Teil 77 - Das beste kommt zum Schluss

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Harrys freudiges Lachen drang aus dem Wohnzimmer zu mir ins Arbeitszimmer. Lächelnd ordnete ich weiter die Fotos. Jene Fotos und anderen Dokumente, die ich seit ich mit Harry befreundet war aufgehoben hatte.
Cheryl hatte mich auf die Idee gebracht, dass ich ein Fotoalbum für unser Baby machen könnte und so saß ich nun hier. Für mich sollte es eher etwas wie ein Smashbook werden, also ein Album mit mehr als nur Fotos.
Die ganzen Erinnerungen und schönen Momente zu sortieren war nicht einfach und ich saß schon eine Weile daran, doch ich musste vor der Geburt des Babys fertig werden. Auch wenn das bedeutete, dass ich keine zwei Monate mehr hatte.

Ich hörte, wie Harry und sein Dad scherzten. Es erfüllte mich mit Stolz, dass die beiden nun wieder gut miteinander auskamen. Zwar hatte es einige Treffen und Wochen gedauert, doch nun schien alles gut. Und mit alles meinte ich alles. Harrys Karriere lief gut; mein Buch befand sich im Veröffentlichungsprozess und das Baby war gesund. Wir hatten entschieden, dass wir uns bezüglich des Geschlechtes überraschen lassen wollten. Immerhin war es uns egal, was es werden würde. Die Sahnehaube auf unserem süßen Eisbecher des Lebens war die Nachricht, dass meine beste Freundin endlich ihren größten Wunsch erfüllt bekam - Sie trug nun einen Ring am Finger. Scott hatte ihr ein paar Wochen nach unserer Hochzeit einen Antrag gemacht. Wir alle waren etwas überrascht gewesen, weil die beiden vollkommen im Elternsein versunken gewesen waren. Doch das wichtigste war ja immer noch, dass alle glücklich waren.

Wie viele es beschrieben, verging die Zeit in der Schwangerschaft rasend. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich erst gestern den Schwangerschaftstest im Haus meiner Eltern gemacht und jetzt war es bald so weit. In zwei Tagen war der errechnete Geburtstermin. Im Gegensatz zu mir reagierte Harry bei jeder kleinen Magenverstimmung panisch. Ich nahm das lächelnd hin und versuchte ihn zu beruhigen, was meist auch funktionierte.
"Wow, heute tritt das Baby aber gut zu.", sagte ich und drückte meinen schmerzenden Rücken durch. Harry, der auf der Couch saß, blickte nicht mal von seiner Zeitung auf.
"Würdest du mir vielleicht einen Tee machen? Oder etwas Wasser bringen?" Harry nickte, blickte jedoch immer noch nicht zu mir auf, als ich mich neben ihn fallen ließ.
"Harry!", rief ich und endlich bekam ich seine Aufmerksamkeit.
"Was denn?"
"Ich habe Schmerzen. Würdest du nun also bitte-" Ich stoppte mitten im Satz, senkte meinen Blick und hätte beinahe laut geseufzt.
"Ist ja gut, ich gehe ja schon.", sagte Harry und stand auf.
"Schatz?"
"Hetz mich nicht, ich bin schon in der Küche und gleich kriegst du dein Wa-"

"SCHATZ!", rief ich lauter. Mein Atem ging schwer, als sich meine untere Hälfte zusammen zog.
"Was ist denn?", fragte Harry. Er kam zu mir geeilt, mit meinem Wasser in der Hand. Leider war es dafür nun zu spät.
"Meine Fruchtblase ist geplatzt." Harry wurde kreidebleich und ließ sogar das Glas Wasser fallen. Es zersplitterte und während ich zusammenzuckte, rührte Harry sich nicht.
"Das Baby kommt.", hauchte er. Ich rollte mit den Augen und quälte mich aufzustehen.
"Ja, das Baby kommt. Ich hole die Tasche aus dem Schlafzimmer.", sagte ich und ging voran. Als ich mit der gepackten Tasche zurück ins Wohnzimmer kam, warf ich sie Harry in die Arme und schlüpfte dann in meine Schuhe.
"Kommst du?", fragte ich meinen Mann, der sich nun endlich wieder gefasst hatte. Er hängte mir eine seiner Jacken über und führte mich dann zum Aufzug. Wir fuhren nach unten und ich drückte Harrys Hand fest, als ich eine Wehe hatte.
"Geht es?" Ich wusste, dass Harry nur nett sein wollte, doch in diesem Moment konnte er nichts sagen, was irgendwie helfen würde.
"Nein, aber da müssen wir jetzt wohl durch.", entgegnete ich. Vorsichtiger als sonst fuhr Harry zum Krankenhaus. Er half mir beim Aussteigen und führte mich mit der Tasche über den Schulter um Eingang.
„Du musst meine Mum anrufen und Lya!", presste ich schnaufend hervor.
„Mache ich, wenn ich dich reingebracht und wir ein Zimmer haben."
An der Rezeption erkannten sie meinen Notfall und fuhren mich kurz darauf in einem Rollstuhl auf die richtige Station. Harry hielt dabei meine Hand und ich spürte, wie er zitterte.
„Die Ärztin kommt sofort und wird Sie untersuchen.", sagte eine der Schwestern lächelnd.
„Dankeschön." Harry setzte sich erschöpft auf den Stuhl neben mir. Leider half auch das Liegen nicht bei den Wehen.
„Ich wünschte, ich könnte dir helfen.", murrte Harry der Verzweiflung nahe. Ich drückte seine Hand und hielt die Luft an, als eine weitere Wehe kam.
„Wenn die Ärztin da ist, ruf Mum und Lya an. Ich brauche sie." Harry nickte und küsste meine Hand. Gleich darauf kam auch schon sie Ärztin rein.
„Dann wollen wir doch mal sehen, wie weit wir sind.", sagte sie und zog sich einen Hocker zum Bett heran. Harry küsste mich auf die Stirn und verließ dann das Zimmer.
„Sie sehen besser aus, als ihr Freund.", sagte sie Ärztin lachend, als sie meine Beine hochlegte.
„Mein Mann nimmt das nicht ganz so gelassen, wie wir.", lachte ich und zog die Luft scharf ein. Das Baby schien es wirklich eilig zu haben.
„Versuchen Sie tief durchzuatmen und nicht zu pressen." Ich nickte und schloss meine Augen.
„Ihr Muttermund ist erst ein paar Zentimeter geöffnet, was bedeutet, dass es noch etwas dauern wird, bis das Baby kommt. Entweder haben sie Senkwehen, weil das Baby sich in die richtige Position begibt, oder es geht in den nächsten Stunden ganz schnell. Ich werde in einer Stunde wieder kommen und es kontrollieren. Die Schwestern sehen nach Ihnen und wenn etwas ist, rufen Sie ruhig nach mir." Sie zog ihren Handschuh ab und drückte dann lächelnd meine Hand. Als die Ärztin das Zimmer verließ, kam Harry hineingeeilt.
„Sie sind auf dem Weg.", sagte er gehetzt.
„Was hat die Ärztin gesagt?"
„Entweder habe ich Senkwehe und es dauert noch, oder es geht bald alles ganz schnell und das Baby kommt.", erklärte ich.
„Sehr präzise.", murrte Harry und wischte sich über das Gesicht. Eine Schwester betrat das Zimmer und legte mir Sensoren um den Bauch, um die Werte des Babys überprüfen zu können. Dann verband sie auch mich mit Geräten.
„Das hier ist Ihr Herzschlag und hier sehen Sie den Ihres Babys.", sagte sie und verließ das Zimmer wieder. Während Harry mit mir gemeinsam beobachtete, in welchen Abständen die Wehen kamen, erreichten auch meine Mum und Lya das Krankenhaus.
„Wie geht es dir?", fragten sie beide.
„Ich habe Schmerzen und werde vermutlich heute noch eine Wassermelone aus mir heraus pressen. Wie soll es mir da gehen?", entgegnete  ich. Lya lachte.
„Da ist ja meine MJ."
„Liebe Grüße von Anne und Gemma. Die beiden kommen, wenn das Baby da ist.", richtete meine Mum mir aus.  Wir unterhielten uns etwas und alle drei versuchten, mich von den Schmerzen abzulenken.
Die Stunde verging schnell. Die Ärztin kam noch immer lächelnd in das Zimmer und bat alle zur Seite zu treten.
„In welchem Abstand kommen die Wehen?"
„Ungefähr jede Minute. Mal mehr, mal weniger.", sagte Harry erschöpft. Dabei hatte die Geburt noch gar nicht richtig angefangen.
„Ok, Mrs. Hensley. Ich würde sagen, die Geburt hat angefangen. Ich werde Sie und das Baby noch etwas untersuchen. Deshalb bitte ich Sie erst zu pressen, wenn ich es sage. Ok?" Ich nickte verbissen und atmete laut hörbar aus. Sie redete mit uns und teilte uns alles mit, was bei der Untersuchung heraus kam. Ich hatte meist meine Augen geschlossen und  versuchte dem Drang zu drücken nicht nachzugeben.
Als ich meinen Augen öffnete blickte ich in Harrys. Er sah mich besorgt und schuldbewusst an. Gut, denn immerhin war er mit an dem hier Schuld. Ich hasste und liebte ihn dafür.
„Gut, dann fangen wir mal an. Bei der nächsten Wehe pressen Sie.", sagte die Ärztin. Harry hauchte ein Ich liebe dich und noch bevor ich es erwidern konnte, kam die nächste Wehe.
In den nächsten drei Stunden empfand ich vielem gleichzeitig. Einerseits hatte ich das Gefühl zu zerreißen und wollte nichts lieber, als weg zu laufen.  Andererseits wollte ich Harry und der Ärztin und allen Menschen in diesem Raum den Kopf abreißen. Wenn sie mir auch alle helfen wollten. Ich schrie und weinte und bekam kaum Luft.
Plötzlich erklang etwas, was alles andere um mich herum unwichtig werden ließ. Ich richtete meinen Kopf auf und sah die Schwestern umher eilen. Ein lautes Schreien durchschnitt die Luft. Ich blickte zu Harry, der ebenfalls zu den Schwestern sah.
„Sie haben es geschafft.", sagte die Ärztin. Ich seufzte, weil mir zwar noch immer alles weh tat, das schlimmste jedoch vorüber war.
„Hier ist ihr Baby.", flüsterte eine Schwester. Sie kam zu uns ans Bett und reichte Harry ein kleines Etwas, welches in eine Tuch eingewickelt war. Mit leuchtenden Augen und zitternden Händen nahm er es. Er legte das kleine Ding in meine Arme und augenblicklich hörte es auf zu schreien.
„Sie ist perfekt.", hauchte Harry. Ich blickte von der kleinen Hand, die meinen Finger hielt auf. Eine Träne lief meine Wange hinunter, als Harry mich vorsichtig küsste und mir die Haare von der Stirn strich.
„Loana.", flüsterte er und legte seinen Arm um uns. Jetzt war wirklich alles perfekt.

Understand (III)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt