
„Danke, Mary. Das ist meine Mum. Sie wird jetzt auf Luke aufpassen.", sagte John und eilte weiter zu seiner Frau. Ich begrüßte Johns Mutter und beobachtete sie einen Moment mit ihrem Enkel. Dann ging ich telefonieren. Hoffentlich würde Harry dieses Mal abnehmen.
„Vermisst du mich schon?", sagte er, als er abnahm. Ich schmunzelte.
„Tatsächlich tue ich das. Allerdings ist das nicht ganz der Grund, aus dem ich anrufe."
„Nicht? Was kann ich dann für dich tun?", fragte er neugierig.
„Ich dachte, es interessiert dich vielleicht, dass deine Schwester gerade deine Nichte zur Welt bringt."
„Was? Jetzt gerade? Ich dachte sie hätte noch zwei Wochen!", rief Harry.
„Leider kann man danach nicht die Uhr stellen." Harry seufzte.
„Das ist jetzt eine doofe Situation. Ich kann hier die nächsten Tage nicht weg. Frühestens Mittwoch. Richtest du ihr das aus?"
„Natürlich. Ich halte dich auf dem Laufenden.", sagte ich und lehnte mich an die Wand.
„Du bist ein Engel. Gib der kleinen von mir ein Küsschen. Ich liebe dich."
„Mache ich. Ich liebe dich auch.", sagte ich und legte auf.
In diesem Moment ahnte ich noch nicht, dass die Geburt deutlich länger dauern würde, als ich es vermutet hatte. Es war bereits dunkel, als ich Luke und seine Oma zuhause raus ließ und dann nach Hause fuhr. Eigentlich hätte ich erschöpft sein müssen, doch viel mehr hing mir eine Idee in den. Gedanken, die ich nicht verscheuchen konnte. Also fing ich an zu packen.
DU LIEST GERADE
Understand (III)
Fanfiction"Hallo?" "Harry? Wo bist du?", fragte ich eilig. Ich wollte keine Zeit mehr verlieren. "Ich bin auf dem Weg nach Hause. Was ist denn?" "Komm zurück. Und beeil dich.", sagte ich und wartete seine Antwort nicht ab. Ich hörte noch, wie er wendete, bevo...
