Teil 64 - Hauptstadtfreunde

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Meine Tante war bereits nach Hause gegangen, um Mrs. Peterson von ihren Kindern zu befreien. Mum und ich saßen noch im Restaurant, während alle anderen Gäste bereits weg waren.
„Das war nicht mein 14., das war mein 16. Geburtstag, Mum.", verbesserte ich sie. Sie winkte ab und erzählte munter weiter.
„Ich weiß noch, wie sie damals in meinen alten Hochzeitskleid die Treppe runter kam und dabei fast fiel.", lachte meine Mum. Schmunzelnd erinnerte ich mich an diese Zeit zurück. Es waren schöne Jahre gewesen.
„Hast du vielleicht ein Foto von deinem Hochzeitskleid?", fragte mich Mrs. Masterson. Erschrocken hielt ich inne und sah zu meiner Mum.
„Jetzt sag nicht, du hast nicht an das Kleid gedacht." Ich sah zu Chloe und schüttelte überfordert den Kopf.
„Was machen wir denn jetzt?", fragte ich verzweifelt und bedeckte das Gesicht mit meinen Händen.
„Keine Sorge, Spatz. Wir fahren morgen in der Stadt und kaufen dir ein Kleid."
„Und was wenn wir keins finden? Ich kann ja wohl schlecht eines herzaubern. Es ist nur noch eine Woche bis zur Hochzeit.", jauchzte ich.
„Aber ich kann." Überrascht sah ich Chloe an.
„Ich kann dir ein Kleid nähen. Natürlich nur, wenn du das möchtest." Ich sah meine ehemalige beste Freundin an, während sie mehr als nur meine Hochzeit retten wollte. Dann nahm ich sie in den Arm, wobei eine Träne meine Wange hinunter lief.
„Ja, ja bitte!"

Am nächstens Tag machte ich mich daran, gemeinsam mit Chloe und meiner Tante Kataloge und das Internet nach Kleidern zu suchen, die mir gefielen. Immerhin sollte es mir gefallen. Wenn es auch nicht so pompös und schick werden sollte, wie mein anderes Kleid. Es machte Spaß und ich musste schon nach kurze Zeit zugeben, dass Chloe wirklich Talent hatte.
Wie die Tage zuvor verging auch dieser wie im Schlaf. Schneller als gedacht kam Freitag. Die Hochzeit war in vier Tagen und das spürte ich nicht nur an meiner Nervosität. Bereits zum Frühstück machte ich mich mit Mrs. Peterson auf den Weg nach Hause. Es regnete leicht, doch das trübte nicht ihre Laune, während meine etwas zu wünschen über ließ, da ich seit vielen, für mich zu vielen, Stunden nicht von Harry gehört hatte.
"Kindchen, mach dir keine Sorgen. Wenn er dir einen Ring an den Finger steckt wird er sich sicher jetzt keine spießige Deutsche suchen.", hatte Mrs. Peterson zu mir gesagt. Schmunzelnd hatte ich das hingenommen, doch meine Laune hatte sich nicht gehoben.

"Mum?"
"Wir sind hier.", antwortete sie aus dem Esszimmer. Ich folgte Mrs. Peterson und nahm dann neben Chloe an der reich gedeckten Tafel teil. Meine Mum blickte so ernst drein, dass man meinen könnte, es wäre wieder jemand gestorben. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie nahm das Hochzeitplanen etwas zu ernst.
"Gut, endlich seid ihr alle da. Lissi, die Liste!", sagte sie ernst und sah ihre Schwägerin auffordernd an. Tante Lissi reichte ihr die Liste, mehr oder weniger freiwillig und widmete sich dann wieder ihrem Pancake.
"Ich werde mal vorlesen und wir gehen gemeinsam durch, was wir haben beziehungsweise was wir noch brauchen, bevor, naja, vor der Hochzeit." Ich nickte und nippte leicht verträumt an meinem Tee.
"Location, haben wir. Die Bürgermeisterin hat alles abgesegnet und den Pavillon bekommen wir ebenfalls von der Stadt. Blumen, haben wir von unsere lieben Mrs. Peterson. Buffet, darum kümmert sich Chloe mit ihrer Familie. Wir haben einen Beamten für den Ehevollzug und genug Dekorationen. Das Kleid ist in Arbeit, wie ich gehört habe und Schuhe hast du sicher genug.", sagte meine Mum und sah mich schief an, weshalb ich mit den Schultern zuckte.
"Ich würde sagen, wir haben alles. Hast du die Pension angerufen und genug Zimmer für deine Hauptstadtfreunde reserviert?"
"Ja, sind alle reserviert. Lya kommt am Tag vor der Hochzeit, genau wie Harrys Familie.", sagte ich.
"Ich würde mich sehr freuen, wie die Familie des Bräutigams bei mir nächtigen würde.", unterbrach Mrs. Peterson das Gespräch. Ich sah von ihr zu meiner Mum und wieder zurück.
"Wenn Sie das möchten, nehmen wir Ihr Angebot sehr gerne an. Dann muss Mary aber die Nacht vor der Hochzeit hier oder in der Pension verbringen, damit ihr nicht auf dumme Gedanken kommt.", wandte meine Mum ein. Ich bekam rote Wangen, hielt den Blick gesenkt, während die anderen lachten. Nicht über mich, eher über meine Mum.
"Das ist ja wohl die kleinste Schwierigkeit.", mischte meine Tante zur Ablenkung mit.
"Entschuldigt mich kurz.", sagte ich und verließ den Tisch. Ich ging die Treppe hoch ins Bad und schloss die Tür ab. Erschöpft lehnte ich mich an das Waschbecken. Es war nicht mal 10 Uhr und ich war schon erschöpft, wie nach einem Marathon. Nervös tat ich, was getan werden musste und wusch mir dann gründlich die Hände.
Nachdem ich mir kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt und mich etwas beruhigt hatte, ging ich wieder nach unten. Doch meine Gedanken flogen sofort wieder zu Harry. Was machte er wohl gerade? War er unterwegs? Bereitete er ein Konzert vor? Dachte er an mich?

"Mary, sieh doch mal, wer uns hier besucht!", trällerte meine Mum. Ich seufzte entnervt, da ich dachte, dass es ein weiterer Nachbar oder Bekannter war, der von meiner Hochzeit erfahren hatte. Doch es war niemand von hier.
"Da ist ja die zukünftige Braut.", sagte er und nahm mich in den Arm. Lächelnd setzte er sicher mit einer Tasse zwischen meine Mum und meine Tante. Als wäre es gar nichts ungewöhnliches.
"Ich freue mich, dich zu sehen, aber was machst du hier?", fragte ich ihn.
"Ich, meine Liebe, muss dich gleich entführen, wenn das für Sie in Ordnung ist."
"Aber natürlich, Calum. Aber passen Sie mir ja gut auf sie auf.", sagte meine Mum, weshalb ich mit den Augen rollte. Verwundert setzte ich mich nicht mal hin, als Calum Smalltalk mit meiner Familie machte. Zu verblüfft war ich über seine Anwesenheit.

Da er mich aufforderte ein paar Sachen zu packen, machte ich mich früh auf den Weg zurück zu Mrs. Petersons Haus. Dort packte ich und wartete dann auf meinen Abholer. Als ich durch mein Handy schaute, erschien Mrs. Peterson in der Tür.
"Sie wissen, wo er mich hinbringt, richtig?", fragte ich aufgrund ihres Blickes. Sie nickte lächelnd.
"Es wird dir gefallen, vertrau mir. Außerdem bist du in zwei Tagen wieder hier und wirst dann gestresst genug sein. Also genieß es." Mit diesen Worten ging sie raus in den Garten und ließ mich grübelnd zurück. Als es kurz darauf klingelte, nahm ich meinen Koffer mit runter und reichte ihn dankbar Calum.
"Einen schönen Tag noch, Mrs. Peterson.", sagte Calum und stieg in das Auto.
"Viel Vergnügen und berichte mir alles." Ich nahm Mrs. Peterson in den Arm und stieg dann ebenfalls in den roten Wagen.

"Sagst du mir jetzt wo wir hinfahren?", fragte ich leicht gereizt. Calum schmunzelte, während wir aus meiner Heimatstadt fuhren und ich mich langsam etwas entführt fühlte.
"Du bist ein sehr ungeduldiger Mensch.", stellte er fest.
"Ich kann dir nur sagen, dass wir zum Flughafen fahren, das war's." Ich wollte nicht wütend auf ihn sein oder es an ihm auslassen. Sicher war es nicht seine Idee gewesen und er war nur der Mittelsmann. Doch meiner Laune half das auch nicht.
Während wir also zum nächsten Flughafen fuhren, erzählte Calum mir von neuen Musikprojekten und begabten neuen Künstlern, die er fördern wollte. Ich lauschte ihm aufmerksam und fand es auch wirklich interessant. Doch ihm konnte nicht entgehen, dass ich etwas zu häufig auf mein Handy sah und hibbelig auf eine Antwort von Harry wartete.
Selbst als wir am Flughafen ankamen, hatte er noch nicht geantwortet, weshalb ich missmutig meinen Koffer hinter Calum her zog. Ich überließ ihm alles, was bedeutete, dass ich mit Abstand wartete, als er uns eincheckte und nach dem Weg zu unserem Gate fragte. Erst als wir dort ankamen, erfuhr ich das Flugziel.
„Berlin? Wir fliegen zu Harry?", fragte ich überrascht und auch beschämt. Wieso war ich da nicht von selber drauf gekommen?
„Ja, es ist das letzte Konzert der Tour. Er wollte dich gerne dabei haben und meinte, dass euch etwas mit Berlin verbindet." Ich lächelte Calum an, gab meinen Koffer ab und durchquerte dann die Sicherheitszone.
„Freust du dich nicht?", fragte er verwirrt.
„Doch, natürlich. Ich bin nur etwas müde und gestresst von den ganzen Vorbereitungen. Aber ich denke dass etwas Abstand mir und meiner Familie sehr gut tun wird.", sagte ich und lächelte ehrlich. 
Wir flogen nicht mehr als eine Stunde und glücklicherweise empfing und Sonnenschein in Deutschland. Calum schien alles organisiert zu haben, denn vor dem Flughafen wartete bereits ein Taxi auf uns.
„Kommst du nicht mit?", frage ich verwundert, als Calum den Kofferraum mit seinem Koffer neben sich schloss.
„Nein. Das ist dein Taxi. Es bringt dich zu deinem Hotel. Sag an der Rezeption einfach deinen Namen, sie wissen, dass du kommst. Wir sehen uns aber später ein Konzert.", sagte Calum und umarmte mich. Etwas verunsichert bestieg ich das Taxi. Wir fuhren quer durch Berlin in Richtung Innenstadt, welche ich dank meiner begrenzten Kenntnisse wieder erkannte. Genau wie das Hotel, vor dem wir hielten.
„Ms. Hensley. Schön Sie wieder hier begrüßen zu dürfen. Willkommen im Ellington Hotel Berlin."

Understand (III)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt